Mit verhängten Zügeln
Kaum erreichte er mit seinem Regiment die Landstraße, da wälzte sich über ihr entferntes Ende ein gewaltiger Staub, was konnte er mitbringen, wenn nicht einen Feind. Auch war schon Hufschlag zu hören. Henri legte seine Truppe in den Graben und versteckte sie im Wald, bis sich herausstellte, wen er angreifen sollte. Währenddessen schnellen die ersten Reiter hervor aus den gelben Wolken; gleich werden sie hier sein. Drauf und dran! Henri selbst und seine Edelleute stellen ihre Tiere quer und greifen den Jagenden in die Zügel. Einer fällt vom Pferd bei dem Anprall, aber noch zwischen den Hufen ruft er herauf, entsetzt klingt es vor großer Dringlichkeit: «Der König von Frankreich!»
In diesem Augenblick enthüllt der Staub, was er verborgen hat, die sechsspännige Kutsche, die Vorreiter, Begleiter und das Gefolge — alles jagend mit verhängten Zügeln. Henri hat nicht mehr Zeit, die Straße zu räumen; auf einmal hält und wankt der Wagen. Die zurückgerissenen Tiere zittern, ihr Lenker flucht, die Reiter stehen in den Bügeln auf, einige schwingen die Waffe.
«Gut Freund, ihr Herren», rief Henri. Er zeigte ihnen Graben und Wald. «Ich habe ein Regiment Soldaten mitgebracht, um den König zu schützen.»
«Der Teufelskerl, er hat uns erwartet!» Sie sahen betroffen einander an und machten ihm Platz. «Wir reiten in einem Zuge von Paris, niemand kann uns überholt haben, außer er wäre durch die Luft gekommen.»
Henri saß ab, ging vor das Fenster der Kutsche und entblößte den Kopf. Die Scheibe war blind vom Staub, wurde auch nicht geöffnet. Keiner der Diener, die umherstanden, ließ es sich einfallen, dem König von Navarra den Schlag aufzumachen. Weil aber ein Staunen eintrat, wurde es still ringsum. Henri hielt selbst den Atem an. Als einziger in dem vollkommenen Schweigen vernahm er, was hinter der blinden Scheibe geschah. Er hörte den Weinkrampf des Königs.
Sehr vieles schoß ihm dabei durch den Sinn, sehr vieles. Er verzog aber keine Miene, stieg zu Pferd und hob die Hand. Alles setzte sich in Bewegung, die Kutsche mit ihrem Sechsgespann, die Vorreiter, Begleiter, der Nachtrab — und auch das Regiment von Navarra im Eilschritt, leicht und munter. Es kam zu Fuß mit, denn der königliche Aufzug jagte nicht mehr. Er hatte nach Flucht ausgesehen — als wäre der König von Frankreich aus seiner Hauptstadt geflüchtet ohne Aufenthalt bis in seine entfernteste Provinz. Nicht anders hatte es sich zugetragen: Henri begriff es, so überrascht er war. ‹Ist er zu mir gekommen? So weit wäre es schon, daß er sich rettet zu mir? Ich aber will machen, daß es dich nie gereuen soll, Henri Valois› — dachte Henri Navarra, denn er hatte auf diesem Weg ein hohes und gerührtes Herz.
Es war Abend, als sie die Stadt erreichten. Die Torwache erfuhr nicht, wer in der Kutsche saß, und Einwohner, die aus den Fenstern blickten, erkannten nur wenig im Dunkeln. Der Zug und Aufmarsch bewegte sich ohne Licht; wenn aber eine Laterne über der Straße hing, schickte der König von Navarra jemand vor, sie auszulöschen. Das Zeichen anzuhalten gab er beim Rathaus. Als er vom Pferd stieg, öffnete sich schon der Wagenschlag. Der König kam hervor: sogleich umarmte er seinen Vetter und Schwager wortlos, sagte auch nachher nichts. Er hatte sich, mehr als er selbst wußte, gesehnt, einen Menschen seines Stammes, wenn auch im einundzwanzigsten Grade, zwischen seinen Armen zu halten.
Hierbei störte den König, was um ihn her war, das Gebäude sowie die Truppe, die den Platz und die Straße bedeckte. Aus dem Hause wurde eine Lampe gebracht, daher bemerkte Henri im Gesicht des Königs das Erschrecken und hereinbrechende Mißtrauen. «Ich will zu dem Marschall de Matignon», sagte der König. Er erinnerte sich wieder, daß er gegen den Gouverneur seinen Stellvertreter ausspielen mußte. Kein Abweichen von der Übung!
«Sire! Er ist nicht in Bordeaux, und die Besatzung seiner Festung läßt uns sicher nicht ohne Umstände ein. Dagegen bin ich im Rathaus wohlgelitten. Eure Majestät wird hier gut aufgenommen und sicher sein.»
Auf diese leichtfertigen Worte des Schwagers und Vetters verdüsterte der König sich noch mehr. Er witterte Absicht und Vorbedacht und hatte sogar Recht damit; denn auf dem Herwege war Henri auch durch sein hohes und gerührtes Herz nicht verhindert worden zu überlegen, wie und wo er den Valois am besten in seine Macht bekäme. Das war im Rathaus, dort regierte sein Freund Montaigne. Er folgte dem Blick des Königs und sagte: «Mein Regiment hat einzig im Sinn, wie es Eure Majestät schützt.»
Der König erwiderte hochmütig: «Ich habe selbst Regimenter.»
«Ihre Reiter, Sire, sind mit dem Marschall de Matignon über Berg und Tal, um sich gegen die meinen zu schlagen.»
Der König zuckte zusammen. In diesem Augenblick stand es bei ihm fest, daß er sich in eine Falle begeben hatte. Henri wurde vom Mitleid erfaßt bei dem Anblick; schnell neigte er sich zu dem Ohr des Königs und flüsterte dringlich: «Henri Valois, wozu bist du gekommen? Trau mir doch!»
Wirklich zeigte sich etwas Erleichterung auf dem armen Gesicht. «Laß deine Truppen abziehen!» verlangte der König ebenso leise. Sogleich befahl Henri dies; für seine Offiziere allein aber setzte er hinzu, das Regiment sollte innerhalb der Mauern bleiben, es sollte die Festung abschneiden und gegen Anschläge wachsam sein. Valois, wir sind einer vor dem anderen nicht sicher. Glücklicherweise konnte er ankündigen:
«Sire! Der Bürgermeister mit mehreren Herren vom Rat!» Vier Männer in Schwarz, sie knieten vor den König hin. Der mit der goldenen Kette begrüßte ihn in einem Lateinisch, dessen besondere Reinheit der König wohl erkannte, und hierauf französisch: das schien noch verdienstvoller, weil klassischer Ausdruck schwerfällt in der gewöhnlichen Sprache, besonders einem Mund aus dem Süden. Der König empfand Vergnügen, zeitweilig vergaß er beinahe die Gefahr. Er ließ die Männer aufstehen, und endlich betrat er das Rathaus. Einige sagten nachher, daß nur die Kunst des Herrn Michel de Montaigne ihn dazu vermocht habe.