Eauze oder Menschlichkeit
Ein Anfall seiner Krankheit machte es dem Marschall unmöglich, Kuriere nach Paris zu schicken. Er spie Galle infolge seiner Demütigungen vor der Provinz und dem ganzen Königreich, das er bis in sein Bett hinein glaubte lachen zu hören. Obwohl Henri es überging in seinen Berichten, wurde bei Hof sehr wohl bekannt, daß Marschall Biron geschossen haben sollte auf die nachgeahmte Gestalt der Königinmutter. Der König von Frankreich, den er hatte aufhängen wollen, war gesonnen, ihn vor sein Parlament zu berufen und ihm den Prozeß zu machen. Madame Catherine überzeugte aber ihren Sohn, daß zwei seiner Feinde, die selbst einander befeindeten, dort, wo sie waren, auch müßten gelassen werden. So unternahm man nichts gegen den Stellvertreter des Gouverneurs; Henri erhielt nur schöne Worte.
Dagegen rächte er manche Untat Birons, solange dieser entmutigt und krank war. Leider mußte er auch die furchtbarsten Handlungen der Rache erlauben, angesichts der Wut seiner Soldaten über die Greuel der anderen. Er selbst und seine Leute wurden aber genauso grausam befunden von den Städten, die zufällig seinem Stellvertreter ergeben waren. Auf beiden Seiten verursachte ein bloßes Gerücht die höchst wirkliche Vergeltung, und diese zog um so ärgere Strafen nach sich. Man wurde, wofür man einander hielt, wurde noch schlimmer und konnte sich in Unmenschlichkeit nicht genug tun.
Einst auf dem Weg von Montauban nach Lectoure empfing Henri die Meldung von einem bevorstehenden Angriff aus dem Hinterhalt; schickte auch gleich die Herren de Rosny und de Meilles mit fünfundzwanzig Pferden, um den gefährlichen Hohlweg zu säubern. Dies getan, flüchteten dreihundert von den Feinden in eine große Kirche mit festen Mauern: die mußte man erst untergraben, es dauerte zwei Tage und Nächte. Als die Belagerten sich ergaben, wollte der König von Navarra sechs von ihnen hängen, alle anderen laufen lassen. Indessen durfte er nicht gnädig sein, denn auf einmal wurde bekannt, daß dieselben Katholiken sich ganz abscheulich aufgeführt hatten in der Stadt Montauban. Nicht damit zufrieden, sechs junge Protestantinnen zu vergewaltigen, hatten einige Wüteriche «die Natur der Unglücklichen mit Pulver gefüllt», hatten es angezündet, und sechs schöne und fromme Mädchen waren in Stücke zerrissen. Daher wurden jetzt dreihundert Gefangene ohne Erbarmen niedergemacht.
Henri ritt während des Gemetzels davon, als ob er flüchtete. Er war in Verzweiflung wegen seines Rufes, den er beflecken mußte mit Bluttaten, nur weil sein Stellvertreter vor keinen zurückschreckte. Biron blieb bedacht, daß die Städte aus bloßer Furcht ihre Tore geschlossen halten sollten vor dem Gouverneur. Gerechtigkeit und strenge Zucht, die dem Gouverneur zuerst waren nachgesagt worden, mußten in Härte umschlagen, nach der Absicht des Stellvertreters; ja, dieser war auf dem besten Wege, den Namen Henris so verhaßt zu machen wie seinen eigenen. Henri begriff es, und auf seiner Flucht vor dem Gemetzel der dreihundert beschloß er, künftig anders zu handeln, als der Stellvertreter ihm vorschrieb.
Eauze gehörte zu den kleinen bösen Städten, die ihn nicht einließen und von keiner Unterwerfung wissen wollten. Recht besehen waren es nur die Schöffen und einzelne Bürger, die mehr Land besaßen als die übrigen, und die Ärmeren arbeiteten für sie. Das niedrige Volk hielt zu dem König von Navarra, der in die Häuser der Armen ging und ihre Töchter liebte. Dafür wurde auch ihm Liebe. Die Armen hätten ihm gewiß das Tor geöffnet; sie konnten es nicht, wegen der Besatzung, und weil diese den Reichen dienstbar war. Der Widerstand der Armen machte aber die Wohlhabenden mißtrauisch untereinander. Jeder sicherte sich im voraus Ausflüchte, für den Fall der Übergabe. Ein Apotheker sagte zu seinem Nachbarn, dem Sattler: «Im Vertrauen, Nachbar! Weißt du wohl auch, wer dem König von Navarra seine Konfitüren liefert? Sein Apotheker in Nérac, genannt Laianne; aber ich hab ihm das Rezept verkauft.»
