Was ist das: Hass?
Wer aber lange wartet, erlebt, daß seine vorher festesten Gefühle verwandelt werden, daß sie sich teilen und nicht mehr ganz sind. Da ist diese Freundschaft mit Guise. Henri hatte sich ihm genähert aus Haß: weil er mehr über ihn wissen wollte, denn das braucht der Haß. Kennt man den Feind dann aber besser, tritt wieder die Gefahr ein, daß man ihn ganz leidlich findet. Mehr als das: der Feind zieht tiefer an als einer, den man eben hinnimmt, wie er ist.
Sie spielten Ball, «langen Ball», der am schwersten ist, und immer nur diese beiden Gegner, Navarra-Guise; die anderen mußten zusehn, ihre Eindrücke waren oft peinlich. Man sah den viel kleineren Navarra umherhüpfen, den Guise breitbeinig wie ein Goliath seine Schläge erwarten; aber das war noch nichts. Der Ball fiel einmal hinter die Hecke. «Navarra, du bist kleiner», rief Guise. «Kriech durch und hol ihn!» Anstatt zu kriechen, sprang Henri hinüber, einfach aus dem Stand, was die Zuschauer bewundern mußten. Zurück kroch er zwar, schlug aber unversehens den langen Ball ab, und das lederne Geschoß traf Lothringen vor die Brust. Er schwankte beträchtlich, rief indessen schon: «Die Stirn wolltest du treffen, und dann wär ich gefallen. So hoch reichst du nicht, du lieber Kleiner. Geh, bring uns Wein auf den Schrecken!»
Natürlich lief ein anderer, aber der Vorfall genügte, daß Guise an diesem Tage beiseite genommen wurde von d’Alençon und d’Elbeuf. Sie hielten ihm vor, daß der König von Navarra wohl nur ein Gefangener und gegenwärtig ohne Bedeutung wäre; aber alle, die zugegen waren, darunter geringes Volk, hätten in seiner Person das königliche Haus gedemütigt gesehen. Guise erwiderte: «Was wollt ihr? Der Junge nimmt nichts übel, er weicht mir nicht von der Haut. In alle Kirchen begleitet er mich. Bald wird er katholischer sein als ich selbst.»
Sie berichteten es Henri, und er behielt für sich, was er dachte. ‹Der eitle Goliath›, dachte er, ‹ahnt nichts von meiner Verabredung mit Madame Catherine. Seine plumpen Machenschaften bei den Pfaffen und den Spaniern, er bildet sich ein, daß niemand sie anders ansehn wird als von der guten Seite. Er kennt mich nicht, wie ich bin. Ich bin sein Freund. Niemand kann sich so viel erlauben wie ein Freund.›
Bei der nächsten Ballpartie gelang es ihm wirklich, Guise an der Stirn zu treffen, und diese schwoll an, während dem Herzog übel wurde. Henri heuchelte großes Bedauern. «Wahrhaftig, ich wollte nicht, daß dir Hörner wüchsen. Nur die Herzogin hat das Recht, dir welche aufzusetzen.» Darüber mußten alle Anwesenden ungeheuer lachen, und sie nannten einander, lauter als anständig gewesen wäre, die Liebhaber der Herzogin von Guise. Diese junge Dame hatte schnell und gründlich die Sitten des Hofes erlernt. Lothringen, der am Boden lag und die Stirn kühlte, hörte alles. Er stöhnte mehr vor Wut als von den Schmerzen und beschloß, die Ungetreue zu bestrafen.
Zu Navarra sagte er später: «Im Grunde hast du mich nur veranlaßt, aufzupassen, und das hätte sonst keiner gewagt. Ich sehe, daß ich dir vertrauen kann. Komm mit mir zu der Predigt des Pfarrers Boucher.»
Desselben Tages ritten sie dorthin, der Herzog von Guise wie gewöhnlich mit reichem Gefolge, Navarra ganz allein. Noch immer kannte er Paris nicht sehr genau und horchte umsonst nach dem Namen der Kirche. Wo sie vorbeikamen, gab das Volk sich von Mund zu Mund ein Wort weiter. Das hieß: «Der König von Paris! Heil!» Dieser König wurde gegrüßt mit der erhobenen rechten Hand. Die Frauen machten es wie die Männer, nur daß sie sich oft vergaßen und mit beiden Händen hinauflangten nach dem blonden Helden ihrer Träume. Der strahlte hinab auf Gerechte und Ungerechte wie die Sonne selbst, hochgemut und seiner Sache gewiß. So langten sie an, und als das viele Eisen der Kriegsleute zur Ruhe gekommen war, bestieg Pfarrer Boucher die Kanzel.
