Prinz von Geblüt
In Alençon nun geschah es, daß während dreier Tage nicht enden wollte der erstaunliche Zudrang von Edelleuten, zuletzt waren es zweihundertfünfzig. Flüchtlinge sind unterwegs verwandelt in Eroberer, denen Städte sich öffnen, und werden erwartet, noch bevor sie da sein können. Fliegend verbreitet sich das Gerücht, da hilft es nicht, einem einzelnen Gutsbesitzer den Mund zu verbieten: schon bis Paris weiß man alles. Die Zudringenden sind nicht alle durchweg von der billigen Art, die jeden Erfolg alsbald vergrößern helfen muß: auch die Freudigen und die Eifrigen kommen, noch nicht gerechnet, wie viele der Zorn antreibt. Das Gerücht sammelt sich in mehreren Provinzen auf, denn Alençon liegt zwischen Normandie und Maine. Es erreicht sie sogar weithin: einige der neuen Anhänger sind vom Hof. Woher und welchen Sinnes, alle werden aufgenommen von Henri.
Hier empörten sich die ersten, die allein die ersten bleiben wollten, besonders aber die alten Freunde: «Sire! So kann es nicht weitergehen. Unter den Neuen sind Mörder aus der Bartholomäusnacht. Sehn Sie denn nicht, Sire, auf den Stirnen den Verrat? Fehlt doch nur Judas selbst!» Und auch der traf ein. Sieh da, Fervaques!
Das Gut für den Sohn war jetzt schuldenfrei und durch Zukauf vergrößert, da hatte Fervaques sich gedacht: ‹Es ist an der Zeit, das vorige Treuegelöbnis bei Navarra einzulösen. Ich und der König von Frankreich sind quitt, aber der von Navarra ist mir viel Geld schuldig, man hält ihn für eine aufsteigende Größe.› Gedacht, getan, und Fervaques, von mächtigem Wuchs, fiel vor Henri auf seine steifen Knie, alle Bretter krachten im Saal.
Nicht, daß Henri sich versagte, den Seinen zuzublinzeln. «Der Mann ist Gold. Daher hat er seinen Preis», so sagte er; aber solche Dinge überhörte der Biedermann und überließ es vielmehr dem jüngeren Partner, die Sache in Ordnung zu bringen. Henri entschloß sich und drückte einen Kuß auf den eisgrauen Zwickelbart.
Von hier ab reiste der Trupp langsamer. Er vergrößerte sich fortwährend, auf offener Strecke und an den Stellen, wo einige Tage angehalten wurde. Deren waren vier; in der fünften Stadt verweilten der König von Navarra und sein Hof, weil sie sich jetzt und künftig in Sicherheit wußten. Saumur liegt in Anjou. Noch ein Tagesmarsch und sie wären in Saintonge gewesen, wo die Festung La Rochelle sich uneinnehmbar behauptet hatte alle die Zeit zwischen Land und Ozean. Henri ging dorthin noch nicht, weil er sich fürchtete vor dem Urteil dieser tapferen und unnachgiebigen Protestanten. Er selbst — nach seinem unbegreiflichen Zögern hatte er sich endlich eingefunden, und die gute Hälfte seiner Begleitung war katholisch! Mehr noch, er war es auch selbst und blieb es in Saumur die ganzen drei Monate, obwohl die Pastoren ihn erwarteten bei der Predigt. Er ging aber weder dorthin noch zur Messe. Nach seinem Vorbild handelten die Edelleute, so daß zu Ostern nur zwei von ihnen das Abendmahl nahmen. Der Hof von Saumur war «ohne Religion», eine Seltsamkeit und eigentlich abschreckend.
‹Was tut es, sie kommen!› dachte Henri. ‹Sie stoßen zu mir in immer zunehmenden Mengen, überfüllen die Stadt und lagern vor den Toren. Ihnen ist es gleich, ob ich Hugenott, ob Katholik bin. Ich bin ein Prinz von Geblüt und soll Frieden und Einheit herstellen in diesem Königreich. Mich kümmert es wenig, was sie sonst glauben: erkennen sollen sie mich. Das ist nicht einfach, wie ich wohl zugeben muß. Ich komme als letzter, nachdem Monsieur und mein Vetter Condé, jeder für sich, das Land aufgewiegelt und großen Umtrieb gemacht hatten. Um so schlimmer, ich darf nicht wählerisch sein, von mir wird niemand unverrichtetersache fortgehn, und hätte er schon am Galgen gehangen!› So dachte er und sammelte Anhänger, um nur nicht allein und abseits zu stehen, wenn der Hof von Frankreich verhandelte mit den Aufständischen. Das bin ich nicht! Andere mögen sein, was sie wollen, ich bin nicht aufständisch — so sagte er jedem, und bei einem gewissen Anblick der Dinge dachte er es wirklich. Dann hielt er sich vielmehr für den Pfeiler des Königreiches, das vielleicht keinen anderen hatte.
