«Mein kleines Gefecht»

Nérac ist eine Stadt im Lande, die Vögel fliegen über sie hin, die Hammel ziehen vor ihre Tore mit Getrappel, und weite, flache Felder umgeben sie äußerst fruchtbar: dies alles schon tausend Jahre. Die Menschen hämmern auf Holz und Leder, zerschneiden Stein oder Fleisch, an der grünen Baïse stehn sie und angeln. Sooft aber bewaffnete Reiter auf der Straße den Staub erheben, bringt man die bewegliche Habe in Sicherheit und nähert sich ihnen mit leeren Händen in der Hoffnung, verschont zu bleiben. Es ist kein Verlaß auf die Mauern und Gräben, auch nicht auf die Herren, ob katholisch, ob hugenottisch, die gerade befehlen. Die nächsten, die schon unterwegs sind, werden sie erschlagen oder verjagen. Das Heil des Bürgers ist einzig, sich zu ergeben jedem, der will, und das tun sie. In Nérac gehen die einen zur Messe, die anderen zur Predigt, und je nach der Religion des neuen Eroberers behaupten sie, dies oder jenes zu glauben.

Der junge König von Navarra, als er glücklich frei war, vermied seine Hauptstadt Pau: dort hatte seine Mutter, die Königin Jeanne, in ihrem hohen Glaubenseifer den Protestantismus unduldsam gemacht. Er erwählte das ländliche Nérac für seinen Wohnsitz und Hof. Denn es lag in der Grafschaft Albret, dem alten Besitz seiner mütterlichen Vorfahren, und hielt ziemlich genau die Mitte des Landes, das er fortan verwalten sollte. Dies war zusammengesetzt aus seinem eigenen Königreich und der Provinz Guyenne mit ihrer Hauptstadt Bordeaux. Sein Königreich, das waren noch immer die Gebiete Albret, Armagnac, Bearn, Bigorre und Navarra. Seine Edelleute und Hugenotten hatten, indessen er selbst im Louvre saß, abgeschlagen sowohl den alten Montluc, der im Auftrag des Königs von Frankreich bei ihnen eindrang, wie die spanischen Haufen, die von den Bergen herabstiegen. Das Land des neuen Gouverneurs, der auch König hieß, reichte entlang den Pyrenäen und der Küste des Ozeans bis dort, wo die Gironde in ihn fällt. Das ist der Südwesten.

Die Luft der Freiheit berauscht wie der Wein, in Wind und Sonne getrunken. Das Brot der Freiheit ist süß, wenn es gleich trocken wäre. Durch das Land reiten nach langer Gefangenschaft! Nur selten nach Haus kommen und überall zu Haus sein. Keine Wächter und Aufpasser, lauter Freunde. So ist es gut zu atmen, davon wird jede Viehmagd schöner, als dem Gefangenen die Prinzessin war. Ihr seht zwar nicht zum besten aus, werte Landsleute. Seid reichlich verkommen, während wir fort waren. Das haben verschuldet Montluc, die Spanier und eure beiden Religionen. Wer hält sie denn aus, den Glaubenseifer und die ständige Lebensgefahr. Wir können davon mitreden. Meistens verließet ihr eure zerstampften Felder und verbrannten Häuser, es werden in der Provinz viertausend sein. Seid selbst endlich Räuber geworden, und ich begreif es. Dem aber will ich ein Ende setzen, und hier soll Fried sein.

Er hatte die Zuversicht, weil er neu anfing, daß alle könnten neu werden. Heiter und duldsam sein, ist doch leicht? Die kleinen Städte aber sind verbockt und verstockt durch schlechte Erfahrungen, sie ziehen die Brücke hoch, wenn wir kommen. «Turenne, deine Stimme trägt gut, ruf ihnen hinauf, daß der Gouverneur alles Geschehene verzeiht, und was wir nehmen, bezahlen wir. Sie wollen nicht? Sag ihnen, sie sollen vernünftig sein. Sind wir erst mit Gewalt bei ihnen eingedrungen, dann wird geplündert. Mein Rosny spitzt schon drauf. Ist auch in der Ordnung und war nie anders.»

