Allerlei Fischräuber, bepelzt und befiedert
Die Ziele und Bestrebungen der Menschen sind verschieden und müssen es sein. Was bringt mir Nutzen und Gewinn? was ist für mich persönlich von Vorteil? was kann mir schaden? was steht mir im Wege, mein Ziel zu erreichen? Das sind die täglichen Fragen des einzelnen.
Aber der einzelne vermag wenig. Gleichgesinnte haben sich deshalb zu Verbänden zusammengeschlossen, um mit vereinten Kräften das gemeinsame Ziel zu verfolgen. Solcher Vereine oder Verbände gibt es unzählige, und wo sie lediglich äußere Vorteile im Auge haben, wo die Frage nach Nutzen und Schaden im Vordergrund steht, da kreuzen sich ihre Interessen vielfach, und es treten Gegensätze hervor, die oftmals zu erbitterten Kämpfen führen.
Der Landwirt, der Jäger, der Fischzüchter, der Obstgärtner, der Imker u. a., sie glauben ein Recht zu haben, mit allen Mitteln die Ziele zu verfolgen, die ihnen ihr Beruf setzt. Sie vergessen aber nur zu leicht dabei die Rücksichtnahme, die sie ihren Mitmenschen schuldig sind, und nicht nur diesen, sondern unserer gemeinsamen Mutter, der Natur, der wir alles verdanken.
Der Jäger sucht die Feinde seines sorgsam gehegten Wildstandes unschädlich zu machen; er stellt also auch den Raubvögeln nach, deren herrlicher Flug das Auge und Herz des Naturfreundes erfreut, und er fragt wenig danach, ob er dadurch den Landwirt schädigt, zu dessen treuesten Verbündeten im Kampfe gegen die Mäuse gerade sehr viele Raubvögel gehören. Der Fischereiberechtigte leidet den farbenprächtigen Eisvogel nicht und fängt ihn in kleinen Tellereisen, obgleich die Vogelfreunde sich bemühen, diesen herrlichen Edelstein der heimatlichen Vogelwelt vor völligem Untergang zu bewahren, oder er setzt Prämien für die Erlegung des Fischadlers und anderer Fischfeinde aus, bepelzt und befiedert, deren Vernichtung auch die Wissenschaft beklagen muß, sobald es sich um seltene Naturdenkmäler handelt. Der Bienenzüchter ist den Meisen und Rotschwänzchen feindlich gesinnt, die ihm manche Biene wegschnappen; er vergißt dabei, daß gerade diese Vögel dem deutschen Forstmann wie dem Obstgärtner von allergrößtem Nutzen sind. Der Pächter von Kirschplantagen klagt darüber, daß der Vogelfreund den Star durch Aushängen von Nistkästen in mancher Gegend unseres Vaterlandes in einer Weise vermehrt habe, daß die Kirschenernte durch diesen Vogel arg geschmälert werde. Die Katze, die dem Gutsbesitzer unentbehrlich ist, wird geschossen, wenn sie sich am Waldrande zeigt, oder der Vogelschützler fängt sie in der Falle, die er in seinem Garten aufgestellt hat. Und so geht es weiter: überall Gegensätze, überall Meinungsverschiedenheiten zwischen den Jagdschutz-, Fischereischutz-, Vogelschutz-, Obstbau-, Bienenzüchter-, Gärtner-, Naturschutzvereinen und ihren einzelnen Vertretern, und jeder glaubt im Recht zu sein, wenn er sich über die Handlungsweise des Nachbarn bitter beklagt.
Und doch, nur ein klein wenig gegenseitiges Verständnis, ein wenig Rücksichtnahme, freundliches Entgegenkommen von der einen Seite wie von der andern: wahrhaftig, mancher Streit könnte beigelegt, mancher Zusammenstoß gemildert werden. Wir wollen doch nicht ganz aufgehen in unsern persönlichen Interessen, nicht immer nur nach Nutzen und Schaden fragen, nach eignem Vorteil und Gewinn. Auf eine höhere Warte müssen wir uns stellen und das große Ganze überblicken, nicht den einzelnen im Auge haben, sondern die Gesamtheit. So verschieden die Bestrebungen und Ziele auch sein mögen: in dem einen großen und idealen Ziele finden wir uns schließlich doch alle zusammen: die Natur unsrer Heimat möchten wir so gern in ihrer heiligen, unverletzlichen Schönheit erhalten wissen, soweit es ohne wesentliche Schädigungen berechtigter Sonderinteressen nur irgend möglich ist. Schutz unsrer Heimat! das muß unsre Losung sein; alles andre hat sich diesem allgemeinen Ziel unterzuordnen.