«Nachbar», antwortete der Sattler, «das ist wie mit dem ledernen Futteral für den königlichen Trinkbecher. Das Futteral mußte ausgebessert werden, aber niemand durfte es wissen, weil ein Becher, der nicht mehr verschlossen ist, ganz leicht könnte vergiftet werden. Sie haben mir vom Hof das Futteral gebracht», flüsterte der Sattler.
Gleichzeitig merkte der eine sich die unvorsichtigen Eröffnungen des anderen, falls Marschall Biron früher da wäre als der König von Navarra. Dann sollte jeder, außer ihm selbst, der Strafe ausgeliefert werden. Eine Frau träumte von einem Engel, der ihr den Marschall ankündigte, und sie erzählte es schreiend auf dem Markt. Ihr Mann war daher besonders bedroht, gesetzt, daß der Gouverneur schneller kam. Er war ein Fuhrmann und hatte einen Schuldschein des Herrn d’Aubigné in Zahlung genommen von einem Wirt auf dem Lande. Dort hatte der König von Navarra gegessen: dies war im äußersten Fall der Rückhalt des Fuhrmannes.
Fremden in geringer Zahl wurde das Stadttor aufgetan; daher war Henri unterrichtet, sowohl über die Uneinigkeit der Bürger wie über ihre Furcht. Die Besatzung war unbedeutend, galt übrigens als unsicher infolge der Mißerfolge Birons. Der Gouverneur nahm mit sich fünfzehn ausgewählte Edelleute, über ihren Panzern trugen sie Jägerröcke: so sollten sie unbemerkt eindringen. Kaum war er selbst aber drinnen, rief ein Soldat: «Der König von Navarra!» und schnitt das Seil des Fallgitters durch. In der Falle saßen ihrer fünf, Henri selbst mit Mornay, sowie den Herren de Batz, de Rosny und de Bethune. Alsbald läutete es Sturm, die Bevölkerung lief zu den Waffen und bedrohte die fünf kühnen Gefährten.
Der vorderste Trupp der Bürger betrug fünfzig Mann, auf diese ging der König von Navarra geradewegs zu, Pistole in der Faust, während er aber eine Rede begann an seine vier Edelleute: «Drauf und dran, Freunde und Gefährten!» Er meinte weniger diese, als die guten Leute von Eauze, die er zum Stillstand bringen und einschüchtern wollte. «Drauf und dran! Hier müßt ihr dartun euren Mut und Festigkeit, denn davon hängt unser Heil ab. Folge mir jeder und mach’s wie ich. Nicht schießen!» rief er besonders laut. «Laßt die Pistole, wo sie ist!» — als ob er zu seinen vier spräche. In Wahrheit hörten die bewaffneten Bürger der wohlgesetzten Rede eines so sehr bedrohten Königs mit offenen Mündern zu und rührten sich nicht. Drei ungefähr schrien allerdings: «Schießt auf den Rotrock! Das ist der König von Navarra.» Bevor indessen jemand sich aufraffte, drang Henri mit voller Wucht in den Haufen. Vor Schrecken fiel dieser auseinander und verzog sich nach hinten.
Von dort wurden mehrere Gewehre und Pistolen abgefeuert. Alsbald entstand in der Gasse ein Getümmel, weil das arme Volk, das den König liebte, die Schützen anfiel. Ihnen selbst war es durchaus nicht geheuer; noch während des Kampfes gerieten sie einander in die Haare, keiner wollte wirklich seine Waffe abgeschossen haben. Henri brauchte nur ruhig zu warten: nicht lange, und die Schöffen oder Konsuln warfen sich ihm zu Füßen, sie sagten her im Ton einer Litanei: «Sire! Wir sind Ihre Untertanen und ergebenste Diener. Sire! Wir sind Ihre —»
«Ihr habt aber auf meinen scharlachroten Rock gezielt», erwiderte Henri.
«Sire! Wir sind Ihre —»
«Wer hat auf mich geschossen?»
«Sire!» betete ein Bürger mit Schurzfell. «Ich habe das lederne Futteral Ihres Trinkbechers zum Ausbessern bekommen. Auf einen Kunden schieße ich nicht.»
«Wenn durchaus einige hängen müssen», riet einer, vertraulich aus Angst: «Sire, dann hängen Sie nur arme Leute: von ihnen gibt es zu viele bei den Zeiten.»
Henri entschied sehr laut: «Ich will die Stadt nicht plündern lassen, obwohl es Brauch und Sitte ist, und verdient hättet ihr es. Aber jeder soll zehn Pfund den Armen geben. Sofort holt euren Priester und zahlt an ihn das Geld!»
