Mit dem Kopf nach unten
Paris inzwischen hatte sich angefüllt mit Herren in seltenen Pelzen und von einem fremdartigen Glanz des Auftretens. Es waren die Polen, die ihren König zu holen kamen, denn wahrhaftig war d’Anjou gewählt worden inmitten ungeheuren Jubels des polnischen Volkes, das sich hierfür auf einem Felde versammelt hatte. Der neue König hätte eilen sollen, was erwartete er noch von der undankbaren Festung, die sich nicht einnehmen ließ. Die Wahrheit, wenn er sie hätte aussprechen dürfen, war, daß er den Tod seines Bruders Karl erwartete. Man ist lieber König von Frankreich als von Polen. Karl, der dies genau wußte, schickte ihm nach La Rochelle einen Boten über den anderen, damit er sich entschlösse. Man wird leichter gesund, wenn niemand mehr da ist, der täglich und stündlich hofft, daß uns das Blut aus den Poren bricht.
Madame Catherine wurde beiden Söhnen gerecht. Ihren Liebling drängte sie zur Abreise, damit der Kranke sich beruhigte. Gleichzeitig sorgte sie vor, damit eintretendenfalls die Rechte des Lieblings gesichert blieben. Der polnische Erfolg, die Sorge um die Nachfolge Karls und dazu ihre Absichten auf Elisabeth von England, der sie verschönte Bildnisse des Mannes mit den zwei Nasen überreichen ließ: alles dies nahm Madame Catherine übermäßig in Anspruch. Sie wußte nicht mehr jeden Augenblick, wo jeder stand und ging. Dies ist aber, wie gerade ihr am besten bekannt war, das Wichtigste, um zu herrschen und andere niederzuhalten. Hätte Madame Catherine den Kopf frei gehabt, das Folgende alles wäre schwerlich geschehen.
Schon die Reise an die Grenze hatte etwas von Unordnung. Der König von Polen mußte unbedingt inmitten des ganzen Hofes bis an die Grenze geleitet werden; aber ein Hof reist beschwerlich, sogar unter gewöhnlichen Umständen. Wie erst, wenn die Gelegenheit erfordert, großartig einherzukommen, und überdies wird von den mitreisenden Polen berichtet werden in Warschau. So viele Kutschen, Reiter, Läufer, die Tiere mit Gepäck, die Lastwagen voll von Lebensmitteln, und dies alles, umgeben von Soldaten, verfolgt von Neugierigen und Bettlern, bewegt sich quer durch das Land, es rattert oder trabt auf Wegen, die tiefe Fahrrinnen haben. Aber solche Dämme getrockneten Lehms zerfließen beim Regen. Wenn es regnet, werden die Kutschen umhüllt, die Reiter verschwinden in ihren Mänteln. Alles hastet, flucht, kriecht in sich zusammen. Kein Volk läuft mehr herbei, um die Mäuler aufzusperren oder in die Knie zu brechen. Weite ungeschützte Ebenen, auf die es niederschüttet, und nur vereinzelte Bauern kommen von den Feldern hoch, mißbilligen den umherziehenden Hof und bücken sich wieder, unter dem Sack, der sie bedeckt. Ehrliche Leute sitzen zu Hause, oder sie arbeiten unter dem Sack. Der Hof zieht umher im Regen wie eine Zigeunerbande.
Jetzt aber zeigt sich die Sonne, und heran naht eine Stadt: da nimmt der Hof sein großes Aussehen an. Die Schutzdecken werden von den Karossen entfernt, die Vergoldungen erscheinen, die aufgeschraubten Kronen blinken, um sie her nicken Federn. Samt und Seide, Glück und Glanz, man hält sich kühn, man lächelt streng oder gnädig. Man zieht ein. Großartig nimmt man entgegen, was geboten wird an Ehrfurcht, gekrümmten Rücken. Glockengeläut. Salz und Brot werden dargereicht von den Schöffen, und auch die geschuldeten Abgaben bezahlen sie unter den Augen der Bewaffneten. Karl der Neunte muß zum Willkommen einen Humpen leeren.