Wer den großen, gar nicht hoch genug einzuschätzenden Vorzug besitzt, daß ihn sein Beruf in die innigste Berührung mit der Natur bringt, der darf nie vergessen, daß er dieser unsrer Allmutter, wie seinen weniger begünstigten Mitmenschen gegenüber Verpflichtungen schuldet, die den eignen persönlichen Interessen vorangehen. Und so sollten sich all diese Begünstigten die Hand zum Bunde reichen und sich zusammenfinden in der Idee des Heimatschutzes, der kein kleinliches Partei-, kein einzelnes Berufsinteresse kennt. Die gefährdeten Geschöpfe unsrer Heimat gilt es zu erhalten, nicht zu vernichten! Wir haben kein Recht, die Natur zu verstümmeln. Wir wollen uns nicht nur der nützlichen und harmlosen Tiere annehmen, sondern auch derjenigen, die sich in vielen Einzelfällen als schädlich erweisen, und wollen diese wenigstens soweit dulden, daß sie nicht völlig von der Bildfläche des Lebens schwinden – unrettbar, unwiederbringbar!
Die Fischerei hat über die Menge der tierischen Feinde vielleicht noch mehr zu klagen als die Jagd. Dabei wollen wir die kleineren Räuber, die den Kerbtieren angehören, ganz unberücksichtigt lassen: den Gelbrand und seine Larve, die nicht nur die junge Brut überfallen, sondern sich auch nicht scheuen, mit ihren scharfen Freßwerkzeugen selbst größere Fische anzubeißen, oder den Rückenschwimmer, auch Wasserwanzen und Wasserskorpion, ebenso die äußerst räuberischen Larven mancher anmutigen Libellen, die als fertige Insekten zu den harmlosesten Tieren gehören. Wir wollen nur an die vielen Fischfeinde oder, besser gesagt, an die Fischliebhaber denken, die dem Fischereiberechtigten aus der Reihe der Wirbeltiere mancherlei Schaden verursachen.
Ein wirkliches Raubtier, der Fischotter, der Familie der Marder angehörend, ist wohl am meisten gefürchtet. Töricht und ungerechtfertigt wäre es, vom Fischereiberechtigten zu verlangen, diesen bösen Fischräuber unbehelligt zu lassen. Wo er sich in unsern Teichgebieten zeigt, die vornehmlich der Karpfen- und Schleienzucht dienen, da bleibt dem Besitzer oder Pächter gar nichts anderes übrig, als den Otter im Eisen zu fangen oder auf dem Anstand zu schießen oder auch durch scharfe Otterhunde und Teckel ihn in seinem Bau aufzustöbern; denn der Schaden, den der gewandte Schwimmer hier anrichtet, ist unberechenbar groß, zumal der Fischotter ungleich mehr Fische vernichtet, als er zu verzehren vermag. Auch den Möweneiern, der Kiebitzbrut, jungen Gänsen und Enten, zahmen wie wilden, stellt der mordgierige Räuber nach. Aber es gibt doch auch Gewässer in unserm Vaterland, Flüsse und Bäche, wo von größerem Fischreichtum nie die Rede sein kann. Wenn sich hier 'mal ein Fischotter zeigt und der Fischereiberechtigte fängt nun an zu rechnen: 6 Pfund Fische täglich zum Fraß und noch doppelt so viel aus reiner Mordlust, macht 18 Pfund auf den Tag oder 65 Zentner im Jahre; alles halbpfündige Forellen vielleicht – mir schwindelt der Kopf, wenn ich dran denke, wieviel Tausende Papiermark das ausmacht: so ist solches Rechenwerk einfach lächerlich; denn so viel Fische beherbergt der ganze Fluß nicht, selbst wenn man die winzigsten Schneider mitrechnet. Oder hofft der Fischer etwa, wenn er den Übeltäter erst 'mal hat nun die 65 Zentner Fische selbst einheimsen zu können? Vergebliche Hoffnung! Zu fischreichen Gründen, wie sie es vielleicht ehemals waren, als die Fabriken durch ihre Abwässer den Flußlauf noch nicht verunreinigt hatten, werden derartige Gewässer niemals wieder sich umwandeln, ob man den Otter gewähren läßt oder ihn wegfängt.
Zum Glück ist der Herr der Seen und Flüsse ein kluges Geschöpf, vorsichtig, mißtrauisch; die geringste Veränderung in der Nähe seines Baues und Ausstieges bemerkt er sofort, und so müht sich der Fänger in vielen Fällen vergeblich ab, den Fischräuber zu überlisten. Wir dürfen hoffen, daß das interessante »Fischsäugetier« unserer Heimat trotz aller Nachstellungen, wenn auch in verschwindend geringer Anzahl, erhalten bleibt.
Auch die Verwandten, die Mitglieder der eigentlichen Marderfamilie, stellen gelegentlich den Karpfen und Schleien und selbst den flinken Forellen nach. Gute Schwimmer sind sie alle, und was sie erreichen können zu Land und zu Wasser, wird erbarmungslos gemordet. Aber gerade die Vielseitigkeit ihres Speisezettels – Eichkatzen, Wildtauben, Häher, Krähen, allerlei Kleinvögel und ihre Eier, Mäuse und Frösche, Ratten, Junghasen, Kaninchen, Fasanen, Eidechsen, Fische, Maikäfer usw. – beweist, daß sowohl die größeren Arten, Baum-, Hausmarder und Iltis, als auch die kleineren, Hermelin und Mauswiesel, neben beträchtlichem Schaden, den sie vor allem der Niederjagd zufügen, doch auch manchen Nutzen stiften. Wo sie sich zu stark vermehren, da soll man ihnen Einhalt gebieten; aber sie auszurotten, wäre eine sehr bedenkliche Maßnahme. Mäusefraß und Rattenschaden, übermäßige Vermehrung der Eichhörnchen oder auch der Krähen und Wildtauben würden solchen Weltverbesserern beweisen, daß sie auf dem Holzwege sind.
