Der Geist
Von denen, die ihm helfen sollten, kannte bisher keiner den anderen; nur die Spione natürlich wußten über jeden Bescheid. Dies waren besonders die Herren de Saint-Martin-d’Anglure und d’Espalungue, zwei wohlerzogene Edelleute, witzig und herausfordernd, ganz im guten Ton; hielten aber immer zur rechten Zeit auf. Der Umgang mit ihnen war reizvoll, und da Henri nicht zweifelte, was sie mit ihm vorhatten, zog er ihn noch mehr an. Sein eigener Vertrauter war ein Herr de Fervaques: Soldat, kein Jüngling mehr, gerad und schlicht. Mit ihm kein Witz und Wortgeplänkel — eine Benachrichtigung, die d’Armagnac in den Kleidern seines Herrn fand, nicht zu erraten, wie sie hineinkam; und dann vielleicht eine kurze Begegnung, bei der ein Name fiel: Gramont, Caumont, l’Espine, Frontenac. Sieben Edelleute waren schließlich mitverschworen hier im Schloß, und jeder von ihnen hatte sich von selbst einfinden müssen, auch waren sie sämtlich schon erprobt, denn Fervaques gab plötzlich die falsche Meldung aus, daß alles entdeckt wäre, sie sollten sich nur retten. Sie blieben aber, denn höher als ihre Sicherheit stand ihnen die Ehre, mit dem König von Navarra aufzubrechen, damit das Land den Frieden und die Freiheit bekäme. Henri erkannte die Besten daran, daß sie es gar nicht merkten, wie sehr sie eigentlich ihren persönlichen Vorteil oder auch nur ein großes Abenteuer suchten.
Den geheimen Zusammenkünften diente die neue Terrasse über dem Fluß. Der jetzige König hatte die Gärten dorthin erweitert; er war es satt, daß sein gutes Volk vom Ufer heraufkletterte, um, an das Geländer gehängt, die schöne Hofgesellschaft laut zu bewundern. Hoch über dem Fluß, von außen unzugänglich, stand die lange Terrasse — nur wußte niemand, daß sie ausgestattet war mit einer Versenkung. Eine bewegliche Steinplatte: sie lag am äußersten Ende im Boden, war überdies verstellt mit mehreren Säulen; wer sie aber zu öffnen verstand, gelangte durch das Gemäuer hinab bis zu dem Rand des Wassers. Ein Kahn hätte den Valois immer noch entführen sollen, wenn die Liga vermittels der Parteigänger, die sie auch im Schloß Louvre zählte, sich seiner bemächtigen wollte. Hier nun erschien der Geist des Admirals Coligny.
Wer ihn in einer Nacht des Januars zuerst feststellte, war ein katholischer Herr. Obwohl aus Gründen der praktischen Vernunft durchaus zugetan der Sache Navarras, wünschte er dem Geist des ermordeten Protestanten gewiß nicht zu begegnen. Gegenüber Herrn de Fervaques äußerte er Unwillen, weil der Verstorbene sich einmengte in Sachen, die nach seiner Zeit lagen und ihm unmöglich voll verständlich sein konnten. Der Geist hatte übrigens unverantwortliche Reden geführt, der Herr wollte sie nicht erst wiederholen. Dieses Zeugnis war nicht von der Hand zu weisen. Es war um vieles unverdächtiger als das der Hugenotten, des erfindungsreichen d’Aubigné und des düsteren Du Bartas. Seine beiden ältesten Freunde wurden von Henri nach wie vor in einigem Abstand gehalten. Galt hier doch ein Einvernehmen, das keiner besonderen Verabredung bedurfte, und eine Ergebenheit unwandelbar. Ihr Herr mochte ihnen unrecht tun: Gunst erwarteten sie nicht, sie hatten Besseres, hatten mehr. Sie begriffen: Ein Herr ist darauf angewiesen, seine Feinde für sich zu gewinnen, sie zu kaufen, zu bezaubern oder sogar zu überzeugen. Rücksicht auf solche Freunde wie uns wäre Verschwendung: wir kennen einander; wäre Verwöhnung, und ein Herr muß verstehen, undankbar zu sein.