Es bekam ihm nicht gut; der arme König vertrug auf dieser Reise nicht mehr die inhaltsreichen Gefäße, auch nicht das Stoßen der Räder, so wenig wie den Lärm und die Berührung der Menge. Er vertrug vor allem nicht seine Erinnerungen, und sie verließen ihn nicht: sie reisten mit, so weit es fortging von Schloß Louvre. Daher schwieg er zu den feierlichen Anreden. Er blickte mißtrauisch aus den Winkeln auf alles, was noch herandrängen wollte; denn von jetzt bis an das Ende mußte er allein sein.
Sie schleiften ihn mit, über Wege und Stege, durch vielerlei Gedränge, obwohl er ihrer aller überdrüssig war und sie seiner. Abgemagert und wieder bleich von Angesicht, fühlte er gegenüber allem, was vorkam, denselben Abstand wie einst als blasser hochmütiger Knabe und wie auf seinen Bildern.
Er gelangte nicht mehr an die Grenze seines Königreiches. An einem Ort namens Vitry mußten sie ihn zurücklassen. Sie hatten ihn mißbraucht, um ihre Bartholomäusnacht zu machen. Sie ließen ihn krank in Vitry, sie geleiteten weiter seinen Bruder d’Anjou. Nur sein Vetter Navarra blieb bei ihm zurück, der aber hatte seine Gründe: Karl erriet, welche. Er wollte natürlich entweichen. Er nahm wohl an, daß um dieses Krankenbett nicht mehr die Spione schlichen. Die Wagen mit den Ehrenfräulein waren abgefahren, die alte Königin paßte gerade nicht auf ihn auf. Warum entfloh er nicht nach dem Süden? Er hatte größere Pläne, vielmehr sinnlose. Er hatte sich bestimmen lassen, mit Vetter Franz nach Deutschland auszurücken. Die protestantischen Fürsten warteten doch nur auf diese beiden. Mit ihnen zusammen wollten die Vettern einfallen in das Königreich, und Vetter Franz sollte den Thron besteigen, bevor sein Bruder d’Anjou zurück sein konnte aus dem fernen Polen. Mit Karl rechneten sie schon lange nicht mehr. Zwischen Soissons und Compiègne geschah es: da wollten d’Alençon samt Navarra durchgehn und wurden gefaßt.
Madame Catherine begriff plötzlich, daß ihre äußeren Staatsangelegenheiten sie abgelenkt hatten von der häuslichen Überwachung. Zu ihrem kranken Sohn sagte sie: «Du warst die ganze Zeit, während ich an die Grenze reisen mußte, mit dem Zaunkönig allein und hast nichts bemerkt. Du wirst niemals der Herr!» Denn wozu jetzt noch Schonung; seine Tage waren gezählt.
Karl lag aufgestützt, den Kopf in der Hand. Er betrachtete auch seine Mutter nur aus dem Winkel, und eine Antwort gab er nicht. Er hätte sagen können: Ich wußte es. Aber er hatte, anders als die Reisenden, die Grenze erreicht, und dort schwieg er.
Madame Catherine wendete sich nicht mehr an ihn, sie sprach zu sich selbst. «Im letzten Augenblick konnte ich die bösen Ausreißer einfangen, weil endlich jemand mit der Sprache herausrückte.» Wer das war, sagte sie nicht. Soeben wurde an die Tür geklopft, und draußen verlangte Navarra, als wäre nichts geschehen, zum König vorgelassen zu werden. Statt dessen hörte er die Königinmutter den Befehl geben, man sollte ihm ausrichten, daß der König schliefe. Sie sprach laut, durchaus nicht wie im Zimmer eines Schlafenden. Eine große Anzahl von Edelleuten waren zugegen bei dieser offenen Demütigung. Man sah Navarra mit gesenkter Stirn ganz schnell nach seinem Zimmer gehen. Dort aber waren Schloß und Riegel entfernt; Offiziere konnten jederzeit eintreten und unter die Betten sehen. Sie taten dies sowohl bei dem König von Navarra wie bei dem Herzog von Alençon; und diese Leute gehörten zu den hauptsächlichen Ausführern der Bartholomäusnacht. So war damals in Soissons die Lage.