Dann wurde etwas geplündert, etwas vergewaltigt und aufgehängt nach gutem altem Verfahren. Die kleine böse Stadt mußte doch wissen, woran sie war mit dem neuen Herrn. Dann wurde ein Hauptmann zurückgelassen mit wenigen Soldaten, und wieder galt die königliche Befehlsmacht um einige Meilen weiter. Der Prinz von Geblüt verteidigte sie im Umherreiten. Er sagte etwas leichthin zu einem Freund, d’Aubigné, dem blutjungen Rosny sogar: «Dich nehm ich in meinen Geheimen Rat auf.» Als eines Tages auch Mornay eintraf, wollte er, daß der Geheime Rat des Fürsten tatsächlich zusammenträte im Schloß von Nérac: Du Plessis-Mornay war Staatsmann und Diplomat. Vorerst kam es dazu selten. Auf einem Heimweg erhielt der Fürst die Nachricht, daß Kaufleute auf der Straße wären ausgeraubt worden. Dorthin im Galopp! Wer seine Habe zurückbekam, zahlte gern die Abgaben — anders als der Bauer, der sein Geld nicht aus der Erde grub, mochten die Räuber ihm sogar den Hof anzünden. Aber er blieb fortan verbunden dem Gouverneur, der ihm das Leben gerettet hatte und seinen Töchtern die Ehre. Freiwillig empfingen diese einen der jungen Herren bei sich; meistens war es der Gouverneur. Der Vater durfte es wissen oder auch nicht. Derart vollbrachte Henri Taten auf kleinem Bereich, das aber der Anfang eines großen war, und um die Ordnung, Pflege und baldige Wiederbevölkerung des kleinen bemühte er sich vorerst.

Sehr hell war der Himmel, silbern sein Licht, und die Abende waren so mild, wenn der Gouverneur und seine Räte, die vielmehr seine Kriegsmänner waren, nach ihrer Arbeit dem rosigen Schein entgegenritten ins Ungefähr. Das ist aber das Glück: nicht zu wissen, wo du essen und mit welcher du schlafen wirst. Im Louvre geschah alles unter mißtrauischen Blicken, und die Vorzimmer flüsterten davon. Um so lieber besuchte er jetzt arme Leute, oft kannten sie ihn noch nicht, sein geripptes Wams aus abgetragenem Samt machte nicht viel aus ihm, er ließ sich gerade den Bart wachsen und trug einen Filzhut. Geld führte er nicht mit sich, sie verlangten keins für die Suppe aus Kohl und Gänsefleisch, Garbure genannt, und für ihren Rotwein vom Faß; nachher kam dennoch das Geld zu ihnen von seiner Rechnungskammer in Pau. Die Armen waren ihm von Natur näher als die Reichen: er untersuchte nicht, warum, und hätte es schwer gefunden. Weil sie gesund rochen, nicht wie der König von Frankreich und seine Lieblinge? Seine eigene Kleidung war genauso sehr mit Schweiß durchtränkt, wenn er zwischen ihnen saß. Oder wegen ihrer kräftigen Ausdrücke, der Spitznamen, die sie jedem gaben? Auch ihm kamen immer solche, anstatt der richtigen, auf die Lippen, sogar für die ehrbarsten seiner Diener. Die Armen sind leicht guter Laune, und das war er selbst.

