Der Hass
Oh, Klänge der Erhabenheit und thronenden Allmacht! Der Hof weicht auseinander, auch die Kartenpartie mitsamt dem König zieht sich gegen die Wand zurück, und abgegrenzt wird die breite Mitte von Knaben, die aus dem ganzen Königreich die wohlgebildetsten sind. Ihre beiden Fronten verbreiten Licht; andere Knaben, die dazwischen hindurchgehen, dienen dem Wohlklang. Ihr Zusammenspiel rauscht, schwingt sich hinan und lobpreist. Jetzt aber treten Damen auf, nur die prachtvollsten der Edelfrauen und die reizendsten der Ehrenfräulein. Düfte schweben, und hoch oben schwankt ein Baldachin, gehalten von vier Zwergen, rot bekleideten, mit vorgehängten Bärten aus Flachs. Darunter bewegt sich in eigener Person das selten vorgeführte Ausstattungsstück, das kostbare Pfand der Weltmacht beim Hof von Frankreich: Elisabeth, Erzherzogin, des römischen Kaisers eigene Tochter.
Man hatte ihr niemals so nahe ins Gesicht gesehen, obwohl noch jetzt, durch zuviel flirrendes, verwirrendes Licht gesorgt war, daß man nicht zu genau sah. Auch waren es nur Männer, die sie betrachten durften; das Geschlecht, das scharfsichtiger und kühner ist, mußte wohlweislich selbst etwas vorstellen im Zuge. Haus Habsburg nun wurde hier vertreten von einer Neunzehnjährigen, aber wem fielen ihre Jahre ein beim Anblick dieser Maske ohne Alter, starr wie das Gold, darin sie wandelte. Sie wurde diesmal nicht gerollt von spanischen Priestern, die geschwitzt hatten unter Teppichen. Sie setzte selbst die Füße, und diese waren groß. Sie mochte lange und kräftige Beine haben, falls eine so waghalsige Vermutung jemandem beifiel. Durchaus möglich, daß mancher durch den Panzer ihres Namens und Rufes hindurchdrang bis zu ihren Beinen und nicht ohne Ironie das Gewicht dieser seltenen Stücke abschätzte. Auch sie selbst war erfüllt von der Tätigkeit des Gehens. Jeder ihrer Schritte war ein gerade noch aufgehaltener Fall, und wankend trug sie durch die Räume, die grenzenlos erschienen, so weit hinten begann die Dunkelheit — trug wankend die Masse Goldes, die Wucht der Krone, die Steine, die Ketten, die Spangen und Ringe, den Schuh aus schwerem Gold — das Gold um den Kopf, um die Brust, um die Füße, wankend trugen sie seine Wucht und Masse in die entfernte Finsternis.
Ersehnte sie diese? Noch glänzte ihr Rücken auf, und Licht fiel auf den Boden von ihrem metallenen Schritt. Allmählich blitzten nur allein die Geschmeide. Ein Funkeln der Krone war das letzte. Nacht. Vorhang. Das alles war dahin und kam nicht wieder — was sinnbildlich aufgefaßt werden konnte so gut wie die ganze Darbietung. Aber die Veranstalterin dort hinten, unsichtbar und schlau in ihrem stillen Zimmer, rechnet nach Gebühr auf die fehlerlose Wirkung der vorbeigeführten Herrlichkeit. Wen mahnte ihre Verdunkelung gleich auch an ihren Untergang und Ende? Einen sträflich bitteren Geist wie Du Bartas, der die Bartholomäusnacht überlebt hatte und seitdem noch weniger Nachsicht behielt für die Vermessenheit der Menschen, sie könnten Gott gleichen. Du Bartas verwarf, soviel an ihm lag, den Aufzug der Erzherzogin; hörbar sprach er vor sich hin:
«Vor allem, vor der Zeit, dem Stoff, Gestalt und Ort
War Gott in einem alles, trug alles in sich fort:
Unkenntlich und unendlich, mit unbewegten Mienen,
Ganz Geist, ganz Licht, unsterblich, niemandem
je erschienen,
Rein, weise, recht und gut —»
Genug, hier erregte Ärgernis ein Christ, der denn auch von allen Seiten unsanft angestoßen und zur Ruhe verwiesen wurde. Nahezu der einzige seinesgleichen nach dem großen Aufräumen, wollte er noch unstatthafte Vergleiche wagen mit seinem Gott, der allerdings nicht in goldenen Schuhen ging. Der Hof von Frankreich dagegen sah seinen Sieg verkörpert durch ein Idol, sah den Sieg wandeln in Glanz, Duft, Wohlklang, und war seitdem gesonnen, ihn auszurufen über Stadt und Land, soviel Katharina nur wünschen konnte.