Als an einem der frühen Winterabende beide sich versteckt hatten in seinem dunklen Zimmer, ließ Henri sie hart an. Zu ihrer Entschuldigung bemerkten sie einfach, daß sie Auftrag hätten von dem Herrn Admiral; er wäre zurückgekehrt. Sie beschrieben, wie und wo sie seiner wären ansichtig geworden, und Henri mußte sie wohl zu Ende anhören: er hatte schon die Aussage des Katholiken. Trotzdem behauptete er, sie wären die ersten Überbringer des Ereignisses und sie hätten bei ihm verspielt, wenn sie ihn täuschen sollten. Sie sagten aber: «Sire! Unser geliebter Gebieter! Da die unsterblichen Seelen gegenwärtig sind so gut wie wir Lebenden, kann es nicht weiter auffallen, daß sie sich einmal zeigen.»
«Das ist auch nicht der Grund meines Zweifels», erwiderte Henri ihnen. «Indessen wissen die Geister, daß sie uns erschrecken, in guter Absicht pflegen sie daher nicht zu erscheinen. Was habe ich dem Herrn Admiral getan, daß er mich heimsucht?»
Hierauf schwiegen beide. Entweder wußten sie es nicht, oder durch ihr Verstummen überließen sie ihm, es sich selbst zu deuten. Er äußerte: «Viel Ehre für mich, in der jenseitigen Welt wird über mich gesprochen.»
«Nicht mehr als in der diesseitigen», sagten sie darauf. «Alle Königreiche des Abendlandes wissen von einem Prinzen, der seit Jahren das Leben eines Gefangenen führt am Hof seiner Feinde. Seine Mutter mußte sterben, sein väterlicher Freund und Feldherr ist ihm getötet worden, die Seinen verlor er fast sämtlich durch Gewalt. Er aber läßt sich nichts anmerken, treibt Narrheiten und säumt so lange, als hätte er die Tat, die jeder von ihm erwartet, ganz vergessen.»
«Wer erwartet? Was erwartet man?»
Sie sagten, wer. «Um eine einzige Person zu erwähnen: die Königin von England findet Ihren Fall spannend, Sire. Wir wissen es von Mornay, der lange drüben war, und noch immer hat er die besten Verbindungen nach der britischen Insel. Die Königin fragt Ihren Mornay nach Ihnen als nach einer höchst romantischen Gestalt. Werden Sie endlich sich entschließen, Madame Catherine umzubringen, bevor die Alte sie kaltmacht? Im Lande wird die Bewegung, deren geborener Führer Sie sind, größer und größer: Sie aber träumen. Das sollte der vierzigjährigen Elisabeth nicht an ihr jungfräuliches Herz rühren? Ein tiefer, undurchdringlicher Prinz! Ganz etwas anderes als der windige d’Alençon, der sich immer noch Hoffnungen auf ihre Hand macht. Jetzt weiß sie übrigens, daß er zwei Nasen hat.»
Henri senkte den Kopf; er hatte nicht überhört, was sie ihm alles zu verstehen gaben unter dem Vorwand, Geschichten zu erzählen. «Und er will, daß ich mich einstelle?» fragte er plötzlich.
Sie begriffen sofort, wen er meinte. «Heute nacht um elf», tuschelten sie noch schnell und sahen nach, wie sie unbemerkt entkämen.
Ungern blieb Henri allein zurück: er fürchtete sich. Einem Geist begegnen, ist fremd und ungeheuer — aber ihm sogar entgegengehen? Hier beginnt der unbefugte Übergriff. Die Priester beider Religionen würden Strafen dafür androhen. Andererseits ist man nicht kaltblütig genug, um die Frage unbefangen weltlich zu entscheiden. D’Elbeuf könnte es! Dies war der Name, der ihm einfiel: ein Mann von der Gegenseite, ein Guise. Henri hatte ihn in sein Vorhaben, von hier aufzubrechen, nicht eingeweiht. Dennoch hatte d’Elbeuf ihn schon aufgeklärt über die neuen Spione, die Henri sonst getäuscht hätten mit ihrem guten Ton. Er war verschwiegen und von klugem Rat. Auf dem Bett liegend, sagte Henri zu seinem Ersten Kammerdiener: «D’Armagnac, ich will Herrn d’Elbeuf sehen.» Der Edelmann als Diener schickte auf diesen verfänglichen Weg ein Kammermädchen der Königin von Navarra, das unbedeutendste, damit nicht erkennbar wäre, von wem die Botschaft kam. Als endlich der Freund vor seinem Bett stand, erklärte er nach Anhören des peinlichen Sachverhalts:
«Das Erscheinen des Admirals ist natürlich — besonders in Anbetracht der Umstände, die seinen Tod begleitet haben. Eher wäre zu verwundern, daß er so lange gezögert hat. Nach meinem Dafürhalten, Sire, haben Sie nichts von ihm zu besorgen. Er könnte, ganz im Gegenteil, eine nützliche Warnung beabsichtigen.»
