Faciuntque dolorem

Zwei Hände drückten ihn auf einen Sitz. — «Ruhe, Sire! Besinnung, Vernunft und Gleichmut der Seele — es sind christliche Tugenden wie auch Vorschriften der alten Philosophen. Wer sie vergißt, wütet gegen sich selbst, wobei ich Sie noch rechtzeitig überraschte, mein lieber junger Herr. War aber dessen nicht gewärtig von Ihnen — nein, von Ihnen nicht dessen, sondern eher, daß Sie die Bartholomäusnacht mit zuviel Nachsicht aufnähmen und, wie soll ich sagen, mit einer lachlustigen Verachtung. Als ich das erstemal zur Tür hereinsah, lagen Sie allerdings auf den bloßen Dielen, schliefen aber, und Ihr Atem ging so friedlich, daß ich bei mir meinte: ‹Stören Sie ihn nicht, Herr von Armagnac! Er ist Ihr König, und diese Nacht war schwer. Wenn er erwacht, hat er alles überwunden, und wie Sie ihn kennen, macht er einen Witz.»›

Diese lange Rede, vorgetragen in kühner, gehobener Art und mit kunstvoll wechselnden Tönen, ließ dem achtzehnjährigen Verzweifelten übergenug Zeit, zu sich zu kommen, oder doch einer zu werden, der dem bekannten Henri ähnlich sah. «Macht er einen Witz», schloß der Edelmann als Diener; sein Herr aber ergänzte ohne Pause: «Ist der Hof noch immer so gut aufgelegt wie gestern nacht? Dann brauch ich zum Abschluß des Festes zwei Pastoren und die Sterbegesänge. Mir zuliebe wird sogar Madame Catherine mitsingen.» Das Lachen blieb im Halse stecken.

«Noch nicht ganz so, wie es sein soll», sagte d’Armagnac prüfend. «Gut genug für den Anfang; aber Sie dürfen nicht bitter erscheinen, wenn man Sie wiedersieht. Seien Sie leicht! Seien Sie frei!» Er sah wohl selbst, daß dies im Augenblick viel verlangt war. Ohne ein Wort legte er dem Herrn ein nasses Tuch auf die Stirn, die vom Anprall gegen die Wand etwas zerbeult war. Dann trug er nach seiner Gewohnheit den Trog herein, für das Bad. «Auf dem Weg nach Wasser», äußerte er und füllte es ein — «bin ich keinem begegnet. Nur eine Tür wurde vorsichtig zugemacht. Während Sie schliefen, war ich sogar auf der Straße, vom Hunger getrieben, denn in den Küchen gibt es nichts, dort ist letzthin mehr Menschenblut geflossen als Hühnerblut, und wer schlachten sollte, ist selbst geschlachtet. Die Straße ist leer, von weitem kamen zwei Männer mit weißen Abzeichen, das fällt auf, man hat Augen dafür bekommen. Schon suchte ich nach einer Zuflucht — da geschah es aber, daß die beiden kehrtmachten und sich entfernten. Wenn nicht alles täuscht, liefen sie davon, denn sie zeigten ihre ganzen Fußsohlen, so hoch schwangen sie die Beine. Sagen Sie mir, Sire, was das bedeutet.»

Henri überlegte es wirklich. «Ich glaube nicht», erklärte er, «daß sie Furcht haben könnten vor uns, die sie fast alle umgebracht haben.»

«Glauben Sie an das Gewissen?» fragte d’Armagnac, beide Arme hochgestellt, jede Bewegung abgeschnitten. Henri betrachtete ihn ernsthaft, wie ein frommes Standbild. «Deine beiden Weißen müssen dich verwechselt haben», entschied er. Hierauf stieg er in sein Bad. «Es wird schon dunkel», bemerkte er indessen. «Wie merkwürdig, dies war kein Tag.»

«Es war ein Tag der Schatten», berichtigte d’Armagnac. «Leise und kraftlos verlief er nach zuviel Blutverlust. Bis zum Abend hielten alle sich hinter ihren Türen, sie haben nichts gegessen, ihre Stimmen sanken zum Flüstern herab, nur in einem bewährten sie vielleicht noch die Fähigkeiten der Lebenden. Denn von den dreihundert Ehrenfräulein der Königinmutter hat keine in ihrem Bett allein gelegen.»

«D’Armagnac», befahl Henri, «ich muß etwas essen.»

«Ich verstehe, Sire. Dies sagen Sie nicht allein aus einem körperlichen Bedürfnis. Die tiefe Anschauung der Seele gibt Ihnen den Wunsch nach Nahrung ein. Mit wohlgefülltem Magen werden Sie sich ehrenvoll blicken lassen können unter Hungerleidern und werden im Vorteil sein vor den meisten. Beliebt es Ihnen?» Womit der Erste Kammerdiener den Mantel hinhielt in ganzer Breite; erst der abgetrocknete König konnte den Tisch entdecken, und der war besetzt mit Fleisch und Brot.

Henri stürzte sich darauf. Er zerschnitt, zerbrach, schlang und trank, solange noch etwas da war; inzwischen aber entrannen den Lidern seines Dieners zwei Tränen. D’Armagnac bedachte, daß wir dem Tode essen — unter seiner immer erhobenen Hand, die heute den Zugriff wohl noch hinausschiebt. So reiten wir durch das Land, so essen wir, so setzen wir den Fuß in die Säle des Schlosses Louvre. Dabei sind wir Diener und doch Edelleute, einer aber ist König, und dieser, so nah d’Armagnac, schlingt königlich. Gerade infolge seiner feierlichen Gedanken begann d’Armagnac fröhlich zu singen.

