Der Aufbruch

Eines Tages war er verschwunden — vorerst nur zum Schein und um die Wirkung zu erproben. Es entstand aber große Aufregung deswegen. Die Königinmutter fragte d’Aubigné, wo sein Herr wäre. Henri war einfach in seinem Zimmer, was d’Aubigné ihr nicht sagte. Ein Edelmann, der ihn zu bewachen hatte, wurde auf die Suche geschickt. Diese blieb natürlich umsonst, Henri indessen war gewarnt. Die folgende Woche sah er es darauf ab, sich bei der Jagd zu verspäten und erst zurückzukehren, wenn schon große Sorge herrschte. Zwei Tage bevor er Ernst machte, vermißten sie ihn die ganze Nacht; am Morgen später erschien er dann in der heiligen Kapelle, gestiefelt und gespornt, und erklärte lachend, er brächte den Ausreißer wieder; und er hätte sie nur beschämen wollen wegen ihres unnötigen Mißtrauens: er, den die Majestäten geradezu fortjagen müßten, sonst ginge er nicht, sondern stürbe zu ihren Füßen! Für diesen Zug wurde er nachträglich viel bewundert — hatte aber auch lange genug gedient, bis er das konnte.

Den Freunden ging es nicht schnell genug. Jetzt durften sie frei reden. Ihr Herr erlaubte es, um ihnen Genugtuung zu geben und sich in Geduld zu üben. Sie benutzten es auch und fügten eine lange Reihe vorzüglicher Worte zusammen, da sowohl Agrippa als Du Bartas Vertrauen setzten in die Kraft und Dauer der Worte, die für entschlossene Seelen ganz wie Handlungen sind und, einmal aufgezeichnet, den Nachruhm versprechen. Sie sagten ihrem Herrn rundweg, daß er sich gegen seine Größe versündigte und selbst schuldig wäre an den hingenommenen Beleidigungen. Wollte er aber auch alles vergessen, so vergäßen doch die Schuldigen nichts, und ihm wieder glaubten sie niemals, daß er vergessen hätte der Bartholomäusnacht! «Wir beide, Herr, wollten schon ohne Sie losgehen, da sangen Sie den Psalm. Wären wir erst fort, dann können Sie sich selbst sagen, Herr, daß andere dienende Hände nicht wagen werden, von sich zu weisen das Gift und das Messer, sondern werden sie gebrauchen.»

«Ihr hättet mich dennoch verlassen und aufgegeben?» fragte er zum Schein, damit sie die ersehnte Gelegenheit bekämen, noch weiter tugendhaft und gut zu reden. «Ihr hättet es gemacht wie Mornay. Denn ihr alten Freunde seid alle gleich. Mornay hat sich nach England in Sicherheit gebracht, rechtzeitig vor der Bartholomäusnacht.»

«So war es nicht, Sire. Er hat nicht mehr Zeit dafür gehabt; das aber ist Ihnen unbekannt geblieben, weil Sie sich den Berichten Ihrer alten Freunde so lange entzogen haben und wollten nicht hinhören, wenn wir zu murren wagten.»

«Ihr habt recht, und ich muß euch abbitten», erwiderte er gerührt, worauf sie ihm alle Erlebnisse ihres Gefährten Du Plessis-Mornay erzählen durften, obwohl er sie besser kannte als die beiden. Aber meine Freunde wollen nun einmal vor mir voraushaben, daß sie einiges wissen, was mir verborgen ist: zuerst über mich, dann über meine anderen Freunde. Daher wunderte Henri sich laut, wie der mutige und kluge Philipp sich in der Bartholomäusnacht hatte durchschlagen müssen, mitten durch die Mordbande, die gerade eine Buchhandlung durchsuchte nach freigeistigen Schriften und den Buchhändler niedermachte. Aus Stolz war Philipp ohne Paß abgereist, war dennoch nach England gelangt, das Land der Emigranten, und hatte, man frage nicht wie, abgewartet, daß Friede würde und die Amnestie käme. Dann Reisen zu den deutschen Fürsten, damit sie in Frankreich einfielen: das Leben eines umgetriebenen Diplomaten, wenn es nicht das eines heimatlosen Verschwörers war. Henri, der nichts Neues erfuhr, wurde dennoch immer nachdenklicher. So viel Unruhe, Mornay! So viel Dienst, Mornay! So viel Tugend! Ich war gefangen, und zuletzt beinahe gab ich mich gefangen.

