Ein Misserfolg

Karl der Neunte machte keine Umstände, er ließ alle Fackeln an den Kronleuchtern befestigen und Pech auf die weißen Schultern der Damen träufeln. Alles lieber als Finsternis: sogar dies rotflackernde Licht der Unterwelt. Karl und sein Hof waren unzweifelhaft in die Hölle versenkt; der Gedanke kam jedem, und man spähte nach den Fenstern, ob noch die Raben flögen. Das wäre doch ein Zeichen gewesen, daß man oben auf Erden war.

Inmitten vermaß Karl sich wie ein Dämon. Er selbst in eigener Person, heut hatte er geschossen, von dem Balkon seines Hauses, auf fliehende Hugenotten! Er hatte sie absichtlich verfehlt, dessen rühmte er sich nicht. «Ha! Dem Galgen habe ich meinen Besuch abgestattet, daran schaukelt der Herr Admiral. Mein Vater!» brüllte er, wie die Hölle lacht. Einen Augenblick kam er zur Vernunft und wurde leise. «Der Admiral riecht nicht gut», sagte er — nahm Abstand von allem, was in der Welt schlecht duftet, und bekam den vornehmen Seitenblick wie auf seinen Bildern. So betrachtete er auch Navarra und Condé.

«Ihr Protestanten hattet konspiriert. Uns blieb nur übrig, uns eurer zu erwehren: so habe ich die ganze Sache meinem Parlament erklärt am heutigen Tage — das Blutgericht, das ich abhalten mußte in meinem Königreich; und dies und nichts anderes sollen meine Geschichtsschreiber der Nachwelt überliefern, ob sie es glaubt oder nicht.»

Darauf verlangte er zu trinken, denn sein Tag war überlastet gewesen; und als er hörte, Wein wäre nicht zu haben, warf er den Spieltisch um. Der neue Anfall dauerte, bis dennoch aus einem Winkel der Gesinderäume eine Art von Essig herbeigeschafft war. Karl schlürfte ihn aus dem Pokal von getriebenem Gold; rundum war zu sehen Diana als Jägerin mit ihrem Gefolge, die beiden Henkel aber formten mit ihren Bogen den Leib reizender Sirenen. Sauer schluckend musterte der Tolle seine protestantischen Vettern. Sauer macht lustig. «Da seid ihr», rief er. «Zwei künftige Kirchenlichter! Mein Wort, ihr sollt Kardinale werden!» Die Aussicht bereitete ihm unbändiges Vergnügen. Diesmal lachte mit ihm sein ganzer Hof, aufgestellt in einem Kreis um den vereinzelten Spieltisch, darüber hin loderten Fackeln. Karl saß breit dahinter; sein Bruder d’Anjou fürchtete seine Anfälle, er begnügte sich mit der Kante des Stuhles. Was die beiden Ketzer betrifft, sie standen, senkten die Köpfe und erduldeten das Gelächter.

Der fünfte Spieler verlangte: «Anfangen.» Es war Lothringen. «Setzt euch», befahl er den beiden Opfern. Dann gab er Karten, jedem vier, das Spiel hieß Prime. Die fünf betrachteten ihr Blatt, und auch der Hof im weiten Umkreis versuchte hineinzuschielen. Der Hof, das war die Seide in allen Farben, gestreift, mit Wappen bestickt. Das waren kurze Gestalten mit glänzenden Bäuchen, und lange, die auf Stühlen zu stehen schienen, so hoch ragten sie aus dem Hintergrund. Die Beine waren unten dünn und oben wie Tonnen, auch die Ärmel blähten sich um die Schultern, und auf den gespreizten Halskrausen lagen Köpfe jeder Gattung zwischen Geier und Schwein. Launisch waren beleuchtet ihre Höcker oder Auswüchse. Sie alle aber starrten angestrengt auf das königliche Spiel.

«Navarra, wo hast du meine dicke Margot?» fragte Karl, während er ausspielte. «Und warum zeigt meine Mutter sich nicht, da sie euch Hugenotten hat mit Leimruten gefangen? Ja — und alle Damen des Hofes?» Plötzlich hatte er bemerkt, daß nur wenig Weiblichkeit verteilt war über den Umkreis seiner Zuschauer.

