So bleibt es nicht

Zuerst war noch nicht alles in Ordnung. die königlichen Gatten Henri und Marguerite zogen feierlich in ihre Hauptstadt Pau ein, was sich alsbald als ein Irrtum erwies. Margot litt bei den eifersüchtigen Hugenotten große Kränkungen wegen ihres papistischen Gottesdienstes. Sie beschloß ein für allemal, Pau nicht wieder zu betreten. Außerdem verliebte der König von Navarra sich dort in eines ihrer Mädchen, was sie peinlicher empfand, als wenn es nur die Ehrenfräulein ihrer Mutter waren. Alles wurde beigelegt dadurch, daß Henri wieder einmal seine gewohnte Schwäche, ein mit nichts zu erklärendes Fieber bekam. Die Kopfschmerzen setzten nicht aus, weder bei Tag noch bei Nacht, er mußte immerfort umgebettet werden, unablässig brauchte er Kühlung sowie auch Zuspruch.

Man ist tapfer, alle sind es. Viele ertragen, daß ihnen Beine abgeschnitten werden bei vollem Bewußtsein. Ein Offizier, dessen Fuß unbrauchbar geworden ist, wird ihn sich eigens vom Körper trennen lassen, damit er auf einem angeschnallten Stock dem König von Navarra wieder dienen kann. Das alles geht. Unerträglich ist nur das Wanken des geistigen Innern, das Versagen der natürlichen Sicherheit, die Angst, die Angst.

Das war in Eauze, derselben Stadt, wo Henri schnell entschlossen einer Lebensgefahr begegnet war und wo er als eine kühne Neuerung gewagt hatte, menschlich zu sein. Eben dort lag er siebzehn Tage und glaubte sich als Mensch geschlagen, verworfen, gestrichen, unfähig zur Vollendung der Arbeiten und Mühen, denen er sich sonst gewachsen hielt. Er hielt sich ihnen sonst gewachsen in dem Grade, daß er ein Übermaß von Vergnügen hinzufügte und erschöpfenden Leidenschaften nicht auswich. Dafür liegt die reiche Natur zuweilen da wie ein Geschlagener, hat sich aufgegeben, und eine andere Person muß statt ihrer an sie glauben, falls das noch möglich ist. Hier war es seine Margot, seine wirklich treue Frau, so viele Liebhaber sie noch nehmen sollte. Sie kam die ganze Zeit seiner Krankheit nicht aus den Kleidern, wachte bei ihm, sprach ihm zu und rief ihn aus den Ängsten zurück. Nachher als Genesener sagte er etwas, das von ihm noch nicht war gehört worden: «Es steht geschrieben dort oben.» Was? Das wußten er und die Frau: überaus deutlich war es ihnen seit den Nächten von Eauze.

Dieser inhaltsreiche Aufenthalt hatte die beiden zu den allerbesten Freunden gemacht. Zurück in Nérac, durfte die Königin von Navarra ihren Hof einrichten nach Belieben und sogar ihren Gebieter zum feinen Herrn erziehen — was er in seinem Leben mehrmals wurde, wenn es darauf ankam. Diesmal blieb er es neun Monate, damals trug er die teuersten Anzüge, alles aus Holland oder Spanien, alles Samt und Seide, Purpur und Gold. Seiner Königin kaufte er allein zehn Fächer, einer glitzerte mehr als der andere. Er versah sie mit Duftwässern, den reichsten Kleidern und sogar mit Handschuhen aus Blumen. Er hielt ihr Zwerge, schwarze Pagen und Vögel «von den Inseln». Sie hatte im Park La Garenne ihre Kapelle, hörte die Messe; und dann war Empfang unter den wiegenden Wipfeln, es war Musik, es waren Verse, es war der Tanz und Frauendienst — alles von verklärter Einfachheit in der Luft des Parkes. Am Hof zu Nérac, einige Zeit unter wiegenden Wipfeln, wurde geistreich geschmachtet und töricht geträumt. Sehr hell war der Himmel, silbern sein Licht, und die Abende waren so mild.

