Erbe der Krone

Zuerst führte der Bürgermeister den König in den größten Saal. Dieser hatte seit der überraschenden Ankunft der Majestät nicht schnell genug beleuchtet werden können. Die entfernten Schatten beunruhigten den König, er verlangte ein kleines helles Zimmer, daher öffneten sie ihm die Bibliothek des Bürgermeisters. Der König von Navarra befahl seinen Edelleuten, sich mit denen des Königs von Frankreich in die Bewachung zu teilen. Dieser wendete sich unter der Tür um und verlangte laut: «Hier vor der Tür nur meine!» Henri sagte in gleicher Stärke: «Meine besetzen den Ausgang!»

So gesichert überschritten die beiden diese Schwelle. Montaigne wollte zurückbleiben wie alle anderen; der König indessen hieß ihn mitkommen. Er setzte ein düsteres Lächeln auf, um zu sagen: «Herr de Montaigne, Sie sind ein Edelmann meiner Kammer. Hier ist es eng. Wenn Mörder eindringen, fallen wir in dem Getümmel alle drei. Wollen Sie mich noch rechtzeitig warnen vor einer Gefahr?»

Auch Montaigne verzog die Miene, vielleicht verlieh er ihr Ironie, gewiß Ergebenheit. Er versetzte: «Omnium rerum voluptas — Vergnügen machen alle Dinge gerade durch die Gefahr, die sie uns verleiden soll.»

«Sie haben viele Bücher», erwiderte hierauf der König, sah die Wände hinan und seufzte. Er dachte an seine Schreibereien, den bequemen Pelzrock, die Mönchskutte, mit der er sich vortäuschte, er hätte abgeschlossen. Hier mußte gekämpft sein.

«Werden wir hier etwas Rechtes schaffen?» fragte er; es klang nicht hoffnungsvoll. Sein Vetter und Schwager antwortete ihm: «An mir soll es nicht fehlen», wobei er anfing, das Knie zu beugen. Der König griff zu, zog ihn hinauf und sagte: «Lassen wir das Getue: die Zeremonien, mein ich. Sag, was du willst.»

«Sire! Ich bitte nichts als Ihre Befehle.»

«Ach was, fang an.»

Der König hatte mit den Augen die Wände abgesucht, ob eines der Büchergestelle in den Angeln bewegt werden konnte. Da er die geheime Tür, die er fürchtete, nicht fand, rückte er sich eigenhändig einen Sessel genau in die Mitte. Niemand wäre schnell genug herzugesprungen: er hatte manche Bewegungen eines Knaben.

«Sire, sollten nicht vielmehr Sie etwas von mir erwarten?» fragte Henri. «Ich werde alles gern besprechen mit meinen Freunden.»

«Das ist oft besprochen. Nur Sie haben sich zu entscheiden», erklärte der König, auf einmal förmlich, feierlich sogar. Henri wußte längst, was gemeint war: sein Übertritt zur katholischen Kirche. Er ging diesmal darüber hin, vielmehr erhitzte er sich künstlich, um heftig zu klagen gegen seinen Stellvertreter in der Guyenne. Ihm zufolge war Marschall Matignon nicht besser als früher Biron. Henri zog sogar den König selbst hinein. «Sie, der an mir wie ein Vater handeln sollten, führen Krieg gegen mich wie ein Wolf.» Der König hielt ihm vor, daß er nicht gehorchte. Henri entgegnete: «Meinetwegen können Sie ruhig schlafen. Dank Ihren Verfolgungen aber komm ich seit achtzehn Monaten nicht in mein Bett.»

«Was haben Sie durch Ihre Diplomaten nach England berichten lassen?» fragte der König: da mußte Henri wegsehen. Auf ihn würfen alle guten Franzosen die Augen, so hatte sein Mornay allerdings geschrieben; denn unter der gegenwärtigen Regierung fühlten sie sich übel, und von dem Herzog d’Anjou erwarteten sie künftig nichts, er hat schon Proben abgelegt. Ja, und jetzt ist er tot und war der letzte Bruder des armen Königs.

