Der Erste
Von dem Anfall seines Leberleidens erholt, wurde Marschall Biron bösartiger als je; er glaubte den Gouverneur eingeschläfert. Nach besten Kräften verleumdete er ihn beim König von Frankreich. Die Kanzlei von Navarra und Philipp Mornay hatten alle Hände voll zu tun, wollten sie seinen Berichten begegnen. Voraussichtlich konnte der Streit nicht mehr lange auf schriftlichem Wege ausgetragen werden. Die Königin von Navarra sorgte für noch anderes Unbehagen. Eine Frau, die zum erstenmal im Leben glücklich ist, und ihr lieber Herr hat arge Feinde: wie kommt sie ihm zu Hilfe? Sie hinterbringt ihm, was sie erfährt; sie macht sich unentbehrlich.
Worte der Geringschätzung, die der König von Frankreich in der Stille seines Zimmers sollte gesprochen haben über seinen Schwager Navarra, Margot kannte sie; und war sie gerade ohne Nachrichten, erfand sie etwas. Sie haßte ihren königlichen Bruder, er hatte sie nur mißhandelt; darum sollte auch Henri gegen ihn aufgebracht sein. Wurde doch sie selbst verwundet von Kränkungen, die ihr Herr erfuhr. Der Herzog von Guise hatte sich über ihn lustig gemacht, sogar ihr geliebter Bruder Alençon war eingegangen auf den Spott, und dies bei der Dame Sauves, ihrer einstigen Freundin. Margot sah im Geist das gewitzte Lächeln der Frau, um so weniger wollte sie die gefallenen Worte mit eigenem Mund wiederholen: besonders nicht ihrem Herrn ins Gesicht.
Sie hatte aber unter ihren Fräulein ein sehr junges, fast ein Kind, ihr ganz ergeben: Franchise, aus dem Hause Montmorency-Fosseux. Man nannte sie Fosseuse. Henri sagte zu ihr: Töchterchen; und ihm zuliebe gab auch Margot der Kleinen den Namen Töchterchen — obwohl sie wußte, daß Henri ein nicht ausschließlich väterliches Gefühl nährte für Fosseuse. Das junge Fräulein erzählte ihrer verehrten Herrin alles, oder wenn nicht alles von ihren Anfechtungen, dann um so mehr von ihrem Widerstand. Dieses schüchterne Wesen schickte Margot ihm mit den ärgsten Botschaften: von kindlichen Lippen ausgesprochen, sollten sie ihn noch mehr reizen. Genug, in Schloß Louvre lachte man ihn aus, weil er noch immer nicht die Mitgift seiner Frau in Besitz genommen hatte: darunter mehrere Städte seiner eigenen Provinz Guyenne. Biron hielt sie vor ihm verschlossen.
«Mein lieber Herr», sagte das schüchterne junge Kind, kniete vor Henri hin und erhob die Hände zum Bitten. «Holen Sie sich doch die Mitgift der Königin von Navarra! Bestrafen Sie gefälligst den bösen Marschall!»
Das hatte er auch vor, indessen hütete er sich, es den Frauen einzugestehen. Als sein Heer schon zusammengezogen war und bereitstand, verriet er sich noch immer durch kein Wort, verbrachte vielmehr die letzte Nacht bei seiner Königin im Schlafzimmer. Dann ritt er fort, mit der Rose zwischen den Zähnen — wie zu einem Ringelspiel oder heiteren Wettstreit. Ging sein Vorhaben schlecht aus, wenigstens mußte Margot nichts verantworten und blieb verschont. Alle seine Edelleute waren so guter Dinge wie er selbst, es war wieder Mai, verliebt war der ganze Haufe: nannten auch den Feldzug, in den sie aufbrachen, den Krieg der Verliebten. D’Aubigné und sogar der nüchterne Rosny meinten im Ernst, nur aus Ritterlichkeit gegen die Damen sollte die Stadt Cahors gestürmt werden. Henri eröffnete sich niemandem, der ihn nicht selbst erriet: das war einzig Mornay. Es kommt darauf an, ein und dasselbe zu wollen auf allen Wegen, im Schwanken der Menschen und Dinge treu zu bleiben dem inneren Gesetz: aber das ist nicht angemaßt; es kommt weither, es reicht weithin. Auf Jahrhunderte blickt Gott, wenn er diesen anblickt. Davon wird Henri unbeirrbar — und unerforschlich, da nichts einen Menschen Ungewisser, geheimnisvoller erscheinen läßt als eine tiefe Festigkeit.