Auch die kleine Wasserspitzmaus wird des Fischraubes beschuldigt, und gewiß mag ihr manche Elritze, mancher Stichling zum Opfer fallen; aber wenn man bedenkt, daß die flinken, ewig hungrigen Spitzmäuse jedes Tier auffressen, das sie überwältigen können, Schnecken, Egel, Libellen- und Schwimmkäferlarven, Flohkrebse, Uferwanzen, Heuschrecken, Regenwürmer, Raupen, Larven von Köcherfliegen u. a., wird der Fischpächter versöhnlicher gestimmt werden und den kleinen muntern Schwimmern auch 'mal ein Fischchen gönnen.
Über die Wasserratte, die im Gegensatz zu den bisher genannten Fleisch- und Insektenfressern zu den Nagetieren zählt, sind die Ansichten geteilt. Die einen meinen, die Wasserratte rühre kein Fischlein an; andere dagegen behaupten, kleine Fische fielen ihr häufig zum Opfer, und wo Fischzucht getrieben wird, dürfe es daher keine Wasserratten geben. Allzugroß wird der Schaden jedenfalls nicht sein, zumal der Nager durch den Fang fischfeindlicher Wasserinsekten manchen Verlust wieder auszugleichen mag.
Aber gefiederte Fischräuber gibt es viel mehr als bepelzte – leider, leider! Man kann es den Fischereiberechtigten wirklich nicht verargen, wenn sie sich gegen die Konkurrenz, die ihnen von dieser Seite zweifellos in oft recht empfindlicher Weise gemacht wird, zur Wehr setzen. Auf der andern Seite sind gerade unter diesen gefiederten Fischliebhabern einige, die zu den schönsten Mitgliedern der Vogelwelt gehören und unsern Teich- und Seenlandschaften zum reizvollsten Schmuck gereichen, so daß deren Verfolgung den Naturfreund außerordentlich schmerzlich berühren muß. Hier ist eine Verständigung sehr schwierig. Es muß der Fischer dem Vogelfreund ein wenig entgegenkommen, und dieser jenem. Schon wenn jeder sich bemüht, den Standpunkt des andern zu verstehen und zu würdigen, wird viel gewonnen sein.
Ich denke, man sollte zunächst einmal unterscheiden, ob es sich um einzeln lebende Fischräuber handelt, z. B. den Fischadler, den Schwarzstorch, den Eisvogel, die also mehr oder weniger als Einsiedler hausen und ein weites Revier für sich beanspruchen, oder um solche Vögel, die in größerer Menge auftreten, wie Reiher, Möwen, Taucher u. a. Bei jenen darf man wohl erwarten, daß der einsichtsvolle Fischer, dem doch auch die Erhaltung der heimatlichen Natur am Herzen liegt, ein Auge zudrückt, falls die Verhältnisse nicht besonders ungünstig sind; es kann ja hier höchstens von einem örtlichen, nicht aber von einem allgemeinen Schaden die Rede sein. Bei den in größerer Anzahl auftretenden Schädlingen aber sollte man sich damit begnügen, sie auf ein gewisses Maß zu beschränken. Und dieses Maß, das nicht überschritten werden darf, scheint mir allerdings für manche Gegend bereits erreicht zu sein. Indessen allgemeine Regeln, die in jedem Einzelfall zu beachten sind, lassen sich nicht aufstellen.
Wer den Eisvogel aus dem Bereich der Fischzuchtanstalten vertreibt, dem wird man es nicht verargen können; denn wo diese gefiederten Fischer in größerer Anzahl regelmäßig bestimmte Setzteiche besuchen, da wird der Schaden nicht unerheblich sein, obgleich sie nur kleinfingerlange Fischchen erbeuten. Solche Fälle aber sind Ausnahmen. Jedes Pärchen beansprucht ein großes Gebiet und duldet kein zweites in unmittelbarer Nähe. Und gerade in unserer Heimat sind die Eisvögel bereits so selten geworden, daß ich nicht weiß, ob jeder meiner Leser schon einmal in freier Natur den leuchtenden Funken, rotgoldig glänzend und seidig blau, an sich hat vorüberschießen sehen, oder ob er ihn nur im ausgestopften Zustande kennt. Jedenfalls ist es selbst für den, der mit der gefiederten Welt der Heimat vertraut ist, immer ein Ereignis, wenn er dem Eisvogel an unsern Bächen, Flüssen und Teichen begegnet. Ihn überall, wo er sich zeigt, wegzuknallen oder in kleinen Tellereisen zu fangen, ist eine Versündigung an der Natur. An unsern Gebirgsbächen, an unsern Flüssen, an allen Teichen, die nicht gerade der Fischzucht dienen, sollte man den einsamen Fischer ruhig gewähren lassen. Oder ist wirklich jemand der Meinung, der Eisvogel trage die Schuld, daß die heimatlichen Gewässer so arm an Fischen sind?