Wer zweifelte dennoch ernstlich an dem Sieg? Außer den Christen gibt es die Empfindsamen. Der junge d’Elbeuf war geschaffen, je nach der Stunde zu handeln oder einem Gefühl nachzuhängen. Er hatte begriffen, daß Elisabeth neunzehn Jahre zählte so gut wie neunzig. Er betrachtet Karl den Neunten, wie er seiner Frau nachblickte mit dem Ausdruck, den alle zeigten: Unterwürfigkeit, und darin einiger Aberglaube mit einer Spur von Ironie. Elisabeth war dem König und seinem Hof zweimal vorgeführt worden: an der Schwelle des Gemetzels und gleich nachher. Und wenn Elisabeth über dunkle Treppen wieder hinabgestiegen ist in ihre traurigen Gemächer; ‹Wer umarmte sie›, dachte d’Elbeuf, während er neue Ehrenfräulein aufziehen sah. Schwebend erschien nochmals ein Baldachin.
Die Schau setzt sich prunkend fort — nur einer sah nichts, hörte und roch nichts von allem, was noch vorbeizog. Dieser roch Blut, hörte das Mordgeschrei; sah seine Freunde zum Haufen übereinandergeworfen, in Lagen, wie nur Kadaver. Den ganzen Abend hatte er sich beherrscht, hatte beobachtet, mißtraut und sein Heil gewahrt. Das geht nicht unbegrenzt: wir sind kein Philosoph, auch kein Mörder aus Berechnung, und bei uns ist es nicht kalt wie in der Kammer einer alten Frau. Ihm brannten vielmehr die Brust und der Mund; er verschmachtete, das allein empfand er unmittelbar. Sein umherwandernder Blick suchte zuerst einfach etwas zu trinken. Als er nichts fand, überkam ihn Erstaunen, weil es hier eng war, die Menschen ihm zu nahe. Das Gefühl der Bedrängnis durch die Leiber von seinesgleichen, er kannte es noch nicht, umringt hatte er immer gelebt. Auf einmal entdeckte er, was mit ihm vorging. Er haßte. Er erfuhr den Haß — wilder, ungebrochner als sogar in der Mordnacht.
‹Fallt alle tot um!› fühlte er, schob das Kinn vor und sah umher unter seiner geduckten Stirn, wie er nie vorher getan hatte. ‹Und sollte ich mit euch untergehen! Die Lepra — ich will mir die Lepra geholt haben. Noch bemerkt ihr das erste weiße Korn nicht auf meiner Haut, aber ich stecke euch an, bis ihr zerfressen seid zu eiternden Gruben! Alle — mit euren Gliedmaßen, die jetzt strotzen von meinen Toten! Mich habt ihr übriggelassen, damit ich euren Sieg mit ansehen soll, ausführlich, den ganzen Zug und euren Popanz in Gold! In wen schlag ich die Zähne?› — dachte er und spähte wählerisch nach dem Opfer. Nicht eins der Gesichter, mit ihrer Unterwürfigkeit, Frechheit, Ironie, genügte seinem Durst. Dein Blut, du mein heißbegehrter Feind!
Die Wange eines Neugierigen, der ihn anblinzelte mit deutlicher Vertraulichkeit: eine besonders schamlose Wange! Sie wurde nicht einmal zurückgezogen, als er schon zuschnappte. Er biß denn auch gehörig hinein. Den einen von zwei kämpfenden Bauern, in seiner Provinz, hatte er einst so zubeißen gesehen — was ihm wieder einfiel in dem Augenblick, als er selbst die Zähne aus der Wange zog. Ihm blieben davon sowohl Ekel als Genugtuung. Der Neugierige aber, er, dem das Blut bis über den weißen Kragen lief: warum schrie er nicht? Er hatte kaum gestöhnt. Jetzt sprach er — vertraulich, leise und immer noch in Atemnähe: «Herr König von Navarra. Sehen Sie wohl mein schwarzes Kleid, und was für ein langes bleiches Gesicht ich habe? Sie haben in einen Narren gebissen, denn ich bin hier der Narr.»
Dies hören, und Henri wich von dem Gebissenen, soweit die Enge es zuließ. Der allerdings rückte nach. Die blutende Wange deckte er zu und sagte hohl, aus rasselndem Innern: «Nicht sehen lassen, was wir zusammen gemacht haben! Ein Narr muß traurig sein, er muß das Unglück kennen und gerade dadurch überaus lächerlich erscheinen. Stimmt es? Dann können Sie füglich in meine Stellung eintreten, Herr König von Navarra, und ich in Ihre. Niemandem wird die Vertauschung auffallen.»