Da endlich rückten sie unbewußt mit der Hauptsache heraus. Auch die Herren de Saint-Martin-d’Anglure und d’Espalungue drängten zum schnellen Aufbruch! Seine Freunde, die sich auf diese angenehmen Edelleute beriefen, wußten noch nicht, wer sie waren: die schlauesten der Spione. Er verschwieg es ihnen weiter, wahrscheinlich hätten sie sonst die Verräter zum Kampf herausgefordert, und alles wäre für einige Zeit verfahren gewesen. Dagegen beriet er sich mit seinem eigenen Vertrauten, Herrn de Fervaques: Soldat, kein Jüngling mehr, gerad und schlicht. Dieser riet ihm in aller Aufrichtigkeit, ein kurzes Ende zu machen und nur erst loszureiten. Was denn Spione! Er selbst wäre wohl fähig, sie unterwegs in die Irre zu führen, so daß sie die Spur des Flüchtlings verlören. Die Zuversicht des redlichen Mannes schien von guter Vorbedeutung. Am dritten Februar wurde aufgebrochen.

Vorher gingen ein Abschied und eine Komödie, beide mit Herren des Hauses Lothringen. Henri wartete, wo d’Elbeuf allein vorbeikäme: trat hervor und sah ihn nur an, da wußte d’Elbeuf. Immer hatte er das Wichtigste ermittelt und erkannt, ohne Worte oder Zeichen. In Gefahren war er von selbst zur Stelle gewesen, zweideutige Fragen hatte er geklärt, Menschen durchschaut und Abenteuer zum Besten gewendet. Er allein begehrte kein Vertrauen eines Bündnisses. Das alles verstand sich beiseite. D’Elbeuf war da, schien nichts zu geben und verlangte nichts. Auch hatte er den Herrn seines Sinnes wohl beschützt, dabei aber niemand verraten, besonders sein Haus nicht. Ein Guise kann nicht durch das Land reiten mit Navarra und kann sich nicht schlagen für ihn, bis er König ist. Dies stand fest für beide, d’Elbeuf und Henri. Da nun Henri unerwartet hervortrat, schossen in ihrer beider Augen die Tränen, und die Lippen zitterten ihnen, so daß nur wenige, entstellte Worte hinübergelangten in diesem äußersten Augenblick. Gleich danach waren sie auseinander.

Die Komödie dagegen spielte auf Kosten des Herzogs Guise mit dem Schmiß. Der Goliath und Held der Pariser mußte zuerst noch einen ganzen Morgen zum besten gehalten werden, warum eigentlich? Henri warf sich in aller Frühe über das Bett des Herzogs und schwärmte ihm vor, jetzt aber würde er wirklich Generalstatthalter im Königreich, Madame Catherine hat es versprochen! Wie da gelacht wurde im Zimmer des Herzogs, von allen, die dabei waren, als Guise aufstand! Auch wich der Possenreißer nicht von der Seite des großen Mannes, bis dieser vorschlug: «Gehen wir auf den Jahrmarkt, dort zeigen sich die Spaßmacher, wollen sehen, wer es mit dir aufnimmt!» Sie gingen auch hin, der eine von ihnen schon wieder gestiefelt und gespornt, und wollte den anderen durchaus mit auf die Jagd nehmen, schmeichelte ihm, streichelte ihn, ließ ihn nicht aus der Umarmung gezählte acht Minuten lang, und das vor allem Volk. Der Herzog hatte heute mit seiner Liga zu tun, zur Jagd konnte er nicht reiten, darüber war Henri beruhigt. Und endlich ritt er denn selbst.

Den Hirsch zu jagen ist ein seltenes Vergnügen, man kann es nicht laut genug verkünden. Aber der Wald von Senlis ist weit, wir werden übernachten müssen, bevor wir ihn jagen, und können morgen erst spät zurück sein. Daß sich niemand beunruhige wegen des Königs von Navarra! Es ist Herr de Fervaques, der spricht. «Ich kenne ihn doch, er freut sich wie ein Kind darauf, in einer Köhlerhütte zu schlafen. Ich will hierbleiben, um seine Vögel abzurichten!» In Wahrheit wurde Fervaques zurückgelassen, damit er beobachtete, was geschah, wenn die Flucht offenbar wurde. Er sollte Boten nachschicken, um zu melden, welchen Weg die Verfolger nähmen. Daran hielt er sich treulich, und einen ersten Berittenen fertigte er ab, sobald in Schloß Louvre die Beunruhigung aufkam. Der König von Frankreich äußerte bange Ahnungen, seine Mutter redete sie ihm aus. Sie und ihr Zaunkönig ließen einander nicht sitzen! Kleine Verspätungen wollte sie ihm nachsehen. Wie verliebt in Sauves hatte er sich noch den letzten Abend gezeigt — und nicht nur in Sauves! Den hält bei uns vieles!

