Die Muse

Die Liga in ihrem Eifer für die römische Kirche, für Guise, mehr oder weniger wissentlich aber nur für die Auflösung des Königreiches und für Spanien — die heilige Liga hatte noch eine, wenn auch unbedeutende Sorge. Es war der König von Navarra, der sie zwar im Ernst nicht aufhalten konnte. Wenn eine so herrliche Bewegung durch ein erwachtes Volk geht, muß sie fraglos ans Ziel führen. Schlechthin alles spricht für sie, namentlich die Ehre der Nation, die eine anerkannte Schande, hier ist es die Ketzerei, nun einmal nicht länger tragen will. In solchen Fällen ergibt sich auch, daß die «Schande» wenig Geld, die «Ehre» dagegen viel hat. Ebenso steht es infolgedessen mit den Soldaten. Sie sind fast alle auf seiten der «Ehre»; anders kennt man es gar nicht.

Man darf nichts versäumen, und der König von Navarra machte mehr von sich reden, als gut war. Die Liga beschloß, es sollte aufhören. Sie ließ den König von Navarra beobachten und erhielt Nachricht, daß er sich unausgesetzt zu der Gräfin Diana Gramont begab, in eines der Schlösser dieser reichen Dame. Die lagen aber in der Guyenne; der König von Navarra war dort leichter zu fangen. Die Liga verteilte Reiterei allerorten, wo er hätte vorbeikommen können. Leider zeigte er sich niemals gerade dort, denn er wußte, daß er sollte geschnappt werden, und vermied die Schnapphähne. Er wurde mit Nachrichten noch besser versehen als die Liga, und zwar von der Gräfin Gramont selbst. Durch die Umstände, weil ihr Freund es schwer hatte, sie zu besuchen, entstand bei ihr der Mittelpunkt seines Kundschafterdienstes. Wenn sie ihm abraten mußte zu kommen, dann schrieb er — und bekam seinen stärkern Stil zu derselben Zeit, da er aufbrach nach seinem größeren Ziel. Eines Tages, da sie in Bordeaux war, schrieb er an seine Muse.

«Meine Seele!» schrieb er. «Der Diener, den sie statt meiner fingen bei der Mühle, war gestern wieder bei mir. Sie haben ihn gefragt, ob er nicht Briefe bei sich hätte, und er sagte ihnen: ‹Ja, einen.› Den gab er ihnen, und sie öffneten ihn und reichten ihn zurück. Es war ein Brief von Ihnen, mein Herz.»

Hierbei lachte der Stilist in sich hinein. Er bedachte, wie gut es sein kann, Liebesbriefe zu schreiben, darin schlägt der Puls der Natur. Sie schämen sich wohl gar ihres groben Verdachtes, während sie dem Diener das Papier zurückgeben und ihn entlassen. Infolgedessen entgeht ihnen noch immer, daß meine Seele mir für ihr Geld Gascogner Soldaten ausrüstet: bis jetzt zwölftausend, aber das ist nicht alles. Sie schuldet mir das Doppelte, und von ihr erreich ich’s. Die Frau ist ehrgeizig. Sie liebt einen König ohne Geld, ohne Land und ohne Soldaten. Sie ist die erste Geliebte, die mich nichts kostet, sondern draufzahlt. Es soll sie nicht reuen. Hierbei wallte sein Blut, im Augenblick vergaß er die Soldaten, das Geld, schnell schrieb er noch: «Morgen mittag wird aufgebrochen — ich auch, und will Ihre Hände verzehren mit Küssen. Guten Tag, Du mein höchster Besitz. Behalte lieb Deinen Kleinen!»

So war es. Ihr Kleiner schrieb der Beschützerin und Muse. Nur ihre Hände nannte er, sonst nichts von ihrem Körper, während ihm das Blut wallte. Sie hatte ihn Achtung gelehrt und eine früher unbekannte Veredelung des Ausdrucks von Gefühlen — die im übrigen sich gleich blieben. Nächsten Mittag ritt er nach Bordeaux wie vorgesehn: gespannt, was sie sagen würde zu dem lächerlichen Gefecht, das er grade geliefert hatte gegen einige Leute des Königs von Frankreich. Zwei Tote sind der Verlust, die Beute besteht in fünf Pferden: sie wird schelten, weil das seiner unwürdig ist. Dennoch geht es auch dabei um das Leben, nie um weniger. Behalte lieb deinen Kleinen!