«Mein guter Geist, der mich warnt, sind Sie selbst, d’Elbeuf.»
«Ich bin ein Lebender und weiß nicht alles» — worin ein gütiger Vorwurf mitklang: ich werde benützt, sollte es besagen, aber nicht eingeweiht. Für einen Beobachter wie diesen machte es wenig Unterschied; d’Elbeuf kannte die Wendung, die sich vollzogen hatte mit Navarra, und erriet, was bevorstand. Da er aber aus dem feindlichen Lager war, erwog er Gefahren, die dem Handelnden selbst entgingen. Indessen umschrieb er seine Befürchtungen nur.
«Sire, eins ist gewiß, daß Sie den Geist nicht vergeblich dürfen warten lassen. Es wird sich aber mit ihm verhalten wie mit allen anderen Geistern: man soll sich ihnen niemals zu sehr nähern, sogar die wohlmeinendsten der Geister würden in Versuchung geraten.» In welche, darüber glitt er hinweg. «Gehen Sie daher ruhig hin, Sire. Wie man die Geister kennt, wird auch dieser in einiger Entfernung bleiben, eben aus Furcht vor der Versuchung. Ich selbst aber will nicht weit sein, obwohl weder Sie noch der Geist meiner gewahr werden sollen — außer, es ergäbe sich guter Grund für einen Lebenden, dazwischenzutreten.» Dies sprach d’Elbeuf in die Luft, lächelte auch, als wären seine Worte ohne Absicht.
Henri lag noch immer unentschlossen da; er seufzte: «Ich muß ein Feigling sein. Im Feld hab ich es nicht bemerkt — oder nur zu Beginn einer Schlacht, da befällt mich jedesmal ein Bedürfnis; aber was sind zehntausend Feinde gegen einen Geist.»
Bei Tafel heute wurde viel geschwiegen. Es war so still, daß der König Musik befahl. Er hatte seine schwärzliche Miene, und Henri blickte auf seinen Teller, der nicht leer wurde. Nur Madame Catherine sprach weiter in ihrem langsamen, dumpfen Ton, und wer ihr aus Zerstreutheit nicht antwortete, den maß und erwog sie, während sie ruhig kaute. Ihren Zaunkönig redete sie mit folgenden Worten an: «Sie essen nicht, Schwiegersohn. Sie sollten zu sich nehmen, solange noch Zeit ist, vom Wildbret, Fisch und Kuchen. Das gibt es nicht überall und immer.» Er tat, als hörte er es nicht, denn die Musik spielte; dennoch hatte sie ihm zu verstehen gegeben, daß sie wohl wußte, er dächte wieder einmal an Flucht. Allerdings schüttelte sie gleich darauf den Kopf. Wie oft wollte der Zaunkönig schon auf und davon gehn, soll er es doch versuchen! Auch ihren Sohn, den König, prüfte und mißbilligte sie. «Du hast eine Dummheit vor», sagte sie ihm vorgeneigt über den Tisch. Nach einer Pause: «Ihre Mutter, Sire, besitzt Ihr Vertrauen nicht mehr.» Später wollte der Abend für Henri kein Ende nehmen. Man kann sich unmöglich für Frauen erwärmen oder Männern scharfe Antworten geben, wenn man verabredet ist mit einem Geist. Gegen elf Uhr riefen, wie gewöhnlich, die Wachen in Gängen und Hallen den Torschluß aus, und alle Edelleute, die draußen wohnten, brachen auf. Henri wollte sich unauffällig unter sie mischen, wurde indessen zurückgerufen von der Majestät selbst. Diese bot ein Bild des Jammers. Wäre Henri nicht ebenso verstört gewesen, er hätte das böse Gewissen erkannt. Der König brachte hervor: «Eine kalte, stürmische Nacht, guter Vetter! Was mag in der Finsternis alles unterwegs sein. Bleibe doch lieber beim Feuer sitzen!»