Am Ende des zweiten Tages, der ein Sonnabend war, beherrschte auch Madame Catherine sich nicht länger. Sie ließ ihre Tochter rufen, und in Gegenwart ihres königlichen Bruders sollte Margot sich ausweisen, wo ihr Gemahl wäre. Sie gab an, sie wüßte es nicht, obwohl ihr dabei schwül wurde. Die Lage fing an, dem Familiengericht zu ähneln, wie es zu der Zeit ihres Bruders mehrfach über sie abgehalten worden war. Wie könnte sie nichts wissen, so wurde ihr scharf vorgehalten; hatte ihr Mann doch die Nacht vor seinem Verschwinden bei ihr verbracht! Das wohl, aber sie hätte nichts bemerkt. Wirklich? Keine geheimen Unterredungen oder Aufträge — und nicht einmal das leiseste Geständnis sollte sie empfangen haben auf dem Kopfkissen? Da in den glanzlosen Augen ihrer Mutter das gewisse unheilvolle Funkeln aufsteigen wollte, streckte die Arme ihre schönen Hände vor und schrie verzweifelt: «Nein» — was nur dem Wortlaut nach keine Lüge war. Denn Margot hatte der ausdrücklichen Enthüllung ihres lieben Herrn durchaus nicht bedurft; von selbst fühlte sie: seine Zeit war gekommen.

Früher einmal hatte sie ihn unbedenklich ihrer Mutter verraten — um dem Übel vorzubeugen, wie sie meinte. Jetzt mag im Grunde niemand mehr aufhalten, was überfällig ist: warum dann nur Margot allein. Madame Catherine hebt nicht die Hand gegen sie; aber das täte sie gewiß, wenn hier noch etwas zu bestrafen wäre. Im Gegenteil gibt es hier nur Geschehenes, das anzuerkennen ist, und das heimlich schon Zugelassene, das endlich offen eintritt. Daher kam es, daß nachher beim Zubettgehen der König wohl betroffen war, aber keineswegs außer sich geriet, als Fervaques ihm alles beichtete. Es war eine Ohrenbeichte. Länger als eine Stunde und eine halbe hing Fervaques am Ohr des Königs. Dieser vergaß, daß er handeln mußte, gab keinen Befehl, saß nur, hörte, und bemerkte nicht mehr, wie die ganze Zeit jemand ihm die Füße kratzte.

Fervaques hatte es, soviel er wußte, mit Henri ehrlich gemeint. Dem König von Frankreich schuldete er persönlich nichts, denn der mochte ihn nicht und hatte ihn an keine höhere Befehlsstelle berufen. Verbunden war er der Majestät durch alte Zucht und Treue, wäre auch nie von ihnen abgewichen. Durch einen reinen Zufall überraschte er eines Tages Henri mit d’Elbeuf, und stand auf einmal vor der Notwendigkeit, die ganze Gesellschaft von Neuerem zu verhaften oder sich ihnen anzuschließen, wie sogar ein Herr aus dem Hause Lothringen es getan zu haben schien. Er sah, daß sie vieles für sich hatten, vor allem ihre wohlerzogene Mäßigung, die niemandem und auch ihm selbst nicht jemals konnte gefährlich werden. Ihre Sache war es wert, verbessert zu werden durch die Beteiligung eines Mannes vom echten Schrot und Korn, das war Fervaques; und darum war er fortan der Vertraute, Vermittler, eingeweiht wie keiner, übrigens seiner Mannhaftigkeit wohl bewußt — weshalb er auch manchmal denken mochte: Aus denen wird nichts, ich mit meinen Leuten würde sie schnell erledigt haben, in einem Wald niedergemacht, in einem Sumpf ersäuft. Soldat, kein Jüngling mehr, gerad und schlicht, konnte Fervaques sich das Ende von «Politischen» oder «Gemäßigten» nicht anders vorstellen. Statt dessen brachen sie wirklich auf.

