Die Mühle
Henri aber reitet nach seiner Mühle. Wie oft macht er unbegleitet den Weg, längs des Flusses La Garonne, hinüber bei einem alten Städtchen, und jetzt abgebogen. Er streift an Zweige, im welken Laub waten die Hufe. Am Rande des Gehölzes hält er und späht nach seiner Mühle droben auf windigem Hügel, ob er den Müller sieht. Sehr zu wünschen wäre, daß der Mann fort ist mit seinem Wagen. Henri trachtet danach, allein zu sein mit der Frau. Übrigens hat er das Recht zu kommen, wann es ihm beliebt. Der Müller von Barbaste, das ist er selbst, wie jeder weiß. Sein Pächter verrät sonst von einem Schlaukopf nichts; dennoch ist der grobe Tölpel hier eingezogen mit einer jungen hübschen Frau. Kennt seinen Herrn und bleibt ihm die Pacht schuldig. In Rechnung steht dafür die junge hübsche Frau, an die aber der Herr nicht rühren soll. Der Kerl ist eifersüchtig wie ein Türke.
Der Müller von Barbaste lebt im Volksmund. Ältere, sanfte Leute glauben wirklich, er selbst höchst eigenhändig lasse die Flügel laufen und sammle das Mehl, das aus der kreisenden Walze fällt. In Wahrheit hat er noch keinen einzigen Sack zugebunden: das tut der Pächter, und mit der Frau macht er’s wahrhaftig ebenso. Der Herr und der Ehemann verstehen einander ausgezeichnet; jeder weiß, was der andere will, jeder hütet sich und paßt auf. Dieser Art sind sie einander nahegekommen. Sooft der Herr einkehrt, nötigt der Pächter ihn, zum Essen zu bleiben. Nicht die Frau hat die Kühnheit, nur der Mann. Er ist sich seines Vorteils bewußt, ein stämmiger Mann, Besitzer der begehrten Frau, und hat seine Überlegenheit noch immer nicht genug auf die Probe gestellt. Soll nur der Herr in die Falle gehen!
Heute wartet Henri lange am Rande des Gehölzes, wo Schatten über ihn fällt; sie können ihn nicht sehen von der Mühle. Diese schwingt mit Wucht ihre Flügel — nur, in der Luke erscheint niemals das breite weiße Gesicht des Mannes, der gewöhnlich den Umkreis abspäht. Die Frau! Sie streckt den Kopf heraus, äugt herüber, blinzelt, findet nichts, dennoch scheint ihr Ausdruck sowohl verschlagen als ängstlich. Was das wohl bedeutet? Gleichviel, das Mehl auf der Haut steht gut zu ihren dunklen Augen, und sie ist schmalgliedrig. «Madeion!» Er darf getrost den Namen rufen, der trennende Raum ist groß, die Flügel der Mühle klappern; sie hört ihn nicht. Jetzt erst erschrickt sie, denn sein Pferd hat gewiehert; und bevor sie zurücktritt, macht sie nach dem Waldrand hin ein Zeichen, es kann heißen: Komm! Ich bin allein.
Henri bindet sein Tier an, geht hinüber und rund um den Hügel, ob der Pächter sich nirgends zeigt. Endlich dringt er ein. Die große Mahlkammer liegt übersichtlich da, zwei Wände hinan sind Säcke geschichtet, an der dritten arbeitet die Walze in ihrem Kasten, zu der vierten herein pfeift der Wind. Die Müllerin wendet sich schnell um, als von der Zugluft die Tür zuschlägt: sie hat Korn auf die Walze geschüttet oder stellt sich, als habe sie es getan. Das Brusttuch ist ihr verrutscht, die Hügelchen aus hellem Fleisch werden hastig gehoben und gesenkt von dem Atem der Überraschten. «Mein hoher Herr!» sagt sie, beugt ein Knie und rafft mit Anstand ihren Rock. Sie ist keine Bauerndirne, kennt Ironie und drückt sich in der Schriftsprache aus, sobald Henri erscheint; ist auch nicht zu bewegen, gemeiner zu reden. Das ist eine der Listen, mit denen sie ihn hinhält.
«Madeion», sagt Henri voll Freude und Ungeduld. «Dein Aufpasser ist eingeschlafen in einer Schänke. Wir haben Zeit. Ich will dir das Tuch binden.» Statt dessen öffnete er geschickt das Kleid. Sie wehrte sich nicht, wiederholte aber: «Wir haben Zeit. Wozu so eilig, mein hoher Herr. Wenn Sie gehabt haben, was Sie wollen, werden Sie auf und davon gehen, und ich werde mir nach Ihnen die Augen ausweinen. Ich liebe so sehr Ihre Gesellschaft — weil Sie gut sprechen», setzte sie hinzu, und in ihren schmalen Augen, obwohl die Miene ehrfürchtig blieb, sammelte sich mehr Spott als je bei einer Marschallin. In diesem Augenblick verehrte Henri das ganze Geschlecht: darum beachtete er gar nicht, was sie trieb. Sie ordnete aber zwei Mehlsäcke unterhalb der aufgeschichteten, es ergab einen Ruhesitz, und wenn man wollte ein Lager. Darauf ließ sie sich nieder, winkte ihn zu sich, und gerade dadurch machte sie sich zur Herrin der Umstände.
