Der Feind

Die Sache mit der Mühle kam so allgemein im Land herum, wie vorher die Geschichte vom Ball in Agen. Der Gouverneur hatte damals in seinem Stellvertreter den Urheber des Geredes gesehn und tat es wieder. Biron allerdings übertraf seinen Vorgänger. Anzunehmen war, daß die Müllerin geschwiegen hatte. Ihr Mann konnte getrunken und sich verraten haben; merkwürdig war nur, wie gründlich sein Geständnis ausgenützt wurde. Er erschien vor einem Gericht, und es tagte in Agen, derselben Stadt, die schon den ersten Skandal erlebt hatte. Der Gouverneur hätte gern das Gericht verhindert, den Pächter zu vernehmen; indessen wurde vor seinen Leuten das Tor geschlossen, und auf der Mauer gingen die Verteidiger in Stellung.

Marschall Biron war an diesem Tage nicht in Agen: eine so offene Handlung beging er nicht. Jedesmal mied er gerade die Stadt, die vor dem Gouverneur das Tor schloß, und solcher Städte wurden immer mehr. Er gab keine nachweisbaren Befehle. Henri hätte ihn auch schwer anklagen können wegen des bewaffneten Angriffs, der ihn selbst eine Schuhsohle, Herrn de Mornay ein Stück Kopfhaut mitsamt den Haaren gekostet hatte. Marschall Biron kannte alle Ränke, dabei verstand er, für seine Person im Halbdunkel zu bleiben: was ungewöhnlich erscheint für einen jähzornigen Mann. Er las viel; vielleicht wurde er durch die Bücher listig, obwohl andere eher unschuldig bleiben vom Lesen. Die Tatsache war, daß er dem Gouverneur den schlechten Ruf machte, und dies nicht nur in Hinsicht der Frauen. Man sagte, daß Henri zwar die Frauen verführte, den Männern aber an das Leben wollte. Mancher Edelmann traute ihm nicht mehr, darunter die, denen Henri ihren Besitz und Leib bewahrt hatte vor den Mordbrennern. Es ist leicht, einem Mann von ungezügelten Sitten auch die Gerechtigkeit abzusprechen, so sehr verdient der Gouverneur sich gerade um sie gemacht hatte im Lande.

Henri mußte zusehen, wie seine Ehre abnahm; es betraf wahrhaftig nicht nur den Helden galanter Abenteuer, sondern den Verwalter und Kriegsmann. Noch ein wenig mehr, und er wäre herabgedrückt zu einem Fürsten ohne Ansehen, ohne Selbstherrlichkeit, ein leerer Name und Titel: Biron hätte ganz allein die Macht gehabt. In der Provinz Guyenne gehörte sie ihm schon, Henri war noch immer nicht hineingelangt nach Bordeaux. Der Stellvertreter mit seiner Übermacht von Reitern und Landsknechten erdreistete sich sogar gewisser Einfälle in das Königreich Navarra. Damals saß Henri in seinem Schloß Nérac wie ein gejagtes Tier. Er berief nicht einmal mehr seinen Geheimen Rat, aus Furcht, eine zu große Wut und damit auch seine Schwäche preiszugeben. Die alten Freunde leisteten hier ihre besten Dienste; ihnen wenigstens durfte Henri sich zeigen und anvertrauen: auch den ohnmächtigen Zorn, die vergeblichen Pläne der Rache. Ja, die Tränen eines Verzweifelten erlaubte er sich vor ihnen.

