Eine Versuchung
In Paris, einige Tage später, saß der König vor seinem Feuer, sah hinein und schien nicht zu hören, was die Herren redeten. Seine Lieblinge Joyeuse und Epernon waren nicht zugegen. Anstatt den Guise zu töten, hatten sie sich mit ihm verständigt, solange der König umherreiste. Zugegen war der dicke Mayenne, genannt Herzog Du Maine, der Bruder des Herzogs von Guise. Schon seit dem Morgen rang der König um die Kraft, vor einem Lothringen laut auszusprechen, was er in Bordeaux beschlossen und verkündet hatte. Die letzte Frist war vorbei; nur noch eine Stunde, und ihre eigenen Boten konnten den Guise die Nachricht bringen. Die Edelleute im Zimmer nannten den Namen des königlichen Bruders, sie beschrieben seine Krankheit und die sonderbare Art zu sterben, die jetzt schon das drittemal bemerkt worden war, an diesem wie auch an seinen beiden vorangegangenen Brüdern. Die Herren verhielten sich so, obwohl sie vermuten konnten, daß dem König selbst das gleiche Ende bevorstände. Aber für die einen war er schon nicht mehr da, trotz sichtbarer Gegenwart. Die anderen führten absichtlich dies Gespräch, wegen ihres Bedürfnisses, dem Herzog Du Maine den Hof zu machen. Auf einmal wendete der König den Kopf aus dem Feuerschein. Er wagte eine seiner knabenhaften Bewegungen, was aus Furcht geschah, und mit einer Leichtigkeit, die ihn entschuldigen sollte, sagte er: «Ihr beschäftigt euch mit den Toten.»
Er musterte alle, nur den Dicken vermied er, so vordringlich sein Bauch war. «Ich denke an die Lebenden. Heute erkenne ich den König von Navarra an als meinen alleinigen, einzigen Erben. Er ist ein gut veranlagter Fürst, den ich von Natur —» Alles in demselben Atemzug, und hörte auch gar nicht auf: damit der eine gefährliche Satz, der von dem Erben, womöglich abgeschwächt oder sogar überhört würde. So kam es durchaus nicht. Es wurde gemurrt. Ein seidenglänzender Bauch schob sich gegen den König. Dieser schwatzte um so beiläufiger. «Von Natur hab ich ihn immer gern gehabt, weiß auch, daß er mich mag. Er ist leicht eingeschnappt. Witze reißt er gern, im Grunde aber taugt er etwas. Ich habe mich vergewissert, daß wir von verwandtem Temperament sind und miteinander auskommen werden.»
«Er ist ein Protestant», äußerte Mayenne mit hoher Stimme.
«Ich wünsche mich in mein Arbeitszimmer zu begeben», sagte der König und erhob sich. Sie machten ihm Platz. Die Tür, durch die er hinausging, blieb offen, man sah fortwährend seinen Rücken, da wurde Mayenne ganz laut. «Einen Hugenotten als Erben, das soll dir schlecht bekommen, Valois. Hat einer nichts mehr zu verlieren und will noch Kronen verschenken!»
Der König hörte alles, indes er durch das nächste Zimmer langsam wandelte, um nicht sichtbar zu flüchten. Grade darum schlossen sie die Tür nicht. Manche beugten sich hinaus, damit sie vor den anderen erführen, was er etwa Gefährliches tat. Die Vorsichtigsten liefen ihm nach. Mayenne tobte: «Der Papst muß ran!»
«Wir lassen den Valois exkommunizieren!» pfiff er in der Fistel. Im Gegensatz hierzu pfiff er: «Eine Tonsur schneiden wir ihm und sperren ihn ins Kloster.»
Sie verneigten sich vor dem Dicken tiefer als sonst und nannten ihn «Herrn des Glaubens», welchen Titel der Dicke sich beigelegt hatte, um beim Volk und den ehrbaren Leuten etwas vorauszuhaben vor seinem Bruder Guise. Die Herren von Lothringen hielten allerdings zusammen, solange sie noch nicht gesiegt hatten. Nachher hoffte jeder, den anderen um die Früchte zu bringen. Mayenne beriet sich nicht mit seinem Bruder, der übrigens nicht in der Stadt war, sondern mit der Herzogin von Montpensier, ihrer Schwester, und alsbald schickte die Liga das Volk auf die Straße. Dort wurde es von Rednern bearbeitet, las Plakate, schrieb selbst seine aufgeregten Eindrücke an die Wände der Häuser. Der Valois hat verspielt, ganz gleich, was er tut. Läßt er sich von Navarra nicht helfen, ist er verloren. Nimmt er die Hilfe an, erst recht: denn wir sagen, daß er selbst ein Hugenott ist. Mönch soll er werden, war von jeher nichts weiter. Das schrieben sie an die Wände und schrien es einander in den Mund hinein.