In dem überaus heißen und regenarmen Sommer des Jahres 1911, wo bei uns alle Quellen versiegten, jedes Bächlein, jeder Graben austrocknete, da sammelten sich einige Eisvögel an dem einzigen größeren Bach meiner Heimat, der noch etwas Wasser führte; der Hunger trieb sie hierher. Aber dem Tode entging vielleicht keiner; man schoß ab, so viel man erreichte. Wozu? Hier, wo von gewinnbringender Fischerei nicht die Rede sein kann, wo nur gelegentlich ein paar Forellen gefangen werden, hätte man doch wahrhaftig den schönen Vögeln den kleinen Tribut gönnen können, den sie beanspruchten; nach kurzer Zeit würden sie sich wieder über ein weites Gebiet, aus dem sie die Trockenheit vertrieben hatte, verstreut haben. Ist der Fischereiberechtigte der sogenannten wilden Fischereien wirklich in so bedrängten Verhältnissen, daß es ihm auf ein paar winzige Fischchen ankommt? so fragt man sich. Nimmt er lieber den Unwillen der vielen Naturfreunde, die solche Handlungsweise mit Recht verurteilen, auf sich, als daß er auf eine kleine Anzahl zum Teil fast wertloser Schuppenträger verzichtet? Man möchte solch engherzigem Pfennigrechner den geringen Verlust gern aus eigner Tasche ersetzen.
Und nun die weitere Frage: Hat der Fischereipächter ein gesetzliches Recht, den Eisvogel zu töten? Nach dem deutschen Vogelschutzgesetz ist der Eisvogel ebenso geschützt wie jeder Singvogel. Bei uns in Sachsen wird er laut eines Beschlusses des Finanzministeriums vom 3. Juni 1912 als jagdbar angesehen, »da er wirtschaftlich wesentlich schädlich« sei[3]; doch soll er die allgemeine Schonzeit vom 1. Februar bis mit 31. August genießen. Die Dienststellen der Forstverwaltung sind angewiesen, ihn durchaus zu schonen. In Preußen dürfen die Fischereiberechtigten den Eisvogel ohne Anwendung von Schußwaffen fangen und töten, in Sachsen nicht. In Bayern aber, in Württemberg, Baden, Mecklenburg und in fast allen andern deutschen Einzelländern ist der Eisvogel unbedingt geschützt. Man ist sich in vielen Kreisen über diese rechtliche Stellung unseres Vogels noch gar nicht im klaren.
[3] Nach meiner persönlichen Auffassung ist dieser Beschluß nicht haltbar. Alle »kleinen Feld-, Wald- und Singvögel« sind vom Jagdrecht ausgenommen. Zugegeben auch, daß der Eisvogel unter diesen Begriff nicht recht zu bringen ist, ein »Wasservogel« – und als solcher nur wäre er jagdbar – ist er aber gleich der Bachstelze und der Wasseramsel doch nur im biologischen, nicht im systematischen Sinne. Und daß Nutzen oder Schaden bei der Beurteilung, ob jagdbar oder nicht jagdbar, berücksichtigt werden sollen, davon sagt das Gesetz nichts.
Sehr bedauerlich ist es auch, daß oftmals lediglich die hervorragende Schönheit des Vogels den Anreiz zu seiner Verfolgung gibt, wie es auch von der Mandelkrähe, dem Pirol und andern auffallend gefärbten Vögeln gilt, die man doch gerade ihrer Schönheit wegen besonders schonen sollte – »Schönheit« und »schonen« sind sprachlich verwandte Wörter! Jede Schule ist stolz darauf, wenn sie unter ihren Anschauungsobjekten auch einen Eisvogel besitzt, und als vor einigen Jahren die Mode aufkam, die Schüler im Zeichenunterricht ausgestopfte Vögel zeichnen und malen zu lassen – wie kann ein ausgestopfter Vogelbalg das Leben in freier Natur ersetzen! – da war die Nachfrage nach Eisvögeln besonders stark, und trotz aller Schongesetze wurde unter den prächtigen Vogelgestalten tüchtig aufgeräumt. Wenn der Bestand der gefiederten Fischer weiter in dem Maße abnimmt, wie innerhalb der letzten 30 bis 40 Jahre, so wird der schöne Vogel in kurzer Frist, bei uns wenigstens, nur noch der Sage angehören, und die Enkel, die vielleicht in der »guten Stube« der Großeltern den ausgestopften Eisvogel bewundern, wie er da zwischen den goldumrandeten Tellern und Tassen im Glasschrank seinen Platz gefunden hat, werden es nicht glauben wollen, daß solch herrliche, tropisch gefärbte Vögel einstmals in unsrer Heimat gelebt haben. »Warum schoß man sie ab?« so fragen die Enkel dann, »was taten sie den bösen Menschen zuleide?« »»So manches Fischlein holten sie sich aus Bächen und Flüssen; da ließ man keinen am Leben!««