Monsieur, der Bruder des Königs, ersah für sich Provinzen als persönliche Mitgift. Condé wollte sie sogar verschenken, an einen deutschen Fürsten seines Glaubens. Henri ließ ihm eröffnen durch seinen Abgesandten: Als einem Prinzen von Geblüt liege ihm allein an der Größe der Krone Frankreichs, nichts weiter wollte er für sich, mißbilligte auch, was Monsieur verlangte. Aber eher, als die drei Bistümer auszuliefern an Johann Kasimir von Bayern und das Königreich aufzuteilen, viel eher ertrüge er — was denn? Herr de Segur hatte Auftrag, es auszusprechen, sonst hätte er es wahrhaftig verschluckt; und Condé verfiel in seinen bekannten Jähzorn — denselben aus der Bartholomäusnacht, da er zu sterben schwur, anstatt den Glauben zu wechseln; wurde aber katholisch siebzehn Tage vor Henri. «Mein Herr», sagte der Abgesandte, «würde eher darauf verzichten, die Urheber der Bartholomäusnacht verfolgt und bestraft zu wissen, als daß er ließe das Königreich aufteilen.» Condé brüllte auf, so neu war dies Wort.
Auch in La Rochelle werden sie zornig aufbegehrt haben, und besser für ihn, Henri blieb noch von ihnen entfernt um wenigstens eine Tagesreise. Die erste Antwort auf ein so kühnes Wort heißt natürlich: Vergeßlich! Undankbar! Für wen sind sie denn gefallen, die Opfer der Bartholomäusnacht? Sie, Sire, gingen zu Ihrer Hochzeit, da führten Sie die Unseren zur Abschlachtung! Jetzt sollen unsere Toten ungerächt bleiben, damit der Herr in besserer Stellung um Land feilschen kann mit unseren Mördern. Bekennen Sie sich zu der Religion! Sonst werden auch wir noch vergessen, wer Ihre Mutter war. So klingt die Stimme der tapferen und unnachgiebigen Protestanten, reicht auch weit genug, Henri vernimmt sie an seinem flüchtig aufgeschlagenen Hof, der «ohne Religion» ist. Führer der Protestanten sollt er sein: das ist jetzt für ihn ein anderer, sein Vetter Condé, der früher da war. Der ist eifervoll, vorschnell, und sieht nicht hinaus über den Krieg der Parteien. Dem Schwachkopf vertraut ihr, gute Leute von der Religion! Der lebt noch immer in den Zeiten des Herrn. Admirals. Begreift nicht, daß es dasselbe wäre, das Königreich aufzuteilen wegen der Religion, als wenn man es zerreißt um des eigenen Vorteils wegen, wie der Irrwisch. Vetter Condé und der Mann mit den zwei Nasen sind gleich darin, daß sie nichts ausrichten werden und ungelegen kommen. Sie hätten bleiben sollen, wo sie waren. Aber am eiligsten hat es, wer ohne Auftrag ist.
So nannte Henri die Dinge für sich allein, während er aber in voller Tätigkeit fortfuhr, Anhänger aufzunehmen, durch ihre Zahl den Hof von Frankreich zu erschrecken, bis Angebote von dort eintrafen — und ließ sich mit dem Vetter, seinem früheren Freunde, nun einmal nicht reden, dann unterhielt er doch Einverständnisse in der Festung La Rochelle. Sie sollten drinnen erfahren, wer er wäre: ihr Freund wie je, aber ein Prinz von Geblüt. Sie bestanden darauf, er müßte zur Predigt gehn, und andernfalls hätte er nicht zu rechnen auf die von der Religion. Vetter Condé hatte Henri bei ihnen angeklagt als verlorenes Schaf. Aus der Gemeinschaft der Protestanten ausgestoßen, wäre er für den Vetter keine Gefahr mehr gewesen; und so wird der Vetter auch boshaft, weil er schon dumm ist.
