Mich aber haben sie

Er sah sich um. Zugegen war nur d’Armagnac, der nichts gehört hatte oder so tat. Der Erste Kammerdiener hielt die Hand auf dem Türgriff, ohne ihn umzudrehen. Dies erfolgte erst, als sein Herr unzweifelhaft in die Gegenwart zurückgekehrt war. Das geöffnete Vorzimmer wies zwei Edelleute auf; sie standen vor der Schwelle, bereit, den König von Navarra mitzunehmen, nicht wohin er befahl, sondern wohin sie Auftrag hatten. In dieser Haltung warteten Herr de Nançay, den Henri geohrfeigt hatte, und Herr de Caussens, einer der Mörder des Admirals. Auf sie trat Henri zu, ohne Überwindung wie es schien, ja ohne das volle Bewußtsein der Lage, denn er ließ ein harmloses Lachen hören. Sogleich entschuldigte er sich deswegen durch einen frommen und betretenen Ton. «Gehen wir von hier geradeaus zur Messe?» fragte er und stellte sich von selbst in die Mitte. «Die Stunde ist günstig, da wir alle nüchtern sind wie noch nie. Oder haben die Herren seit gestern etwas zu essen bekommen? Ich nicht einmal ein Blatt Salat, und das fällt mir schwerer als alle anderen Zumutungen an meine Natur.» — Bis zu ihrer Ankunft im großen Saal des Louvre hielt er noch mehrere unverantwortliche Reden, zwischen denen er vergebens Pausen für eine Antwort ließ. Ernstlich war er inzwischen beschäftigt, herauszufühlen, warum sie schwiegen. Nur, weil sie auf diesem Wege seine Wächter waren, er aber ihr Gefangener? Sie hatten noch andere Gründe, die mußte er unterscheiden. In der Kenntnis dieser Menschen war sein Heil.

Zuerst erblickte man nur Rücken. Aus allen Fenstern lehnten Personen, und andere suchten sie zu verdrängen, um selbst hinauszusehen. Am Himmel schien auf einmal völlige Nacht zu sein, und bei den Menschen herrschte eine Aufregung, die auch Henri und seine Begleiter sofort ergriff. Diese ließen ihn stehen. Er selbst fand neben sich d’Alençon, den jüngsten Bruder des Königs. Der Mann mit den zwei Nasen, wie er wegen seines Auswuchses genannt wurde, nickte vielsagend. Sein Vetter Navarra mußte ihn ausdrücklich fragen, was draußen vorging. Hierauf erwiderte der Vetter ein Wort — und schnell war sein Blick anderswo. «Die Raben», hatte er gesagt.

Da erkannte Henri die Ursache der unvermittelten Verdunkelung: ein großer Schwarm der schwarzen Vögel ließ sich auf den Louvre nieder! Ein Geruch, der ihnen angenehm war, hatte sie angezogen von fern, als noch die Sonnenhitze ihn verstärkte; aber sie hatten ihre Stunde erwartet. Der Mann mit den zwei Nasen äußerte: «Für die ist hier gesorgt worden» — warf es nur hin, wechselte die Stellung und kehrte im Kreise zu seinem Vetter zurück, nicht ohne wachsame Kopfbewegungen, wer etwa aufpaßte. «Für sonst niemand», ließ er fallen und verschwand auf eine Weile hinter den Drängenden. Ein schöner Mensch, Bussy, murmelte wie für sich selbst: «Nicht auf ihn hören! Ist etwas verrückt. Das sind wir alle.» Worauf auch er wieder untertauchte.

Allmählich kehrten viele aus den Fenstertüren in das Innere zurück. Die meisten Gesichter waren bleich und trugen Wunden oder Beulen; die Schwellung an der Stirn Navarras war nicht die einzige. Manche Augen verrieten das innere Schaudern, eine Fremdheit der Menschen mit sich selbst; und gewisse Hände schienen verlegen um ein Versteck. Sie wurden über der Mitte des Körpers einigermaßen krampfig vereinigt, ohne deutlichen Grund aber verließ die eine der Hände die andere und fuhr nach dem Sitz des Dolches. Henri lachte mehrere Verstörte einfach aus. «Ich habe schon mal solches Federvieh gesehen», erklärte er. «Ohne so etwas kein Schlachtfeld.»