Hierauf schleppten sie einen alten Geistlichen herbei, versuchten aber gerade ihm das ganze Unglück in die Schuhe zu schieben. Er war es, er hätte der Frau des Fuhrmannes in den Kopf gesetzt, daß ein Engel vom Himmel den Herrn Marschall Biron ankündigte, nicht aber den Herrn König von Navarra, und nur darum hätten sie leider das Tor geschlossen. Dringend empfahlen sie, den Greis büßen zu lassen für die Stadt. Wenn nicht sie selbst und nicht einmal die Armen — einer mußte hängen: von dem Gedanken konnte man sich in Eauze nicht trennen. Henri mußte ausdrücklich befehlen: «Niemand wird gehängt. Geplündert wird auch nicht. Aber ich will essen und trinken.»
Diese Gelegenheit erfaßte ein Gastwirt sofort, er deckte Tische auf offenem Markt, für den König, seine Herren, die Konsuln und die Wohlhabenden. Henri forderte Stühle auch für die Armen. «Sie haben Geld genug, da ihr es ihnen geben sollt.» Die Armen ließen es sich nicht zweimal sagen, Henri selbst aber konnte bis jetzt seinen Platz nicht erreichen vor lauter Kniefälligen, die jeder besonders wollten versichert werden ihres Lebens und ihrer Habe. Andere sollen verschont bleiben, aber ich? Aber ich? Es war ein verzweifeltes Jammern von Wesen, die nicht begreifen, was ihnen zustößt, und es nicht glauben wollen, obwohl es ihre Rettung ist. Was sie statt dessen gewohnt sind, setzt sich immer wieder an die Stelle, in ihren verwirrten Köpfen. Darüber kann einer verlieren, was er zum Leben braucht, das innere Gleichgewicht.
Der Fuhrmann, dessen Frau den Engel erblickt hatte, taumelte ratlos umher und fragte jeden: «Was ist das?» Immer dringender, laut klagend, aber mit geschlossenen Augen, als ob ein Heer von Engeln anrückte und ihn blendete, fragte der Fuhrmann: «Was ist das, was geht vor?» Endlich antwortete ihm ein kleiner Herr im grünen Jägerrock.
«Menschlichkeit ist es. Die große Neuerung, der wir beiwohnen, ist die Menschlichkeit.»
Der Fuhrmann riß die Augen auf, da erkannte er den Herrn, dessen Schuldschein er hatte in Zahlung genommen von einem Wirt. Er zog den Schein hervor und erkundigte sich: «Löst der Herr ihn ein?» Agrippa wurde hiervon peinlich berührt, er drehte dem Gläubiger den Rücken zu. Der Fuhrmann entfernte sich in entgegengesetzter Richtung, er schwenkte die Hände über dem Kopf und sprach mehrmals das neue Wort, das er gehört hatte und nicht faßte. Es ließ ihn zweifeln an der bekannten Welt der Schuldscheine und Vergeltungen, ja, das Wort versetzte ihn in einen tödlichen Tiefsinn. An einem Balken seines Heubodens erhängte er sich.
Auf dem Markt aber wurde getafelt. Mädchen, die ihre Arme und Schultern angenehm entblößt hatten, reichten die Speisen, den Wein, und empfingen viel Dank von Gästen, die nicht anders geglaubt hatten, als daß es für sie aus wäre mit all dem. In ihren Gesprächen nannten sie das neue Wort, das ihnen zu Ohren gekommen war, halblaut wie ein Geheimnis. Voll Überzeugung aber tranken sie auf den jungen König, der sie ohne ihr Verdienst leben ließ, auch ihren Besitz verschonte und noch mit ihnen zu Mittag aß. So beschlossen sie denn, ihm allzeit treu zu bleiben, und gelobten es kräftig.
Henri erkannte, daß er seiner Sache richtig gedient hatte. Er sah auch die Menschen. Da er sie jetzt nicht mehr gewinnen, überlisten, niederschlagen mußte, hatte er erst den richtigen Blick für die armen Menschengesichter — vorher wut- und angstverzerrt, jetzt ausgelassen glücklich. Henri winkte mit der Hand seinem Agrippa, denn er wußte: der hatte sein Lied bereit und fertig. Agrippa stand auf. «Ruhe!» wurde gerufen, bis alle ihn hörten. Er sang — jeden Vers doppelt, und beim zweitenmal fielen alle mit ein, im munteren Ton und schnellen Takt der Psalmen:
«So ringe nur die Hände,
O Christ, verhüll Dein Haupt,
Mit Dir ist jetzt ein Ende,
Da Du an Freundlichkeit
Hierorts, in dieser Zeit
Voreilig hast geglaubt.
Sie stechen und sie schlagen,
Weil keiner keinem traut,
Bereuen dann und klagen,
Denn Galgen stehn gebaut:
Daß nur der Nachbar hänge!
Vergeßt mich im Gedränge!
Da eint der große Fürst des Landes,
Mit Hilfe menschlichen Verstandes
Die Guten eint er mit den Bösen.
Hosianna! Ihr seid schon befreit!
Es hat die lautere Menschlichkeit
Die Gnadenmacht, euch zu erlösen!»