Alles ging vor sich, solange der Herzog von Guise auf der Jagd war. Er hatte absichtlich die Stadt verlassen. Während seines Rückweges erfuhr er das erste, konnte aber so schnell nicht reiten, um zu verhindern, daß seine Schwester vom Balkon ihres Palastes herab Ansprachen hielt und die Studenten aufreizte. Als er ankam, hatte sie den einen ihrer leidenschaftlichen Auftritte hinter sich und war mitten in dem nächsten, dieser mit dem König.
Die Herzogin von Montpensier in ihrer Sänfte, mit ihren langen starken Gliedmaßen, kam in den Louvre gefahren, als bräche ihr Reich schon an. Die Wachen stoben auseinander, so sah sie aus, die Haare bis über die herrische Nase, grausame Augen und eine Hetzpeitsche — aber überall Edelsteine, auch auf der Peitsche. Sie rief nach dem König, und da seine Diener vor ihr geflüchtet waren, trat er endlich allein aus seinem Zimmer.
«Madame, ich könnte Sie in die Bastille werfen lassen.» Bevor sie es erwartet hatte, entriß er ihr die Peitsche, diese flog in den Winkel.
«Ich habe noch die Schere», kreischte die Furie und zeigte sie ihm. Die Schere war aus Gold und hing an ihrem Gürtel. «Die hat ihre Bestimmung!» sagte sie ihm mit Mordblicken.
Er wußte, welche Bestimmung: ihm die Tonsur zu schneiden. Er sagte: «Frau Liga ist eine noch bösere Dame als Sie, Madame. Auch sie wird mir die Tonsur nicht schneiden.»
Sie lachte wahnsinnig. «Sire! Sie können keine Frau zufriedenstellen. Frankreich hat Ihnen nie gehört, Madame Liga nicht und ich ebensowenig.» Da sie ihm hierbei vor der Nase umherfuchtelte mit ihrer Schere, griff er plötzlich zu, und ebenso schnell hielt er zwischen seinen Fingern eine abgeschnittene Locke ihres schönen, wilden Kopfes. Während sie vor Schrecken still war, sagte er: «Madame, Ihre Locke behalte ich zum Andenken an Ihren Besuch.»
«Woher nehmen Sie den Mut?» fragte die Herzogin, fing an zur Besinnung zu kommen und den König zu erblicken. Bisher hatte sie trotz seiner leiblichen Gegenwart wüst von ihm geträumt. «Was ist Ihnen begegnet?» fragte sie.
Der König antwortete ihr nicht. Er zuckte schon die Schulter, zur Umkehr nach seinem Zimmer. Da aber alle Türen offengeblieben waren, sah er durch die entferntesten herbeistürzen den Herzog von Guise. Dem König wurde unwohl; dennoch floh er nicht, sondern stampfte auf und rief nach der Wache, so männlich stark er konnte. Von allen Seiten drangen Leute, endlich zeigte sich auch Marschall Joyeuse. Was Guise betrifft, war er außer Atem und versuchte sich in Beteuerungen seiner Treue. Er hatte seine Soldaten auf das Volk einhauen lassen, dies behauptete er kühn. Er gab sich als den großen Diener. Der König warf dazwischen:
«Auffallend viele Fässer kommen auf dem Fluß an. Das Volk soll wohl immer lustig gemacht werden wie heute? Und mit leeren Fässern baut man Barrikaden!» Valois sprach drohend, niemand kannte den Schwächling wieder. Die Fässer konnten allerdings für den Bau von Barrikaden dienen; Guise wußte es am besten, aber weniger als je schien die Zeit ihm günstig, wenn er Valois ansah. Natürlich war der Herzog beherrschter als seine Schwester, auch klüger als der Kardinal von Lothringen, der das Vorrecht, den König abzuscheren, für sich als einen Kirchenfürsten beanspruchte. Seine Schwester, die infolge der Erwähnung der Fässer schon wieder ihre Schere schwenkte, wurde von dem Herzog streng angelassen. Übrigens begann ihre zu oft wiederholte Gebärde einfach lächerlich zu werden, besonders angesichts der Haltung des Königs, die nachgerade majestätisch war.