Sie verhielten sich an einem bestimmten Abend jeder nach seiner Natur. Du Bartas grollte düster und unbestimmt, Agrippa d’Aubigné empfahl einfach die Wiederaufnahme des Krieges gegen den Hof von Frankreich. Ohnedies war kein Zweifel, daß Biron nur handelte, weil er Rückhalt bei Hofe fand. Nicht umsonst hatte der König von Frankreich seine Gesandten geschickt, damit Henri wieder katholisch würde. Noch deutlicher war die Forderung, er sollte an den Hof reisen, um sich die Königin von Navarra selbst zu holen. «Sire! Mir sagt mein kleiner Finger, daß man Sie hierzulande so bald nicht wiedersehen würde.» Dies brachte Agrippa höchst wirksam vor; in seinen wenigen Worten standen alle alten Gefahren des Louvre auf, Madame Catherine neigte sich über ihren Stock mit den Zügen des Unheils. Diese Erinnerungen häuften Entsetzen auf die Empörung, und Henri wäre am Ende so weit gegangen, den Aufbruch zu befehlen. An der Spitze seiner Truppen hätte er sich in Bewegung gesetzt gegen seinen Stellvertreter. Schon unterwegs wäre das Unternehmen dann abgeblasen worden, weil Henri seinen gesunden Sinn inzwischen wiedererlangt hätte. Der falsche Schritt blieb ihm erspart, obwohl Du Bartas aus tiefster Seele zuriet, angesichts der Blindheit und Schlechtigkeit der Menschen. Da begann aber Philipp Mornay:

«Sire! Sie haben einen Feind: er heißt Marschall Biron. Fragen Sie nicht, wessen Auftrag er befolgt oder auch nur vorschützt. Warum sollte er den König von Frankreich anders gegen Sie aufbringen, als hier die kleinen Landedelleute? Er verleumdet Sie. Er verleumdet Sie bei Bauern und Königen, denn er will Sie verdrängen aus seiner Provinz und will in ihr der einzige Herr sein. Sire, Sie habe vor Augen das Königreich. Ein Biron blickt nicht über seine Provinz hinaus. Hier fangen Sie ihn, hier schlagen Sie ihn mit seinen eigenen Waffen!»

«Ich will ihn lächerlich machen», rief Henri. «Wie konnte ich nur daran denken, gegen ihn in den Krieg zu ziehen!»

Er führte Mornay am Arm hinaus unter den offenen Wandelgang und wiederholte, während er seine großen, schnellen Schritte tat: «Ich habe wieder einmal einen Feind.» Dabei dachte er an Madame Catherine, seine vorige Feindin. Mornay erklärte:

«Wir begegnen unfehlbar dem Feind, den der Himmel schickt, und es ist immer der, den wir gerade brauchen.» Das sagen die Freunde jedesmal; aber es verbessert nichts.

«Ein schöner Feind», rief Henri. «Haut seinem eigenen Pferd die Schnauze ab! Übrigens hinkt er.»

Mornay sagte: «Er ist nicht nur schlau, sondern wißbegierig, geht immer mit der Schreibtafel umher und merkt an, was er hört.»

«Er hinkt», sagt Henri, «und er trinkt. Ist auch krank an der Leber, die Knochen stehen ihm aus dem Gesicht. Die Kinder laufen fort, wenn er sie zufällig ansieht mit seinen harten Augen. Ein Kinderschreck, und ein alter Mann von mindestens fünfzig Jahren. Mornay, der Himmel hat mich benachteiligt mit dem Feind, ich hätte einen besseren verdient.»

«Wir wollen dankbar sein», erwiderte Mornay, worauf sie sich trennten.

Sogleich begann der Gouverneur einen sonderbaren Krieg gegen seinen Stellvertreter. Wo dieser immer hinkam, wurden bei seinen Mahlzeiten die leeren Flaschen gezählt, besonders aber die Flaschen, die er zwischen den beiden Mahlzeiten leerte. Der Gouverneur sorgte dafür, war auch bemüht, das Land gründlich zu unterrichten über den Wein des Marschalls Biron. Bald setzten die Leute von selbst hinzu, daß der Marschall in einer Schänke am Wege wäre liegengeblieben über Nacht, weil er in seinem Zustand die Stadt nicht mehr erreichen konnte. Infolge des Bekanntwerdens solcher beschämenden Einzelheiten bekam Biron zuerst die adlige Jugend gegen sich; denn diese trank nicht mehr im Übermaß, es war nur noch eine Gewohnheit älterer Geschlechter. Die Jungen machten es wie Henri, sie tranken zu ihren beiden Mahlzeiten zu guter Letzt den größten Schluck. Wenn Henri ein Bauernhaus besuchte, füllte er gleich am Faß mit eigener Hand seinen Becher; aber das tat er nicht einfach aus Durst, sondern um seiner Volkstümlichkeit willen. Die armen Leute fanden ihn nie vom Wein benommen, und sie schlossen daraus, daß er mehr vertrüge als sie, obwohl sie den ganzen Tag nur an das Trinken dachten. Daher sahen sie ihm leichter nach, daß eine der Töchter ein Kind bekam.