«Mein Freund», sagte sie, «jetzt könnten wir sogleich darangehn uns zu lieben; aber das ist eine Beschäftigung, in der ich nicht willens bin, mich unterbrechen zu lassen. Nun kann es kaum ausbleiben um diese Tageszeit, daß Kunden eintreten. Was die Schänke betrifft, mag es sein, daß jemand dort eingeschlafen ist; aber sie liegt keine tausend Schritte von hier, und mancher erwacht plötzlich.» Dies alles sprach die schöne Müllerin mit hohen gleichmäßigen Lauten, ohne Spur von Verwirrung, obwohl er erfolgreich bemüht war, ihren Rock zu entfernen. Es schien durchaus nicht ihrer Person zu geschehn. Sie selbst widmete sich einzig ihren vorsorglichen Überlegungen — bog ihren runden Arm um seine Schulter, damit er besser zuhörte, und kam zur Hauptsache.
«Ich will, daß wir nächstens von früh bis Abend allein beisammen sind und einander alles Liebe und Gute gewähren, ohne daß Fremde dazwischenkommen oder ein Ungebetener uns die angenehmsten Minuten verdirbt. Bist du nicht meiner Meinung, lieber Freund?»
«Soweit ich deine Predigt verstanden habe», stieß er hervor, versuchte sie umzuwerfen und übersah, daß ihr Arm, der ihn zärtlich umschlang, ganz nebenbei auch ihre Stütze war. Da er seine Absicht aufgeben mußte, lachte er und ging auf ihre Rede ein. «Dein Mann soll für einen Tag aus dem Wege geräumt werden. Wie, hübsche Madeion? Wenn dies deine Absicht ist, führ sie aus! Du bist die einzige, die es kann.»
«Gerad nicht, hoher Herr. Sondern vielmehr du bist der einzige.» Worauf sie ihm dann erklären mußte, wie es zu machen war. «Nur Ihre Ämter, Sire, können einen Müller den ganzen Tag festhalten.»
«Einsperren meinst du?»
Nein, das meinte sie nicht. Schriftstücke sollten angefertigt werden, sollten lang und breit beraten, von den Schreibern mehrfach ausgestellt und gegen Abend endlich beiderseits unterschrieben werden. Beiderseits? Nun ja, die eine der Parteien war Michaud, Pächter dieser Mühle. «Die andere Partei?» Die Frau ließ eine Weile vergehn, inzwischen prüfte sie aus schmalen Augen ihren jungen König, ob er imstande wäre, zu erraten. ‹Die Männer sind so dumm, wenn sie etwas anderes im Kopf haben›, dachte Madeion. «Sie selbst, Sire, sind die andere Partei», eröffnete sie ihm, senkte den Ton und rückte mild, beides aus Mitleid mit seinem Geisteszustand. «Ihr Notar wird die wichtigsten Papiere statt Ihrer verfertigen, indessen wir beide hier aus vollen Kräften glücklich sind.»
Bei den letzten Worten hob sie die Stimme wieder und gab ihr den Ausdruck seligen Erwartens — obwohl die Seligkeit einigen stillen Hohn enthielt. Daher begriff er auf einmal alles: er sollte bestohlen werden. Die gedachten Schriftstücke konnten nichts anderes enthalten, als daß er das Besitzrecht an der Mühle auf ihren biederen Ehemann übertrug. Das sollte der Preis sein, dafür liebte die Frau dann allerdings wirklich; Michaud hoffte vergebens, ohne Hörner davonzukommen bei dem Handel. ‹Denn sie wollen alles›, dachte Henri, ‹die Mühle, die Liebe, besonders aber den Sieg — über beide Männer.›
«Ich habe verstanden», sagte er nur; und in diesem Augenblick verlangte er von Madeion nichts weiter, als was sie ihm von selbst schon gegeben hatte: die Schlauheit der Frauen, die so geistreich ist, ihre Gunst zu versprechen, die Geschmeidigkeit und Unerbittlichkeit ihrer süßen Herzen.
Im nächsten Augenblick dachte er: ‹Diebin, das soll dir mißlingen› — und warf sie tatsächlich um. Sofort schrie sie: «Michaud!» Von den aufgeschichteten Säcken wurde einer herausgestoßen, durch die Lücke kroch der Pächter, ungeschlacht fiel er über Henri. Die Last loszuwerden, verlangte von Henri Geschmeidigkeit, wahrhaftig keine geringere als die der Frau, da sie ihn in die Hand hatte bekommen wollen. Wirklich bewunderte sie ihn als Kennerin und überließ ihren Mann seinem Schicksal.