«Madame», rief der Herzog. «Ihr Eifer für die heilige Kirche verwirrt Sie. Wir sind Diener des Königs, der gegen die Protestanten ins Feld ziehen wird: die Steuern erhebt er schon, das ist das erste. Nun droht uns der Einfall der Deutschen in das Königreich, die Hugenotten haben sie wieder einmal gerufen.» Zum König gewendet: «Sire! Ich biete Ihnen mein Schwert an und bürge für den Untergang aller Ihrer Feinde.»
Das letzte betonte er, wiederholte besonders: aller. «Aller Ihrer Feinde, Sire!» Damit nötigte Guise seinen Valois, endlich zu hören, wessen Untergang er ihm zuschwor. «Des Königs von Navarra», sagte er ausdrücklich und verfolgte auf dem verhaßten Gesicht die Wirkung. Diese war ein Aufleuchten der Stirn und ein fest geschlossener Mund. Hier wußte Guise Bescheid. Er nahm Abschied und führte seine Schwester bei der Hand hinaus. «Mach nicht die Furie!» pfiff er ihr bös in den Nacken.
Henri Valois träumte ihnen nach. ‹Henri Guise, wie war ich doch einst gespannt auf dich. Ich, dein Gefangener, du trätest mit der Hetzpeitsche bei mir ein. Eine etwas ungesunde Versuchung, wie ich zugebe, aber sie liegt weit hinter mir. Hüte dich vor mir, Henri Guise! Ich hab einen Freund.› Er blickte dem Rücken des abgehenden Feindes nach und dachte an seinen Freund mit Bewunderung, ähnlich wie eine Frau ihn sich zurückgerufen hätte. ‹Navarra, war ich in diesem Auftritt fest genug? Hatte ich deine Festigkeit?›
Noch immer ging der Rücken des Feindes ab. Der arme König schlug auf einmal in seine eigene Natur um, nachdem er so lange versucht hatte, die des neuen Freundes nachzuahmen. «Joyeuse!» zischte er. «Befrei mich von dem da!» Worauf der junge Marschall erbleichte und sich stumm nach der Wand kehrte. Noch hatte der König keinen Beweis gekannt für den Verrat des Günstlings: halber Verrat, widerwärtiger als der ganze, jetzt enthüllte er sich. Der König ging fort, und in seinem Zimmer brach er zusammen, weil er viel und stürmisch gefühlt hatte: zu stürmisch für seine Natur, für eine Abendstunde zuviel.
Da sie hörten, der Tyrann wäre krank, sagten alle ihn tot, und auf den Straßen wurde getanzt vor Freude. Bald sollte es ein Ende haben mit den Kometen, der Pest und den anderen Übeln, die ein schlechter Herrscher verschuldet, vor allem die Steuern. Das Volk und die ehrbaren Leute mußten entsetzlich zahlen, damit die heilige Liga ein für alle Male fertig würde mit den Hugenotten. Die Unbeliebtheit infolge der Kriegskosten überließ sie dem Valois. Der Arme wehrte sich, wie er konnte. Erstens verhandelte er nochmals mit Navarra wegen seines Übertritts, worauf sie gemeinsam fertig geworden wären mit der Furie Liga. Hierbei hätte auch Navarra einigen Schaden genommen, und einziger Herr im Königreich wäre endlich der König gewesen.
Valois begriff im Grunde nicht, warum sein Freund sich sperrte gegen die leichte Gefälligkeit, den Glauben zu wechseln. Da er eine Sache innig wünschte, entging ihm, was sie den anderen gekostet hätte: seine Selbstachtung, das Vertrauen seiner treuen Anhänger. Dem Verräter an seiner Partei hätte die andere, der er zulief, nicht geglaubt, schlecht gedient; ja, Valois selbst hätte ihn alsbald behandelt wie einen Herabgesunkenen. Schon jetzt bot er ihm für seinen Übertritt hauptsächlich Geld an, was nichts Ungewöhnliches ist, da die Gesinnungen ihren Preis haben. Nicht käuflich bleibt dagegen die Tugend, deren Sitz das Wissen ist. Diese nun überwog im Rat zu Nérac. «Rüsten wir uns, wird der König uns achten. Achtet er uns, wird er uns rufen. Vereint mit ihm werden wir unseren Feinden die Köpfe einschlagen.»
«Ich bin dabei!» rief Henri.