Dies war ein Redner von neuer Art. Er schäumte beim ersten Wort, und seine rohe Stimme überschlug sich zum weibischen Gekreisch. Er predigte den Haß gegen die Gemäßigten. Nicht nur die Protestanten sollten verabscheut werden bis zur Vernichtung. In einer Nacht der langen Messer und der rollenden Köpfe wollte Boucher besonders abrechnen mit den Duldsamen, auch wenn sie sich katholisch nannten. Die Schlimmsten waren ihm in beiden Religionen die Nachgiebigen, die sich bereitfanden zur Verständigung und dem Land den Frieden wünschten. Den sollte das Land nicht haben, und Boucher behauptete tobend, daß es ihn gar nicht aushalten würde, weil er gegen seine Ehre wäre. Der Schmachfriede und aufgezwungene Vertrag mit den Ketzern würde hiermit zerrissen. Laut schrien der Boden und das Blut nach Gewalt, Gewalt, Gewalt, nach einer kraftvollen Reinigung von allem, was ihnen fremd wäre, von einer faulen Gesittung, einer zersetzenden Freiheit.
Die gedrängte Masse bis hinter den Altar und in die entferntesten Kapellen bestätigte durch wildes Stöhnen, daß sie weder Gesittung noch besonders Freiheit zu dulden gewillt war. Die Leute drückten einander tot, um bis unter die Kanzel zu gelangen und den Redner zu erblicken. Sie sahen nichts als ein aufgerissenes Maul, denn Boucher war von verkümmerter Gestalt, er ragte nur wenig über den Rand. Dagegen spuckte er weithin. Seine Sprache entartete leicht zum Gebell, und was an ihr menschliches war, hatte doch kaum etwas zu tun mit den hier bekannten Lauten: es klang ausländisch und angelernt. Mehrmals konnte man glauben, jetzt bräche bei ihm die Fallsucht aus, und man sah sich schon nach Wärtern um. Da klappte Boucher den Kiefer zu und lächelte holdselig in die Runde, wodurch er die Herzen gewann. Mit neuem Atem bellte er weiter, schnappte zu und machte Miene, einen Andersgesinnten aus der Menge zu holen und ihn aufzufressen.
Gewissensfreiheit, beileibe nicht! Aber auch keine Steuern mehr, keinen Mietzins, überhaupt keine Zinsknechtschaft — weder das Volk noch besonders die Geistlichkeit sollten künftig irgend etwas zahlen. Darin bestand ihr Bündnis. Die Geistlichkeit behielt hiernach die öffentliche Rente, die sie schuldig war, das Volk seinerseits durfte plündern in den Häusern und Palästen, bei allen Hugenotten, allen Gemäßigten, und diese besonders waren totzuschlagen. Boucher ermutigte seine Hörer, vor großen Herren nicht halt zu machen, auch vor den größten nicht — und er erging sich in kaum versteckten Hinweisen auf den König, einen heimlichen Protestanten, Gemäßigten und Verräter. Er beschrieb ihnen, aus seiner Einbildung, die Schätze des Schlosses Louvre, zugleich mit dem ersehnten Blutbad. Ohne Übergang versetzte er sie aus ihrem Lustrausch in bleichen Schrecken, da sie verfolgt würden. Das Volk und alles Volkhafte wäre in höchster Gefahr, ausgeliefert zu werden an geheime Mächte, die ihnen Untergang geschworen hätten. Hier folgte ein Stoßgebet, das kam unverkennbar aus höchster Not. Die Menge, es hören und laut mitbeten. Über ihr indessen hing der Dampf, in den sie abwechselnd hatte ausströmen lassen ihre Gier, Furcht, Schwärmerei und ihren Haß.
Henri roch die Ausdünstungen. Mehr seine Sinne als sein Urteil verrieten ihm, was Unsauberes vorging. Er hätte am Ende sonst mitgehaßt. Den Louvre niederlegen, ihn plündern und alle morden, Herren, Damen, die Wachen mitsamt dem Gesinde: auch er hatte darauf schon gesonnen — zu der Zeit, als er immer nur fliehen und mit fremden Landsknechten zurückkehren wollte. Nachgerade war es mehrere Jahre her, er hätte es vergessen. Hier in der Kirche wurde es frisch wie einst. Er begriff aufs neue, daß ein Erniedrigter, Beleidigter sich rächt bis zum äußersten. ‹Ich hätte mehr Grund als alle. Sie haben mir meine Mutter getötet, dann den Herrn Admiral, dann alle meine Freunde, achtzig Edelleute, meinen Lehrer, den letzten Abgesandten der Königin, meiner Mutter. Die Überlebenden sind von Schande bedeckt, ich selbst erleide Gefangenschaft und mit der ständigen Gefahr den täglichen Hohn. Ich weiß dies alles. Die Rache war auch beschlossen; ich habe sie nur fortwährend hinausgeschoben und besser überlegt. So vergeht die Zeit, so vergeht der Haß.
