Der Tod und die Amme
Karl der Neunte wäre nächsten Monat vierundzwanzig geworden; aber diesen einunddreißigsten Mai 1574 lag er und mußte sterben. Es geschah in Vincennes.
Alle waren darüber unterrichtet, daher erbebte das Schloß von Unruhe, und öfter artete sie in Lärm aus. Die Parteigänger des Königs von Polen behaupteten, er würde schnell genug eintreffen hier im Lande, um alle Verräter zu bestrafen; und so nannten sie die Anhänger des Mannes mit den zwei Nasen. Daher erhobene Stimmen und das Klirren von Waffen, aber das war nicht alles. Unter den Gewölben wurde laut kommandiert, alle Ausgänge waren besetzt, und besonders hallten die schweren Schritte der Wachen vor den beiden Türen, die Madame Catherine am strengsten beaufsichtigte. Diese verbargen ihren Sohn d’Alençon und den Zaunkönig — die wohl daran taten, drinnen zu bleiben und sich bewachen zu lassen. Einmal hervorgetreten, wäre keiner von ihnen weit gelangt. Jeder aufrührerische Zuruf ihrer Freunde hätte sie augenblicklich in Gefahr gebracht. Heute regierte der Tod, denn der König starb. Seine Mutter hatte ihn zuletzt noch bis Vincennes geschleppt. Dies Schloß war übersichtlicher als der Louvre. Weder ein unberechenbares Volk noch die Gegner ihres Lieblings d’Anjou konnten hier dazwischenkommen, wenn sie ihn ausrufen ließ. König! — schon der dritte Sohn. Heute starb der zweite, an der Reihe war der dritte, und noch einen vierten hatte sie im Rückhalt. Wenn jeder nur etwas vorhielt, konnte Madame Catherine ihnen weiter die Sorgen des Reiches abnehmen und konnte bleiben, die sie war — auf immer, meinte sie. Denn für Tatkräftige ist alles Gegenwart; das Künftige wie das Gewesene, verschwinden darin. Karl der Neunte zum Beispiel hat nie gelebt, da er ja sterben muß. Seine Mutter war die letzte, sich um ihn noch zu kümmern. Er lag allein.
Der Arzt war gegangen, nachdem er den Sterbenden eingewickelt hatte in Tücher, die bestrichen waren mit Balsam, zur Stillung der Blutungen. Karl hatte aber begriffen, daß der Arzt nicht im geringsten mehr hoffte, das Versickern könnte aufhören. Nur den Kranken wollte er verschonen mit dem Anblick, wie auf seiner Haut überall die roten Lachen sich bildeten — und er sollte sich selbst auch nicht riechen. Der Duft des Balsams verdeckte den Blutgeruch — eine Zeitlang nur, dachte Karl, und selbst während sein Verband noch frisch war, schnupperte Karl und verlor nie aus dem Sinn, wie sein letztes Stündlein roch. Er war ein starker junger Mann gewesen. Zum Sterben blieb ihm die ganze Kraft, die das Leben von ihm nicht mehr empfangen wollte: die Kraft des Erkennens, die Kraft der Haltung.
Er dachte: ‹Ambroise Pare, mein Arzt, hat einst den Admiral verbunden. Mit dem Admiral wäre auch der Arzt umgekommen, er entkam nur über das Dach. Wer noch über das Dach entkommen könnte! Ich weiß, ich weiß; und soviel wüßte ich keineswegs, wäre nicht durch meine Schuld der Admiral getötet worden. Ich weiß, warum draußen Lärm ist. Warum ich unter großen Schmerzen hierher gefahren worden bin. Warum ich jetzt allein liege und niemand mehr nach mir fragt.› — «Ich muß sterben», sagte er hörbar.
«Das ist wahr, Sire», antwortete seine Amme. Sie saß auf einer Truhe und strickte. Als ihr Pflegling die Augen öffnete und sprach, stand sie auf; sie wischte ihm das Gesicht ab. Das Tuch ließ sie ihn nicht sehen.
«Es ist gut, Amme, daß du nicht redest wie der Arzt und mich täuschen willst. Ich weiß, und ich stimme zu: sonst habe ich nichts mehr, mich zu bewähren. Ich will nicht sein wie andere, die zuletzt noch aus dem Bett springen, schreien und zu entlaufen versuchen. Wohin wohl, und warum denn? Obwohl ich sicherlich Kraft genug hätte, aufzustehen, den Hof und meine Mutter zu überraschen in meinem weißen Linnen, mit meiner blutigen Stirn, und alle in die Flucht zu jagen.»