Es nützt wenig, den Fischpächter darauf hinzuweisen, wie doch auch der Eisvogel gerade für ihn, den Fischer, einigen Nutzen stiftet, indem er allerlei Kerbtiere und deren Larven wegfängt, die der Fischerei großen Schaden zufügen; man denkt immer nur an die Konkurrenz durch den gefiederten Fischer. Gewiß, seine Hauptkost bilden die kleinen Flossenträger, die er, von seinem Sitzplatz aus eräugt und nun, ins Wasser hinabstürzend, zu fassen sucht. Aber nicht immer wird ihm ein Fisch zur Beute; oft ist's nur ein grauer Rückenschwimmer oder die Larve einer Wasserjungfer, einer Köcherfliege, die er erwischt; noch öfter aber geht der Stoß fehl. Sehr genaue Forschungen über die Nahrung der Eisvögel hat Liebe angestellt. Die Untersuchung des Kropfinhaltes ergab, daß bei 78 v. Hdt. Fischreste, bei 22 aber die Reste von Kerbtieren überwogen. Damit stimmen auch die Magenuntersuchungen Ecksteins überein, der in 34 Magen Fischreste, in 12 Magen Insektenteile fand. Namentlich wenn der Eisvogel Junge im Nest hat, treibt er eifrig Kerbtierfang; denn zunächst füttert er die Kleinen mit Insekten und deren Brut, erst später mit Fischen aller Art. Daß er mit Vorliebe kleine Forellen fange, ist eine grundlose Behauptung.
Wirklich nachweisbaren Schaden wird der Eisvogel nur dort anrichten, wo künstliche Fischzucht getrieben wird, außerdem wo er an reichen Fischgewässern ausnahmsweise einmal in größerer Anzahl auftreten sollte. Wenn ihn der Fischereiberechtigte, namentlich der Forellenzüchter, an solchen Stellen zu vertreiben sucht, wird kein verständig Urteilender etwas einzuwenden haben, und wir sollten meinen, wie in Weinbergen und Kirschplantagen der Gebrauch des Schießgewehrs zur Abwehr der Vögel gestattet werden kann, so dürfte es zweckmäßig sein, wenn die Polizeibehörde – der Stadtrat bzw. die Amtshauptmannschaft – ermächtigt würde, die gleiche Erlaubnis den Besitzern von Forellenzuchtanstalten in bezug auf den Eisvogel zu erteilen, natürlich nur nach gründlicher Prüfung jedes Einzelfalles und bloß auf eine bestimmte kurze Zeit. Ganz verwerflich aber ist es, den herrlichen und bei uns in Sachsen schon recht seltenen Vögeln an jedem Orte, wo man sie antrifft, nachzustellen.
Und was vom Eisvogel gilt, das gilt in noch erhöhtem Maße von der Wasseramsel. Zwar entbehrt dieser Vogel der tropischen Farbenpracht, aber er ist trotzdem eine der anmutigsten, lieblichsten Erscheinungen an unsern Gebirgsbächen, und ein hübsches Kleid besitzt er auch. Das weiße Vorhemd, das sich wirkungsvoll von der rostbraunen Unterbrust abhebt, steht ihm ganz allerliebst. In den Bewegungen, besonders dem fortwährenden Zucken des kurzen Schwänzchens, hat die Wasseramsel etwas vom Zaunkönig, mit dem sie auch verwandt ist. Sie gehört zu den Singvögeln und besitzt einen zwitschernden, grasmückenartigen Gesang. Dem Rieseln des Wassers, das auf steinigem Grunde dahinfließt, ist das plaudernde Lied zu vergleichen. Und wer je das Glück gehabt hat, die Wasseramsel beim Schwimmen und Tauchen zu beobachten, der wird immer mit Vergnügen an sie denken.