«Jemand erwartet mich», entgegnete Henri, und als ob es eine Dame wäre, lachte er: unheimlich ihm selbst.
Sobald die Wand des Hauses ihn nicht mehr schützte, schlug der starke Wind ihn zurück. Mit Anstrengung erreichte er die Terrasse, völliges Dunkel bedeckte sie. Er wartete, die Zeit verstrich, noch immer nicht hatte der Geist das Mittel gefunden, sich bemerklich zu machen. Erst als der Sturm die Wolken zerteilte — ein Mondstrahl blitzte auf und verschwand sogleich, aber in ihm erkannte Henri den Herrn Admiral. Schwarze Rüstung, grauer Bart, und die unverkennbare Haltung des Hauptes, nicht nur vornehm unter den Menschen, sondern auch bekannt mit dem Willen Gottes. Jetzt kennt er ihn wirklich, fühlte Henri und beugte ein Knie. Er befand sich am Rande der Terrasse, der Geist weit drüben, auf ihrem anderen Ende, wo Säulen standen; im Sommer war es eine Laube von Wein. Der junge Henri betete.
Da strahlt schon wieder der Mond hervor, und diesmal verweilt sein Licht auf der jenseitigen Gestalt. Ihr Gesicht ist bleich wie ein bloßer Schein, mit Augenhöhlen, die leer stehen: sind es doch keine leiblichen Augen. Auch der Fuß kommt nicht vorwärts auf den Steinplatten dieser Welt. Der Geist zieht ihn kraftlos nach, nun er versucht, einen Schritt zu tun. Noch schwerer wird ihm die Verständigung im Sturm, vermittels einer Stimme, der kein wirkliches Organ dient. Um so schrecklicher sein sichtbares Auftreten! Dem Betenden klappern die Kiefer. Indessen erlauscht er ein Stöhnen. Undeutlich, in Worten, die der Wind zerreißt, gibt der Herr Admiral zu erkennen, daß er gerächt werden will an seinen Mördern. Hier verschwindet der Mond. Das ist gut; nur im Dunkeln findet Henri den Mut zu seiner Antwort, die eine Unwahrheit ist. Im Angesicht des Geistes hätte er sie nicht einmal insgeheim gewagt. Er bringt es fertig und ruft in den Wind und in die Finsternis: «Ich denke nicht daran, Sie zu rächen, Herr Admiral. Denn Ihre Mörder sind jetzt meine besten Freunde, ich aber bin ein witziger Bursche, guter Tänzer und will immerfort in Schloß Louvre bleiben.» Er ist laut genug, daß jeder Lebende, der in der Nähe versteckt gewesen wäre, ihn hätte hören müssen. Für sich aber, in sein Innerstes hinein, flüstert der junge Henri, flüstert dringend: ‹Herr Admiral, ich bin, der ich immer war!›
Ein Geist versteht natürlich, was gemeint ist, er unterscheidet die verschwiegene Wahrheit von der Lüge, die man für alle Fälle äußert, aus gewohnter Vorsicht, weil Verstellungen schon längst die erste Regung geworden ist. Sie kann ich nicht täuschen, Herr Admiral! Plötzlich schlägt dort drüben ein Gewicht auf den Stein, wie ein fallender Körper, und was nachfolgt, ist nach menschlichem Ermessen grobes Gepolter, Geschrei und Gerenn. So äußert sich kein einzelner Geist mehr, besonders nicht dieser. Henri wendet sich zur Flucht. Grade werden aber die Wolken geöffnet, und das Gestirn zeigt ihm einen Lebenden, der herbeiläuft und mit niemand zu verwechseln ist. «D’Elbeuf!»
«Fast hatte ich ihn schon! Ich lag auf den Weinreben zwischen den Säulen, der Schurke sah mich nicht, ich meinerseits habe ihn erkannt. Es war der Narr: kein anderer als der Narr des Königs, die traurige Gestalt, der schlechte Komödiant. Sobald ich meiner Sache gewiß war, sprang ich hinunter — wollte ihm auf den Nacken zu sitzen kommen, fiel leider daneben. Als ich aufstand, war er verschwunden.»