Schon war der Narr untergetaucht. Kein Mensch wußte, daß Henri mit ihm zu tun gehabt hatte. Ihm selbst kamen Zweifel. Er hatte hinter sich einige schrecklich verwirrte Augenblicke. Er nahm sich zusammen, um genau zu unterscheiden, was in der festlichen Wirklichkeit vorging am Hof von Frankreich. ‹Oh! das ist Margot.›
Dem Hof von Frankreich erscheint schwebend nochmals ein Baldachin. Darunter geht die Prinzessin von Valois, Madame Marguerite, unsere Margot. Sie mußte den Hugenotten heiraten; mittlerweile weiß jeder von uns, zu welchem Zweck und Ende es geschah. Ihre Heirat hat sich bewährt und ist gerechtfertigt. Wer zweifeln wollte, sehe die Königin von Navarra nur den Kopf tragen und die Füße setzen. Das ist nicht die zu Gold erstarrte Weltmacht, vor der wir uns hinwerfen sollen. Das ist die Leichtigkeit — als ob es leicht wäre, so schön zu sein. Aber unsere Margot triumphiert offenbar mühelos über sämtliche Fehler, ihre und unsere. ‹Heil Ihnen, Madame! Sie verklären auch uns durch alles, was Sie an sich vollbringen, und geben uns viel zurück: das unbeschwerte Gefühl; denn es hatte gelitten durch die vorige Nacht. Man muß gestehen, daß unsere sterbliche Hülle sich einigermaßen voll Blut gesogen hatte. Wir waren hineingefallen und schleppten daran noch. Sie, Madame Marguerite, verwandeln uns in den Schmetterling, flatternd durch reines Licht, schnell vergänglich und doch der unsterblichen Seele gleich. Wir wissen von zwei Göttinnen: Dame Venus und die Allerheiligste Jungfrau. Alle Frauen verdienen daher unseren unterwürfigsten Dank für erwiesene Begnadung und Erlösung. Seien Sie gesegnet!›
Wenn der ganze Hof so empfand, mußte doch ein Höfling der erste sein, es auszudrücken. Dies war ein Herr von Brantôme; er erlaubte sich, die schwebende Hand mit den Lippen zu streifen. Darauf drängten noch andere zwischen die Träger der Armleuchter und berührten die schwebende Hand. Margot als Beglückerin der Menge lächelte über sie hin, nicht ruhmreicher als nötig und eher gerührt. Ihre Füße waren klein, trugen scheinbar leicht, und das Gewicht ihrer Beine wurde von niemand abgeschätzt, obwohl mehrere hätten die eigene Erfahrung zu Hilfe nehmen können. Bevor man sich dessen entsann, wiegte ihr zarter Reifrock sich anderswo. Er war viereckig, schmal über dem Leib, sehr breit an den Seiten. Leise Farben schillerten und zitterten, die helle Hand schwebte hoch darüber — und so wäre auch Margot dort hinten in die Dunkelheit eingegangen. Sie aber dachte nicht daran, sie kehrte um, der ganze Zug mußte mit ihr schwenken: die Geiger, die Bläser, die Edelfrauen, Ehrenfräulein und noch andere Gestalten, sogar ein Affe.
Fast hätte Margot ihren Baldachin verloren, weil sie vorlief und jemand suchte. Den fand sie nicht — unter den Küssen aber, die ihre schwebende Hand erhielt, brannte einer sie auf so sonderbare Art, daß sie kurzweg stehenblieb. Die ganze Schau, die sie nachzog, bekam davon einen Ruck: man trat einander auf die Füße, auch den Affen, und er schrie, Margot stand und wartete. Der Mann mit dem brennenden Mund erhob das Gesicht nicht, obwohl sie ihre Hand darüber hinbewegte und leis einen lockenden Laut wagte. Indessen war sie die öffentliche Beglückerin, die durfte nicht länger verweilen bei einem einzelnen, dem es vielleicht nicht ganz gut erging. ‹Weiter, Margot! Vor und hinter dir sind nur Spioninnen deiner Mutter.›
Aus dem Vorzimmer des Königs, unmittelbar vor ihrem Entschwinden, sah sie noch einmal nach der Stelle. Da hatte ihr voriger Geliebter den Platz gewechselt und war nicht zu entdecken. Enttäuscht bog Margot um die Ecke, lächelte aber.