Mit dem feuchten Element ist die Wasseramsel von frühester Jugend an vertraut. Ihre Kinderwiege stand in einem Felsenloch am Ufer des Gebirgsbachs oder in einem ausgehöhlten Pfahl am Wehr, hinter dem sich das Wasser staut, vielleicht auch in dem Schaufelrad der alten verfallenen Mühle, die längst das Klappern verlernt hat. Hier verträumte das Vögelchen die ersten Tage seiner Kindheit. Es hörte das Rauschen des Bächleins; es sah, wie der Sonnenstrahl in dem rieselnden Naß unruhig glitzerte, wie die Mutter mit tropfenden Flügeln aus dem Wässerlein auftauchte, allerlei Leckerbissen im Schnabel, den Kindern zur willkommenen Speise. Und dem Bächlein bleibt der Vogel nun auch sein lebenlang treu. Gewissenhaft folgt er, talab oder talauf fliegend, all seinen Krümmungen; es ist, als müsse die Wasseramsel das rieselnde Wasser stets unter sich haben, auf das immer ihr schöner, großer Augenstern gerichtet ist. Und Furcht vor dem Wasser kennt unser Vögelchen nicht. Auf einem Stein sitzt es, mitten im Strudel; dann läuft es hinein in den schäumenden Gischt. Bis zur weißen Hemdbrust schon reicht ihm das Wasser, jetzt bis zu den Augen, und jetzt ist das ganze Persönchen in dem klaren Waldbach verschwunden. Mit Flügeln und Füßen arbeitet der Vogel kräftig gegen die Strömung; dann taucht er wieder empor und surrt, die Tropfen vom Gefieder abschüttelnd, nach einem Ästchen, das niedrig über dem Bächlein herabhängt. Aber nur kurz ist die Ruhe. Dicht über dem Wasser fliegt das Vöglein weiter talaufwärts, wo es von einem andern Stein aus das Spiel von neuem beginnt. Selbst den kleinen Wasserfall fürchtet es nicht; im Flug durchschneidet es ihn und sucht hinter der herabstürzenden Flut nach Nahrung, die ihm der Bach allezeit spendet. Auch im härtesten Winter bleiben einige Stellen des lustig von Stufe zu Stufe hüpfenden Wässerchens eisfrei, daß der niedliche Vogel auch dann keine Not leidet. Ja mitunter läßt er schon mitten im Winter, wenn die Bäume ringsum unter der Schneelast sich neigen und über vereistem Grund das Bächlein talab hüpft, sein kleines Lied hören, und der kleinste der Kleinen, Zaunkönigs Majestät, gibt ihm Antwort: »Winter, wir fürchten dich nicht!«
Die Nahrung der Wasseramsel besteht aus allerlei Kleingetier, wie es jedes klare fließende Wasser am Grunde zwischen und unter den Steinen reichlich bietet: Larven und Puppen der Wasserkäfer, der Ufer- und Eintagsfliegen, Wassermotten, Wasserwanzen, Flohkrebschen, wohl auch eine Wasserschnecke, gelegentlich eine Elritze oder ein Stichling. An Forellenteichen wird es natürlich auch vorkommen, daß sich die Wasseramsel an Forellenbrut vergreift. Aber der Schaden, den der hauptsächlich auf Insektenkost angewiesene Vogel der Fischerei zufügt, ist so geringfügig, daß wirklich kein Grund vorliegt, ihn zu verfolgen, wie es noch manchmal geschieht, obgleich das Gesetz ihn unter seinen Schutz nimmt.
Die Talgründe unserer Heimat, z. B. die anmutigen Seitentäler der Elbe, namentlich aber auch droben im Gebirge, wo nur immer ein klarer Bach zu Tal rinnt, beherbergen noch immer den reizvollen Vogel. Möge er uns erhalten bleiben, damit wir uns auch in Zukunft an dem anmutigen Leben und Treiben des Vögleins erfreuen können! Gleich dem Eisvogel gereicht es jedem Gebirgsbach zum lieblichsten Schmuck.
Einer der seltensten Brutvögel im Deutschen Reiche ist der Schwarzstorch. Bis auf einige Paare ist er aus unserm Vaterlande verschwunden. Unsre engere Heimat kennt ihn überhaupt nicht, höchstens daß er ausnahmsweise einmal an einem unsrer Gewässer auf seiner Herbst- oder Frühjahrsreise Rast macht. Ich habe den schönen Vogel wiederholt in Bosnien und in der Herzegowina angetroffen, während ich in Deutschland seinen Horst nur im Hannöverschen und am Darß (i. J. 1913) gesehen habe. In Ostpreußen soll es noch mehrere besetzte Horste geben, auch im Kreise Neu-Ruppin zählte man vor einigen Jahren noch drei Stück.
Wenn wir wünschen, daß dieses Naturdenkmal uns wenigstens in seinen spärlichen Resten erhalten bleibe, so werden uns sicher alle Verständigen zustimmen, obwohl der Schwarzstorch ein großer Liebhaber von Fischen ist.
Unser gemütlicher Hausfreund, der weiße Storch treibt gelegentlich auch Fischfang. Sollen wir ihm deshalb böse sein? In Sachsen brütet der Storch fast nur noch in der Lausitz, wo sich aber heute nicht einmal ein Dutzend besetzter Horste befinden. Die Gemeinde, die ein Storchenpaar besitzt, ist stolz auf den gefiederten Kinderfreund, und mit Teilnahme beobachtet groß und klein alle Vorgänge, die sich am Horst abspielen. Wer den Vögeln ein Leid antut, setzt sich dem allgemeinen Unwillen der Bevölkerung aus. Trotzdem kommt es bisweilen noch immer vor, daß ein Storch abgeschossen wird; man findet einen solchen mitunter verendet im Teichgebiet. Wer ihn auf dem Gewissen hat, weiß man nicht. Man sollte aufhören, die wenigen Störche, die unser Sachsen noch beherbergt, mit Pulver und Schrot zu verfolgen. Sind wir wirklich so arm geworden, daß unsre sächsischen Gewässer nicht einmal mehr ein paar Dutzend Störchen eine kleine Zubuße zu ihrer täglichen Nahrung spenden können? Aber auch in noch storchreichen Gegenden Mecklenburgs, Pommerns usw. hat die Anzahl der Störche in erschreckender Weise abgenommen. Es ist höchste Zeit, daß wir alle unsre schützende Hand über diesen Vogel halten, der, wie die Schwalben, zu den volkstümlichsten Erscheinungen der gefiederten Welt gehört, lieb und wert schon unsern Voreltern in längst vergangenen Tagen.