«Ein Mensch macht sich nicht unsichtbar.»
«Ein Geist schreit nicht wie ein Narr, tappt auch nicht über Stufen, die, ich weiß nicht wo, hinabführen. Er hat einen geheimen Ausgang benutzt.»
Die Terrasse lag im hellen Mondlicht, untersuchen konnten sie jede einzelne Steinplatte, aber keine verriet ein Geheimnis. Henri faßte sich an die Stirn. «Das war es», sagte er. Im Sinne hatte er das Gesicht des Königs vorhin beim Abschied, das Bild der Schuld und der schlimmen Ränke. ‹Und die hätten ihm sehr wohl gelingen können, denn ich glaubte wirklich, ich spräche zu dem Herrn Admiral. Wenn ich nun, anstatt zu lügen, gesagt hätte: Noch zehn Tage, und ich breche auf! Oder ich hätte dem Herrn Admiral sogar eingestanden: An meine Rache hab ich oft gedacht, Herr Admiral, und das Leben Ihrer Mörder stand manchmal in Gottes Hand! Ich hab davon geschwiegen, das war mein Glück. Sonst fände man mich wohl morgen auf diesen Steinen erdolcht.›
Hiervon sagte er seinem Gefährten kein Wort, aber der Beobachter d’Elbeuf verstand das meiste ohne Erklärungen. Sie kehrten in das Haus zurück, um den Narren aus dem Bett zu holen. Wie sie gedacht hatten, lag er schon darin; die nötige Zeit hatten sie ihm gelassen, als sie die Steinplatten untersuchten. Er täuschte tiefen Schlaf vor, keuchte aber eher, als daß er schnarchte, und seine Decke fühlte sich kühl an. Sie zogen ihn kurzerhand hervor und banden ihn an einen Stuhl. Das sonderbare war, daß er die Augen nicht öffnete. D’Armagnac wurde ausgesendet, um auch d’Aubigné und Du Bartas zu holen. In ihrer Gegenwart begann das Verhör.
Ob er gestehe, geradewegs von der Terrasse zu kommen, fragte d’Elbeuf den angebundenen Narren. Ob er gestehe, den Geist gespielt zu haben, fragte Henri ihn. Der Narr stellte sich, um seiner Rettung willen, als hätte er die Sprache verloren. Er verdrehte die Augen, als stürbe er im Ernst; sein Gesicht aber grinste. Unwillkürliche Zuckungen der Angst beseitigten den Ausdruck der Trauer, womit der Narr sonst seine Rolle bestritt. Im leinenen Hemd anstatt des würdevollen Schwarz, todbleich das lange Gesicht, verwirrtes Haar, und dieses ungewollte Grinsen: Zum erstenmal während seiner Laufbahn war der Narr komisch. Seine fünf Zuschauer lachten aus vollem Halse. D’Elbeuf als erster erinnerte die anderen Herren daran, daß hier ein äußerst boshafter Betrug an einem Lebenden versucht worden wäre, ungerechnet die Beleidigung eines Geistes, denn der würde sich selbst zu rächen wissen. Dies hören, und die Zähne des Narren klapperten schrecklich.
Ob er gestehe, heute nacht den Herrn Admiral Coligny vorgestellt zu haben, verlangte Henri nochmals, drohte dem Narren auch mit Erhängtwerden und ließ d’Armagnac die Wand ableuchten nach einem Nagel. Der Narr aber verstand sich auf das Komödienspiel. Das Verhör verlief gar nicht nach der Absicht der Herren. Frage: Ob er sich fürchte? Antwort: Allerdings fürchte er sich. Frage: Ob er bereue? Antwort: Allerdings bereue er. Frage: Ob er bereit wäre zu büßen? Antwort: Er wäre bußfertig. So gestehe er denn, der Geist gewesen zu sein? Antwort: Er mache daraus kein Hehl. Er habe gerade genug Grauen empfunden vor sich selbst, vielmehr vor dem richtigen Geist; denn jeden Augenblick hätte der ihm können das Genick umdrehen aus Zorn über die unbefugte Nachahmung. Auch wäre er gewiß, daß er seine Vermessenheit noch zu büßen haben werde, und dies trotz seiner aufrichtigen Reue. Geister wären nun einmal von unerbittlicher Rachsucht.
