Château de la Grange

Er entfernte sich unter den Füssen der Suchenden, dann unter der Stadt, dann unter den Feldern. Der unterirdische Gang, in den hinab er sich tastete, war alt und von allen Lebenden nur ihm bekannt. Er traf das Feuerzeug, die Lampe, und vermied bei ihrem kleinen Licht die Löcher und verschütteten Stellen. Der Weg erschien ihm diesmal weniger lang als sonst, da er an den enttäuschten Feind dachte. Der Atem wurde allerdings beklommen hier unten: dafür erwarteten ihn am Ziele dieser Aushöhlung ein Paar zärtlicher Arme — und in was für Hände wäre er soeben beinahe gefallen! Endlich wieder Stufen. Er löschte das Flämmchen, hob den Verschluß der Grube auf. «Achtung!» rief eine Frauenstimme. «Achtung, meine Tauben!» Denn die Person hatte gerade einigen Tauben die Hälse umgedreht und sie auf die Stelle am Boden gelegt, wo dieser erhitzte und arg verschmutzte Mann hervorkroch. Ihn blendete das Tageslicht, er sah nicht, wer das war: Fleurette, ein Mädchen, das er geliebt hatte als Achtzehnjähriger, und sie war damals siebzehn gewesen.

Sie erschrak nicht, weil er aus der Erde stieg, aber ebensowenig erkannte sie ihn: wegen seines Zustandes, und überdies hatten die Erlebnisse sein Gesicht verändert, auch ließ er sich den Bart wachsen. Seine sanften und warmen Augen hätten ihn ihr gewiß verraten, aber die schloß er und blinzelte: daher erkannte Fleurette ihn nicht. Ihr eigenes Gesicht war übrigens breit geworden, wie auch die Gestalt. Im Unmut über ihre fortgestoßenen Tauben setzte sie die Fäuste auf die Hüften und schalt. Er lachte, antwortete lustig und ging zum Brunnen, sich zu säubern. Ein anderer Brunnen hatte einst ihr gemeinsames Bild aufgenommen, und ihren Abschiedsblick hatten sie darin versenkt mit ihrer letzten Träne. «Wenn wir ganz alt sein werden, dieser Brunnen weiß von uns auch dann noch, und selbst bis über unsern Tod.» Das ist wahr; noch später werden die Leute einander ein Gewässer zeigen und sagen: «Darin ertrank sie, Fleurette. Sie liebte ihn so sehr!» Schon jetzt halten die meisten sie für gestorben, weil eine so schöne Liebe für sich allein fortleben soll, ohne die verwandelten Menschen.

Verwandlung. Er hat sein Gesicht gewaschen und klopft sich den Schmutz von den Schultern, ohne sich nach ihr umzusehen. Sie wartet ab, wie unter der verwahrlosten Hülle ein Edelmann erscheint. Der wird hineingehn, wird über die Treppe des Schlößchens gehn zu der Dame, in ihr Liebeskabinett, dessen Wände bemalt sind mit Wesen, halb Frau halb Fisch, und aus den Ecken blicken Engelsköpfe, dieser lieblich, drüben einer streng. Von der Decke des Zimmerchens strahlt die Sonne, denn Christus ist die Sonne der Gerechtigkeit, wie dabei geschrieben steht, und Fleurette hat es gelesen. Sie nimmt ihre Tauben auf. Grade wendet Henri sich her, aber jetzt sieht sie nicht hin. Über ihnen klingt die Luft von vergessenen Worten. Der Himmel ist sehr hell, silbern das Licht, die Sommerabende so lind. Sie sind noch einmal im Leben allein, hier zwischen den Wirtschaftsgebäuden. Er könnte das fremde Mädchen, das gebückt steht, an sich und hinter die Scheune ziehen. Er denkt wirklich daran, aber droben sieht man vielleicht zu. Er eilt hinauf. Sie betritt mit ihren Tauben die Küche. Der Platz bleibt verlassen, indessen klingt die Luft weiter von vergessenen Worten. Du bist glücklich bei mir? So sehr war ich es noch nie! Dann erinnere dich meiner, so weit du reiten magst — und der kleinen Kammer, in die der Garten duftete, während wir uns liebten. Du bist siebzehn Jahre, Fleurette. Du achtzehn, lieber Knabe. Wenn wir ganz alt sein werden –

Die Stimmen von Feldarbeitern nähern sich. Keine klingenden Lüfte mehr.