Sobald sie fort war, wurde nichts Gutes aus dem Aufzug, der nur ihretwegen zusammengehalten und sich ehrenvoll benommen hatte. Die Fräulein von leichten Sitten hatten schon beim Vorüberziehen ihre Begleiter für die Nacht erwählt und nahmen sie gleich mit. Eifersüchtige Edelleute zogen ihre Frauen aus der Menge hervor und wurden ausgelacht. Keine feierliche Schau, nur noch ein zuchtloses Gelichter stolperte durch den großen Saal. Die Musiker sprangen beim Aufspielen in die Luft, und die Kerzenträger löschten die Lichte, bevor sie ihnen umgeworfen wurden. Niemand konnte sich später erinnern, auf welche Weise es zu der folgenden Ausschreitung gekommen war und von wem das verhängnisvolle Wort war gerufen worden.
Vor allem war nirgends die aufgeforderte Person zu erblicken. «Wen suchst du dir aus für die Nacht?» Aber auch der Name «Große Bertha» fiel. Demnach handelte es sich um die Zwergin in ihrem Käfig. Große Bertha gehörte Madame Catherine; achtzehn Zoll war sie hoch und wurde, wo Gedränge herrschte, in einem Käfig getragen wie ein Papagei. Der Diener, der auf einer Stange den Käfig mit der Zwergin trug, führte auch den Affen. Schrie der Affe, schrie jedesmal die Zwergin mit, und ihre Stimme war tierischer. Sie hatte einen zu großen Kopf mit übermäßig gewölbter Stirn, ihre Augen standen hervor, und aus dem zahnlosen Mund rann Speichel. Gekleidet war Große Bertha wie eine Dame vom Stande mit Perlen in den dünnen Haaren. «Große Bertha! Wen suchst du dir aus für die Nacht?»
Das Wesen kreischte bei der Frage ganz gräßlich, besonders der Affe erschrak darüber und gab seiner Leine einen Ruck; der Diener, der sie hielt, wäre beinahe umgefallen. Jedenfalls ging die Tür des Käfigs auf; der Weg war frei für die Zwergin. Alles sah hier noch wie Zufall aus. Erst nachträglich fiel das Zusammentreffen der Umstände auf: der Affe, der ungeschickte Diener, der offene Käfig auf der Stange, vor allem aber das Angstgeschrei der Idiotin, als sie ihr Stichwort hörte. Die Hetzpeitsche der alten Königin hatte es ihr beigebracht, und in wildem Entsetzen führte sie aus, was ihr befohlen war. Gerade geriet sie an den König von Navarra — vielmehr, auch dieser Zufall enthüllte sich erst dem näheren Besinnen als vorausberechnet. Jetzt und hier glaubte man noch, daß die Große Bertha den Navarra selbst erwählt hatte, als sie sprang.
Sie hüpfte von oben an seinen Hals, strampelte, immer weiterschreiend, in die Öffnungen seiner Kleider hinein und war nicht loszumachen. Hatte er einen ihrer Füße aus dem Schlitz seines Ärmels gezogen, versanken ihre Hände um so tiefer in seinen Nacken. Bei seinen Bemühungen drehte er sich um sich selbst: sie tanzten! «Den hat sie für die Nacht ausgesucht, und er freut sich!» So war lange nicht gelacht worden am Hof von Frankreich.
Als Henri alles verloren sah, floh er natürlich. Hinter ihm bogen sie sich, stießen einzelne hohe Töne aus inmitten ihres Blöckens und Röchelns und sanken entkräftet zu Boden. Er aber jagte über Treppen und Gänge, die Zwergin am Hals. Er versuchte nicht mehr, sich ihrer zu entledigen. Ohnedies hatte sie sich schon naß gemacht, und um ihre Anhänglichkeit zu zeigen, leckte sie ihm die Wange. Dies war ein Lauf durch einen Traum verwegener Art. Niemand kam ihm entgegen, und nicht einmal die Lichte brannten heute in den Laternen aus Leinen. Der Mondschein allein streifte zuweilen das Abenteuer.
Er keuchte hörbar bei seiner Ankunft; der aufmerksame d’Armagnac öffnete sogleich. «Wie sehen Sie nur aus, Sire! Und wie riechen Sie!»
«Dies ist meine kleine Freundin, d’Armagnac. Es gibt davon nicht viele.» Und da sie nicht mehr seine Wange leckte, drückte er endlich einen Kuß auf die ihre. «Was aber den Geruch betrifft, d’Armagnac, er ist von allen heut empfangenen Düften und Dünsten der edelste und beste.»
Hierbei bekam er ein bis dahin unbekanntes Gesicht, hart und schrecklich.
Kriegskamerad d’Armagnac erschrak denn auch. Er nahte auf den Zehen, um die Zwergin abzunehmen; sie rutschte schon von selbst vor Müdigkeit. Dann verschwand er mit ihr. Henri betrat sein Zimmer allein. Er schob den Riegel vor.