Da erkannte Fervaques, daß sie ohne ihn es toll treiben und dem Lande nur schaden würden. Sein Hauptbeweis war den Undank Navarras gegen ihn selbst, den man einfach zurückließ. Er rang ehrlich mit sich, bis seine alte Zucht und Treue obenauf kam und ihn bewog, zu beichten. Sobald der Entschluß feststand, drängte Fervaques sich an den König beim Zubettgehen, was ihm leicht wurde wegen seines gewaltigen Wuchses — erbat das königliche Ohr für eine wichtige Meldung und begann sogleich: «Sire, im Dienst Eurer Majestät hab ich mich eingelassen in eine Sache, die meiner ganzen königstreuen Vergangenheit widerstrebte; dadurch aber bin ich jetzt glücklich instand gesetzt, die Verbrecher Ihnen auszuliefern. Für mich verlang ich keinen Lohn. Mein Sohn allerdings hat ein verschuldetes Gut, das durch Zukauf vergrößert werden könnte.» So war Fervaques. Später, als Marschall und Gouverneur, sollte er auch noch für die Guise arbeiten, nur solange sie zahlten natürlich — endlich aber seine Provinz dem König Henri Quatre verkaufen. Bevor er starb, schrieb er ein weihevolles Testament, von allen zu lesen, und schied von hinnen mit dem Bewußtsein, in jedem Zeitpunkt seines rauhen und biederen Wandels getan zu haben, was gerade damals zum Besten des Ganzen war.

Jemand erriet richtig, was Fervaques dem König ins Ohr sagte. Dies war Agrippa d’Aubigné — auch er bis jetzt noch zurückgeblieben, damit man nicht glauben sollte: ohne seine Hugenotten flieht Navarra nicht! Beim Torschluß fing er den Verräter draußen ab, riß ihm die Maske vom Gesicht und überließ ihn seiner Schande. So wenigstens faßt ein Agrippa es auf, wenn ein Fervaques keine Antwort findet und stumpfsinnig schweigt. Schließlich knurrte der gerade und schlichte Soldat doch ein Wort, dem enteilenden Agrippa nicht mehr vernehmbar.

«Federfuchser!» knurrte Fervaques.

Dies sind wahrhaft verlorene Minuten. Aber jede ist kostbar, denn so lautlos betroffen der König war, es kann nicht fehlen, daß die Verfolger ihre Pferde schon satteln. Agrippa eilt zu Roquelaure, einem katholischen Edelmann, an den er glaubt und mit Recht. Aufgesessen und zu zweit dahingejagt unter den Sternen. Vor Senlis finden sie ihren Fürsten; seit Sonnenaufgang hat er den Hirsch verfolgt, und jetzt ist Nacht. «Was gibt’s, ihr Herren?»

«Sire, der König weiß alles. Fervaques! Nach Paris führt der Weg des Todes und der Schande; überall sonst geht es ins Leben, in den Ruhm!»

«Muß man mir nicht erst erzählen», antwortete Henri dem beredten Dichter.

Aber es ist im Gegenteil vorzüglich, daß er es ausdrücklich hört, und ist ein dankenswerter Eingriff, daß Verrat ihm die Rückkehr ganz unmöglich gemacht hat. Wer kann sonst wissen. Zwanzig Stunden heftiger Bewegung des Körpers lassen viel vergessen. Der Weg nach Paris wäre der gewohnte, auch die Ketten sind dort bekannt. Die neuen werden vielleicht schwerer wiegen. Die alten Waffengefährten, denen er wieder zureitet, erwarten bei Henri dieselbe blinde Erbitterung, die sie selbst sich all die Zeit erhalten haben. Er aber, in Schloß Louvre, hat gelernt. Überließe er dennoch besser die Entscheidung dem Schicksal, das vielleicht den Rückweg verlegt? Sieh da, er ist verlegt! Wir reiten.