Auf der anderen Seite stand es nicht besser; der Hof von Frankreich schloß Frieden mit Monsieur, infolgedessen Monsieur förmlich anschwoll von Provinzen, Pfründen, Pensionen. Dem König von Navarra wurde nichts bewilligt, als daß er im Namen seiner Majestät sollte Gouverneur der Guyenne sein, und damit bestätigte man nur seinen alten Titel. Er mußte noch froh sein, was hätte er sonst gehabt. Keine Partei, kein Land und besonders kein Geld. Damit allerdings gab er die Aufteilung des Königreiches zu — nur vorläufig, wie er beteuerte bei sich selbst. Aber das hilft nichts, wenn man abgehn soll als ein Zaunkönig in den Süden und ausgeschlossen bleibt von den großen Staatsgeschäften. Man weiß nicht, wie lange. Wer dächte gleich an zehn Jahre: das wäre doch die Ewigkeit für einen Dreiundzwanzigjährigen.
‹Geboten ist Geduld, und die haben wir erlernt in Schloß Louvre. Aufschub, Nachgiebigkeit, Verzicht nach außen, im eigenen Innern aber der beharrliche Gedanke: durch diese Schule sind wir gegangen, darin übertrifft uns keiner. Meine Herren von La Rochelle, ihr müßt durchaus einen Parteiführer haben und er soll zur Predigt gehen? Ich gehe, ich geh schon. Wer das Königreich mit aufteilt, kann ebensogut auch die Religionen voneinander scheiden: eins so ungern wie das andere, nur gezwungen durch eure Hartnäckigkeit. Seht meine katholischen Edelleute, sie sind die Maßvolleren. Allerdings könnten sie mich auch gar nicht verlassen, sie stehn zu schlecht mit ihrem Hof. Die behalte ich, selbst wenn ich nicht mehr zur Messe gehe. Zur Predigt gehe ich aber, damit ich euch bekomme, die ihr nun einmal die Hartnäckigeren seid. Das wird euch später bei mir nicht gut tun, Starrköpfige mag ich nicht, obwohl unter ihnen die Tugendhaftesten sind, und wen sollte ich inniger lieben. Indessen kommt es vor, daß einer sich tugendhaft gibt und ist nur dumm und boshaft — weshalb zwischen mir und meinem Vetter Condé jetzt große Feindschaft sein soll. Er bringt seine Figuren in Stellung, ich aber, mit einem Zug setz ich ihn matt, ich geh zur Predigt!
Wüßtet ihr, gute Leute›, dachte Henri, wenn er seinen Rückritt zur reformierten Kirche lange und gründlich prüfte — ‹wüßtet ihr, daß es im Grunde nur ankommt auf eine Tatsache, einen Willen und ein gutes Glück!› Was er eigentlich meinte, seine Geburt als Prinz von Geblüt, er sagte es keinem; denn auch der Stolz kann sich verwandeln in eine innere List.
Seine Schwester Catherine ließ er nach Niort kommen. Dies ist eine Stadt auf der Grenze der Provinzen Poitou und Saintonge, schon ganz nahe dem Mekka der Hugenotten; das wird er erst als Wiederaufgenommener betreten, um sich seiner Rückkehr nicht schämen zu müssen. Am dreizehnten Juni in Niort schwur er feierlich den katholischen Glauben ab. Als lebenden Beweis hatte er neben sich die Prinzessin von Bourbon, seine Schwester, eine treue Protestantin in schwerster Zeit. Am achtundzwanzigsten desselben Monats zog er in La Rochelle ein. Da brauchte er die Stirn nicht mehr zu senken, und auch für ihn läuteten die Glocken, wie einstmals für seine liebe Mutter, die Königin Jeanne, deren Festung und Zuflucht hier immer gewesen war. Er selbst hatte die Stadt belagert mit einem katholischen Heer: dessen erinnerten sich manche, die schwiegen, wo er vorbeikam, und berührten einander mit den geballten Händen. Ihm entging nichts. Geboten ist Geduld. Deshalb denkt noch niemand an zehn Jahre: das wäre doch die Ewigkeit.