Es war sehr warm; in Sicht der Stadt, die es erstürmen sollte, trank das Heer zuerst noch aus einer Quelle im Schatten von Nußbäumen. Dann ging es an die Arbeit, die nicht leicht war. Auf drei Seiten wurde die Stadt Cahors vom Wasser des Flusses Lot geschützt, und auch die Besatzung verteidigte sie hauptsächlich dort; denn der vierte Zugang schreckte von selbst ab: so viele Hindernisse waren aufgehäuft schon unterwegs, noch bevor jemand durchdrang bis an das Stadttor. Dieses war aber insgeheim untersucht worden von zwei Offizieren des Königs von Navarra, die sich besonders auf das Sprengen verstanden. Kleine gußeiserne Mörser, mit Pulver gefüllt, wurden gegen ein Hindernis gelehnt und mit einer Lunte angezündet. Elf Uhr abends, unter einem dunklen Gewitterhimmel betrat das Heer ungesehen die feste Brücke, auf die niemand achtete: voran die beiden Hauptleute mit ihren Sprengkörpern. Damit räumten sie von der Brücke die Fallen und die Verschlüsse, ohne daß die in der Stadt das Krachen hörten, denn es donnerte grade. In einigem Abstand, wegen der fliegenden Trümmer, folgten fünfzig Arkebusiere, dann Roquelaure mit vierzig Edelleuten und sechzig Garden, und hinterher führte der König von Navarra die Hauptmacht, zweihundert Edelleute, zwölfhundert Schützen.
Wegen der Neuheit der Sache gelang die Sprengung des Tores nur halb. Die ersten krochen unten hindurch und erweiterten dann mit Axthieben die Öffnung, wovon die Bewohner der Stadt endlich erwachten und ihre Verteidiger herbeiriefen. Die ganze Stadt in Waffen, Sturmgeläut, und im Dunkeln sausen den Eingedrungenen um die Köpfe viele Wurfgeschosse wie Ziegel, Steine, Brandfackeln und Klötze Holz. Da hört man Waffen knistern, knattern und zerbrechen; «Schlag sie tot», wird geschrien, aber von erstickten und keuchenden Hälsen. In der Enge halten die Gegner einander tödlich umschlungen. Nach einer Viertelstunde des Handgemenges hätten die Angreifer verloren, aber Turenne griff ein, er bringt weitere fünfzig Edelleute, dreihundert Schützen, mit ihrer Hilfe gelangt der König von Navarra bis mitten in die Stadt.
Weiter ging es nicht. Ein großes Gebäude, und darin alle Verteidiger, hielten das Heer in gemessener Entfernung. Darüber wurde es Tag, auch das Heer befestigte sich jetzt in Häusern. Die Soldaten durften nicht plündern, der König von Navarra drohte, sie dafür zu erschießen, und wirklich wurden mehrere erschossen. In der Nacht darauf hatten sie noch immer nichts Rechtes gegessen, und schlafen mußten sie im Stehen; neben ihnen auf den Auslagen der Läden ruhten ihre Waffen und Rüstungen. Ein neuer Morgen, und neue harte Arbeit erwartete die Soldaten: Häuser zu durchbrechen, bis zehn Schritt von der Festung. Weiter ging es auch diesmal nicht, und schon wurde wieder Nacht.
Der dritte Tag aber sollte der gefährlichste sein, die Verteidiger bekamen Zuzug, der Trupp mußte draußen abgefangen und vernichtet werden. Noch ein Tag, um die Erstürmung der Festung vorzubereiten, und am fünften, als sie endlich mit Knall und Rauch gefallen war, mußten in der Stadt vierzehn Barrikaden einzeln genommen werden.
Dies ist die Erstürmung von Cahors, eine überaus harte Arbeit. Sie war ohne Sinn und Nutzen erschwert worden durch die zähen Einwohner, nur aus Parteihaß, damit der König von Navarra nicht größer werden sollte. Gerade darum trug seine Tat ihm viel mehr Ruhm ein, als sie eigentlich wert war. Besiegt war nicht die Besatzung einer Stadt, sondern Marschall Biron samt allen anderen Feinden — und dies trotz Rückschlägen, die nicht ausblieben. Als Henri den Marschall selbst angriff, war er zu schwach, mußte flüchten bis Nérac, wurde beschossen, entwich mit seinem Pferd über die schöne Treppe seines Schlosses und entkam mitten durch die Truppen, die ihn fangen wollten.