Übrigens war ihm bewußt, daß er gar nicht anders hätte sein dürfen. In einem Land mit viertausend Brandstätten und einer verwilderten Bevölkerung stolziert man nicht umher als der unnahbare Herr. Einen hatte es gegeben hier: er sollte nicht hart, grausam oder geizig — nur stolz, unerlaubt stolz sollte der Herr gewesen sein gegen den gemeinen Mann, darum hatte dieser ihn getötet. Henri war gewarnt; nicht umsonst sah man ihn in abgeschabten Hosen. Wenn nur kräftige Muskeln sich darin abdrückten! Außerdem veranlaßte er selbst das Gerede, zweierlei sei ihm unmöglich: ernst zu bleiben und zu lesen. Der Ernst ist für den gemeinen Mann schon halbe Überhebung, wer aber liest, der ist hier fremd und kann seiner Wege gehen, was die vornehmen Leute denn meist auch taten. Dieser nicht. Er wohnte im Lande und hatte nicht nur Schlösser, auch eine Mühle, die betrieb er wie jeder andere Müller: hieß auch so. Den Müller von Barbaste nannten sie ihn — und fragten nicht lange, wie häufig er eigentlich dort wäre in seiner Mühle, und was er dort täte. So weit forscht das Volk nicht nach. Obwohl es den Gelehrten mißtraut, genügt ihm selbst oft ein Wort, und es sucht dahinter nichts.

Ein König, ein echter König ist voll Geheimnis — aber das wäre er nicht in kostbarer Kleidung: unerkannt und sehr gering ist er der König selbst. Du erkennst ihn plötzlich, und dein Herz stockt. Einmal, auf der Jagd, verlor er sein Gefolge, und am Fuß eines Baumes saß ein Bauer. «Was tust du da?» — «Was soll ich wohl tun. Den König will ich sehen.» — «Dann los, sitz hinter mir auf! Wir reiten hin, und du siehst ihn dir richtig an.» Der Bauer stieg mit zu Pferd, und unterwegs fragte er, woran er den König erkennen könnte. «Du mußt bloß achtgeben, welcher den Hut aufbehält, wenn alle andern ihn abnehmen.» Jetzt stößt er zu der Jagdgesellschaft, und alle Herren entblößen den Kopf. «Nun?» fragt er den Bauern. «Welcher ist der König?» Der antwortet aber bauernschlau: «Herrschaft! Sie oder ich, einer von uns muß es sein, denn nur wir zwei haben den Hut auf.»

Unter den Worten versteckte sich die Furcht mitsamt der Bewunderung. Hatte der König den Bauern angeführt, so hielt dieser, mit der gebotenen Vorsicht, auch den König zum besten. Daraus muß der König lernen. Der gemeine Mann behält zufällig mit ihm allein den Hut auf, sitzt hinter ihm zu Pferd, darf aber dabei nicht vergessen weder seine Bewunderung noch seine Furcht. Jedesmal beginnt das Erlebnis mit Übermut und endet mit einer Lehre. Fröhlich gelaunt ritt er einst nach der Stadt Bayonne, denn sie hatte ihn zu Tisch geladen. Wie er nun hinkam, war im Freien gedeckt, umringt von allem Volk mußte er essen, ihnen Rede und Antwort stehen — aber so nah sie herandrängten, um an seiner Suppe und sogar an seinem Lederkoller zu riechen, er mußte lachend und in Mundart redend noch der König und das Geheimnis bleiben. Es gelang ihm ohne Mühe, weil sein Herz einfach war, und nur sein Verstand war’s nicht. Wenn er gut hervorging aus solch einer Sache, fühlte er eine Befreiung wie nach einem glücklichen Gefecht. Während der Dauer des Wagnisses ist die Gefahr vergessen: er unterhält sich, und er gibt sich hin.

Den Armen, wenn er sich selbst bei ihnen einlud, konnte er auch seine Nöte klagen, und dies mit Zorn und mit Humor, ganz in ihrer Weise. Sie fluchten auf seine Beamten, die ihnen verboten, zu wildern; dann nahm er selbst sie mit zur Jagd. Sie bekamen zu hören, was er auf dem Herzen hatte gegen seinen Stellvertreter, Herrn de Villars; den hatte der Hof von Frankreich ihm auf die Nase gesetzt für den alten Montluc. Dieser Villars spürte ihm nach, als wären sie noch immer in Schloß Louvre. Die Stadt Bordeaux ließ den hugenottischen Gouverneur nicht zu sich ein, und da Henri dagegen machtlos war, stellte er sich gleichgültig. Nur am Tisch der armen Leute, wenn die Gesichter schon erhitzt waren, brach seine Wut aus, und er wurde bei ihnen ein Empörer, das waren hier alle von der Religion. Ihr Protestantismus war ihre Waffe und wurde auch seine. Er teilte den Glauben der armen Leute.