«Ich bitte Eure Majestät um Verzeihung», sagte Henri und begann nochmals das Knie zu senken. Da er aber nicht aufgehalten wurde, ließ er es von selbst. Der König glaubte streng bleiben zu dürfen nach dem erlangten Vorteil.

«Wollen Sie wirklich fortfahren, Ursache alles Elends zu sein, und das Königreich ins Verderben stürzen?»

«Hier, wo ich befehle, ist nichts verdorben», erwiderte Henri einfach. Der König kam zurück auf die Hauptsache.

«Sie kennen meine Bedingung und Ihre Pflicht. Fürchten Sie meinen Zorn nicht?»

Der Übertritt, nur der Übertritt: Henri verstand den König aufs Wort. Sonst mochte es drunter und drüber gehen im Königreich, wenn der Erbe der Krone nur katholisch wurde.

«Sire!» sagte Henri fest. «Darin äußert sich nicht Ihr eigener Sinn. Sie sind weiser als Ihre Worte.»

«Es ist nicht auszuhalten», klagte der König gereizt, «daß Sie einmal auf der Tischkante sitzen und gleich darauf am Ende des Zimmers ein Buch aus der Reihe ziehen. Ich hasse die Bewegung, sie stört die Linien.»

Henri antwortete mit einem Vers des Horaz: «Vitam que subdio — Kein Dach soll er haben als nur den Himmel, und soll in ewiger Unruhe leben!» Wobei er Herrn de Montaigne ansah, und der verneigte sich vor beiden Königen ohne Unterschied. Dann stand er wieder bei der Tür, wie eine Wache.

Der König von Frankreich begann von neuem. «Wegen eines solchen schönen Lebens Ihre ganze Hartnäckigkeit?»

«Sind Sie in Ihrem Schloß Louvre denn gücklicher?» fragte Henri dagegen. «Sire!» betonte er mit Nachdruck. «Ich will aussprechen, was Ihnen schon bewußt sein muß, daß ich ungeachtet vieles erlittenen Unrechtes Sie doch nicht hasse, denn Sie waren in den Händen anderer wie Wachs. Ich hasse die anderen, Sie aber sind mein Herr und Gebieter. Ihr Thron hat von jeher den berechtigten Erben getragen, kein Ungeweihter hat ihn eingenommen, und dies durch siebenhundertfünf zig Jahre, seit Karl dem Großen.»

Die Rede hielt Henri absichtlich, inzwischen sollte der König sich durchringen zu der Erklärung, um derentwillen er herbeigejagt war. Er will den Guise zum Trotz seinen Vetter Henri als Erben der Krone einsetzen. Was kann er anderes vorhaben nach dem Tod seines Bruders und seit dem furchtbaren Verlauf des Begräbnisses, wie der Reitende ihn mir gemeldet hat. ‹Valois, ob ich katholisch bin oder türkisch, du mußt!› So dachte Vetter Henri, während er den König das Gesicht wechseln sah und darin verfolgte die künstliche Starrheit, das unfreiwillige Zucken, endlich aber den unaufhaltsamen Ausbruch. Entschieden wurde dieser in auffallender Weise durch die Erwähnung Karls des Großen. Der König, noch soeben grau, lief plötzlich violett an, wie Karl der Neunte in der Zeit seiner Breite und Lautheit. Er fuhr aus dem Sessel, stand und rang mit seiner Stimme. Endlich gehorchte sie ihm.

«Die Schurken!» Er brachte nochmals und verständlicher hervor: «Der Schurke Guise! Jetzt behauptet er abzustammen von Karl dem Großen. Das fehlte noch, das war noch übrig. Das läßt er schreiben und verbreiten unter meinem Volk. Er soll der einzige echte Nachkomme sein, alle Kapetinger auf diesem Thron waren nur falsche Nachkommen. So viel ist nicht zu ertragen, Navarra! Ein Betrüger von jenseits der Grenze und ganz geringer Herkunft verglichen mit unserer, wagt es, nennt uns Bastarde, sich selbst aber den wahren Erben der Krone Frankreich!»