Auch für den Fischadler, der besonders das norddeutsche Seengebiet bewohnt, habe ich schon manches gute Wort eingelegt und freundliches Gehör gefunden. Für unser Sachsen ist der stolze Fischer als Brutvogel schon längst verschwunden; aber auf dem Zuge weilt er gern ein paar Tage an unsern stehenden Gewässern. Hoch über dem See zieht er dann seine Kreise; in Spiralen schraubt er sich tiefer. Plötzlich steht er, wie ein Falke rüttelnd, im Luftraum. Da stürzt er mit angezogenen Schwingen hinab. Das Wasser schlägt über ihm zusammen; aber im Nu taucht er wieder empor, einen Fisch in den Fängen. Ist es wirklich nötig, daß man diesen herrlichen Vogel sofort, wenn er sich zeigt, mit Pulver und Schrot empfängt? Ein paar Fische mag sein Besuch dem Teichpächter kosten; aber wie bald ist der edle Vogel wieder verschwunden!
Neben den bisher angeführten nur einzeln auftretenden Fischräubern gibt es aber auch Fischerei-Schädlinge, die kolonienweise brüten. Ihre Anzahl auf ein gewisses Maß zu beschränken, sie »kurz zu halten«, wie der Jäger sagt, das ist das unveräußerliche Recht aller, die ein unmittelbares Interesse an dem Blühen und Gedeihen der Fischerei haben. Freilich sind dabei große Unterschiede zu machen, und ein Kampf bis zur Vernichtung ist unter allen Umständen verwerflich.
Die Möwen, die nur ganz geringen Schaden anrichten, da sie zu wenig Taucher sind, um sich im tiefen Wasser der schnellen Flossenträger bemächtigen zu können und nur an ganz seichten Stellen oder dort, wo kleine Fische in Pfützen geraten sind, dem Fischfang obliegen, sollte man als herrliche Zierde unsrer Gewässer ruhig gewähren lassen. Bei uns im Binnenland handelt es sich lediglich um die Lachmöwe, an der schokoladebraunen Gesichtsmaske kenntlich, die sie im Sommer trägt. Manche Kolonie an unsern Teichen ist eingegangen, fast alle sind schwächer geworden; der Rückgang seit zehn oder zwanzig Jahren ist ganz auffallend. Er hängt wohl weniger damit zusammen, daß übereifrige Fischer die Vögel beim Brutgeschäft stören, um sie zu vertreiben, als mit dem Eierraub, der oft in rücksichtslosester Weise Jahr für Jahr ausgeübt wird, bis die Vögel den unwirtlichen Ort verlassen und der Besitzer der Kolonie das Nachsehen hat.
Der Nutzen, den die Möwen für den Landwirt haben, ist unbestreitbar. Hinter dem pflügenden Landmann flattern und schreiten sie einher, die Insekten auflesend, die die Pflugschar freigelegt hat; ja, man kann beobachten, wie sie selbst der Mäusejagd auf den Feldern obliegen. Ihre Jungen füttern sie ausschließlich mit Kerbtieren, unter denen sich viele Fischereischädlinge befinden; ich habe niemals Fischreste an ihren Brutplätzen entdeckt. Auch an der Wasserkante macht sich der Rückgang aller Möwenarten von Jahr zu Jahr immer mehr bemerkbar. Früher sah man besonders bei stürmischer Witterung in den deutschen Seestädten viele Tausende von Möwen an und über den Hafengewässern, heute nur eine geringe Zahl. Jedenfalls hat der Fischer keinen stichhaltigen Grund, die Möwen zu verfolgen, und wenn Badegäste am Strand und vom Boot aus die anmutigen Segler der Lüfte, lediglich aus Übermut und um der Schießlust zu frönen, wegknallen, so sollte die dortige Bevölkerung den Frevlern solch verächtliches Handwerk gründlich legen. Den Schießern als Ziel zu dienen, dazu sind die Möwen, die so recht ein Gottesgeschenk für unsre Küstengewässer wie Binnenseen bedeuten, wahrhaftig nicht da.
