Im Garten

Merkwürdig, sein Unternehmen gegen das Schloß des Gouverneurs bekam dem Stellvertreter nicht gut. Der König von Frankreich verzieh es ihm nicht, wie man in Nérac erfuhr. Oder war es eher das Mißlingen des Überfalls, das den armen Villars zuletzt sogar seine Stellung kostete. Der Adel erklärte sich gegen ihn — nicht nur hierzulande: auch in der benachbarten Provinz Languedoc, deren Gouverneur Damville mit Henri ein Bündnis schloß. Damville war ein Gemäßigter, gehörte zu den Politischen und tat gern etwas für den Frieden zwischen den beiden Bekenntnissen. Wenn nur nicht auch Friedfertigkeit zur unrechten Zeit etwas gewesen wäre, was die Stellung kosten konnte! Villars allerdings war im Begriff, die seine zu verlieren, weil er das Gegenteil zu weit getrieben hatte. Er wurde besonders verfolgt und unmöglich gemacht durch einen der einflußreichsten Männer der Provinz, Marschall Biron. Dieser wühlte gegen Villars noch mehr, als sogar Henri wußte, obwohl er unterrichtet war.

Indessen beschäftigten Henri mehrere Sorgen. Er wollte bei Hof nicht nur die Absetzung seines Stellvertreters erreichen: er wünschte sehnlich, daß seine liebe Schwester zu ihm käme, und auch seine gute Freundin, die Königin von Navarra, mochte er nicht länger entbehren. Es kam vor, daß er sich wirklich sehnte nach Margot; alte Zärtlichkeiten verlassen niemals ganz den Leib, der sie empfangen hat. Öfter dagegen bedachte er, daß seine katholischen Untertanen die Schwester des Königs von Frankreich hätten erblicken müssen, ihm zur Seite: sogar das Tor von Bordeaux wäre aufgesprungen! Was seine kleine Catherine anging — O schnell, Kathrin, daß du schon da wärst! Sollst meine Orangerie bewundern, sollst meine Papageien sprechen lehren und Vögel hören, deren wunderbaren Gesang du noch nicht kennst, Kathrin: Kanarienvögel! Außerdem ist die Kleine eine so strenge Hugenottin und würde sofort bei denen von der Religion meinen Ruf verbessern; denn leider, der ist nicht ganz gut.

Dies kam natürlich, weil er viele Frauen kannte. Aber erstens, es gibt viele, die unsere Liebe lohnen — jede auf ihre Art, diese mit ihrem kräftigen Duft, die andere als eine reine Blüte. Das Edelfräulein hat eine mißtrauische Mutter, Henri reitet Nächte hindurch zu einem Stelldichein in der Frühe. Die Dirn des beliebigen Kerls ist leichter zu haben. Nun war da auch die Frau eines Köhlers, der hauste im Wald, und bei ihm trafen einander die Jäger vom Hof. Sie liebte ihren König überaus, und er sie heiß genug, daß er die ganze Jagd, Herren und Diener, im Regen warten ließ, indes er drinnen bei ihr lag. Man kennt diese schnellen Feuer, die nichts hinterlassen. Wie ist das nur, zwanzig Jahre später adelte der König den Köhler. Noch immer wird er wissen von der Hütte im Wald und von den unverlierbaren Freuden. Denn es ist die Frau seine nächste Verbindung zum Volk. Er erkennt es in ihr; besitzt es und dankt ihm.