«Dahin ist es gekommen, weil Sie zu lange gefügig waren», warf Henri ein und gebrauchte den Ton dessen, der jemand zur Besinnung ruft. Der König war von ihr allzuweit entfernt. Seine Zunge hastete wütend, er verschluckte Worte.

«Ich habe mich seinem Zugriff entzogen und bin gejagt mit verhängten Zügeln. Aber dort gelassen hab ich meine Marschälle Joyeuse und Epernon.» — ‹Fünfundzwanzigjährige Marschälle», dachte Henri, ‹und wie sind sie es geworden.›

«Die werden tun, was sie für gut finden, um mich von dem Guise zu erretten. Wenn ich zurückkomme, vielleicht lebt er schon nicht mehr.»

Hier bemerkte der unglückliche Valois dennoch, daß er zuviel sagte — vor Vetter Navarra und im Beisein eines anderen, mit den zu klugen Augen: ein Verräter. Wo ist mein Dolch! Dieser Gedanke ist dem armen König vom Gesicht zu lesen: es wird so häßlich, so schwarz. Die Furcht mitsamt der Eile zu töten, nur damit einer fort ist — das Blut seiner Mutter, die lange Erziehung im Louvre, alles zusammen verwandelt das Gesicht des letzten Valois diesmal bis auf die niederste Stufe. Herr Michel de Montaigne, obwohl nicht ohne Bangen vor dem Dolch, bedauert den König tief, da nichts einen Mann so wehrlos macht wie das Aussetzen der Vernunft. Sonst nur ein bescheidener Edelmann der königlichen Kammer, hier tritt seine Überlegenheit ein, sogar gegen den König: denn er selbst verliert das Denken keinesfalls, auch nicht im Schlaf. Er erlaubte sich, einen Schritt vorzutreten und zu sprechen.

«Sire! Nie sollten wir die Hand gegen unsere Diener erheben, solange wir zornig sind. Das war ein Grundsatz Platons. Demzufolge sagte ein Lakedämonier namens Charillos zu einem Heloten, der frech wurde: ‹Bei den Göttern, wenn ich jetzt nicht Wut hätte, ich brächte dich um.›»

Herr Michel de Montaigne wußte genau, warum er grade dieses Beispiel anzog. Er erinnerte den König an den ungeheuren Abstand zwischen ihm und allen Menschen, ob ein einfacher Edelmann oder der Herzog von Guise. Herr und Knecht: der eine kann den anderen nicht beleidigen, und dieser sich nicht rächen. Wenn das erwähnte Beispiel schmeichelhaft war, es verletzte doch die Wahrheit kaum und unterstützte die Mäßigung; darum wurde es gebracht. Übrigens hatte es mehr Erfolg, als der Humanist sich wünschte. Der König wendete den Rumpf zur Seite, gegen die hohe Lehne seines Sessels drückte er die Stirn, und seinen Schultern war anzusehen, daß er weinte. Seine Trauer war lautlos diesmal — war nicht nur Schmerz, sondern schon seine Auflösung, war Ergebung und Erleichterung. Daher geschah es, daß er den beiden, die ihn doch töten konnten, den Rücken wendete, um stumm seine Tränen zu vergießen. Er fürchtete niemand.

Als er zurückkehrte aus der Haltung der Einsamkeit, hatte er gerötete Augen und den Ausdruck eines begierigen Kindes. «Vetter Navarra, weißt du wohl? Es sind zehn Jahre, daß wir uns nicht mehr gesehen hatten.»

«Seit ich euch aus den Fingern gerutscht bin? Wahrhaftig zehn Jahre?» fragte Henri schnell, und hatte es zurück wie sein Vetter, das Gesicht der Unschuld.

«Zehn Jahre wie ein Tag», sagte Vetter Valois. «Ich weiß nicht mehr, womit sie mir vergangen sind. Und dir?»

«Mit den Mühen des Lebens?» war die Antwort und stieg an in der Art des Zweifels. Henri schüttelte dabei den Kopf.