Hugenottische Banden durchzogen die Gegend, sie brandschatzten, so gut wie die andern — zuerst jedesmal die Kirche, zogen dann vorläufig ab, und nach drei Tagen kam auch das Herrenhaus des Dorfes daran, war nicht bis dahin das Lösegeld beschafft und zur Stelle. Der bedrohte Edelmann jagte nach Nérac, aber der Gouverneur war im Schloß nicht immer gleich aufzufinden. Er ergeht sich in seinen Gärten am Laufe der Baïse, so erfuhr der Bittsucher. Sie sind indessen viertausend Schritt lang, von seinen großen Schritten. Sehen Sie nach, Herr, ob er dort ist! Flüßchen und hohe Bäume, alles von demselben matten Grün, und die Wipfel neigen sich zueinander über dem schnurgeraden Laubgang, der die Garenne heißt. Eine Brücke führt vom Park, der Ihnen frei steht, hinüber zu den Blumen und der Orangerie. Nicht zu eilig, Herr, brennt es denn schon bei Ihnen? Sie könnten ihn versäumen, sehen Sie nach, Herr, bei den steinernen Brunnen und in jeder Laube. Der König von Navarra sitzt vielleicht an einem der Plätze und liest den Plutarch. Darüber aber der Pavillon des Königs, der wird bewacht. Sie erkennen ihn an dem roten Dach aus Schindeln. Rot und grellweiß spiegelt er sich im Wasser. Versuchen Sie nur nicht einzudringen, Herr, hüten Sie sich! Sollte der Gouverneur sich dort aufhalten, hat niemand zu fragen, bei welcher Beschäftigung und mit wem!

Der geängstigte Edelmann verließ unverrichteterdinge das Schloß von Nérac. Sein Herz erbitterte sich gegen den hugenottischen Gouverneur. Als aber am dritten Tage die Räuber, ihrem Versprechen gemäß, wiederkehrten, wer fuhr über sie her, und war doch bis zuletzt nicht sichtbar geworden? Ihren Anführer ließ Henri aufhängen, ganz, als wäre er nicht von der Religion gewesen. Die Leute machte er sogleich zu seinen Soldaten. Im Herrenhaus aß er zu Abend; der Edelmann war hochbeglückt mit allen den Seinen, und ungesäumt schickte er Nachricht an seine Verwandten und Freunde ringsum über seine gelungene Errettung durch den hugenottischen Gouverneur. In Wahrheit der erste Prinz von Geblüt! Sollten wir dennoch mit ihm rechnen müssen — dereinst, falls der Thron keinen anderen Erben mehr hätte: aber das liegt weitab. Bis jetzt mag er gut sein, unsere Dörfer zu beschützen vor seinen eigenen Glaubensgenossen. Er ist vor allem Soldat, ein Meister der Zucht und Feind aller wilden Banden oder bewaffneten Strolche. Wer sich bei keinem Hauptmann in die Rolle schreiben läßt, wird bestraft; wer aber den Eid geleistet hat und dennoch durchgeht, womöglich mit der Löhnung, wird mit Tod bestraft. Auch gibt es endlich wieder eine Marktpolizei.