Die kleine Truppe, zehn Edelleute mit Roquelaure, d’Aubigne und d’Armagnac, ließ sich gerade aus einer Schenke leuchten. Als sie einzeln hervorkamen, sprach Henri zu jedem im Vertrauen: «Unter euch sind zwei Verräter. Paß auf, wem ich die Hand auf die Schulter lege!» Er legte sie zuerst Herrn d’Espalungue auf die Schulter und sagte: «Ich habe vergessen, mich von der Königin von Navarra zu verabschieden. Reiten Sie zurück und melden Sie ihr, daß niemand es bereut, der ehrlich zu mir hält.» Dasselbe tat er mit dem zweiten Spion, ihn schickte er zu dem König von Frankreich. «Ich kann ihm in der Freiheit besser dienen», dies sollte der zweite ausrichten. Beide, die ihre Unehre erkannt sahen, warfen sich auf die Pferde. Die anderen Edelleute konnten unmöglich die Ruhe bewahren. «Bedenken Sie, Sire! Diese gefährlichen Menschen werden die Bauern auf uns hetzen. Wir sind nicht sicher, solang sie unterwegs sind. Sie müssen sterben.»

Henri hielt sein Pferd am Halfter, er antwortete ihnen so munter, als wären sie noch immer auf der Jagd oder beim Ballspiel. «Getötet wird nicht mehr», antwortete er, stieß seinen Lieblingsfluch aus, die ins Komische gezogenen geheiligten Worte, und rief: «In Schloß Louvre hab ich genug Tote gesehen!» Damit setzt er sich an die Spitze der Seinen, indessen weithin die Umrisse der Spione zerstoben im Mondweben, aber ihre Hufe stampften und rissen aus, was das Zeug hielt.

Gemäß der Lage wurde ohne viele Worte beschlossen, wohin man sich in Sicherheit brächte: nicht mehr nach Osten, zur Grenze, die sie schwerlich erreicht hätten, sondern nach Westen in die guten festen Städte der Hugenotten. Die Wege dorthin standen allen frei, sie wählten frei den ihren, sprengten den Wald entlang und entsandten in die sternblaue Luft, weil sie freudig waren, Gelächter, oder gaben von sich Hetzrufe, als wären ihre Hunde noch hinter dem Hirsch her. Kamen sie über einen hellen Acker, dann fragten sie die Bauern, die von dem Lärm aus den Betten krochen, ob der Hirsch nicht wäre vor den Wald getreten — niemand hätte geglaubt, so lustige Jäger könnten auf einer Flucht um Tod und Leben sein. Sie selbst dachten kaum mehr an die Gefahr, die von den Spionen drohte. Eher besann sich der eine oder andere darauf, daß ihr Unternehmen noch keinen Tropfen Blut gekostet hatte; und es floß sonst doch reichlich, wo viel weniger auf dem Spiel stand. Einer, natürlich war es Agrippa, sah darin etwas Großes. «Sire! Getötet wird nicht mehr. Ein neues Zeitalter bricht an.» Er wollte gewiß nicht schmeicheln. Agrippa übertrieb nur gern seine Eindrücke, die erhebenden wie auch die, unter denen man daliegt wie Hiob.

Sie ritten die ganze eisige Nacht, immer gegen Pontoise; aber in der ersten Frühe des fünften Februar, an einem Sonntag, ließen sie ihre Tiere durch den Fluß waten — voran und allein der Fürst und sein Stallmeister, d’Aubigné. Die anderen blieben noch zurück, damit er der erste wäre und damit ein Zeichen den Vorgang größer machte. Dasselbe begehrte Agrippa. Beide gingen, die Zügel ihrer Pferde über den Arm gehängt, das Ufer der Seine hin und her, wodurch sie sich erwärmten: da bat Agrippa, sein Gebieter möchte mit ihm, um des Dankes willen, Psalm 21 sprechen. «Herr! Der König ist froh Deines göttlichen Schutzes.» So sprachen sie einmütig im Morgennebel.

Jetzt stießen zu ihnen nicht nur ihre paar Gefährten: ein Trupp von anderen zwanzig Edelleuten jagt unverhofft daher. Zwar waren alle in Paris heimlich benachrichtigt worden, mit dem Augenblick ihres Eintreffens aber wird aus den Flüchtlingen insgesamt ein berittener Haufe: der überlistet keine Verfolger mehr, er wird hart klopfen ans Tor der Städte im Namen seines Herrn. Unter diesen ersten zwanzig ist ein Sechzehnjähriger, er läßt sich vom Pferd auf das Knie gleiten vor Henri. Aber Henri hebt ihn auf und küßt ihn — als Lohn für die vernünftige Klarheit und Echtheit in dem Knabengesicht, ein Gesicht aus dem Norden, von der Grenze der Normandie. Der weiß: mit mir fährt er sicher! «Küß mich auch, Rosny!» Und Rosny, später Herzog von Sully, darf das erstemal, mit gespitzten Lippen, die Wange seines Fürsten berühren.