Auch katholische Herren waren bei ihm, absichtlich zeigte er sie hinter diesen Mauern. Ich hab im Land noch mehr als nur euch. Diese hängen keiner Religion an, sondern mir und dem Königreich, die einmal sollen eins sein.
Er sagte es keinem, oder führte nach dieser Richtung hin nur ein einziges Gespräch, mit einem Edelmann aus Perigord, derselbe übrigens, der eines vergangenen Tages sein Begleiter gewesen war hier am Meeresstrand, und auch Zechkumpane waren sie geworden dort unten in einem zerschossenen Haus. Da Herr Michel de Montaigne mit eintrat unter einem Schub von Höflingen, stellte Henri sich in Gegenwart anderer, als kenne er ihn nicht besonders: sprach ihn nicht an, sondern lächelte merkwürdig an ihm vorbei, Herr Michel aber lächelte genauso verschwiegen. Sobald er konnte, schickte Henri die ganze Gesellschaft fort; auf seinen Wink blieb zurück nur der eine.
Im kühlen Saal mit ihm allein, umarmte Henri ihn und führte ihn an der Hand zum Tisch, stellte darauf auch selbst die Kanne und die beiden Gläser. Der arme Edelmann tat ihm mutig Bescheid, obwohl er nichts Gutes zu erwarten hatte von dem Trunk. Seit sie einander nicht gesehn, litt er an Nierensteinen. Damals hatte die Vorahnung des Alters ihn betrübt wie eine Wirklichkeit; und diese kannte er jetzt. Er fing an, Badereisen zu machen, sollte damit auch fortfahren bis gegen Ende. Ihn hätten als Stoff für ein Gespräch am meisten gefesselt die Quellen jeder Art und aller Gegenden, sowie die Übungen der Nationen in ihrem Gebrauch, denn die Italiener tranken das Wasser lieber, die Deutschen tauchten sich öfter hinein. Er hatte zwei wichtige Entdeckungen gemacht, beide dem Altertum bekannt gewesen und seitdem vergessen. Erstens lebte der Mensch, der nicht badete, unter einer Kruste von Schmutz mit verstopften Poren. Zweitens wurde die Vernachlässigung der Natur von einer Klasse von Personen ausgenutzt zu ihrem eigenen Vorteil. Über den Stand der Ärzte hätte der Steinleidende sich stundenlang ergehen können unter Heranziehung des Kaisers Hadrian, des Philosophen Diogenes und vieler anderer. Er verzichtete auf dies alles, ja, es gelang ihm, während der Dauer der Unterhaltung seine eigensten Sorgen wirklich zu vergessen.
Henri fragte ihn, in welcher Absicht er gekommen sei, da fiel dem Edelmann gar nicht ein, von seiner Badereise anzufangen. Er sagte, daß er die seltsame Neuigkeit eines Hofes ohne Religion hätte aufsuchen wollen. Henri erwiderte ihm, daß man eher von einem Hof mit zwei Religionen sprechen könnte — worauf Herr Michel de Montaigne ihm ruhig lächelnd entgegenhielt: das wäre dasselbe. Von zwei Religionen könnte nur eine die echte sein, und nur dieser sollte man nachkommen. Wer daneben eine falsche zuließe, der mache keinen Unterschied und könnte eigentlich beide entbehren.
«Was weiß ich?» flocht Henri ein. Dies Wort blieb ihm unvergessen seit ihrem ersten Gespräch, und hier kam es ihm gelegen. Sein Gefährte verleugnete es nicht; er wiegte den Kopf und meinte nur, dies müßte man vor Gott sagen. Das Wissen Gottes teilten wir allerdings nicht mit ihm. Um so eher wären wir bestimmt, auf Erden Bescheid zu wissen, hier nun verständen wir das meiste vermittels Mäßigung und Zweifel. «Ich liebe die ausgeglichenen, mittleren Naturen. Maßlosigkeit selbst im Guten wäre mir fast zuwider, jedenfalls verschlägt sie mir die Rede und ich habe dafür keinen Namen.» Er wollte noch Platon erwähnen, Henri indes versicherte ihn lebhaft seiner Freude, daß der Herr mit ihm wenigstens auskomme. Auf gute Nachbarschaft zu Haus im Süden sollten sie ihre Becher leeren. Das tat der Edelmann, ohne an seine Steine zu denken. Freier im Herzen dank dem Wein, und mit geröteten Wangen ergab er sich unvermittelt der größten Offenheit. Er nannte dem jungen Mann, der ihm gegenübersaß, alles, was diesen leite, seine Feindschaften, Mißerfolge, sein verzweifeltes Schwanken zwischen den beiden Bekenntnissen, die Gefahr, leer auszugehen, allein zu bleiben und sogar wurzellos zu werden. Es ist ein auserlesenes Geschick, das solche Prüfungen mit sich bringt, und eigentlich nur deshalb war Montaigne hergekommen, wie sich zeigte.