«Du bist der König!» erinnerte sie ihn freudig, voll unbedachter Hoffnung. Denn sie allein fiel von ihm nicht ab. Vierundzwanzig Jahre weniger einen Monat war sie durch ihn eine Person von Rang gewesen. Hatte auch Land genug ankaufen können, daß sie für ihre Zukunft versorgt war; und sie stand erst in den vierziger Jahren, eine schöne und derbe Frau. Aber dir stirbt nicht dein König, ohne daß du, Amme, ihn ein Stück begleitest in das Dunkel. Ja, seine letzten Bewegungen und seine Abschiedslaute schließen sich an sein erstes Tasten und Eingangsweinen. Damals hieltest du ihn auf deinen Schenkeln, die sich stolz spannten, und an deinem vollen Busen. So meinst du, Amme, ihn zuletzt wieder zu tragen.
Nicht schreien noch entlaufen, hatte er beschlossen, statt dessen aber seufzte er, stöhnte und äußerte Schrecken. Sah er doch Geister, jetzt schon am hellen Tag, und hörte wilde Stimmen, die nicht von Lebenden waren. «Ach, Amme! Wie viel Blut, wer alles gemordet ist! Ich war schlecht beraten. Daß Gott mir verzeih und barmherzig sei!»
«König! Hast du uns Protestanten gehaßt? Nein; denn du hast unseren Glauben eingesogen mit meiner Milch. Sire, alles Blut der Gemordeten kommt über jene, die sie gehaßt haben. Du warst ein unschuldiges Kind, dir rechnet Gott nichts an.»
«Was hat man aus deinem unschuldigen Kind gemacht!» klagte dagegen er. «Ist es zu verstehen? Ich — nichts, was ich getan habe, gehört eigentlich mir, und nichts Gewesenes kann ich mitnehmen. Vor Gott, wenn er mich dann fragt nach der Bartholomäusnacht, werde ich hilflos antworten: Herr! Ich verschlief sie wohl.»
Seine Stimme sank herab zum Geflüster, der Kranke schlummerte ein. Die Amme trocknet ihn mit einem frischen Tuch, und jetzt breitet sie es aus. Sein Gesicht war blutig darin abgedrückt.
Da er tief und hörbar atmete, zog sie ihm unter dem Kopf das Kissen fort, so daß er flach in ganzer Länge lag, und hierauf tat sie etwas, das er ebensowenig hätte bemerken dürfen wie das blutige Tuch: sie nahm ihm Maß. Mit höchster Sorgfalt maß sie den Körper ihres Königs, den ich nach ihrem Amt und Vorrecht sollte in den Sarg betten, wie zu Beginn in die Wiege. Ihr fiel eins nicht schwerer als das andere: sie war eine kräftige Frau. Er dagegen wog jetzt wieder leicht. Lange Zeit hatte sie ihn immer nur zunehmen gesehen an Umfang und Gewicht. Vorübergehend war er hochrot von Farbe gewesen, seine Bewegungen luden aus, seine Stimme dröhnte. Sie betrachtete ihn, der jetzt wieder schmal und bleich, bald auch ganz still war. Zwischen Anfang und Ende hatte er das Blut vieler Menschen vergossen, das seine aber war langsam aus ihm getreten. Sie fühlte: beides war geschehen unaufhaltsam, für unerkennbare Zwecke. Übrig bleibt: Ich Amme leg ihn in die Truhe. Sie billigte alles, wie es war, sie behielt die Augen trocken.
Der Abend hatte sich niedergelassen, der Abend vor Pfingsten: da erwachte Karl. Die Amme erkannte es an seinem Atem allein. Sie machte Licht und sieh, sein Bluten hatte aufgehört. Dafür war er jetzt überaus schwach, mit Anstrengung erhob er die Hand, um ihr zu bedeuten, was er wollte. Sie verstand nicht, obwohl sie ihn aufsetzte und das Ohr an seine Lippen legte. «Navarra», hauchte er, und sie erriet es.