Hier sind die werdenden Geschicke versammelt am Ufer der Seine, in waldiger Gegend, unter wechselndem Licht aus den Wolken, die nicht verweilen — und so auch die Geschicke nicht. Noch verhalten alle Gegenwärtigen sich zueinander gleich; sogar ihr König hat bisher nichts, was sie nicht hätten, die Jugend und die neugewonnene Freiheit. Die Schatten des Himmels ordnen sich zeitweilig, so daß sie über die vordere Ansicht fallen und auch den Hintergrund bedecken. In bestrahlter Mitte, breit flutendem Licht, winkt Henri einen nach dem anderen zu sich. Mit jedem steht er einmal allein, umhalst ihn oder schüttelt ihm beide Schultern oder drückt seinen Arm. Es sind seine ersten. Wäre er wissend, dann erkennte er in den einzelnen Gesichtern ihre künftige Bedeutung, sähe im voraus ihren letzten Blick, und wäre ebensooft erschüttert als entsetzt. Einige werden ihn ehestens verlassen, mehrere begleiten ihn bis in seine letzte Stunde. Den muß er mit Geld halten, und der dient ihm noch immer aus Liebe, als schon fast alle seiner müde sind. Aber Feindschaft, Freundschaft, Treue und Verrat: alles gleichermaßen arbeitet an dem gemeinsamen Werk derer, die ihre Zeit zusammen leben sollen.

Willkommen, Herr de Roquelaure, einst Marschall von Frankreich! Du aber, Freund Du Bartas, willst mir so früh schon sterben, nach einer meiner schönen Schlachten? Rosny, wenn wir beide nur Soldaten wären, dies bliebe wohl ein kleines Land. Sully hat den großen Verstand für die Zahlen, ich habe das große Herz für die Menschen: durch beides wird dies das erste der Königreiche sein. Mein Agrippa, leb wohl, ich werde früher heimgehen, du aber ins Exil — als alter Mann und um der Religion willen, die wieder verfolgt sein wird, sobald ich die Augen schließe. Das Licht flutete breit in die Mitte, dennoch blieb alles unsichtbar.

Zu sehen waren junge glatte Gesichter, in ihnen die gleiche Freude, dabeizusein und dahinzureiten den gemeinsamen Weg. Was der Haufe alsbald auch tat. Im nächsten Ort schlugen sie sich voll Nahrung und pumpten sich voll Wein, wurden davon aber nur leichter und unternehmender, verfielen auf Streiche, verschleppten einen Edelmann. Der Gutsbesitzer bekam Angst um sein Dorf beim Herannahen des Haufens, lief ihm entgegen und wollte ihn bewegen, im Bogen herumzureiten. Für den Hauptmann hielt er Roquelaure, weil der am meisten blankes Metall an sich trug. «Bewillt, Herr, Ihrem Dorf geschieht nichts, aber zeigen Sie uns den Weg nach Châteauneuf!» Wenn er mit ihnen kam, konnte er keine Neuigkeiten über sie umhertragen. Unterwegs sprach er nur vom Hof, um sich als Mann von Welt hervorzutun; kannte auch alle Liebhaber der Damen, besonders die der Königin von Navarra, und rechnete sie ihrem Gatten einzeln vor. Als sie nun zur Nacht vor der Stadt Châteauneuf ankamen, geschah es, daß Frontenac die Mauer hinauf sprach zu dem Offizier, der drinnen befehligte. «Öffnen Sie Ihrem Herrn!» Die Stadt gehörte zu einem Dominium des Königs von Navarra. Der Edelmann vom Lande, den Befehl hören, und starre Furcht bemächtigte sich seiner; kaum daß d’Aubigné ihn bewegen konnte, sich in Sicherheit zu bringen auf einem Pfad, der nirgends hinführte. «Und drei Tage lang kommen Sie gefälligst nicht nach Haus!»

Sie übernachteten nur und ritten auch schon fort, in einem Zug bis Alençon, und diese Stadt liegt von Paris mehr als halbwegs zum Ozean. Sie schafften es aber mit der Kraft ihrer Schenkel. Solange hielten die Pferde aus, als sie die andauernde Kraft der Mannesschenkel fühlten — und desgleichen hatten sowohl Achill als auch Karl der Große mit allen berühmten Gefährten ihre Königreiche durchquert.