Er wollte sehen, ob ein maßvoller, zum Zweifel geneigter Sinn sich mit Erfolg erwehren könnte der Ausschweifungen der Unvernunft, die ihn überall bedrohen. Darin vergeudet indessen die menschliche Natur sich fortwährend, wie die Geschichte lehrt und die alten Schriftsteller bestätigen. Geblendete, die nur toben und nichts erkennen: so stellt in der Regel das Geschlecht der Menschen sich dar. Der seltene Sterbliche, dem eine gesunde Seele vom Herrn der Himmel mitgegeben wurde, muß sie vor allen den gewalttätigen Kranken mit List verstecken: sonst gelangt er nicht weit. Die meiste Zeit der Menschheit ist vergangen mit den Ausbrüchen ihrer seelischen Erkrankungen und wird weiter mit ihnen vergehn. Das ist sogar noch ein Glück; denn Seelenleiden, die sich wenigstens entladen, sind noch die leichteren, omnia vitia in aperto leviora sunt.
Darauf brachte auch er einen Trinkspruch aus. Er war in Paris gewesen und hatte die Liga gesehn. Auf diesen gelungenen Ausbruch einer schweren Seelenerkrankung bat er Henri, sein Glas zu leeren. Dann sprach er so gefestigt und gefaßt, als ob er selbst der Kämpfer gewesen wäre gegen die Liga und ihr spanisches Gold, selbst der geduldige Sammler von Anhängern, selbst der Erbe des Königreiches — sprach: «Die Liga hat vor sich noch ihren Gipfel und Abstieg, danach kommt Ihre Zeit, Sire. Wir wollen nicht fragen, wie lange es mit Ihnen dauern wird und ob auf Sie nicht wieder der gewohnte Wahnsinn folgt. Das soll uns nicht kümmern. Ich werde ohne Zweifel noch meinen gekrönten König sehen.» Hierbei ergriffen ihn in Wahrheit schon seine gewohnten leiblichen Sorgen. Außerdem bemerkte er an seinem Zuhörer gewisse Anzeichen dafür, daß er genug gesprochen hatte, und stand auf.
Henri wurde aber nur bewegt auf das heftigste von seinem eigenen Bewußtsein: an dieses schlugen sämtliche Worte des Edelmannes wie an ein klingendes Erz. Er rief aus: «Sie sagen es, Freund! Ich bin ein Prinz von Geblüt.» Mit langen Schritten lief er durch den Saal und rief: «Weil ich Prinz von Geblüt bin, werd ich allen vorauskommen. Daher hab ich mein Recht und meine Begabung.»
Montaigne sah ihm nach. Er selbst hatte wohl eher eine Betrachtung gewagt über die gesunde und die kranke Seele der Menschen und der Zeiten. Indessen nickte er und sagte: «So meinte ich es.» Denn ihm schien und wurde deutlicher mit jedem Augenblick, daß sie im Chor gesprochen hatten: verschiedene Noten — eine Harmonie. Er verbeugte sich, um abzugehen, während er sein Schlußwort vorbrachte.
«Ein Name steht für vieles und erklärt, was niemals zu erklären wäre. Ein florentinischer Künstler, dessen große Werke ich rühmte, dachte sich vor mir zu rechtfertigen, weil er sie gemacht hatte, und er sagte: er hätte gar nichts gekonnt, außer durch den Vorzug, daß er abstammte von den Grafen von Canossa. Man nennt ihn Michelangelo.»
Henri schnellte auf den Abgehenden zu, umarmte ihn nochmals und sagte ihm ins Ohr: «Ich habe keine Werke. Aber ich kann sie machen.»