Ein letztes Mal schickte Valois ihm seinen zweiten Günstling, Epernon, von dem er noch erwartete, bedient, sogar geliebt zu werden. Joyeuse war ihm schon damals nichts mehr, er, den er sein Kind genannt und dem er ein Herzogtum zugewendet hatte samt einer Schwester der Königin. Es gibt schwache Personen, die sich nicht anklammern: im Gegenteil, schnell und unwiderruflich ziehen sie sich zurück. Wenn er selbst wollte, der Sünder kann sein Vergehen nicht gutmachen. Sie haben ihn schon geopfert, während er noch nichts ahnt. Joyeuse geht heiter und glänzend umher, voll Stolz auf die prachtvolle Armee, die täglich anschwillt, mehr edle Namen, berühmte Wappen, teure Pferde und Panzer aus echtem Silber als jemals in einem königlichen Heer, aber führen soll es der Fünfundzwanzigjährige, ein Auserwählter des Glückes.
Der König lächelte ihm zu und denkt: ‹Blähe dich — noch diese Weile. Navarra ist stärker als ihr: ich weiß es aus erster Hand, denn seine gute Frau, meine Schwester, verrät ihn mir bereitwillig. Ich muß ihr helfen mit Geld und Soldaten gegen ihren lieben Herrn, den sie haßt mit einem Haß, nur ich kann ihn verstehen. Wir sind von demselben Blut. Ich tue gut daran, Navarra in Atem zu halten — aber auch die Liga. Abwechselnd gegen beide schicke ich meine Truppen, dieselben Marschälle sogar, einmal Matignon, einmal Mayenne. Am liebsten schickte ich Guise, damit er sich von Navarra schlagen läßt; aber der ist leider schlau. Er geht lieber und vertreibt die Deutschen, ihn soll der Teufel holen. Wenigstens kann er Navarra nicht an den Leib: ich will nicht, daß meinem Freund Navarra etwas zustößt. Aber ich will ebensowenig, daß er mein Heer vernichtet. Die Dinge verwirren sich mir: das ist ihre Schuld, nicht meine.›
So dachte der arme König und schickte seine Marschälle abwechselnd gegen die Liga und gegen Vetter Navarra. Diesem wäre er lieber beigestanden als entgegengetreten, aber grade in dieser verwirrten Lage mußte er zulassen, daß Navarra exkommuniziert wurde. Seltsame Begebenheit für einen Protestanten; Henri antwortete auf Maueranschlägen in Rom, der Stadt des Papstes, der ihn dafür bewunderte, und die Christenheit sprach von ihm. Dagegen hätte der arme König die Liga eher schwächen als stärken gewollt, aber mit ihr, er wußte selbst nicht wie, schloß er einen neuen Vertrag. Als Henri in seinem Nérac davon hörte, saß er ganz allein die Nacht auf.
Er bedachte tief, was jetzt nahe war und so sicher bevorstand wie der Morgen. Es war der Krieg, der wirkliche Krieg um das Dasein, keine munteren, vorläufigen Handlungen mehr, sondern die letzte im vollen Ernst. Den Kopf in die Hand gestützt, bei den herabbrennenden Kerzen erblickte er das Ganze nochmals, ließ vorbeiziehen seine fröhlichen kleinen Siege, bald vergessenen Niederlagen, die langen Ritte, bösen Städtchen, widerstrebenden Menschen und was ihn oftmals müde und mager gemacht hatte, zehn Jahre der Arbeiten und Mühen.
Das war gewesen und sank ab: Henri gewahrte die Entscheidung vor sich in Gestalt eines Heerwurmes, der bedeckt die Erde. Erschlag ihn oder glaube selbst daran! Du allein, auf dich haben sie es abgesehen, sonst könnten sie untereinander ihre Geschäfte besorgen, nur du störst sie. Du sollst die Krone nicht in Frieden erben, zuerst müssen zehntausend Leichen daliegen: ich selber überhäufe mit ihnen mein eigenes Königreich!
‹Vetter Valois hat nicht Wort gehalten, was erwartete ich denn auch. Er ergibt sich der Liga, bevor sie ihn umbringt. Nach ihrem Siege täte sie es um so sicherer. Vetter Valois, du verläßt dich darauf, daß ich dich und die Liga schlage. Das ist deine Rettung, wie es meine ist. Deine Untreue befestigt unser Bündnis, ich wollte wohl, ich könnte den Herrn, meinen Gott, bitten, daß er die Prüfung von mir nimmt, oder sie wäre vorbei und ich selbst deckte mit meinem Leib den Boden des Königreiches.›
Diese Versuchung widerfuhr dem Vierunddreißigjährigen gegen das Ende einer Spätsommernacht, zu der Stunde der größten Ermattung durch ein solches Wachen. Alle Kerzen waren erloschen. Gleich darauf dämmerte es im Fenster, und er konnte sehen, daß eine Hälfte seines Schnurrbartes weiß geworden war.