Nein, er vergeht nicht, er wird fraglich. Ich lebe mit ihnen, wir spielen Ball, wir schlafen mit denselben Frauen. Madame Catherine hat mir einen Vertrag angeboten; hat sie wirklich meine Mutter vergiftet? D’Anjou hätte in der Bartholomäusnacht auch mich umgebracht, jetzt als König schützt er mich. Guise ist mein guter Freund geworden; es scheint kaum glaublich, daß er dem Herrn Admiral, der schon tot war, soll ins Gesicht getreten haben. Doch. Sie haben das alles getan, wahr und wirklich. Die Sache ist gerade, daß ich sie kenne und sie mich nicht. Ich will nicht leugnen, daß ich sie dafür liebe — gewissermaßen liebe. An Feinden kann man sich weiden wie an Geliebten. Ich muß mich hüten und ihnen darum eng vertraut sein.› So rechtfertigte er sich, sein Zögern, seine Nachsicht, und nahm Abstand von dem Volk, dem Boucher die blinde Befriedigung seiner Triebe anriet. Übrigens hatte Boucher das angstvolle Stoßgebet noch nicht beendet, und Henri war längst fertig mit allem, was durch seinen Geist zog. Das Leben ist kurz, die Kunst lang. Auch die Gedanken eilen, wann aber ist die rechte Handlung reif?
Boucher machte ihnen klar, das ganze System des Staates wäre zwar verbrecherisch, aber Gott hätte ihnen einen Führer gesandt! Dort steht er! Alle knieten denn auch hin, besonders die im Verdacht der Mäßigung standen. Kühn über sie fort und dreist zu Gott hinan blickte Guise — in silberner Rüstung, als sollte der Sturm auf die Macht gleich losgehen, und seine Bewaffneten rasselten mit Eisen. Natürlich hatte die Königinmutter ihre Spione hier, und die gingen jetzt gewiß hin und übertrieben ihr die Furchtbarkeit Lothringens. Man mußte dagegen aus nahem Umgang wissen, daß er ein eitler Schlagetot und Goliath war, gehörnt überdies. Man mußte sein Freund sein, dann führte man ihn auf das richtige Maß zurück und freute sich sogar an ihm. Den haß ich? Ja doch. Aber was ist das: Haß?
Nun geschah es, daß nach Schluß der Predigt das gemeine Volk von Hellebardieren hinausgetrieben wurde; zurück blieb, wer Ansehn und Einfluß hatte, Schöffen der Stadt Paris, ihre reichsten Bürger, volkstümlichsten Priester samt dem Herrn Erzbischof. Dieser verbürgte sich dafür, daß aus Boucher der Zorn des Himmels gesprochen habe. Die Sitten des Hofes überstiegen nachgerade jeden Begriff — und der Erzbischof beschrieb eine öffentliche, schamlose Vorführung, die der König in seinem Schloß Louvre veranstaltet hätte mit seinen Lustknaben; christliche Frauen aber wären gezwungen worden, zuzusehen. Die Mitteilung erregte ein Murren der Entrüstung. Unter dem Schutz des Geräusches aber sagte jemand nahe bei Henri, der weit hinten stand: «Der Erzbischof aber schläft mit seiner Schwester.» Darüber mußte Henri lachen — nicht eigentlich wegen der einzelnen Tatsache, sondern in Anbetracht dieser ganzen Veranstaltung.
Sie nahm alsbald eine ernste Wendung, denn einer der wichtigsten Bürger, der Präsident der Rechnungskammer, enthüllte den Zustand der Finanzen des Königreiches. Er war trostlos; da aber niemand ihn sich viel anders vorgestellt hatte, erlaubte er allen um so mehr Entrüstung. Erst zu mehreren ist man richtig entrüstet, und nur über Tatsachen, die vorher bekannt waren. Neuigkeiten erregen nur schwer die Geister, weit eher das Aussprechen des lange Zurückgehaltenen. Hunderttausend Taler jährlich kosteten den König seine Hunde, Affen und Papageien; und das war billig im Vergleich zu den Unsummen, die der Troß seiner Lieblinge verschlang. Einer von ihnen war mit der Leitung der Finanzen betraut! Laut äußerte es der Sprecher, und er setzte hinzu: «Alles ist in diesen Zeiten erlaubt, nur nicht auszusprechen, was ist.» Da er aber gerade dies hier wagte, bekam die Versammlung von sich selbst einen großen Begriff, als vollzöge sich in diesem Augenblick ein Umschwung und im Mittelpunkt stände sie selbst.