Die adlige Jugend neigte zur Unkeuschheit, seitdem das Zechen abkam, und glaubte damit edleren Freuden nachzugehen, als wenn man soff. Sie sagten, obschon beides Laster genannt würde, an dem einen wäre doch auch der Geist beteiligt, es verlangte Klugheit und geböte Mut. Das Saufen wäre die gemeinste der Untugenden, es wäre ganz und gar nur leiblich, irdisch, der Verstand ginge dabei in die Brüche und auch noch andere Fähigkeiten hörten auf. Biron verurteilt bei dem Gouverneur nur das, was er selbst nicht mehr kann. Worin er sich aber auszeichnet, das rechnen sich höchstens seine deutschen Reiter zur Ehre an!

Biron mit seiner Schreibtafel merkte sich solche Reden und antwortete darauf in den Schlössern, daß sein Jahrhundert keusch gewesen wäre wie er, ja, er selbst wäre rein in die Ehe getreten — und obwohl es nach der Mahlzeit war, bekräftigte er seine Rede dadurch, daß er auf den Händen um den Tisch ging. Wer nahe hinsah, bemerkte sogar, daß er nicht die Hände gebrauchte, sondern nur seine beiden Daumen. Er berief sich aber nicht allein auf seine wohlerhaltene Kraft, sondern mehr noch auf die Worte Platons. Denn dieser griechische Weise hat wohl den Wein verboten für Kinder bis zu achtzehn Jahren, und vor dem vierzigsten soll niemand sich betrinken. Nachher verzeiht er es und meint, daß Gott Dionysos alternden Männern zurückgäbe die einstige Fröhlichkeit und Sanftmut, so daß sie es wieder wagten zu tanzen. Wirklich führte Marschall Biron die Hausfrau zum Reigen, was ihn nicht hinderte, etwas später unter furchtbaren Ausbrüchen des Zornes das Schloß zu verlassen.

Henri, der alles erfuhr, hätte eigentlich Mitgefühl gehabt für den merkwürdigen Mann. Ihm war es natürlich, über den Feind nachzudenken bis nah an die Liebe. Dies war nur nicht die Meinung des Feindes. Der Marschall beantwortete die versuchten Freundlichkeiten des Gouverneurs nicht grob, aber durch Anzüglichkeiten. Um den Alten womöglich für sich zu gewinnen, übersandte Henri ihm schöne Bücher, die er selbst hatte drucken lassen. Sein Drucker, Louis Rabier, kannte die neuesten Verbesserungen der Kunst. Gegen den Willen der Stadt Montauban, der Rabier verpflichtet war, hatte der Gouverneur ihn in seinen eigenen Dienst gestellt, gab ihm ein Haus und fünfhundert Pfund: dafür druckte der Meister ihm den Plutarch, der das alte Lehrbuch der befestigten Charaktere ist. Dem Marschall schickte Henri die Reden Ciceros: ein großer prachtvoller Band, auf das Leder in Gold gepreßt das Wappen von Navarra.

Der Marschall glaubte nicht, daß etwas so Seltenes und Kostbares ihm als Geschenk sollte zugedacht sein; oder er tat, als glaubte er es nicht. Sondern er ließ das Buch zurückbringen mit höflichem Dank. Als Henri es aufschlug, fand er eine Stelle angestrichen: nur eine. Sie ist nach Platon übersetzt und heißt: «Difficillimum autem est, in omni conquisitione rationis, exordium» — was einfach bedeutet: Aller Anfang ist schwer. Von Seiten eines Feindes, der nicht der Jüngste war, konnte es aber auch heißen: Verdammter Grünschnabel!