D’Armagnac, der bei seinem Herrn im Zimmer schlief, mußte sich durchsuchen lassen, sooft er zurückkam. Aber nicht nur er — die Königin von Navarra wurde angehalten, als sie zu ihrem Gemahl wollte. Zuletzt bekam sie die Erlaubnis, bei offener Tür mit ihm zu sprechen. Wegen der Horcher sprach sie leise und überdies lateinisch.
«Mein lieber Herr, Sie haben mich tief gekränkt», sagte sie sanft und traurig. «Ich, die ich so viel getan habe, um Sie zu retten! Sogar die Ärzte glaubten mir, daß ich schwanger wäre! Ach! ich war es nicht, und mir ahnt, daß ich es niemals sein werde. Als es mir an der Zeit schien, trug ich sogar einen dicken Bauch. Meine Mutter indessen ist nicht so leicht zu betrügen wie die Ärzte, und ich will nicht davon reden, was mir zustieß. Während ich aber einzig und allein auf Ihr Wohl bedacht war, was planten Sie?»
«Gar nichts», versicherte Henri leichthin. «Was sollte ich geplant haben? Siehst du nicht, daß deine liebe Mutter nur einen Vorwand sucht, mich zu töten?»
«Mit Recht», entschied Margot — eine andere Margot, die Prinzessin von Valois. «Denn Sie sind ein Feind unseres Hauses, das Sie stürzen wollen.» Die andere Margot war erzürnt durch seine Unaufrichtigkeit und hatte eine harte Stimme.
Um so leichter blieb Henri. «Ah! Du glaubst an diese Verschwörung? Den dicken Nassau sollte ich ins Land gerufen haben!» Er blies die Backen auf und ahmte auch sonst auf das täuschendste einen beleibten Mann nach. Sie lachte darüber nicht, ihre schönen Augen weinten.
«Sogar mich belügst du, noch jetzt!» brachte sie hervor.
Er leugnete weiter, er scherzte dreist, bis sie ganz die Geduld verlor. Wütend rief sie und diesmal in der Volkssprache: «Dumm bist du, nichts als dumm! Läßt dich mit meinem Bruder d’Alençon ein und denkst, er würde dein Geheimnis bewahren.»
«Er hat es streng bewahrt», behauptete Henri, nur um sie in Versuchung zu führen. Sie verlor denn auch ganz die Haltung, warf den Oberkörper nach vorn und schrie: «Verraten hat er dich!» Darauf reizte er sie noch mehr. «Höchstens einer einzigen Person — die ich kenne.» Margot schnell und unbedacht: «Dummkopf, ich kenne sie besser. Sie hat sich nicht lange besonnen und alles ihrer Mutter hinterbracht.»
Das war ihr Geständnis. Sie selbst war die Angeberin. Nach dieser Preisgabe wurde ihr angst und bange, sie zog sich gegen die Tür zurück. Er aber, kein Gedanke, daß er sich an ihr vergriffen hätte. Wohlgelaunt rief er hinüber: «Jetzt weiß ich’s wirklich! Du hast es von La Mole.»
Dieser La Mole gehörte zu den schönen Männern, die auf ihre Gliedmaßen stolz sind, wie Guise. Margot hatte für ihn eine Schwäche, immer sollte sie zu der gleichen Art von Männern zurückkehren. Das begriff Henri, darum nannte er La Mole — als wäre Margot schon jetzt mit ihm eng genug verbunden, daß er sie hätte einweihen können in das Geheimnis seines Mitverschworenen d’Alençon, womit sie dann ungesäumt zu ihrer Mutter gelaufen wäre. So klang es, und dies alles warf er ihr lachend an den Kopf, als er zu ihr hinüberrief: «Du hast es von La Mole!»