Sein Bruder d’Anjou flüsterte ihm etwas zu. Karl selbst verschmähte es durchaus, die Stimme abzuschwächen. «Die Königin, meine Mutter, empfängt soeben die fremden Gesandten. Sie sind in ihrem Kabinett erschienen — alle auf einmal. So ist es. Bei mir sich anzumelden, vergaßen die Herren. Übrigens haben wir nichts bemerkt von ihrem Aufzug. Sie sind sehr leise aufgetreten; die Gesandten der großen Mächte kennen auch das große Geheimnis, sich unsichtbar zu machen.» Gelassen warf er seine zweite Karte hin; sein Gehaben sah nach stiller Verachtung aus, es konnte heißen: Ich weiß, was gespielt wird, und nur mit Abstand spiele ich mit.

Lothringen gab vier Karten. Das Spiel hieß Prime, und eine Anzahl Punkte gewann, wer von allen vier Sorten je ein Blatt hatte. Navarra deckte sein Spiel auf und zeigte die vier verschiedenen Blätter. «Henri», sagte auf einmal der andere Henri aus dem Hause Guise. «Dies wirst du hören wollen. Es steht dermaßen, daß für mich die Gesandten nicht unsichtbar sind. Sie haben ihre Verwunderung ausgesprochen, weil wir gerade dich haben am Leben gelassen.» Eine leere Herausforderung, da dieser Guise der letzte war, mit dem ein Gesandter sich heute hätte blicken lassen. Henri Navarra antwortete damit, daß er schon wieder seine Karten umwendete: von den vier Sorten je ein Blatt.

Als er es gleich darauf zum dritten Male tat, fuhr jemand aus der Haut: d’Anjou. Er erlaubte sich auf den Tisch zu hauen trotz seiner Furcht vor den Anfällen Karls; jetzt hatte er selbst einen. Dahin waren Heiterkeit und Gnade des Siegers. Die Gesandten kamen niemals. In Wirklichkeit wurde Madame Catherine verzehrt von Ungeduld nach ihren Glückwünschen. Ohne eine fremde Anerkennung traute sie sich nicht hervor und ließ auch Margot nicht. Guise an seinem Teil zeigte das unverschämte Gesicht des Volkslieblings und verblüffte die Leute durch die Haltung seiner wuchtigen Gliedmaßen noch mehr als mit seinen Aufschneidereien. Karl der Neunte aber, weit entfernt, dem Burschen eine Lehre zu erteilen, freute sich. ‹Der heimliche Hugenott› — empfand sein Bruder haßerfüllt. D’Anjou fühlte, daß der Hof die Lage zu begreifen anfing. Das waren Gesichter sorgenvoll: wohin sich wenden, woran sich halten — Gesichter von Verrätern. Zu denken, daß auch die Stadt eingeschüchtert war und die Bartholomäusnacht halbwegs verleugnete wie der Hof! Das herrliche Gefühl des liebsten Sohnes schlug um in eine solche Erbitterung, daß er aufschluchzte. Dies war nun der Lohn kraftvoller Taten. Dafür hatte man die Menschen aus erbärmlichen Zuständen herausführen wollen in erhebende, hatte abgelegt zum erhebenden Zweck sowohl das Gewissen als auch die Menschlichkeit. Hatte sich selbst enthoben den Pflichten des Christen und den Geboten der Wahrheit. Das hatte er getan; er, d’Anjou, erzogen von Priestern und Humanisten im Collegium Navarra, wußte völlig Bescheid über sich. ‹Ich bin nicht Guise, der sich vor Stolz auf seine Gliedmaßen nicht kennt. Ich habe mich zum Manne der Bartholomäusnacht gemacht!› Das ist verzeihlich nur im Fall des Erfolges. Dies aber wird stündlich mehr zum Mißerfolg.