Henri, nicht faul, läßt von seinen schönen Büchern ein anderes einpacken, eine Abhandlung über Chirurgie, auch hierin ist etwas angestrichen, eine Entlehnung aus dem Dichter Lukrez. Mit lateinischen Versen wird gesagt:

«Unmerklich nehmen ab die Kräfte,

Versiegen müssen unsere Säfte,

Bergab geht’s mit uns immerdar.»

Dies gelesen, und Biron verliert alsbald sowohl Maß als Besinnung. Mit nächstem versetzt er dem Gouverneur etwas vom Dichter Martial über die Behaarung des Körpers. Er selbst hatte die nackte, gelbe Haut eines Gallensüchtigen: wen wollte er daher treffen mit der Erwähnung der rauhen Gliedmaßen? Henri sah ein, daß nichts anzufangen war mit dem Feind: es mußte gekämpft werden. Durch ein anderes Buch ließ er ihm noch die Botschaft zukommen, ihr Urheber war der Dichter Juvenal: Nec facilis victoria de madidis.

«Wenn sie im Wein auch untersanken

Und nur noch stammeln oder schwanken,

Glaub nicht, du hättest sie besiegt!»

Es war immer noch eine Huldigung und eigentlich ein letzter Versuch, mit dem Stellvertreter zu einem Vertrag zu kommen. Wenn sie, einer wie der andere, es ehrlich meinten, so ließ der Gouverneur ihm sagen, dann müßten sie es beweisen durch die Einigkeit, mit der sie alle beide hier in der Provinz Guyenne dem König von Frankreich dienten. Als Antwort schloß Marschall Biron sich in Bordeaux ein und befestigte es. Er ließ verbreiten, daß er den König von Navarra bei der ersten Gelegenheit wollte fangen und nach Paris schicken, denn dort erwartete man ihn dringend, besonders aber Madame Catherine verzehrte sich nach ihrem geliebten Schwiegersohn! Dies hätte Biron für sich behalten sollen. Henri nannte seinen Feind ruhmredig und nichts weiter, dennoch ließ er im ganzen Land seinen Kurieren nachstellen; auf den abseitigsten Wegen wäre keiner durchgekommen.

Mehrere wurden nacheinander abgefangen. Einer trug nichts bei sich, als nur den Bericht über den stattgehabten Wettstreit der lateinischen Dichter; dieser war dargestellt wie ein glücklich aufgedecktes Staatsverbrechen. Die Verse sollten allerdings gerichtet sein gegen den Marschall, wegen seiner Treue für den König von Frankreich; behauptet wurde indessen, daß sie eine doppelte Anwendung zuließen. «Bergab geht’s mit uns immerdar», bezog sich hiernach ebensowohl auf den Hof! Auf den König und sein Haus!

Dem Boten, der nur die kritische Auslegung überbringen sollte, folgte in mehreren Stunden Abstand der zweite: dessen Auftrag war schon deutlicher. Nicht mehr von Stilblüten war dort die Rede, sondern von Straßenraub, Schändung, Brand und Mord, was alles, der Meldung zufolge, auf Rechnung des Königs von Navarra kam. Er richtete eine ganze Provinz des Königreiches zugrunde, damit er sie sich besser aneignen könnte. So schrieb Biron, der in Wahrheit alle Gewalttaten selbst beging — und als Henri es gelesen hatte, betrachtete er auch die eigenen Absichten seines Stellvertreters in der Guyenne entschieden anders als vorher. Den ganzen Mann sah er mit strengeren Augen an. Zu scherzen ist nicht mehr an der Zeit. Es muß gehandelt werden, zugeschlagen derart, daß der Stellvertreter einen heilsamen Schrecken davonträgt. Vielleicht wird er für eine Weile zur Ruhe gebracht. «Wenn’s vorüber ist, wollen wir wieder lachen.»