Sie biß sich in die Lippen; sie dachte: ‹Du hast es gewollt, du wirst ein Hahnrei werden.› Dies einmal beschlossen, bekam sie ihre Sanftmut wieder. Ging hin, beugte ein Knie und bat: «Mein lieber Herr, es möge nichts zurückbleiben zwischen uns beiden von diesem unbedeutenden Mißverständnis.»
Sie ging. Er sah ihr nach und dachte an seine Rache wie sie an die ihre.
Eile! Eile! Die Verschwörungen folgten einander unaufhaltsam, wie die Tage des Schlosses Louvre, wie die Monate, und bald sind es Jahre. Ein großer Schlag ist vorbereitet für einen Morgen im Februar, der Hof hält sich gerade in Saint-Germain auf. Henri und sein Vetter Condé reiten zur Jagd und werden nicht mehr zurückkehren. Das Königreich wird aufstehen, alle «Gemäßigten» warten schon, Katholiken wie Protestanten. Gouverneure von Provinzen machen mit, eine Garnison ist gewonnen. Die Prinzen brauchen nur hinzureiten mit fünfzig Pferden und sind in Sicherheit. Anstatt dessen: Verhaftung, Zusammenbruch, die notgedrungene armselige Absage Navarras an alle Unternehmungen wie diese, und der Schwur, künftig anderen Empörern nicht mehr beizustehen, wenn sie die Ruhe stören wollen; im Gegenteil soll er in Treue fest gegen sie vorgehen. Das alles unterschreibt Henri und glaubt es nicht einmal so lange, als er die Feder hält. Ebensowenig glaubt Madame Catherine es ihm. Der Zaunkönig ist nun einmal ein unruhiger Kopf und fast so verrückt wie ihr Sohn d’Alençon, der am entscheidenden Tage nicht mit zur Jagd reitet, sondern im Bett liegt. Verlaß ist nur auf die Uneinigkeit der Verschworenen, und dann auf den Verräter, der nie ausbleibt. Immer findet sich einer, der alles anzeigt. In Saint-Germain ist es La Mole, der Mann mit den schönen Gliedmaßen, durch den der König von Navarra jetzt glücklich ein Hahnrei geworden ist. Was La Mole verschweigt, enthüllt der Mann mit den zwei Nasen, damit er nur aus der Sache kommt.
Madame Catherine verzieh ihm dann wirklich: er war ihr Sohn und überdies nicht ernst zu nehmen. Schonend aus Geringschätzung behandelte sie auch den Prinzen von Condé, ließ ihn abziehen, damit er die Provinz Picardie für den König regierte. Er statt dessen entwich nach Deutschland: das war ihr einerlei. Nein, Madame Catherine mißtraute in Wahrheit nur einem einzigen, den sie mit scheinbarer Verachtung den Zaunkönig nannte. Ein Zaunkönig ist ein kleines Vögelchen, ihr aber war er noch immer nicht klein genug. Auf die Trennung seiner Ehe hatte sie verzichtet, seitdem ihre Tochter ihn betrog. Das sollten seine frommen Hugenotten nur erfahren, gewiß stieg er in ihrer Schätzung! Was sie wohl von ihm hielten oder hofften? Um sein Leben zu retten, war er wieder einmal katholisch geworden. Den Rest seines guten Rufes verausgabte er in kopflosen Unternehmungen und schwor sie ab, eine nach der anderen, sooft sie mißlangen. Die tiefste Stufe erreichte Navarra, als er, um den König zu verraten, zusammenging mit dem Geliebten seiner Frau.