Die Geister wurden geschmeidig, mochten die Waffen einmal rosten. Henri schrieb mit eigener Hand eine vollständige Übersetzung der Kommentare Caesars über den Feldzug in Gallien wie auch über den Bürgerkrieg. Die Federn bezog er aus Holland, die Tinte aus Paris, und das Papier vergoldete ihm sein Kammerdiener. Er liebte die prachtvollen Einbände der Bücher; aber diese hatte er auch schon schmücken lassen, als er selbst noch im abgeschabten Wams ging. Für den Geist hielt er beständig auf Form und wurde in Briefen, Erlassen, ja in Gesängen, die er später sollte anstimmen lassen während seiner Schlachten — wurde ein um so besserer Schriftsteller, je größer er zu handeln lernte: das eine um des anderen willen, und weil klarer Ausdruck durch dieselbe Seele geschieht wie echte Tat.

Er gebärdete sich hier, fühlte sich wohl auch die wenigen Monate wie ein gemachter Mann, ein Erbe von gesichertem Besitz, und Frieden und Glück — was alles gar nicht wirklich da war, und das heitere Traumspiel endete gleich dort, wo der Park La Garenne in das Land verläuft. Wie beglückte es ihn trotz allem, daß er seine Margot eine Weile konnte herrschen lassen über einen Hof und über einen galanten König, der er selbst war, denn ihr zu Ehren roch er gut, und seine Zähne waren überzogen mit Gold. Auch bestellte er für sie aus dem Schloß von Pau die schönsten Zimmereinrichtungen, das Tafelgeschirr aus Silber. Sie selbst hatte während ihres Besuches alte Harfen dort aufgestöbert: andere Damen mochten ehemals ihr Herz durch sie erleichtert haben wie jetzt Marguerite von Valois, die noch niemals in ihrem rastlosen Leben das Gleichmaß gekannt hatte, und nur hier begegnete sie ihm.

Sie strich sich manchmal über die Stirn. Kein einziger Giftmord bis jetzt? Kein Erdolchter hinter einer Tür? Mich schlägt niemand, und sogar vor meinen Sinnen habe ich Ruhe. Ich muß weder meinen Bruder d’Alençon am Seil vom Fenster hinablassen noch selbst auf Abenteuer ausziehn. Demütigungen, Komödianterei, das Grauen um mich, in mir der quälende Drang — alles vorbei? Wirklich, hier bin ich. Ihre wunderbare Hand hatte über ihre Stirn gestrichen: die war schon wieder heiter, und die Königin dieses Hofes schritt zum Tanz mit artigen Edelleuten und Fräulein, die sich wohlverhielten. Sanfte Musik, die Flammen der Kerzen schwankten wenig in dem Hauch vom geöffneten Fenster; mild wie der Klang, das Licht, der Hauch, waren die Gesichter und die Herzen. Tanzen und Holdsein, die lange Nacht hinbringen in einer leichten Verliebtheit, die ganz unbestimmt ist. Margot könnte jedem den Mund reichen, sie küßt aber keinen, nur ihren Herrn.

So sind am Hof von Navarra alle, auch die Schwester des Königs, eine so strenge Protestantin. Obwohl durch einen ihrer Füße ein wenig gestört, bringt die junge Catherine dem jungen Rosny einen neuen Tanz bei, alle beneiden ihn um die Ehre. Sie übersieht sogar die Leidenschaft ihres Lebens für diese Weile, vergißt den Vetter in seinem Wald, entschlägt sich den Qualen des Gewissens und erlaubt dem leichtherzigen Turenne, ihr den Hof zu machen, als hätte es nichts zu sagen. Auch ihr Bruder Henri lebt und liebt, als bedeutete es nichts. So kann es nicht bleiben.