Seine Schwester aus Paris zu holen, schickte er keinen anderen als seinen getreuen Fervaques. Der Biedermann hatte ihn verraten, aber auch den König von Frankreich hatte er schon im Stich gelassen, und wer ist sicherer als der, dem niemand mehr traut. Fervaques brachte wirklich die Prinzessin durch alle Fährnisse bis hierher, sie blieb aber nicht lange in Nérac: ihr Bruder geleitete sie selbst nach Pau, dort waren der Glaube und die Sitten streng, auch seine eigenen, sooft er hinkam. In Pau, wo sie beide waren erzogen worden von ihrer lieben Mutter, wurde er nur mit seiner Schwester gesehen unter den grünen Bäumen ihrer Kindheit. Draußen lag ein Lieblingsschlößchen, umgeben von hohen Wipfeln: dorthin hatte auch Jeanne oftmals ihre Zuflucht genommen, wenn sie mit ihren beiden Kindern die Frische schöner Schatten empfinden wollte und in ihrer Seele den Atem Gottes dachte rauschen zu hören wie die Bäume rauschen. Die Natur war ein Geheimnis des Ewigen, eins seiner Geheimnisse. Die Gärtner dienten Gott unter anderen Zeichen als die Priester. Chanteile hieß sein Gärtner, den er so gern ansprach wie einen Weisen, und auch das Wohnhaus stellte der König ihm neu her. Die Hauptallee im Park aber trug den Namen Madame, und das war Jeanne. Dort ergingen sich ihre Kinder, der Bruder zur Schwester geneigt. Die Schwester denkt: ‹Sieh! Wir haben uns verspätet und es wird Abend. Der Garten erscheint uns heute tiefer, die Dämmerung trägt ihn still fort aus dem Raum und aus der Ordnung. Selbst die steinerne Frau, die Wasser schüttet mit ihrem Faß, sie ist getaucht in die Farbe des abendlichen Gebüsches und hat kein Vorrecht mehr, weiß zu sein und zu leuchten. Wir alle sind einander gleich als Christen: das ist besonders wahr in dieser Stunde. Ich, seine Schwester, muß ihn allerdings als meinen Herrn ansehen, hier aber ist er es weniger. Spreche ich? Die Dinge kommen mir nicht zu, und ich fürchte sie. Dennoch verlockt es mich, ihm von dem berüchtigten Ball in Agen zu sprechen.›

«Mein Bruder!»

«Was gibt es, Schwesterchen?»

«Es gehn so schlimme Gerüchte.»

«Du meinst den Ball in Agen.»

Darüber erschrak sie so sehr, daß sie stehnblieb. Man merkte ihrem Fuß sonst wenig an, sie konnte auch tanzen. In diesem Augenblick aber hätte sie gehinkt. Ihr Bruder Henri sagte schnell: «Ich kenne das Gerede — natürlich kenne ich es, sie haben es doch nur aufgebracht, damit ich mit meinen protestantischen Edelleuten die Stadt Agen verlassen sollte. Anfangs dachte ich dort zu wohnen, nach meiner Flucht aus dem Louvre. Sofort haben die Geistlichen von der Kanzel gehetzt gegen uns. Herr de Villars fing gleich mit Verleumdungen an. Aber die katholischen Damen haben das Ärgste selbst erfunden, um sich zu belustigen. Du mußt wissen, Schwesterchen, daß manche deines Geschlechtes sich belustigen an Dingen, die in Wirklichkeit nicht geschehen sind.»

«Laß das, Bruder, und sag mir, ob auf dem Ball in Agen, als der Saal voll war von den Damen der Stadt, die Kerzen und Lichter plötzlich ausgelöscht worden sind von dir und deinen Herren.»

«Nein. Man kann das nicht sagen. Ich habe wohl bemerkt, daß es etwas dunkler wurde in dem großen Saal. Vielleicht waren mehrere gleichzeitig niedergebrannt. Man bläst zuweilen aus bloßem Übermut auf die Flamme; wer weiß, ob nicht die Damen selbst!»

Hier erzürnte sich Catherine. «Du leugnest zu viel. Es wäre besser, du würdest weniger in Abrede stellen, dann dürfte ich dir das übrige glauben.» Dies sprach kein unerfahrenes Mädchen: nicht mehr die kindliche Stimme, nicht ihre hohen, erschreckten Endsilben. An Henri war es, zu erschrecken: zu ihm sprach seine strenge Mutter. Auch sehen konnte er den Unterschied kaum, denn es war Nacht geworden. Wie ein Knabe gestand er.

«Meine Edelleute wollen die Damen geküßt haben im Dunkeln. Keiner rühmt sich, daß er sie auch entehrt habe. Die Gelegenheit allerdings war da, sogar die Laune. Nachher will natürlich niemand es gewesen sein, wegen des ausgebrochenen Skandals.»