Die Fackeln waren verbrannt und abgetropft; von Finsternis belagert, saß nur noch die königliche Spielpartie im ungewissen Schein. D’Anjou wollte zum zweitenmal auf den Tisch schlagen, er wollte ihn umwerfen, so gut wie sein Bruder, wenn er Anfälle hatte. Inzwischen gab Lothringen Karten, da blieb die Faust des Thronfolgers in der Luft hängen: Navarra zeigte unabänderlich seine vier verschiedenen Blätter. «Hexerei», knurrte Karl. Der Hof gab ein langgestrecktes Summen von sich, darin waren zu unterscheiden Wohlgefallen und Wehgefühl. Es ist spannend, einem erstaunlichen Vorgang beizuwohnen. Aber bestimmen, was er bedeutet, kann gefährlich sein.

Dieser Sorge wurde der Hof enthoben. Die königliche Partie war plötzlich vergessen, jeder andere Vorgang setzte aus angesichts eines neuen. Im Vorzimmer erschienen Pagen mit Armleuchtern voll brennender Kerzen — immer mehr Träger von voll besteckten Kandelabern, und die Wachslichte waren auf einmal unzählig in dem Schloß, das vor kurzem kein einziges hatte herausgeben wollen. Der erleichterte Hof drängte zum Ausgang, dort wurden die Edelleute von Wachen zurückgestoßen; indessen, das Ereignis wuchs zusehends und erstreckte sich weiter. Hinter dem Vorzimmer sah man auch das Paradezimmer des Königs besetzt mit Reihen von Knaben. Ihre halblangen Haare schimmerten von Flammen, die sie vor sich hielten, und es glitzerte der Silberstoff auf ihrer Brust. Ja, die jenseitige Tür des Paradezimmers füllte sich gleichfalls mit Helligkeit. Um die Ecke lagen die Gemächer der Königin, man übersah sie nicht; und ein unbekannt nahendes, grenzenlos verstärktes Strahlen wie das des Paradieses und der unbegreiflichen Versprechungen — es erregt Herzklopfen, man äußert sich darüber laut, wenn man so gedrängt steht wie der Hof, im Rücken das erlöschende Flackern des großen Saales. «Herr Ritter, das Herz klopft mir.» — «Selbst mir, Madame. Was geht da vor?»

Gerade so wollte es Madame Catherine: dies war von ihr vorausberechnet. Denn Madame Catherine befand sich zwar in der Unruhe, die auch ihr Sohn d’Anjou bei ihr vermutete, infolge der Abwesenheit der Gesandten. Er konnte gleichwohl wissen, daß Enttäuschungen seine Mutter keineswegs verwirrten oder ihrer Mittel beraubten. Anders als die Mehrzahl wurde sie in Augenblicken der vergeblichen Erwartung nicht erregt, sondern ruhig bis zur Stumpfheit, und zeitweilige Fehlschläge bereicherten sie nur um neue Erfindungen.

Madame Catherine, eigentlich Katharina von Medici, hatte während ihrer Bartholomäusnacht mehrmals beträchtliche Furcht gehabt: es war zu erklären aus der Menschennatur. Lange geplant und achtsam angeordnet, können so besondere Unternehmungen dennoch immer auch anders enden. Genug, Madame Catherine, eigentlich Katharina von Medici, hatte, allerdings am Stock schleichend, zu ihren stämmigen Leibwächtern hinaufgeäugt, um zu ermessen, wie lange diese Schweizer und Deutschen gegebenenfalls ihr Zimmer halten und ihren teuren alten Leib noch schützen könnten gegen eindringende Hugenotten. Aber in ihrem Schrank hatte sie hantiert nicht nur im Hinblick auf ihre Feinde, sondern auch auf ihre Wächter. Ob es nicht gesünder für sie selbst wäre, wenn die rüstigen Männer infolge eines herzhaften Trunkes alle reglos am Boden lägen? Dann ließe sich mit einigen geschickten Stichen und Schnitten ein Gemetzel vortäuschen, und jeder hätte geglaubt, die Königin wäre verschleppt und abgetan. Währenddessen hätte sie in einem ihr allein bekannten Versteck auf ihre Zeit gewartet; und die konnte nicht ausbleiben.