Jemand, der für sich allein quer durch den Saal ging, sagte: «Ein Schlachtfeld ist nicht dasselbe wie der alte Hof oder Brunnen des Louvre.» Das war Du Bartas; er sah sich nicht um nach seinem Herrn und Freund. Henri rief ihm nach: «Wir beide liegen nicht in dem Brunnenschacht. Darauf kommt alles an: nicht darin zu liegen.» Hierbei lachte er — offenbar aus kindischer Unkenntnis der wirklichen Umstände; oder kann Gutmütigkeit so weit gehen? Die Nächsten wendeten sich fort, um nicht zu zeigen, was sie dachten. Nur Du Guast, ein Liebling des Thronfolgers d’Anjou, tat sich frech hervor. «Wie leicht, Sire, konnte Ihnen dasselbe zustoßen!» Dann allerdings machte auch er, daß er hinüber und durch einen Ausgang gelangte. Keiner hielt lange am Platze aus, alle bewegten sich, aber fast nie gemeinsam. Wer soeben mit jemand gesprochen hatte, brach ab, verschloß seine Miene und entfernte sich allein. Die beiden Mörder de Nançay und de Caussens hatten mittlerweile veränderte Gesichter; die finstere Ratlosigkeit stand darin; und auf einmal trennten auch sie sich.

Die ganze Länge des großen Saales, mitten hindurch unter den zwanzig Kronleuchtern schritt der Herzog von Guise in voller Pracht und mit reichem Gefolge. Dem stolzen Henri Guise in den Weg trat erstaunlicherweise Henri Navarra — faßte den anderen genau ins Auge und winkte mit der Hand: wer es sah, hielt den Atem an. Indessen geschah, daß Guise zurückgrüßte und sogar auswich. Nachträglich besann er sich und stieß hervor im Ton des Triumphes: «Gruß vom Admiral!» Dies hören, und alles flüchtete. Lothringen trat stark auf, aber sein Schritt verhallte in der Leere.

Henri machte sich, wie die anderen, weniger sichtbar, bis vielleicht nochmals eine Menge zusammenlief. Es konnte nicht ausbleiben, bei der allgemeinen Neugier, dem Mißtrauen, der Unsicherheit. Im Augenblick drückte man sich nur an den Wänden hin, und zu Henri schlich heimlich sein Vetter Condé. «Weißt du?» fragte er.

«Ich bin Gefangener, was weiter? Schwer zu erraten — obwohl ich dem Guise ins Gesicht geblickt habe.»

«Guise hat dem Herrn Admiral, als er tot war, in das Gesicht getreten. Ich sehe dir an: dies wußtest du nicht. Für uns fürchte ich das Schlimmste.»

«Dann hätten wir es verdient. So dumm wie wir darf niemand sein. Wo ist meine Schwester?»

«In meinem Hause.»

«Sag ihr, daß sie recht gehabt hat, aber daß ich entkommen werde.»

«Ich kann ihr nichts ausrichten, denn auch ich darf nicht aus dem Louvre. Die Wachen sind verstärkt, wir werden nicht entkommen.»

«So bleibt uns nichts anderes übrig, als zur Messe zu gehen?» fragte Vetter Navarra. Vetter Condé, der bei dem Wort noch jedesmal gewütet hatte die vorige Nacht, jetzt beugte er den Nacken und seufzte. Dennoch entsetzte ihn der Leichtsinn des Vetters Navarra, denn der rief aus: «Hauptsache, man lebt.»

Dabei blieb er, als wieder mehr Leute sich einstellten. Er sagte: «Herr de Miossens, Sie leben! Ist das nicht die größte Überraschung Ihres Lebens?» Er rief aber auch: «Herr de Goyon, Sie leben» — und dieser lebte gar nicht, er war nicht hier im großen Saal, er lag im Brunnen des Louvre als ein Fraß der Raben. Wer Navarra so sonderbar sprechen hörte, wandte sich fort mit ungleichen Mienen: die einen drückten Besorgnis, Schuld oder Mitleid aus, die anderen nur Verachtung. Henri indessen ließ sich einfallen, sein ewiges «Sie leben!» sogar an den Thronfolger d’Anjou zu richten. Da erkannte man endgültig, daß er auch nach der Bartholomäusnacht ein unbedachter Spaßmacher geblieben war. Man bezeugte es ihm mit einem Lachen der Erleichterung, mißbilligend war es nebenbei. Er unterschied alles, er merkte sich jeden — während sie meinten, er dächte an Witze.