Er hatte aufgerissene, blutende Füße. In Nérac mußte Margot die Bettücher wechseln, nachdem er nur eine Viertelstunde mit ihr darin gelegen hatte: in einem solchen Zustand war sein Leib. Sein Geist verspürt keine Beschwerden, er ist leicht und schnell wie je. Daher führt Henri sein Heer, oder sollen das nur noch Banden heißen, aus seinen eigenen Ländern gegen Norden — wo die Protestanten seinen neuen Ruhm begrüßen und ihn selbst erwarten, um aufzustehen. Davon erfährt der Hof in Paris, und schleunigst beruft er Biron ab.
Das wäre gelungen. Sofort bot auch d’Alençon, jetzt d’Anjou, sich dem erfolgreichen Schwager an; eilte nach Süden, schloß Frieden und Freundschaft mit ihm. Unversöhnlich blieb Condé, einst der gute Vetter. Aber es ist schwer erträglich, im Leben unaufhaltsam der zweite zu werden, obwohl man doch das Seine durchaus getan hat — gekämpft so gut wie der andere, und sogar in voller Übereinstimmung mit der Partei, die ihrerseits berechtigtes Mißtrauen hegt wegen des Glaubenseifers des anderen. Es ist wirklich eine große Kunst, den Neid nicht einmal zu kennen: dafür muß einer vieles verstehen, besonders die Lehre von der Gnadenwahl muß er durchaus erfaßt haben. Auch der Stolz auf das eigene Schicksal, nach Art der alten, kann helfen. Von Mornay wäre beides wohl zu erwarten; er hat die Tugend, ihm wird auch Erkenntnis.
Condé ist ein armer Mann — guter Wille, anständige erste Regungen, die nicht durchgehalten werden. Sein Haß gegen Henri beginnt im Grunde schon bei einer längst vergangenen Schlacht, Jarnac, wo sein eigener Vater geopfert worden ist: der junge Navarra wird gerade dadurch erster Prinz von Geblüt. Als Gefangener mit ihm zusammen im Louvre, hat er mit ihm dasselbe gelitten, nur mittelmäßiger. Ist geflüchtet, zeigt aber in allem weniger Sinn für das Volkstümliche und Erlaubte, für das, was sein soll. Läßt sich mit fremden Fürsten ein, während Vetter Navarra sich befestigen kann und auszudehnen versteht auf seinem Heimatboden, zugegeben, unter dem Beistand vieler Papisten.
Um so mehr versteifte sich der Vetter auf die Reinheit des Parteigeistes, und sein Freund war, wer diesen besaß oder vorschützte. Seinen Johann Kasimir von Bayern hielt er höher als Henri von Navarra; der deutsche Zwergfürst haßte die Laster. Das Lotterleben am Hof von Navarra war ihm so sehr zuwider, daß er bei der bloßen Erwähnung auf den Boden spie; aber der Prinz von Condé erlaubte es ihm. Auch zu einer Verschwörung gegen seinen Vetter gab er sich her. Sie schickten ihm jemand, damit Henri seine Truppen dem Erzbischof von Köln zu Hilfe führte. Dieser war Protestant geworden, die beste Gelegenheit ergab sich, gegen Haus Österreich einen Schlag zu verüben.
Nun war Haus Österreich der Feind, aber ein Feind für später, der größte, der zuletzt kommt. Jetzt nach Deutschland ziehen, hieße das Gewonnene aufgeben, den begonnenen Emporstieg unterbrechen und wer weiß, ob nicht das Königreich verlieren. Etwas anderes wollten sie auch gar nicht, wenn sie Henri vor die Pflicht stellten, wegen der Religion das Land zu verlassen. Er durfte es nicht tun, wie sie wußten. Gleichwohl konnten sie ihn deswegen verhaßt machen bei den Protestanten, die ihm nicht alle trauten; und mit der Nachricht, daß er dennoch aufbräche, erzeugten sie Befürchtungen beim Hof von Frankreich und einen düsteren Entschluß im Geist Philipps von Spanien.
Don Philipp sitzt und spinnt Pläne für sein Weltreich. Was hat das zu tun mit der Sache einiger aufsässiger Ketzer, einem lächerlichen Kasimir, verrückten Erzbischof und neidischen Vetter. Don Philipp über den Bergen errät gleichwohl: ihm und seinem Weltreich wächst ein Feind heran — oh, noch ist er klein. Kämpft sich mit schwerer Mühe durch unbedeutende Hindernisse — aber zu messen ist nicht der Fußbreit Landes, den er sich nimmt, sondern der Ruf und Name, den er sich macht. Man kann nicht zusehen, bis Fama die Trompete ansetzt und zu fliegen beginnt. In Frankreich soll zukünftig nur einer herrschen, Philipp. Haus Valois wird aussterben, und schon vorher wird die Liga des eitlen Guise das Königreich auseinandersprengen vermöge der goldenen Pistolen, die auf den Maultieren schaukeln das Gebirge hinab. Navarra stört, Navarra muß hinweg. Das ist der Schluß im Geiste Philipps und kann bei dem neidischen Vetter auch kein anderer sein.