Da reißt er am Zügel. Blauer Wald hinter weiten Wiesen, der Fluß Garonne umspült sie. Vor dem Rand des Gehölzes erscheint eine Reiterin. Sitzt quer auf dem geräumigen Pferderücken, ihr weißes Kleid hängt tief herab, die Sonne macht es glitzern. Sie neigt sich in der Hüfte vor, sie senkt ein wenig die Stirn, um Henri zu erkennen. Die Bewegung ist ohne Schwere, die Erscheinung überirdisch, vom Himmel hernieder steigt sie mit Versprechungen vom Ruhm und Größe. «Eine Fee!» ruft er, gleitet vom Sattel und läßt sich auf das Knie. Sie winkt ihm aber mit ihrer Hand, das Licht macht die Steine blitzen. Alsbald eilt er; schon deutet sie ein Ausbreiten der Arme an. Ganz wenig knickt sie ein zu seinem Empfang, wendet selig das Gesicht nach oben. Er verzehrt ihre Hand mit Küssen, sie drückte auf seinen Scheitel ihre Lippen.

Die Szene war ihrer würdig, und beide schwelgten darin — Henri hauptsächlich aus frommem Entgegenkommen für die Frau und ihren Namen Corisande. Dieser verpflichtete zur Darstellung der gehobenen Gefühle. Am Ufer des Flusses unter Pappeln ließen sie sich nieder. Er war nicht ohne Sorgen wegen der beiden Pferde, die aber ruhig weideten. «Meine große Freundin», schwärmte er. Sie sagte bittend und dennoch huldvoll: «Sire!» Ihre weiten Augen voll eines ungläubigen Glückes gingen über die stille Landschaft hin, die Bäume, die nur wisperten, das murmelnde Gewässer. «Sie und ich allein! Wir wissen nichts vom Krieg, die Schrecken der Pest sind uns nie zu Ohren gekommen. Das muß wohl in der Welt sein, hierher dringt es nicht. Die verräterischen Anschläge suchen uns vergebens, so fern von allen Menschen.»

Er rückte ein wenig die Schulter — nach dem Busch, hinter dem er seine Begleiter gelassen hatte. Die ihren warteten in dem Wäldchen, er unterschied mehrere. Alle sollten hervorkommen, wenn hier das Idyll zu Ende genossen war. Henri wurde beredt, er beschrieb der Geliebten die Insel, wo sie leben wollten. Kürzlich hatte er sie entdeckt. Ein Kanal umschlang das liebliche Eiland von Gärten, durch die man auf Kähnen glitt, und Vögel sangen von allen Arten. «Hier, meine Seele, nimm ihre Federn. Fische hätte ich dir noch lieber mitgebracht. Schauerlich, was es dort Fische gibt, und geschenkt, ein großer Karpfen drei Groschen, fünf für einen Hecht.» Unwillkürlich geriet er aus den Gefühlen in die Tatsachen. Daher sagte auch sie, daß er ihr eine ausgezeichnete Pastete geschickt habe. Was die zahmen Eber betraf, waren sie aufbewahrt im Park ihres Schlosses Hagetmau, und sie konnte sich nichts Hübscheres denken als ein reißendes Tier mit so vielen Stacheln. «Sire, Sie treffen unfehlbar den Geschmack Ihrer Dienerin. Ich werde Ihnen danken müssen bis an mein Lebensende.» Das sagte die Dame einerseits wohl mit Ironie, und diese war mütterlich. Wie denn auch. Ihm gleichaltrig, in Wahrheit reifer als er, sah die Zweiunddreißigjährige überlegen zu, wie seine Hände sich an ihrem Körper verirrten. Als wäre sie es nicht selbst, blieben die Flächen ihres Gesichtes völlig weiß, die Augen gelassen zärtlich. Sie wußte, was sie wollte und glaubte ihn zu lenken. In diesem Augenblick schonte sie seine königliche Eigenliebe, daher erwähnte sie seine Geschenke und ihre Dankbarkeit, wenn auch mit spöttischer Nachsicht. Dann erst ging sie zu ihren eigenen Wohltaten über: die waren viel größer und versetzten ihn in ihre Schuld — für immer, wie sie hoffte.

Die Dame klatschte in die Hände, aus dem Gehölz hervor sprengten zwei Reiter: fremde Offiziere. Erst als sie absaßen, erkannte Henri, daß sie an ihren Schärpen seine Farben trugen. Sie schwenkten ihre Federhüte über den Boden hin und baten die Gräfin Gramont um die Erlaubnis, ihr neues Regiment dem König von Navarra vorzuführen. Sie winkte gewährend. Nochmals die Hüte über den Boden und ab im Galopp: kaum hatte Henri sich gefaßt. Niemand war begabt, ihn zu überraschen und in ein Reich der Wunder zu versetzen, wie Corisande.

«Sire! Ich bin selbstsüchtig», sagte sie, um jeden Dank abzuschneiden. «Ich will Sie groß sehen.»

Er sagte: «Vielleicht verlieren Sie an mir Ihr Geld. Nicht einmal als König von Frankreich hätte ich genug, um Ihnen gebührend zu lohnen, was Sie jetzt tun.»