‹Es geht vorwärts›, denkt Henri, der dafür sorgt, daß solche Briefe und Gespräche in Schwung kommen. Sehr wichtig ist das Vertrauen der Unbekannten: es kann sogar die Tatsachen verändern. Viel wäre geschehen, wenn man zum Beispiel sich einbildete, hier im Lande gäbe es nur noch eine und dieselbe Religion! Seine Armee war gemischt aus beiden Bekenntnissen: er sorgte dafür, daß die Neuheit auffiel und gewürdigt wurde. An seinem Hof in Nérac hatte er so viele Katholiken wie Protestanten; die meisten der Edelleute dienten ihm ohne Bezahlung, um seiner Person und Sache willen, und alle waren angehalten zu einer ehrenhaften Friedfertigkeit — die nicht immer bewahrt blieb. Dem König für seinen Teil standen sein Roquelaure und sein Lavardin so nah als nur sein Montgomery und sein Lusignan; er schien gar nicht mehr zu wissen, daß die letzten beiden von seiner Religion waren, die beiden ersten nicht.

Ihm war es durchaus bewußt, trotzdem fand er die Kühnheit, entgegen der Übereinkunft und herrschenden Wahrheit laut zu sagen: «Wer seiner Pflicht nachkommt, ist auch von meinem Glauben, ich aber bin vom Glauben derer, die tapfer und gut sind.» Er sprach dies aus und schrieb es in Briefen, obwohl ihm aus den Worten eine Schlinge gemacht werden konnte. Er hatte aber hinter sich den Louvre, die lange Gefangenschaft, Lüge, Todesfurcht; er sah zurück auf das Gemetzel um des Glaubens willen. Gerade er hätte alles Menschliche hassen können. Statt dessen berief er sich nur noch auf das, was Menschen einigen sollte, und das war, tapfer und gut zu sein. Natürlich dachte er sich das Seine. Tapfer — das sind die wohl. Sogar im Louvre waren die meisten von uns tapfer. Güte? Noch hüten fast alle sich, von Güte etwas merken zu lassen. Dafür müßten sie nicht nur tapfer, sondern kühn sein. Er verführte sie aber, ohne selbst zu bemerken, womit: dadurch, daß er seine Güte würzte mit einiger List. Milde und Duldsamkeit sind den Menschen nicht mehr verächtlich, wenn sie sich überlistet fühlen.

Der Friede im Königreich war wieder einmal mißlungen. Er hieß nach Monsieur, dem Bruder des Königs von Frankreich. Monsieur war seit seinem Frieden nicht mehr d’Alençon, sondern d’Anjou und bereichert um hunderttausend Taler Rente. Sogar seine deutschen Truppen bezahlte ihm der König, gegen den sie gekämpft hatten. Monsieur für seine Person hätte sich beruhigen können, obwohl er dies in seinem kurzen Leben nicht fertigbrachte. Vielmehr ging er nach Flandern, wollte König der Niederlande werden und von Thron zu Thron die Hand ausstrecken nach der Hand Elisabeths von England: eine Fünfundvierzigjährige mittlerweile. Die hochbeinige Königin und ihr kleiner Italiener, so nannte sie den Mann mit den zwei Nasen: über das Paar ließ sich viel lachen, des Abends in Nérac, wenn der Gouverneur und sein «Geheimer Rat» beim Wein die Nachrichten besprachen. Sonst aber war der Friede, der nach Monsieur hieß, mißlungen. Die Pariser waren nicht einmal hingegangen, als der König ein Feuerwerk hatte abbrennen lassen. Die Liga des dreisten Guise wühlte, und selten waren im Königreich die Tische, an denen man beisammensaß und nicht fragte, was einer glaubte. Daher berief der König von Frankreich die Ständeversammlung nach seinem Schloß in Blois. Protestantische Abgeordnete reisten nicht mehr dorthin, sie wußten zu gut, wie man betrogen wird. Aber der König von Navarra ließ für den Frieden schreiben durch seinen Diplomaten, Herrn Du Plessis-Mornay, und vor allem schrieb er selbst.