«Ganz still — ganz sacht — wie eine alte Maus lugt Madame Catherine durch allen Mord und Graus. Ist hinter ihrem Schlüsselloch so recht zu Haus.»

«Und was treibt sie dort?» fragte Henri wider Willen. Seit er nichts mehr zu essen hatte, drängte es ihn vielmehr, nach Margot zu fragen. Er wollte fragen: ‹Hat die Königin, meine Gemahlin, ihre Gemächer schon verlassen?› Der Erste Kammerdiener hätte darauf antworten sollen: ‹Die Königin von Navarra hat sich dringend nach Ihrem Wohlergehen erkundigt, Sire.› D’Armagnac hätte sogar hinzusetzen sollen: ‹Madame Marguerite erwartet baldmöglichst den Besuch ihres geliebten Herrn› — obwohl d’Armagnac nicht der Mann war für eine solche Ausdrucksweise. Außerdem würde Margot ihm den Auftrag nicht erteilt haben. Henri seinerseits hätte die Einladung nicht annehmen dürfen. Für sie beide war es damit vorbei — und er seufzte. D’Armagnac begriff, warum. Er war nicht der Mann, zarte Aufträge zu überbringen, weil er ihnen zuvorkam mit seinem schnellen Geist.

«Madame Catherine hat bei sich die Königin von Navarra», sagte er im natürlichsten, obwohl wirksamsten Tonfall — ließ seinen Herrn erstaunt aufblicken, machte eine fühlbare Pause; als aber die Erwartung groß genug war, sprach er um so geläufiger. «Ich habe die Königin gesehen. Sie kam zu mir heraus, da ein Diener ihr im Zimmer ihrer Mutter zuflüsterte, ich stände vor der Tür. Ich unterhalte Beziehungen zu den Dienern der Königinmutter. Dieser trug Tinte hinein. Ich fragte: ‹Wozu?› — ‹Sie will schreiben›, erwiderte er. ‹Und Madame Marguerite?› fragte ich, ohne wirklich zu wissen, ob sie drinnen wäre. ‹Sie sitzt auf der Truhe›, verriet mir sogleich der Dummkopf. ‹Sie traut sich nicht fort von der Alten.› Ich bot ihm an: ‹Wetten wir ein Maß Wein, daß sie zu mir herauskommt!› Durstig wie er war, schlug er ein, und dann mußte er selbst die Tür öffnen für Madame Marguerite: es kostet sein Geld.»

«Verlasse jetzt die Diener und gehe zu den Kutschern über!» verlangte der ungeduldige Hörer. «Ich dachte daran, Sire», sagte d’Armagnac. «Indessen trug die Königin von Navarra mir Umstände auf — ich überbringe sie stammelnd und mit dem schwachen Verstand des geringen Menschen. Die Königin von Frankreich schreibt eigenhändige Briefe nach England, Spanien und Rom. Sie entwirft sie mehrmals, denn die Botschaft ist schwierig, da sie die Ereignisse der vorigen Nacht jedesmal verschieden darstellen muß, für die Königin Elisabeth, für Don Philipp, und für den Papst. In ihrer Verlegenheit hat Madame Catherine, ganz gegen ihre Gewohnheit, den Rat ihrer gelehrten Tochter eingeholt — und in sicherer Kenntnis dessen, was vorgeht, läßt die Königin es Ihnen melden durch meinen viel zu redseligen Mund.»

D’Armagnac verbeugte sich, er hatte geendet. Von jetzt ab gehörte er nur der Kleidung seines Herrn, breitet sie aus, legte sie ihm an, alles ohne Worte, damit sein König denken konnte. Henri dachte: ‹Margot verrät mir die Geheimnisse ihrer furchtbaren Mutter. Das ist soviel, als ließe sie mich wissen, daß sie mich erwartet, wie einst in unserem Schlafgemach. Nein, es ist mehr. Ihr Auftrag bedeutet: Teuerster Henricus› — einen Augenblick dachte er lateinisch und hörte sie selbst es aussprechen mit ihrer schönen Stimme: ‹Komme nicht, sehr teuerer Henricus; das ist uns leider verboten — alle Lust und jeglicher Schmerz unserer gemordeten Liebe.

Quod petiere premunt arcte, faciuntque dolorem Corporis –

Wild pressen sie an sich, den sie begehren, und verwunden den Leib. Brennende Erinnerungen drängten herzu, von wütenden Umarmungen und dem Biß der Zähne in die geküßten Lippen. Vorbei und nieder damit! Jetzt steht es derart, daß meine Geliebte mir ihren Geist und ihr Gewissen hingibt, wie vordem ihren Leib — aber auch dies nicht ohne Wut und Bisse. Faciuntque dolorem animae. Wunden der Seele. Könnten wir jetzt vereint sein, wir würden beide weinen, weil wir bestimmt sind, Feinde zu sein und einander Schmerzen zu bereiten. Eher wäre es angezeigt, zusammen zu entdecken, was die Ihren vorhaben und wie man von hier entkommen könnte. Welcher Art sie auch immer gesonnen sind, ich muß so bald wie möglich hundert Meilen zwischen mich und diesen Hof bringen, und dabei will ich rechnen auf Margot, die Feindin, die mir dennoch ihre Mutter verrät.›

Hier stockte der Gedanke. In dem Denkenden fielen einzeln die Worte: ‹Faciuntque dolorem.› Laut, ohne daß er es gewollt hatte, sagte Henri: «Auch sie nicht und niemand ist verläßlich. Ich muß mir selbst helfen.»