Sie rief den Befehl des Königs zur Tür hinaus, die Wachen gaben ihn weiter, und jemand lief, ihn zu überbringen. Nicht zu Henri eilte der Offizier, sondern natürlich zu Madame Catherine. Sie war denn auch die erste, die anlangte bei ihrem sterbenden Sohn. Die Amme hatte ihm das Gesicht gewaschen; es schien weiß wie Stein und unsäglich abweisend gegen jede Zudringlichkeit der Lebenden. Madame Catherine, mit der blutwarmen Natur einer Mörderin, stößt auf Fremdes, gar nicht Geheures. So sterben die sonst nicht. Zu vornehm! Kenn ich nicht. Ist nie aus meinem Schoß gekrochen! Nur gut, daß noch jemand hier erwartet wird.
Henri Navarra indessen ging einen Weg der Ängste — durch enge gewölbte Gänge, starrend von Bewaffneten. Ihm wurde kalt bei all dem entblößten Eisen, den Arkebusen, Hellebarden, Partisanen. Er erkannte den Tod, nicht anders als Karl selbst — hatte aber dabei all sein Blut, sowie die Füße zum Entlaufen. Wirklich stockte er und wäre umgekehrt. Kam dennoch an, trat ein und ließ sich auf die Knie. Von der Tür bis an den Fuß des Bettes ging Henri auf den Knien. Hier vernahm er, was Karl hauchte. «Mein Bruder, jetzt verlieren Sie mich, aber Sie selbst wären längst nicht mehr am Leben. Ich allein habe den anderen abgeschlagen, was sie vorhatten. Dafür wollen Sie sich künftig meiner Frau und meines Kindes annehmen. Künftig», wiederholte er — und so leise er sprach, das Wort hallte. ‹Er weiß, daß ich soll König von Frankreich sein! Wer stirbt, sieht in die Zukunft.›
So ist es, daher ein großes Unbehagen bei Madame Catherine. Horoskope und Dämpfe der Metalle stehen allerdings gegen das Wort des Sterbenden. Gleichwohl sind solche Worte folgenschwer, darum aufgepaßt! Karl ringt, um Henri noch eins zu hinterlassen. Es soll eine Warnung sein, das ist ihm anzusehen. «Trau nicht meinem —» beginnt er, da fährt sie schon hinein. «Sag das nicht!» Weil nun Karl endgültig erschöpft war und zurück auf das Kissen fiel, blieb unentschieden, wen Henri mehr zu fürchten hatte, ob d’Anjou, der ihn haßte, oder d’Alençon, seinen eigenen unsicheren Gefährten. Er beschloß, sich vor beiden zu hüten.
Madame Catherine verließ das Sterbezimmer, als sie sich überzeugt hatte, daß Karl nicht mehr sprechen würde. Henri harrte, immer kniend, solange aus, bis der Todeskampf begonnen hatte.
Bei ihrem Pflegling blieb schließlich allein zurück die Amme. Über ihn geneigt, fing sie seine Seufzer auf — nicht als hätte sie gefühlt mit dem, der selbst nicht mehr fühlte, sondern einfach, damit sie genau feststellte, wann der letzte abbräche. Sie wußte wohl: In diesem vergehenden Geist gespensterte nur noch das Früheste, lang Vergessene, niemandem bekannt als ihnen beiden. Ihr fiel es wieder ein zugleich mit ihm, und dem Entschlafenden zur Seite kehrte sie in alte Tage zurück. Nur seine kurzen Seufzer bewegten seine Lippen, dennoch verstand sie «Wald», dennoch verstand sie «Nacht», und «müde». Das Kind hat sich verirrt im Wald von Fontainebleau, jetzt fürchtet es sich im Dunkeln. Vorzeiten geschah dies, und geschieht zuletzt nochmals. Sie summt statt seiner die Worte. Eintönig wiederholte Worte fügen sich ungewollt aneinander, und sie summt:
«Mein Kind, es ist schon kalt,
Es wird schon Nacht, du Kind,
Es ist schon Nacht im Wald,
Es ist schon kalt im Wind.»
Summt es lange, schläfert auch sich damit ein.
«So klein, findst keinen Weg —»
Hier merkt sie insgeheim: etwas ist eingetreten.
«So müd und keine Ruhe —»
Bei Gott, es war der letzte, war sein letzter Seufzer. Sogleich richtet sie sich auf, und seine Lider schließend spricht sie stark:
«Ich Amme aber leg
Dich in die sichere Truhe.»