Da der hohe Herr jetzt glücklich auf den Füßen stand und Abstand genommen hatte, duckte der Tölpel sich und wollte ihm seinen dicken Kopf in die Magengrube rennen. Der Tölpel wurde zu Fall gebracht, und Henri rief im Ton des Gebieters: «Michaud!» — was nicht mehr helfen konnte. Der Kopf war dunkel angeschwollen, der Tölpel dem Schlagfluß nahe. Am Arm des Herrn zog er sich vom Boden hoch, hielt den Arm auch weiter umklammert, aber Henri widerstand nicht. Wenn der Mann sich nur beruhigte und aus der Sache kein Skandal wurde. Daher ließ Henri sich ziehen, wohin Michaud wollte. Dieser stolperte umher in blinder Wut, oder vielleicht war die Wut absichtsvoller als Henri meinte, denn plötzlich gerieten sie an den tiefen Kasten, worin die Mahlschraube kreiste. Beim allerletzten Schritt begriff Henri das Vorhaben, mit dem Fuß riß er den Pächter nieder, sonst war es geschehen. Der Pächter hätte ihn über den Brunnen geworfen, Hand und Arm wären erfaßt worden von der eisernen Schraube.
Das Entsetzen ist erfinderisch in seinem Ausdruck. Pächter Michaud wälzte sich am Boden, stößt schwaches Geheul aus, man glaubt ferne Esel zu hören. Dazwischen verdreht er den Hals, um sich nochmals zu überzeugen, daß dem König nichts geschehen ist — worauf er fortfährt mit Wälzen und Heulen. Madeion, weißer als das Mehl, mit Kopfwackeln wie eine Greisin, ist hingekniet; will die erhobenen Hände aneinanderlegen und bringt es nicht fertig, sie zittern zu sehr.
Kalt überlaufen, aber dennoch hell lachend verläßt Henri diese beiden, macht sich davon, läuft, lacht, schüttelt das Mehl ab, schüttelt das Abenteuer ab. Es gibt Sachen, die müssen auch für das Gedächtnis so verwirrt und jäh bleiben, wie sie sich zugetragen haben: besonders feindliche Überfälle im Krieg und in der Liebe. Man ist ohne große Ehre, aber mit dem bloßen Schrecken davongekommen, sitzt auf und läßt das Pferd rennen. Furchtbar viele Mühlen sind im Land, und Müllerinnen ohne Ende. Diese Mühle sieht mich so bald nicht wieder. Wenn ich aber doch einmal vorbeikäme?
Verwandlung. Müller Michaud empfängt an seinem Tisch den König, einen gealterten König, grauer Bart und Federhut. Ihm ist vorangegangen die Legende seiner unzähligen Kämpfe um dies Königreich. Mit ihm eingetreten sind alle seine sagenhaften Liebschaften in diesem Volk. Fünf Personen umringen den Tisch, eine große irdene Schüssel speist alle, sie haben geschnittenes Brot und Wein in Krügen. Abend ist, und in der zugigen Mühle flackern über ihren Köpfen viel Flammen aus den Schnäbeln der Lampe. Hinten steht Dunkelheit, das Licht fällt nach vorne, auf die Brust: mild und inständig hebt es die Personen aus der Nacht.
Der König, leicht auf den Tisch gestützt, hält in der Hand sein Glas. Vier der Personen halten Gläser, nur die Müllerin nicht. Vorgeneigt hängt sie, unjung und versunken, an ihrem König, der vorbeiträumt in das Ungewisse. Ist aber doch mit ihr allein an den beiden vorderen Tischecken. Weiter zurück in einem eigenen Zwischenraum: zwei Junge, die Tochter und der Müllersknecht, berühren einer das Glas des anderen, und ihre Augen vergessen sich ineinander mit Andacht. Als letzter drüben hebt sein Glas der Müller, schwingt seinen Hut und singt — das Lied vom galanten König. Greise Haare hat Michaud, treu blickt er auf seinen König, singt ihm munter zu, weiß ganz gewiß, daß der König das Volk liebt und alle Töchter des Volkes.
Das Lied macht den jungen Leuten die Liebe noch einmal so gegenwärtig, aber den beiden Gealterten verklärt es ihre Erinnerungen schmerzlich. Der König, halb das Ohr geneigt, lächelt, wie der, für den das beste vorbei ist. Madeion von einst, das verstehst nur du. War es denn schön und erfreulich damals, trotz List und Überfall? Ihr beide müßt es wissen. Fleurette jedenfalls, reine Frühe, Tau und Blüte, hat später ihr liebes Herz nicht wiedererkannt — ist auch schon längst hinab.