D’Anjou traf gerade ein, und in sehr guter Stimmung: davon wurde es weniger schwül in dem Schloß, das auf einmal höher aufragte zu dem Augustabend. D’Anjou endlich benahm sich wie ein Sieger, heiter und gnädig: «Ob ich lebe! Zum ersten Male lebe ich wirklich; denn mein Haus und Land sind dem größten Unheil entgangen. Navarra, der Admiral war unser Feind, und er betrog dich. Sein Sinn stand nach der Vernichtung des Friedens in Frankreich und der übrigen Welt. Er plante Krieg mit England und verbreitete das Gerücht, die Königin Elisabeth wollte uns Calais wegnehmen. Wahrhaftig, der Admiral mußte sterben. Alles übrige ist davon die leidige Folge, eine Kette von Unglücksfällen, die Auswirkung alter Mißverständnisse und ganz vergeblicher Feindschaften, die wir begraben und zu den Toten legen wollen.»

Die letzten, unglücklich gewählten Worte machten dem empfindlichsten der Hörer etwas übel. Sonst aber erschien die Rede ausgezeichnet durch die Absicht des Besänftigens und wohltuenden Vertuschens. Eben hiernach hatte man sich dringend gesehnt. Andererseits war die Rede lang gewesen; d’Anjou spürte Durst, und auch von einer zu starken Aufmerksamkeit schmachtet man. Als aber Wein gebracht werden sollte, stellte sich heraus, daß der Louvre auch nicht einen Tropfen enthielt. Die Vorräte wurden nur Tag um Tag gekauft. Die gestrigen waren völlig draufgegangen nach dem Mordgeschäft, und heute? Heut war kein Tag gewesen. Niemand hatte an Wein gedacht, so wenig wie an Fleisch, und nicht einmal die gemeinen Wirtshäuser wagten offenzuhalten. Der Thronfolger und der Hof mußten trockene Kehlen erdulden. «Darum aber brauchen wir doch nicht im Dunkeln umherzuhuschen wie Schatten», bemerkte d’Anjou und befahl, die zwanzig Lüster zu beleuchten. Merkwürdig, auch das war keinem eingefallen.

Die Haushofmeister schickten Diener aus, die sich laufend entfernten und im Schritt wiederkamen, die Hände meistens leer. Nur stückweise wurden Kerzen aufgefunden — nach der vorigen Nacht, in der alle niedergebrannt waren beim Heulen des Mordgeschreis. Einige Zeit lang wurde es im Saal noch immer dunkler. Auch die Bewegungen der Personen schliefen ein, und die Stimmen sanken. Jeder stand allein, erkannte nur mit scharfem Auge, wer sein Nachbar war, und wartete unbestimmt. Eine Dame schrie hoch auf. Sie wurde hinausgetragen, seitdem aber war offenkundig, daß die wohlgesetzte Rede des königlichen Bruders im Grunde nichts verändert hatte. Henri, der zwischen ihnen hindurchschlich, hörte flüstern. «Wir haben in der Nacht zu viel oder zu wenig getan.»

Auch hörte er antworten: «Der heißt nun einmal König. Hätten wir auch ihn noch mitgenommen, wir bekämen es mit allen Königen der Erde zu tun.» Danach begriff der König von Navarra von seinem Schicksal einiges mehr. Besser als andere, die nur munkelten, erfaßte er in der vorher vernommenen Rede seines Vetters d’Anjou den tiefen Sinn und die eigentliche Herkunft. D’Anjou kam, als er hier eintraf, von seiner Mutter, das war das Geheimnis! Madame Catherine saß im verwahrten Zimmer an ihrem Schreibpult, entwarf mit der eigenen fetten Hand Buchstaben, die so zerfahren waren, wie sie selbst gesetzt schien; und schrieb sie der Protestantin in England, dann war es eben dies: «Der Admiral hat Sie betrogen, liebe Schwester, nur ich allein bin Ihre Freundin.» — ‹Alles auf einen Toten schieben — so entzieht man sich der Verantwortung von Greueltaten; und die Welt, die für Greuel nicht gern mitverantwortlich ist, darf sich beruhigen, was sie auch vorzieht. Das alles geht die Toten an. Und mich!› dachte Henri. Geschützt von Nacht und Finsternis, ließ er endlich sein Gesicht in die wahren Züge fallen. Sein Mund verzerrte sich, und seine Augen sprühten Haß.