Auf diese Worte seines Herrn antwortete Agrippa d’Aubigné: «Und warum nicht sogar während der Ausführung? In mir regt sich ein noch unaussprechlicher Gedanke», sagte er beiseite. Henri meinte für sich, der Feind wäre nicht komisch genug, solange er in einer starken Festung auf Überfälle sann. Gerade an diesem Tage ergriff er noch einen Kurier des Marschalls, und der war der entscheidende. Diese Botschaft versprach der Königinmutter wahrhaftig den Fang des Königs von Navarra. Für seine Auslieferung forderte Marschall Biron als Preis und persönlichen Besitz eine ganze Anzahl von Städten, sowohl in der Provinz Guyenne als auch im Lande Bearn.

Henri war recht erschrocken. Er saß auf einem Grabenrand, der Himmel hatte sich verdüstert, die Gegend und seine heimische Zuflucht boten gar keine Sicherheit mehr, sein Feind meinte es ernstlich böse. Es ist nicht schlimm, einen Feind zu haben und ihn zu kennen: man reitet ihm entgegen und schlägt ihn, die erste Furcht ist bald überstanden. Schlimm ist es, seine Heimlichkeiten zu entdecken und auf einmal offen ins Gesicht zu bekommen den Atem eines Abgrundes, der nicht war geahnt worden. Jetzt entsendet der Spalt die üblen Schwaden. Man verschluckt sie und hätte Lust, sich durch den Hals zu entleeren. «Biron erpreßt meine Städte», wiederholte der junge König am Grabenrand.

Als er aufsah, begegnete Henri dem Blick des gefangenen Kuriers: der stand vor ihm mit gefesselten Füßen. «Du bist doch ein Hugenott», sagte Henri. Der Mann erwiderte: «Marschall Biron hält mich nicht dafür.»

Henri beachtete ihn genau, endlich wendete er die Hand, die Fläche nach oben, wie jemand, der keine Wahl hat. «Du bist bereit und willens, deinen Herrn an mich zu verraten um der Religion willen. Du sollst ihm eine Botschaft bringen, und er soll glauben, du kämest zurück aus Paris. In Wirklichkeit wirst du bis zu dem Tage, da du zurück sein könntest, im Verlies meines Schlosses zu Nérac liegen, wo es dir schlecht ergehen wird.»

Das schreckte den Jungen durchaus nicht ab, sogar den folgenden Beleidigungen hielt er stand. Der Gouverneur bestimmte, wieviel sein Verrat in Geld wert wäre. Nachher sollte die Rechnungskammer in Pau den Betrag auszahlen. Dann ritt Henri fort; das Verlies hatte er vergessen, der Junge war frei. Von Stund an blieb er aber unter Aufsicht, wohin er ging, mit wem er sprach. Er versteckte sich und schwieg, so daß ihm denn endlich getraut werden konnte. Mit leeren Händen und einem einzigen Satz, der auszusprechen war, meldete der Kurier sich zurück bei dem Herrn, der ihn abgeschickt hatte.

Infolgedessen kam Marschall Biron tatsächlich nach einem einsamen Haus, genannt Casteras, ließ sein kleines Gefolge zurück beim nächsten Busch und ritt ganz allein über die Heide. Sie lag fahl unter einem schwärzlich dahinjagenden Gewölk. Des Windes wegen, den er liebte, trug der Marschall keinen Hut, war auch ohne Mantel, da der Wein ihn in Hitze erhielt. Auf seinem Klepper, der knochig war wie er selbst, schwankte er wohl hin und her, fiel aber niemals ab. Das wußte jeder. Wer zusah, erkannte den gelben Schädel, harten Blick, ein Gerüst mit Scharnieren, das klapperte. Sturm, Einöde — und der berittene Tod: da lacht wahrhaftig keiner aus dem Volk, das der Gouverneur versteckt hat überall in der Nähe des Hauses. Der Marschall ist in eine Falle gegangen, wie er es verdient hat. Es würde ihm nichts mehr helfen, das Pferd zu wenden und davonsprengen zu wollen. Er ist nur noch hundert Schritt von dem Hause, das frei und kahl dasteht mit einem engen Balkon unter dem Dach.