Der Präsident der Rechnungskammer zählte noch viele verschwendete Millionen auf, er beklagte die Höhe der Steuern, ihre ungerechte Verteilung, die Bestechlichkeit aller derer, die sie einzogen, voran der königliche Liebling, Herr von O, einfach O. Dagegen versäumte der Sprecher es, mehrere andere zu nennen, obwohl auch sie gewisse Steuern gepachtet hatten und das Volk auspreßten. Unter ihnen nämlich hätten sich Mitglieder des Hauses Guise befunden, und ihre Erwähnung wäre besonders unpassend gewesen in Anbetracht dessen, was jetzt folgen sollte. Denn herbeigeschleppt wurden große Säckel, daraus rann Gold von spanischer Prägung und hörte nicht auf zu rinnen. Der Säckelmeister verteilte es, gemäß den Befehlen des Herzogs von Guise, unter die Schöffen, Pfarrer, einflußreichen Bürger, Beamten und Kriegsmänner. Dafür schrieb jeder seinen Namen auf die Liste, Lothringen obenan, und jeder rief auch noch das Wort: «Freiheit» aus.
Dies war der Anfang der «Liga». Hiermit war, nach Ausschüttung der Säckel mit spanischen Pistolen, der Bund begründet zu dem Ende, einer Partei die Macht und Gewalt auszuliefern. Die bekam sie dann auch gerade genug, um in vielen Jahren des Schreckens und der Mißerfolge das Land seiner Zerreißung nahe zu bringen, den König in einen letzten Winkel zu drängen und alles Menschliche zurückzuwerfen um die Dauer ganzer Geschlechter. Hier geschah der Anfang, und während das fremde Geld schnell weggesteckt wurde, ohne daß die Empfänger auf die Prägung sahen, drangen von der Straße herein die Rufe «Heil!» und «Freiheit!».
Das betrogene Volk ließ seinen würdigen Führer hochleben: der hatte tatsächlich dasselbe Recht, für voll genommen zu werden, wie sein Anhang von Pöbel. Was heißt betrogen. Sie sind es niemals so sehr, wie man nachher tut. Das spanische Gold haben nur die Unterführer zu sehen bekommen, das Volk sieht den blonden Bart, der es begeistert. Dafür weiß es im Grunde ausgezeichnet, daß ihm an keiner Rettung der Religion gelegen ist und daß mit ihm selbst kein fabelhaftes Erwachen vorgeht. Sondern sie wollen andere enteignen, sie von den Arbeitsplätzen jagen und sich bereichern. Sie wollen sich aufregen, wichtig machen, und sie wollen töten. Das ist die Sache, sobald eine zusammengerottete Bande von Volk und ehrbaren Leuten eine Liga gründet zur Unterdrückung der Gewissensfreiheit. Sie schreien «Freiheit» nur um so lauter — die Betrogenen draußen mit den Betrügern drinnen, und erweisen damit, daß auch sie betrügen wollen, wenn man sie denn betrügt.
Unter den Betrügern drinnen, mit den frischgefüllten Taschen und der Begierde nach Freiheit, waren Gemäßigte, die es an der Zeit fanden, mitzumachen. Sogar bekehrte Hugenotten fehlten nicht; ja, gerade ihrer Rechtfertigung diente die Anwesenheit Navarras. Er war von Guise mitgenommen worden, damit viele andere ein gutes Gewissen bekämen. Henri bemerkte dies von selbst, und übrigens wurde es ihm klargemacht. Wie man früher, gedeckt durch die laute Entrüstung über den Hof, zu flüstern gewagt hatte, daß der Erzbischof nicht besser wäre — so jetzt. Das Geschrei nach Freiheit übertönte die Bekenntnisse der Biedermänner. Aber sie äußerten dennoch hörbar: «Spanische Prägung war es, Gevatter! Spanische Prägung!»