Alle Irrtümer der Menschen wie auch die Fehler der Geschichte rührten daher, daß vergessen wurde, wofür die Welt und auch dies Land bestimmt waren: beherrscht zu werden, unweigerlich und unumstößlich, von Rom und vom Haus Habsburg. Der Florentinerin war es ein für alle Male bekannt. In Lagen, wenn sogar ihre Söhne ihr widerstrebten, drohte sie zurückzukehren in ihre Stadt. Indessen dachte sie daran niemals, sondern erachtete sich als ein wichtiges Werkzeug der Weltmacht, entsandt, um auch Frankreich ihr einzuordnen, zu seinem eigenen Wohl natürlich und besonders zum Besten des regierenden Geschlechts. Die französischen Protestanten hielten diese Frau in reiferen Jahren für eine höllenhafte Verbrecherin. Sie handelte aber sogar während der Bartholomäusnacht mit bestem Gewissen — nicht wie ihr Sohn d’Anjou, der mit den Humanisten des Collegiums Navarra erst fertig werden mußte in seinem Herzen.

Seine Mutter wußte sich auf dem rechten Wege: das ist der Weg des Erfolges. Noch sehr lange sollte es dauern, bis sie ihrerseits sich überzeugte, daß die Bartholomäusnacht ein Mißerfolg gewesen war. Da lagen ihre Söhne in der Grube, das Königreich brannte, blutete, zerfiel — aber auf dem Anmarsch zum Thron war der Retter, ein kleiner Prinz aus dem Süden. Einst hatte sie ihn eingefangen, Lockvogel war ihre Tochter Margot gewesen.

Hier sitzt er, seht her! Ist seiner Freunde beraubt, seiner Soldaten, ist machtlos und ein Gespött. Sogar seine Glaubensgenossen werden ihn verachten, wenn er ihr Bekenntnis abgeschworen haben wird, und das soll nicht ausbleiben! Der Schwiegersohn der Königin von Frankreich zu sein, ist er auch nicht mehr wert, der arme Narr. Der Hof soll ihn auslachen — beschließt die kluge Frau in reiferen Jahren. Das ist rätlicher, als ihn umzubringen. Die Königin von England hört lieber, daß er komisch, als daß er tot ist. Ich habe ihr berichtet, überzeugend genug: sie wird die Bartholomäusnacht schlucken wie einen Verkehrsunfall — wenn denn die Ketzerin nicht erkennen kann, was für eine reinigende Tat das ist! Zum Teufel mit den Gesandten, die heute ausbleiben. Sie werden sich wegen ihres Zögerns noch entschuldigen. Inzwischen allerdings darf man Zweifel nicht aufkommen lassen. Große Erfolge können zuerst wohl Störungen unterliegen. Schnell, Gegenmaßnahmen! Den Hof in gute Laune versetzt, damit er weiterspricht, welcher Glanz auf das Schloß Louvre fällt von unserem großen Sieg!

Sogleich kommt Leben in Madame Catherine, und sie entsendet Befehle. Vor allem schickt sie nach ihrer Schwiegertochter, der Erzherzogin — einem Ausstattungsstück, das selten vorgeführt und gewöhnlich nur aufbewahrt wird in einem stillen Flügel des Erdgeschosses — eigentlich wären es die Räume der Königinmutter, aber die bewohnt die stattlicheren hier oben. Mit dem Anzug ihrer Tochter Margot beschäftigt sie selbst sich. Alle Perlen, die blonde Perücke und das Diadem, die Kränze und Lilien aus Diamanten — kalter Friedhof der Liebe, darunter soll wandeln die ganz groß dargestellte Schönheit. Nein, nicht das Kleid aus Goldstoff! Gold ist einem anderen Sinnbild zugedacht. Da die Tochter auf ihrem Prunkstück beharrt, fliegt ihr die Mutterhand fest und sicher ins Gesicht; die Wange muß nochmals geschminkt werden. Dann läßt die Alte sich eine Hetzpeitsche bringen — oh! nicht für die Prinzessin, die ist besänftigt. Noch ein besonderes Geschöpf wird benötigt und soll abgerichtet werden. Keine Zeit versäumt, schon sind die beiden Reihen der Pagen mit ihren Armleuchtern vorgeschoben bis gegen den großen Saal. Aber ein feierlicher Strahl der Allerhöchsten Majestät trifft aus unerkennbaren Gegenden den Hof und erschreckt ihn. Seine ältesten Edelleute sind vorbereitet auf abergläubische Begebnisse wie Kinder vom Lande. Dies ist der Augenblick. Musik!