Gleich darauf unterdrückte er alles, nicht nur den Ausdruck, auch das Gefühl: denn es wurde Licht, Diener auf Leitern zündeten endlich einige Kerzen an; die warfen einen schwachen Schein in die Mitte des Saales. Die Menge der Höflinge machte: «Ah!» — wie noch jede Menge gemacht hat nach einem Warten im Dunkeln. Zu Henri Navarra trat sein Vetter d’Alençon. «Henri», begann er. «So geht das nicht. Wir müssen uns aussprechen.»

«Das sagst du jetzt, da es hell wird?» erwiderte Henri ihm.

«Ich sehe, daß du mich verstehst», bestätigte ihm der Mann mit den zwei Nasen. Er wollte ganz deutlich machen, daß er nicht dumm wäre. «Verstell dich weiter!» verlangte er ausdrücklich. «Auch ich muß den guten Sohn und Katholiken spielen, insgeheim aber trete ich nächstens zu deiner Religion über. Man ahnt noch nicht, wie viele das tun werden nach allem, was geschehen ist.»

«Ich soll wahrscheinlich im ganzen Louvre der beste Katholik sein», entgegnete Henri.

«Mein Bruder d’Anjou bläht sich: es ist kaum noch auszuhalten! Held des Tages, hat sein Ziel erreicht, ist heiter und gnädig.»

«Schwärzliche Geister umschweben ihn nicht länger», ergänzte Henri.

«Der Liebling unserer trefflichen Mutter, jetzt ist für ihn die Bahn frei. Nur unser toller Bruder Karl braucht noch zu sterben. Hast du Lust, Navarra, das mit anzusehen — ohnmächtig knirschend? Ich nicht. Laß uns fliehen und das Land aufrufen! Ohne Zeitverlust!»

«Ich habe allerdings schon einmal versäumt, den Guise zu erdolchen» — dies entfuhr dem Vetter Navarra, bevor er seine aufgebäumte Wut im Zaum hatte. Alsbald besann und faßte er sich. ‹Dem Mann mit den zwei Nasen durfte man nicht weit trauen. War er nicht falsch, dann jedenfalls zerfahren wie die Buchstaben seiner Mutter›, dachte Henri. ‹Auf ihn kein Pläne bauen›, dachte er. ‹Ihm mich nicht verraten!› — «Für dies Versäumnis aber danke ich Gott», schloß er den angefangenen Satz über die Erdolchung des Guise.

D’Alençon beachtete gar nicht mehr, daß der Vetter es an Offenheit fehlen ließ. Für seinen Teil packte er alles aus: «Du wirst es nicht glauben, aber sie erwarten heute abend die fremden Gesandten. Der päpstliche Legat und der Vertreter Don Philipps von Spanien sollen kommen und ihnen ihre hohe Befriedigung ausdrücken über die gelungene Bartholomäusnacht. Glückliche Verbrecher vergessen immer ganz den Gegenstand ihres Glücks, der doch abstößt. Madame Catherine ist angekleidet und wacht. Ah! Gehen wir ein Stück weiter. Hier herum hat die Wand ein künstliches Echo, man hört es im Zimmer meiner verehrten Mutter. Unser Gespräch könnte sie bedenklich stimmen.»

«Ich habe nichts gesagt», stellte Henri fest.

«Ich hasse d’Anjou», war die Antwort des Bruders.

«Was willst du von ihm, Franz? Mich soll er nur leben lassen.» Henri sah absichtlich niemals hinüber; dennoch entging ihm nicht, daß unter dem einzigen brennenden Lüster ein Spieltisch aufgestellt wurde. D’Anjou rief auch schon: «Mein Bruder d’Alençon! Mein Vetter Navarra!»