Auf dem Balkon erscheint etwas. Marschall Biron hält sofort an, weil der Vorgang nicht geheuer ist. Seine Vorahnungen erweisen sich jetzt dennoch als begründet. Die Gestalt dort oben ist nicht aus dem Hause getreten, sie war zu plötzlich da. So wäre sie denn vom Boden aufgestiegen, was aber nicht angenommen werden kann von einer Persönlichkeit wie Madame Catherine. Biron sieht ganz klar, die Dünste des Weins trüben ihm niemals die Aussicht. Die alte Königin ist ihm wohlbekannt, das große schwere Gesicht unter der Witwenhaube. Auch hört er ihre Stimme, die schwerlich zu verwechseln ist. Agrippa hat nicht umsonst vier Jahre lang ihren behaglich-unheilvollen Tonfall studiert, er ahmt ihn vorzüglich nach. «Dreckskerl!» ruft er in die Heide, dem einsamen Reiter entgegen. «Du Dreckskerl bleib nur, wo du bist. Was treibst du für Unfug: saufen und lateinische Verse in die Runde schicken. Dafür möchtest du ganze Städte einstecken und das Königreich bestehlen. Der König von Navarra, mein geliebter Schwiegersohn — wollt ich auf dich warten, bis du ihn mir bringst! Lieber komm ich selbst und versöhn mich mit ihm, was eine Kleinigkeit ist, sobald ich hübsche Weiber mitbringe. Was war denn in der Mühle? Wo hast du damals gesteckt? Statt ihn zu fangen, lagst du besoffen in der Schänke!»

Der Marschall hörte die sonderbare Rede bis zu Ende an. Als sie aus war, wußte er genug — zog aus dem Gürtel eine Pistole und feuerte sie ab. Die falsche Madame Catherine war beizeiten untergetaucht, nur die Mauer dort oben bekam ein Loch. Biron spornte seinen Klepper an, jetzt aber bog um die Ecke des Hauses ein anderer Reiter, der Gouverneur oder sogenannte König, ein Vogel, der sich lustig machen will über verdiente Marschälle. Der alte Mann hat einen Blick wie Eisen, nimmt die Zähne nicht auseinander, hebt aber unbewußt die Pistole. «Gut, daß sie abgeschossen ist», ruft Henri herausfordernd. «Sie würden das Königshaus ausrotten. Ich muß der Königinmutter melden, daß Sie nach ihr gezielt haben, Herr de Biron.»

Der bringt vor Wut nichts heraus. Endlich kommt es.

«Sie haben mir einen Popanz hingestellt, die Hängebacken und dicke Nase aus Wachs, die Gestalt mit Plunder ausgestopft. Wär’s aber auch die richtige Madame Catherine gewesen — bei meiner Seel, der Schuß hätt mir nicht leid getan.»

«Tapferer Held!» so ermuntert Henri ihn. «Gott Mars in Person spricht zu mir.»

«Mein sind die Städte!» brüllt Marschall Biron. «Mein soll die ganze Provinz sein! Ein König von Navarra oder von Frankreich — mir eins, hab Galgen für alle!» So brüllt er. Denn es ist möglich, daß er auf dem Pferde festsitzt und sicher in die Ferne blickt: darum verlassen ihn dennoch sein Halt und seine Klarheit.

«Halunke, du hast dich verraten», sagt über ihm die bekannte fette Stimme: auf dem Balkon steht wieder Madame Catherine, streckt auch den Finger nach ihm aus. Biron erschaudert plötzlich von oben bis unten, reißt sein Pferd herum, er flieht. Da sprengen ihm Bewaffnete vor den Weg, halten ihn auf und verhindern seine wenigen Begleiter, näher zu kommen. Das Handgemenge wird aber unterbrochen durch den Befehl des Gouverneurs: «Laßt ihn laufen! Jetzt kennen wir ihn.»

Abzug Biron. Agrippa als alte Witwe fängt an zu tanzen auf seinem Balkon und drunten schlagen alle in die Hände, hervorgebrochenes Volk, es tanzt mit. Morgen erzählt das ganze Land sich die Geschichte, das Land wird lachen wie wir. Auch Gelächter ist gut gegen einen Feind. Biron wird sich verstecken — für eine längere Weile, und inzwischen soll bei Hof bekannt werden, soviel als nützlich ist: nicht mehr. Wir schweigen von dem Balkon.