Die Begeisterung für seine «große Freundin» ergriff ihn. In seine Augen schossen die Tränen; er mochte wollen oder nicht, er mußte huldigen. Die Frauen sind der Maßstab: ob sie ihn begeistern oder er sie mißachtet. Sie sind das Leben selbst und wechseln mit ihm an Wert. Gräfin Diana erreichte heute den allerhöchsten, und sie begriff es. Verdienstvoll war es, daß sie ihn nicht aussprechen lassen wollte, was er nachher bereuen mußte, und sehr klug, daß sie ihn aufhielt.

«Sprechen Sie nicht, Sire! Wenn Sie einst in die Hauptstadt Ihres Königreiches einziehen, werden Sie zu einem Balkon hinaufblicken. Das ist alles und ist genug.»

«Sie sollen mit mir einziehen, Madame.»

«Wie wäre das möglich?» fragte sie in angstvoller Erwartung — und leider ist die Klugheit vergessen, wenn das Herz klopft.

«Denn Sie werden meine Königin sein.» Hierbei erhob er sich feierlich und blickte umher wie nach Zeugen, so viele in der Nähe wären. Wirklich traten aus dem Busch seine Leute, ihre aber zeigten sich drüben. Nun geschah es, daß er sich plötzlich verdüsterte, mit dem Fuß aufstampfte und eine schneidende Stimme annahm, um zu sagen: «Wer verriet mich wohl, damit meine Feinde mich finden, haben aber nur den Diener geschnappt? Ich weiß es. Die selige Königin von Navarra!»

So sehr haßte er Margot, daß er sie tot sagte. Sie hatte ihn verlassen, befestigte sich in der Stadt Agen und arbeitete für seinen Untergang. Er wünschte den ihren. Die Frau ihm gegenüber erschrak: ein Element stand vor ihr auf. Was bin ich daneben? Eine Fremde. Was soll von mir bleiben? Seine Briefe, lauter Worte, und die richtet er an sich selbst. Nur wer allein ist, spricht zu einer Muse. Diesen Atemzug lang war es ihr bewußt. Sie nahm voraus die unendlichen Bitternisse vieler Jahre, immer betrogen, niemals geheiratet, schließlich schämt er sich auch noch, da ihre Figur nachläßt und ihre Haut nicht mehr fleckenlos ist. Der Atemzug war getan, da wußte sie nichts mehr. Statt dessen Trommelwirbel, und das Regiment zog auf.

Im Eilschritt, leicht und munter, streifte es das Gehölz zu beiden Seiten, auf der weiten Wiese vereinigte es sich und schloß die Reihen. Die beiden Offiziere meldeten der Gräfin Gramont, daß ihr Regiment zur Stelle wäre. Sie, zum Zeichen einer Aufforderung, senkte vor dem König von Navarra ein wenig das Knie, wobei sie ihr langes Kleid raffte. Er nahm ihre Fingerspitzen, erhob sie und führte die Dame bis vor die Front der Truppe. Hier verneigte sie sich wieder und diesmal tief; dann rief sie tragend und schwingend über zweitausend Köpfe hinweg: «Ihr gehört dem König von Navarra.»

Der König von Navarra küßte der Gräfin Gramont die Hand. Er befahl dem Fahnenträger vorzutreten und bat sie, die Fahne zu weihen. Das tat sie und legte das schwere bestickte Tuch gegen ihr schönes Gesicht. Hierauf schritt der König von Navarra allein die Front ab, faßte diesen und jenen Soldaten vorn beim Wams, weil er ihn kannte, und plötzlich umarmte er einen, denn der hatte ihm schon gedient. Jeder hätte hören wollen, was er dem einzelnen sagte: zuletzt aber kam seine Ansprache an alle.

«Ich und ihr», verkündete er, «jetzt sind wir blitzblank und wie neu geboren, werden es aber nicht lange bleiben. Unser Stand will, daß wir ganz Blut und Pulver sind. Mit heiler Haut kommt davon, wer mir gut dient und nicht von mir weicht, wär’s um die Länge einer Hellebarde. Bin jedesmal fertig geworden mit den Faulpelzen drüben. Eng ist der rechte Weg zum Heil, uns aber führt Gott bei der Hand.»

Dies sprach der König von Navarra für seine zweitausend frischen Soldaten, die ihm jedes Wort glaubten. Sogleich fiel Trommelwirbel ein, die Fahne wurde geschwungen, und der König von Navarra stieg zu Pferd. Ihm blieb keine Zeit mehr, der Gräfin Gramont die Hand unter den Fuß zu halten, damit sie in ihren Sattel gelangte. Sie hatte sich von selbst hinaufgeschwungen, ihren Damen und Herren voran, sprengte sie von dannen.

Henri sah ihr nicht nach; er hatte sein Regiment.