Vetter Valois griff nach seiner Hand, drückte sie dringlich, raunte ihm zu: «War alles nur Irrtum. Du verstehst doch? Irrtum, Verblendung, unglücklicher Zufall.» Denn so entschuldigt man ein verfehltes Leben, und dies ist der Augenblick des Erstaunens.

«Vetter Navarra! Hat es denn sein müssen? Denke nur das eine: ihr — ihr wäre die Bartholomäusnacht nicht eingefallen.»

Henri, auch mit Staunen, erinnerte sich: «Sie selbst hat gewußt, daß die Guise erst nach der Bartholomäusnacht könnten gefährlich werden. Sie werden das Königreich an Spanien verkaufen: so hat sie mir’s vorhergesagt. Aber sie mußte gegen ihr besseres Wissen handeln.» Was erst die richtige Dummheit ist, setzte er im stillen hinzu. «Ich gestehe dir», sagte er am Ohr des Vetters, «daß ich sie außerordentlich gehaßt habe, und zwar für mein eigenes Unglück wie auch für die großen und unnützen Hindernisse, die sie aufzurichten pflegte gegen das Glück dieses Landes.»

«Was hatte sie aus mir gemacht!» raunte Vetter Valois. «Ich verachtete sie dafür sehr.»

Hier hielten sie beide an, weil sie gewahr wurden, daß sie von Madame Catherine wie von einer Toten sprachen. Indessen ging das Unheil, das diese falsche Lebende aufgerichtet hatte, mit eigenen Füßen weiter. Die Vettern stießen wieder auf die Tatsache, daß sie Gegner waren und in feindlicher Weise beraten wurden. Gleich nach ihrem einträchtigen Geflüster warfen sie es einander vor.

«Ich will nichts weiter als deinen Übertritt, Navarra, damit ich dich zum Erben der Krone erklären kann.»

«Ich meinerseits böte dir ein Bündnis an, wenn ich nur wüßte, daß du fest bleibst, Henri Valois.»

«Du aber, woher nimmst du deine große Festigkeit, Henri Navarra? Nicht aus deinem Glauben: woher dann, das will ich wissen.» So drängte Valois, aus großer Besorgnis, wie in aller Welt es zu machen wäre, daß man widerstand und einen geraden Weg ging.

«Sire!» begann Henri und änderte den Ton. «Ich will dafür eintreten, daß der geschuldete Gehorsam Ihnen erwiesen wird; will herfahren über alle, die sich gegen Sie verschwören, und was ich bin und habe, soll dienen, zu tun nach Ihrem Befehl. Nichts liegt mir so sehr am Herzen wie die Erhaltung der Krone. Nach Ihnen, Sire, steh ich ihr am nächsten.»

So spricht nur die Wahrheit. Als Henri sich auf das Knie ließ, wurde er weder aufgehalten noch tat er es zum bloßen Schein. Er kam empor, als der König sich erhob. Er fühlte voraus, daß jetzt das große Wort würde gesprochen werden: das mußte er stehend anhören. Der König sprach wie für eine Versammlung:

«Heut erkenne ich den König von Navarra an als meinen alleinigen, einzigen Erben.»

Hiermit zu Ende, griff er sich an das Herz und wich um einen Schritt, beinahe war es Taumeln. Er hatte zu seinem Nachfolger über dieses katholische Königreich einen Protestanten ernannt. Er hatte den Haß der Liga gegen seine Person herausgefordert bis zum Mord. Er hatte die tapferste Handlung seines Lebens getan.

Der König richtete dann das Wort an den Bürgermeister von Bordeaux, um ihm anzuempfehlen, er sollte das Gehörte wohl aufbewahren für den Fall, daß ihm selbst ein Unglück zustieße, bevor er seinen Entschluß wiederholen konnte zu seinem Hof und seinem Parlament.

Herr Michel de Montaigne sagte: «Ja. Ich verspreche es» — und führte diesmal keine Alten an. Er hatte sie ganz vergessen über allem, was diese Stunde mit dem König und seinem Erben ihn neu gelehrt hatte. Vielmehr war ihm sein schon besessenes Wissen bestätigt worden auf eine Weise, daß es neu wurde.