Frage: Ob er sonst nichts fürchte? Antwort: Was er wohl fürchten sollte? Ihren Nagel oder Strick? Sie könnten ihm nichts anhaben. Töteten sie ihn, würde alsbald der König wissen, daß es seine Richtigkeit habe mit der Verschwörung, die aufzudecken er ihn, den Narren, beauftragt hätte. D’Elbeuf sagte Henri ins Ohr: «Lassen wir den Menschen.» Henri indessen fragte noch, ob der Narr aus Haß gehandelt habe. Henri hatte in Schloß Louvre gelernt, den Haß jeder Gestalt mit Aufmerksamkeit zu betrachten. Antwort des Narren:
«Dich hassen, Navarra? Weil du hier statt meiner den Narren gemacht hast? Ich hatte dir gesagt, du könntest füglich in meine Rolle eintreten. Das ist weniger strafwürdig, als was ich selbst getan habe: den Geist äffen.»
Frage: Ob der Narr sich einer gewissen Kränkung erinnere; sie wäre ihm widerfahren während eines festlichen Umzuges, bei Musik und großer Beleuchtung. Antwort: Er erinnere sich. Gemeint war ein Biß in die Wange, den Henri gegeben, der Narr entgegengenommen hatte. Weder der eine noch der andere nannten eine so vertrauliche Sache beim Namen. Frage: Ob der Narr infolge der damals erlittenen Kränkung nicht dennoch mit Vergnügen getan hätte, was ihm heute nacht wäre verordnet gewesen. Antwort, hohl und mit Rasseln aus dem Innern: Er habe noch nie etwas mit Vergnügen getan, sondern alles in der geziemenden Traurigkeit, die auf das Ende sähe. Sein eigenes Ende sei nahe und werde gräßlich sein. — Darauf banden sie ihn los und verließen ihn.
Henri sagte zu seinen beiden alten Freunden noch: «Das war nun der Geist, von dem ihr mir die Einladung überbracht habt, und so werde ich belohnt, wenn ich euch folge.» Dann mochten sie beschämt ihrer Wege gehen.
In der dritten Nacht nach dieser aber drang aus der Kammer des Narren entsetzliches Geschrei, und als man sie öffnete, wurde der Narr aufgefunden, auf den Boden gewälzt mit umgedrehtem Genick. Den Zusammenhang begriffen alle, die bei der gefälschten Erscheinung nah oder fern zu tun gehabt hatten, und dies waren sowohl der König selbst, der vielleicht sogar zuviel wußte über diesen Sterbefall — als auch die Verschworenen mitsamt d’Elbeuf. Nur Henri erfuhr erst später, daß die schlimmen Ahnungen des Narren sich bestätigt hatten. Diesen Abend lag Henri zu Bett; wie schon oft, hatte er ein hitziges, aber flüchtiges Fieber, dessen Ursachen nie ein Arzt entdeckte, sie waren wohl geistiger Natur. Bei ihm befanden sich d’Armagnac und Agrippa d’Aubigné, den der Erste Kammerdiener herbeigerufen hatte. Denn nahe zum Kopfkissen seines Herrn geneigt, hatte d’Armagnac merkwürdige Worte vernommen. Jetzt hielten beide das Ohr hin; Gesang hörten sie, schwach, aber deutlich: «Herr Gott, mein Heiland, ich schreie Tag und Nacht vor Dir.»
Der Fiebernde sang weiter; nicht alles verstanden sie, aber es war Psalm 88. Die Stelle kam:
«Meine Freunde hast Du ferne von mir getan, Du hast mich ihnen zum Greuel gemacht. Ich liege gefangen und kann nicht auskommen.»
Da erfaßten sie ihn bei der Hand und hielten ihn bei der Hand, solange er das Psalmlied der Kinder Korahs von der Schwachheit der Elenden ihnen vorsang. Ihr lieber Gebieter sollte nicht glauben, der HERR verstoße seine Seele und verberge das Antlitz vor ihm. In seiner schwachen Stunde sollte er dennoch wissen, daß seine Freunde und Nächsten und seine Verwandten keineswegs sich ferne von ihm täten, um solchen Elends willen.
Hier hatte Henri sich versöhnt und neu verständigt mit seinen alten Freunden. Hier begann eigentlich sein Aufbruch.