Henri hatte hier noch keine Zeit, seine Gefühle zu befragen: zu viel geschah. Vor allem zeigte Guise sich von einer neuen Seite, als Verführer und Menschenbehandler; niemand hätte dem hochmütigen Gliedermann so viel zugetraut an Verschlagenheit und Schnelle. Was der Vorteil tut! Und außerdem machten sie es ihm leicht, da alle sich geschmeichelt fühlten, in demselben Verein zu sitzen mit diesem großen Herrn. Guise teilte ihnen ihre Aufgaben zu, den Militärs die Zwangswerbungen für die Truppe der Partei, den Geistlichen die Aufhetzung des gemeinen Volkes, den Bürgern den Widerstand gegen den Staat hinsichtlich aller Zahlungen. Er verlieh ihnen Titel samt dem Anspruch auf das zugehörige Amt, falls dieses frei würde durch den Abgang des Inhabers. Durch seine Ermordung, wie jeder begriff.
Was man künftig auch beging, niemand verantwortete seine Taten, denn hier schwuren sie im voraus blinden Gehorsam dem Führer. Dies vollbracht, schloß er die erhebende Versammlung. «Navarra», sagte er im Aufbruch, «du hast dich überzeugt, wie stark wir sind.»
«Zu meinem Glück», erwiderte Henri. «König von Paris, heil!» rief er mit dem Volk, das draußen all die Zeit gewartet hatte. Bevor er verschwand, stieß er Freund Lothringen noch an und ahmte unverkennbar nach, wie fett der Stadtvater gesprochen hatte. «Spanische Prägung, Gevatter! Spanische Prägung!» Fort war er.
Er ging schneller und schneller, seine Wächter mußten laufen. Er gelangte in die Straße Österreich, über die Schloßbrücke, durch Torbogen und Hof des Louvre — erfaßte aber von allem nichts. Er bemerkte nicht, wo er vorbeikam, wer ihm nachsah, und erkannte sein Zimmer erst, als er schon längst darin hin und her lief. Da wurde ihm bewußt, daß er haßte. ‹Dies — dies ist Haß! Spanische Prägung — auf Maultieren über das Gebirge, unaufhaltsam reisen die Säckel voll Pistolen. Werden ausgeschüttet in Paris, Gold rinnt — rinnt ohne Ende, aber die Taschen füllen sich mit Gold, die Herzen mit Haß, die Fäuste mit Gewalt, die Mäuler mit der ruchlosen Lüge. Jetzt los und werdet reißende Tiere, anstatt mild und vernünftig! Führt Krieg wegen einer Religion und gegen jede!
Das kenn ich schon mein Leben lang. Unerfahren war ich bis heute im Quell und Ursprung der Untaten. Spanischer Prägung, hergereist über die Pyrenäen, meinen eigenen Berg, ich zeichne den Weg in die Luft, hier fällt der Bach herab, dort steht mein Haus Coarraze. Sie wollen es mir stehlen, Don Philipp von Spanien hat niemals anders gedacht, als mir fortzunehmen meinen Abhang der Pyrenäen: ich aber verlange noch den seinen dazu. Ich verlang ihn, weil es mein Gebirge ist, und dies mein Land, in das seine Soldaten nicht einbrechen und seine Säckel nicht reisen sollen.›
Soweit für heute. Der Dreiundzwanzigjährige denkt nur selten weiter, und sein Haß ist vorerst begrenzt durch die Landschaft seiner Heimat. Er haßt den Weltbeherrscher aus Liebe zu seinem kleinen Bearn — obwohl auch darum schon, weil Frankreich leidet. Es leidet wie er selbst und durch denselben Anstifter. ‹Was, Guise und Katharina! Jeder überbietet den anderen in der Dienstbarkeit des Weltbeherrschers. Der ist der Feind, den haß ich. Der hält mich gefangen, der bezahlt den Krieg der Parteien in meinem Lande, das ich einst regieren werde.›
Als er später wirklich regierte, hatten sowohl seine Erkenntnis wie sein Haß sich furchtbar erweitert. Er wollte nicht nur Frankreich befreit haben und in Europa der größte Fürst sein: beiden wollte er für immer den Frieden bringen, und Haus Österreich sollte fallen. Er unternahm zuletzt, dies verhaßte Haus aus dem ganzen übrigen Weltteil zu vertreiben und es ein für alle Male abzusperren hinter den hohen Felsen der Pyrenäen. Das wird einst der große Plan des Alternden und wird seine Auflösung sein.
Der Jüngling in seinem Gefängnis haßt Don Philipp, nimmt aus der Truhe ein Bild, es zeigt fade blonde Löckchen und ein leeres Gesicht. Die Stirn ist hoch und eng: der Jüngling sticht hinein. Wirft das Messer weg, das Bild weg und ringt die Hände. Was ist das: Haß? Wir hassen unbeschränkt nur das, was wir nicht sehn. Er wird Philipp von Spanien nie erblicken.