«So habt ihr euch aufgeführt!» sagte Jeanne und Catherine. «Sind das die strengen Sitten, die du unserer Heimat erhalten sollst? Nein, lieber zeigst du ihnen hier, was du gelernt hast in Schloß Louvre bei den Feinden der Religion.»

Der Atem blieb ihm weg. Was jetzt kommen sollte, traf ihn persönlich.

«Nicht allein, daß mehrere der entehrten Damen vor Schreck und Scham gestorben sind: du hast dir noch andere Unglücksfälle vorzuwerfen — überall im Land, wo du umherreitest und die Frauen verführst. Ich will sie dir nicht nennen und aufzählen, du kennst sie zu gut. Ich will dich lieber mahnen, daß du Gott liebst, anstatt die Frauen.»

Er hielt still. Die Predigt, die hiermit begonnen hatte, war unentrinnbar.

«An erster Stelle sollen wir lernen, unsere Herzen zu üben im Gehorsam des Herrn. An dem Ende müssen wir anfangen; damit aber etwas Ganzes wird, ist es nötig, daß unsere Augen, Hände, Füße, Arm und Bein — daß all das mittut. Grausame Hände erweisen ein Herz voll Bosheit, und schamlose Augen ein verderbtes Herz.»

Sie redete weiter gut und schön. Prinzessin Catherine bekam Briefe aus Genf und bewahrte sie in ihrem Sinn — obwohl auch sie nicht mehr lange danach handeln sollte. Ihr Bruder Henri weinte im Dunkeln. Die Tränen kamen ihm leicht, auch über Unabänderliches, das er zu ändern gar nicht gewillt war. Hiermit meinte er indessen nicht nur seine eigene Natur, sondern auch die eng verwandte seiner lieben Schwester. Mit ihrem frommen Eifer kämpfte die Arme gegen ihre Liebe zu ihrem Vetter Henri Bourbon, der jetzt noch den Eber jagte. Erscheint er aber erst in Person, dann wird alles schon geschehen sein, bevor Kathrin es selbst noch weiß! Das Ende ihrer kindlichen Unschuld, das war es, was ihr Bruder beweinte. Andererseits fand er es ganz vernünftig, daß einmal auch die Unschuld seiner Schwester endete. Geteilt zwischen Mitleid und Zustimmung umarmte er sie herzlich und unterbrach mit einem Kuß ihren besten Satz. Dann führte er sie in das Haus.

Weil alle Zärtlichkeit, sogar die für das eigene Fleisch und Blut, und jeder Schauder des Gemütes seinen münzbaren Wert hat, bekam Prinzessin Catherine am Morgen eine kleine Stadt geschenkt von ihrem lieben Bruder — der sie indessen selbst noch nicht hatte. Es war eine böse kleine Stadt, die ihn bis jetzt nicht einlassen wollte; er mußte sie erst erobern für seine liebe Schwester. Noch viele reizende Geschenke bekam diese — in späterer Zeit, als ihr königlicher Bruder es konnte. Einmal waren es siebenhundert feine Perlen, und auch ein Herz, reich besetzt mit Diamanten; den Preis kannte die Rechnungskammer. Übrigens waren die Stunden in Pau jedesmal gezählt. Die schönen Möbel in dem großen Stadtschloß bedecken sich wieder mit Hüllen; Henri wird niemals andere für schöner halten. Die Kronjuwelen von Navarra wird er nicht anrühren in Zeiten, als er kein zweites Hemd besitzt. Zu Pferd! Unruhigere Gegenden besucht! Auch Margot macht uns nur Sorgen. Sie hat ihren Bruder Franz, der nach Flandern durchgehen wollte, an einem Strick aus ihrem Fenster gelassen, hat dann den Strick in ihrem Kamin verbrannt und fast den Louvre angezündet. Dann ist sie gleichfalls ab nach Flandern, und was für Streiche! Kinder, was für Streiche! So spricht Henri in seinem Geheimen Rat.