Der Hof lag damals in Vincennes; der Raum, sich zu bewegen, war hier noch geringer für alle, auf die Madame Catherine ein Auge hatte. Trotzdem ließen sie sich in neue Pläne ein, vielmehr in dieselben wie immer: Flucht, Aufstand, die Hilfe deutscher Truppen — diesmal aber ging das Unternehmen sogar von dem Verräter selbst aus. Derselbe La Mole, der sie erst kürzlich ausgeliefert hatte — ihm überließen sie sich. In Saint-Germain hatten sie ihn kennengelernt, in Vincennes war es schon vergessen. Was ist das? Mag d’Alençon verrückt sein und Henri erbittert, weil er demütigende Erklärungen hat abgeben müssen. Gleichviel, so handelt niemand im wachen Zustand, an einem Hof, wo jeder sich unter Aufsicht weiß, besonders aber Navarra und Vetter Franz — davon nicht erst zu reden, daß sie auch einander nicht trauen. Aber es gibt nun einmal einen leeren Trieb des Handelns, der ganz wie ein unruhiger Schlaf ist. Beide jungen Leute sind darüber belehrt, wer La Mole ist: ein Verräter von Natur, und noch dazu der Freund der Prinzessin, die immer im Banne ihrer furchtbaren Mutter stehn und ihr alles hinterbringen wird. Hat Margot ihren Liebhaber vielleicht sogar angestiftet, und zwar auf Befehl ihrer Mutter? Madame Catherine will endlich wissen, wer alles bereit ist, zu verraten, und wie der Verein und die Tat ihrer Feinde aussehen, wenn sie ihnen erlaubt, heranzureifen bis zum blutigen Ende und Strafgericht.
Der Verein sah aber so aus: zwei junge Prinzen, die aus verschiedenen Gründen Kopf standen und auf den Händen liefen, wobei man das Blut in den Augen hat und nichts sieht. Dazu mehrere große Herren, von der Art, die sich für besonders vernünftig, maßvoll und treu hält. Wollen mehr verstehen als eine kluge alte Königin und beweisen es dadurch, daß sie in demselben Verein sitzen mit Abenteurern, einem Alchimisten, einem Astrologen, einem Spion. Dieser letzte unterrichtet Madame Catherine von Tag zu Tag, und das waren Tage, wie Madame Catherine sie liebte: voll geistiger Spannung und der glücklichen Überlegenheit einer Katze, die unsichtbar über das Vögelchen wacht. Endlich hat es lange genug sinnlos gehüpft und will die Flucht antreten: da schlägt die Tatze zu.
Der Herzog von Montmorency, ein Verwandter des seligen Admirals, sowie Marschall Cosse verschwanden in der Bastille. Hingerichtet in aller Öffentlichkeit auf dem Greveplatz wurden die beiden Rädelsführer, ein italienischer Verschwörer, und mit ihm, besonders erheiternd für eine Kennerin wie Madame Catherine, dieser La Mole, ihr eigenes Werkzeug, ohne daß er es gemerkt hatte. War auch das Freundchen ihrer verliebten Tochter gewesen, und die gab an, als sein Kopf fiel! Zumindest erinnerte sie an eine Witwe aus Morgenland. Margot holte sich den abgeschlagenen Kopf, ließ ihm Einspritzungen machen, damit er erhalten blieb in all seiner männlichen Schönheit; setzte ihm auch Edelsteine ein; und so führte sie ihn überall mit sich, so lange bis ein neuer Mann sie rührte und hinriß. Da hatte sie den Kopf vorsorglich begraben in einem Kasten aus Blei.
Was die anderen Verschworenen betraf, sind Astrologen geeignet, das Firmament nach den Geschicken der Großen zu durchforschen; Alchimisten ihrerseits sollen die Zukunft bestimmen aus den Dämpfen der Metalle. Madame Catherine gewann es nicht über das Herz, zwei so sehr Eingeweihte zu töten. Sie nahm ohne weiteres an, daß die Weisen ihre Mitverschworenen zwar getäuscht hatten, ihr selbst aber würden sie verläßlich wahrsagen.