Henri weiß. Hinter sich hat er den Louvre, er kennt die Hölle. Von Montaigne hat er gelernt, daß Gutsein das Volkstümlichste ist. Mornay lehrt ihn, welche Macht die Tugend hat. Seine Natur bleibt heiter und maßvoll über ihren eigenen Abgründen. Aber er weiß: eine Gattung Mensch will dies nicht, und grade ihr soll er begegnen überall, bis ans Ende. Es sind keine Protestanten, Katholiken, Spanier oder Franzosen. Es ist eine Gattung Mensch: die will die düstere Gewalt, die Erdenschwere, und Ausschweifungen liebt sie im Grauen und in der unreinen Verzückung. Das werden seine ewigen Gegenspieler sein, er aber ist ein für alle Male der Abgesandte der Vernunft und des Menschenglückes. Jetzt versucht er, eine Provinz nach dem gesunden Sinn zu ordnen, später ein Königreich, endlich aber den Weltteil: durch einen Friedensbund der Fürsten und Länder zur Brechung von Haus Habsburg. Dann wird es Zeit sein für die Gattung Mensch, die das Leben haßte — nach dreißigjährigem Mißlingen ihrer Mordpläne wird es für sie Zeit sein, richtig zu zielen mit dem Dolch. Sieben oder siebzig Stöße und Schüsse waren im Laufe der Jahrzehnte fehlgegangen, Henri kam allen zuvor, wie hier dem ersten.
Der König von Navarra erwartete damals Verstärkungen. Dem Offizier, der sie ihm herführte, bestellte er Quartier in einem Ort, genannt Gontaud. Jeder konnte ihn sagen hören, daß er des nächsten Tages dorthin reiten würde. Er war aber gewarnt worden, ein Mörder wäre in der Truppe: gerade darum sprach er von seinem Vorsatz laut und scheinbar unbedacht. Die Sonne ging auf, den König von Navarra begleiteten drei seiner Edelleute, d’Harambure, Frontenac, d’Aubigné. Auf halbem Weg kam ihnen entgegen ein einzelner Reiter, den sie erkannten als einen Edelmann aus der Gegend von Bordeaux. Während die drei Begleiter das Pferd des Fremden zwischen die ihren einzwängten, befiel den König von Navarra eine kitzelnde Angst — unheimlicher als in jedem offenen Gefecht, wo ein kühner Vorsatz über die Furcht siegt. Lieber wäre der König von Navarra geflüchtet, er fragte aber recht fröhlich, ob es ein gutes Pferd wäre, und auf die Antwort: ja, ritt er heran und betastete es, verlangte es auch zu kaufen. Gavarret, so hieß der Mann, erbleichte und wußte nicht, was er denken sollte, wohl oder übel stieg er ab. Der König von Navarra saß auf und sah sogleich nach den Pistolen: eine fand er mit gespanntem Hahn.
«Gavarret», sagte er, «ich weiß, daß du mich töten willst. Jetzt kann ich dich selbst töten, wenn ich will.» Dabei schoß er in die Luft.
«Sire!» antwortete der Mörder. «Ihre Großmut ist bekannt, Sie werden mir mein Pferd nicht fortnehmen, es ist sechshundert Taler wert.»
Das war dem König von Navarra schon berichtet, und auch, daß der Mörder es geschenkt bekommen hatte, damit er ihn tötete. Er wendete daher das Pferd und ritt im Galopp nach dem Ort Gontaud, wo er es abgab. Seinem Offizier befahl er, diesen Gesellen auf gelegene Art loszuwerden, wie es auch geschah. Der Mann kehrte dann zu der römischen Religion zurück. Als er für ein gutes Pferd den König von Navarra töten wollte, gehörte er zur reformierten — war aber nicht dies noch das. Sondern er war von einer Gattung Mensch: die haßt nun einmal Henri, er fühlt es schon hier und wird Rache allmählich ganz unnütz finden. Die Mörder wachsen immer nach. Dieser war nur der erste.