Die anderen hatten alle nur die Sorge, einander zu schaden, Protestanten wie Katholiken. Diese, als die Stärkeren, riefen nach Gewalt, jene nach ihrer verbürgten Sicherheit. Wer indessen der Schwächere ist, muß nicht auf das Recht pochen, sondern Duldsamkeit und Güte empfehlen: unter dem Schutz dieser Tugenden wird er leicht seine Macht vergrößern. Tugend aber, verbunden mit Macht, erwirbt mehr Anhänger, als jede der beiden allein. In ihren Zwekken verstanden sich Henri und sein Gesandter, gingen auch dieselben Wege. Mornay: seinen Schriftsatz an die Ständeversammlung schob er einem wohlgesinnten Katholiken unter, als hätte der ihn verfaßt, und war doch nur eine Erfindung des frommen und listigen Mornay. Henri wieder — persönlich, so schrieb er dorthin, bitte er Gott, ihn wissen zu lassen, welches die wahre Religion sei. Dann würde er ihr dienen und die falsche verjagen aus dem Königreich, womöglich sogar aus der Welt. Glücklicherweise ließ Gott ihm hierüber keinerlei Mitteilung zugehn: so lief er nicht die Gefahr, daß er seine befestigten Plätze etwa hätte ausliefern müssen.

Was er im Ernst tun konnte, damit der Bürgerkrieg nicht wieder ausbräche, dessen beeiferte er sich — eilte auch entgegen, als der König von Frankreich ihm Gesandte schickte. Diese sollten ihn wieder einmal zum Katholizismus bekehren, und das hinter den Mauern seiner treuen Stadt Agen. Der eine war derselbe Villars, der ihn nicht in Bordeaux einließ, der andere ein Erzbischof aus seinem eigenen Hause, der dritte bedeutete am meisten, denn es war der Schatzmeister von Frankreich. Henri empfing alle auf einmal und jeden für sich. Man weiß nie, was einer ohne Zeugen noch vorbringen wird, besonders bei Geldsachen. In der gemeinsamen Sitzung beklagte der Erzbischof die Leiden des Volkes, und Henri weinte — wobei er sich dachte, daß die Leiden des Volkes zwar die seinen wären, nicht aber die des Erzbischofs; und gerade darum war auch das Königreich nur ihm selbst bestimmt. Diese Nachricht kam ihm allerdings von Gott. Darum ließ er auch in demselben Augenblick von seinen Leuten eine Stadt stürmen. Der gute Villars hatte sie entblößt von den Soldaten, die er brauchte, um mit starker Bedeckung vor seinen Gouverneur zu treten. ‹Mein kleines Gefecht!› So jubelte Henri heimlich; weinte dabei noch immer, aber wer unterscheidet Freudentränen von anderen. ‹Mein kleines Gefecht!›

Marquis de Villars nahm seine Rache, es währte gar nicht lange. Henri spielt «langen Ball» in seinem Schloßhof, den ein Viereck hoher Gebäude umschließt. Verzierte Fenster und kunstreiche Säulengänge entlang den Fronten, die breite und großartige Doppeltreppe hinab zum Fluß und den Gärten: alles haben seine Vorfahren erbaut schon vor zweihundert Jahren, und an jeder der vier Ecken bewacht die Herrlichkeit ein dicker Turm. Auch Turmwächter können sich natürlich mit Mädchen vergessen, und währenddessen schleicht sich der Feind heran von einem Busch zum andern und im Schutz eines Hauses bis hinter das nächste. Im umhegten Hof wirft Henri den langen Lederball. Säße er gerade beim Essen, dann wäre in die Wand des Speisezimmers eingesenkt ein enges Gelaß, dort kauert der Beobachter, der das Land abspäht nach verdächtigen Erscheinungen. Man sollte die Maßnahmen nie vergessen: jetzt ist es zu spät. Ein klägliches Geschrei erhebt sich; der Feind ist eingedrungen hinter die vierte Front, schon hält er jemand an der Kehle. Die Ballspieler sind ohne Waffen. Während seine Freunde über die Freitreppe entspringen, verschwindet Henri im Haus — und so lange der Feind ihn nachher sucht, er wird nicht gefunden.