Anders verfuhr sie mit ihrem Schwiegersohn Navarra. Gut, auch ihr alberner Sohn d’Alençon mußte beschämende Verhöre erdulden und den Gefangenen vorstellen. Ihren Zaunkönig aber nahm die alte Frau zu sich in ihre Kutsche. Behaglich liebevoll das Aug auf ihm, in Stunden heiteren Genusses fuhr sie ihn zurück nach Paris und in das Schloß Louvre. Er hatte vermeint, es nicht so bald wieder zu betreten. Jetzt fand er die Fenster seines Zimmers vergittert — und wem, wem wurde seine Person eigens anempfohlen? Seinem guten Freund, dem Hauptmann de Nançay. Der Gefangene war wohl aufgehoben.
Er erkannte es und besann sich. Dies war der Ruck des jähen Aufenthaltes nach zu viel ungeordneter Bewegung. Ein Zittern der Trostlosigkeit befällt nachträglich die Glieder, und der Kopf ist müde wie noch nie.
«Sire!» riet d’Armagnac. «Liegen Sie nicht zu viel auf dem Bett! Tanzen Sie, und vor allem zeigen Sie sich! Wer sich abschließt, erweckt Mißtrauen, und davon trifft Sie schon genug.»
Henri erwiderte: «Mit mir ist es aus.»
«Es hat für Sie noch nicht einmal angefangen», verbesserte der Erste Kammerdiener.
«Man kann nicht tiefer sinken», klagte der Unglückliche. «Ich habe die unterste Stufe erreicht — und die ist die sicherste», setzte er merkwürdigerweise hinzu. Sein d’Armagnac fand die Rede unzusammenhängend. Henri fragte ihn tatsächlich: «War ich denn geistesgestört? — Warum», fragte er weiter, «habe ich das alles getan? Ich wußte doch, wie es ausgehen muß.»
«Vorher weiß es niemand», wandte d’Armagnac ein. «Der Zufall entscheidet.»
Henri sagte: «Es sollte aber entscheiden mein Verstand, und wo hatte ich ihn? Unsere Umtriebe verwirren uns den Geist, je tiefer wir uns in sie einlassen. Das kommt, weil andere mit drin sind, und die sind ungewiß. Sogar ich selbst werde davon ungewiß. Glaube mir, d’Armagnac, die meisten Handlungen geschehen mit dem Kopf nach unten.»
Sehr verwundert bemerkte d’Armagnac: «Das ist nicht Ihre Sprache, Sire.»
«Ich habe es von meinem Edelmann, den ich kannte vor La Rochelle. Seine Worte hatten mich zuinnerst getroffen, und das Unbegreifliche ist grade: kaum gehört, vergaß ich sie und stürzte mich in Handlungen, die das Bewußtsein trüben.»
«Denken Sie nicht mehr daran», riet der Erste Kammerdiener.
«Im Gegenteil, ich will es nie vergessen.» Henri verließ das Bett, er stand und sprach gradeaus: «Keine gleichen Befehlshaber neben mir! Künftig werde ich selbst mein eigener General sein.»
Damit zog er allerdings einen höchst eigenen Schluß aus dem Satz, daß die meisten Handlungen mit dem Kopf nach unten geschehen. Der Edelmann von La Rochelle hätte für seine Person nicht so gefolgert. Indessen war gerade ihm bewußt, daß alle Wahrheiten doppelt sind, und Beispiele des Altertums vermittelten ihm die Geistesart eines Zwanzigjährigen, der keine schweren Hände hat. Der greift Gedanken wie Bälle, der springt, der kann ein Pferd satteln. «Ich — am Anfang des Alters, er — das Urbild der Jugend, die ich zurücklasse und wenig gekannt habe: so dachte Michel de Montaigne dort hinten in seiner Provinz, denn auch er hatte nichts vergessen von dem Gespräch am Meeresstrand.