«Gleich, mein Herr Bruder!» beschied ihn Franz von Alençon. «Wir beide erzählen einander etwas Wichtiges.» Was man so gradheraus sagt, kann unmöglich eine Verschwörung sein! Die Vettern brachten noch einigen Abstand zwischen sich und ihre Umgebung. D’Alençon versah seine Reden mit gewissen schroffen und sinnlosen Bewegungen. Einmal schien er ein Gewehr anzulegen. Einmal griff er nach dem Boden, vielleicht ließ er eine eingebildete Meute von der Koppel. «D’Anjou ist verrückt», sagte er. «Alle sind verrückt. Nicht nur den Legaten erwarten sie, und auch das Lob, das Don Philipp ihnen spenden soll, genügt ihnen noch nicht. Sie träumen von nichts Geringerem als dem Besuch des Engländers Walsington. Wer bedenkenlos durchgegriffen hat gegen einen Schwächeren, der meint merkwürdigerweise immer, England müßte ihn dafür lieben.»

Henri sagte: «Vetter d’Alençon, wenn du so vieles durchschaust, warum übersiehst du immerfort das Haus Lothringen. Es will euch Valois vom Thron stoßen. Ich bin euer guter kleiner Verwandter und möchte euch warnen. Soll die Bartholomäusnacht eine christliche Tat sein und das Königreich durch Schrecken zusammenhalten, dann vergeßt nicht, daß Paris in Lothringen schon vorher den größeren Katholiken erblickt hat. Wie erst jetzt, da er dem toten Herrn Admiral hat ins Gesicht getreten!» So sprach Henri fast unhörbar, damit er nicht etwa versehentlich aufschrie oder die Stimme ihm bräche.

D’Alençon wiederholte: «Guise hat dem toten Admiral ins Gesicht getreten, und davon bleibt er selbst gezeichnet. Ihn fürcht ich nicht. Der schöne Mann, den Paris auf Händen trägt! Wie bald ist so ein Gesicht entstellt — auch seins. Hoffen wir: von der Pest!»

Alles dieses wurde begleitet von schroffen und sinnlosen Bewegungen.

«Übrigens», meinte Vetter d’Alençon «wir sind außerhalb des Lichtkreises, und wer nicht recht zu sehen ist, dem hört auch niemand zu — außer den berufenen Spionen meiner Frau Mutter. Sie ist aber heute abend ungewöhnlich beschäftigt und hat sogar vergessen, uns ihre Ehrenfräulein zu schicken.»

Henri schloß: «Ich erlaubte mir nur eine Warnung an Haus Valois. Ich meinte es gut, und meine Achtung vor der Königinmutter ist unbegrenzt.»

Darüber lachte der Vetter, wie über den letzten Witz einer erfreulichen Unterhaltung. «Du hast dich keinen Augenblick verraten, lieber Vetter: ich bezeuge es dir. Ich habe mich in deine Hand begeben und du dich nicht in meine. Indessen kennen wir einander jetzt, und was magst du sonst noch alles gelernt haben heut abend!»

Auch das war richtig. Dieser erstaunliche Irrwisch Franz war indessen verschwunden von der Seite seines Vetters, fortgetragen von einem Schub Höflinge, die nach dem Vorzimmer drängten. Dort entstand schwankendes Fakkellicht, große Schatten stürzten über den Weg, und sehr laut wurde alsbald die Stimme der herannahenden Majestät Karls des Neunten. Er grölte und schien nicht übel toll zu sein. Der sich selbst überlassene Navarra bedachte: ‹Auch ihn werd ich belügen müssen, und er hat mir doch das Leben gerettet. Das nächste Mal wird selbst er es nicht mehr können. Ich weiß, was mir droht: ich habe dem Guise ins Gesicht geblickt. Ich kenne auch die Miene der alten Mörderin, die sich nicht zeigt, bevor die fremden Gesandten aufwarten — und sie warten nicht auf. Die Bartholomäusnacht war ein Mißerfolg, mich aber haben sie. Das kann nett werden. Was, Madame Catherine und Guise! Alle, alle hab ich studiert heut abend, daß mir der Kopf sich dreht wie von zu vielen Büchern.›

Er bewegte sich von der Stelle, ging durch den vorspringenden Fackelschein dem König von Frankreich entgegen, setzte auch rechtzeitig sein angenehm leichtsinniges Gesicht auf. Heimlich schauernd von Furcht und Haß dachte er: ‹In der Kenntnis dieser Menschen ist mein Heil.›