Auf und an fast allen größeren Teichen brüten, meist in mehreren Paaren, unsre vier Taucher, von denen der stattliche schöne Haubentaucher der seltenste ist. Er beansprucht eine größere Wasserfläche als die andern und kommt deshalb, namentlich auf den kleineren Gewässern unsrer Heimat, gewöhnlich nur vereinzelt oder in wenigen Paaren vor. Der Fischer ist sehr schlecht auf ihn zu sprechen; er betrachtet ihn als einen argen Räuber. Leider kann man diese Anklage nicht widerlegen. Selbst der Hinweis darauf, daß der Vogel doch auch viele Insekten vertilge, wird den Fischereiberechtigten kaum milder stimmen. »Insekten?« so entgegnet er uns, »die hätten ja auch den Fischen zur Nahrung dienen können; die Taucher verkürzen also auch noch jenen das tägliche Brot und schädigen mich so auf doppelte Weise.« Es ist schwer, dagegen etwas zu sagen, wenn man nicht immer wieder an die vielen räuberischen Insektenlarven erinnern will. Das Eine aber steht fest: bei solch einseitiger Betonung ganz bestimmter Interessen dürfte es bald aus sein mit dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit der Natur. Mit demselben Recht würde der Brieftaubenzüchter fordern, daß er alle Raubvögel, der Imker, daß er Meisen und Fliegenschnäpper, der Obstzüchter, daß er Stare und Pirole abschießen dürfe. Wohin sollte das führen? Die kleineren Taucher, die Rot- und die Schwarzhälse, namentlich aber der winzige Zwergtaucher, tun der Fischerei wenig Abbruch; man sollte sie ruhig gewähren lassen. Den großen Haubentaucher aber sollte man gleichfalls schonen, weil er selten ist, nur vereinzelt vorkommt und dem Gewässer zur schönsten Zierde gereicht. Freilich von Brut- und Streckteichen muß er ferngehalten werden.
Viel schlimmere Fischräuber sind die Kormorane. Aber für die deutsche Fischerei kommen diese Vögel nicht mehr in Betracht, da sie auf deutschem Gebiet sehr stark gezehntet worden sind. Sie waren bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts für ganz Norddeutschland ziemlich selten. Um 1810 legten sie aber auf Fünen eine große Kolonie an; hier wurden sie von den Fischern vertrieben. Ein Teil ließ sich auf Rügen nieder, wo die Vögel das gleiche Schicksal ereilte. Dann wanderten sie südwärts nach der Odermündung, und da man ihnen auch hier keine Ruhe gönnte, zogen sie weiter die Oder hinan bis in die Spreegegend. Pulver und Blei haben ihnen hier ein Ende bereitet. Es gab noch vor 50 Jahren an den verschiedensten Örtlichkeiten Deutschlands kleinere Kolonien dieser gefräßigen Fischer, z. B. an der Müritz, am Pinnower See bei Schwerin, am Mecklenburger Strand, an der Ostseeküste Schleswig-Holsteins, im Oderbruch oberhalb Stettins, auf der Danziger Nehrung, am Frischen und am Kurischen Haff, am Mauersee in Masuren u. a. O. Heute ist das alles vorbei, und wenn wir von ein paar vereinzelten und unsicheren Brutstätten dieser Ruderfüßler absehen, so ist die Kormorankolonie im Kreise Schlochau in Westpreußen die letzte des Landes. Obgleich die Kormorane großen Schaden anrichten, so werden sie hier doch nicht vertilgt, »weil der Besitzer an den schönen interessanten Vögeln seine Freude hat«. (Vgl. Naumann, »Die Vögel Mitteleuropas«.)
Viel allgemeiner und auch viel gerechtfertigter sind die Klagen der Fischer über die Schädigungen durch den Fischreiher, gehört doch dieser stattliche Vogel auch heute noch vielen deutschen Ländern als Brutvogel an. Freilich auch seine Zahl ist, wie die aller größeren Vögel, außerordentlich zurückgegangen, und die wirklich reichbesetzten Reiherkolonien oder Reiherstände, welche Hunderte von Horsten vereinigen, gehören bereits zu den Seltenheiten. Viele Reiherstände sind völlig verschwunden. Nichts erinnert mehr daran, daß einst in den hohen Buchen und Eichen zahlreiche Horste standen; andere wieder, erst vor kurzem erloschen, zeigen noch in den Wipfeln der Bäume die verlassenen Brutstätten, bis schließlich ein Wintersturm die ineinander geflochtenen Reiser zerstreut. Jedenfalls sind die Zeiten vorbei, wo man sicher sein konnte, im Frühling und Sommer an jedem Fluß, an jedem See wenigstens einige dieser schönen Vögel anzutreffen.
Im Mittelalter und auch später noch, bis ins 17. Jahrhundert, erfreuten sich edle Herren und Damen an der Reiherbeize. In frohem Zuge ritt man von der Burg herab, gefolgt von Jagdgästen, Falkonieren und der bellenden Meute. Zeigte sich ein Reiher, so ließ der Jagdherr und gleich darauf eine der Damen die schnell entkappten Falken steigen, die nun versuchten, das immer höher gehende Beutetier gemeinsam unter sich zu bringen. »Wie auf der Fuchshatz sausen Reiter und Reiterinnen durch dick und dünn, den sich in der Ferne fast verlierenden Kämpfern nach. Endlich hat ein Falk die Fänge in die dicken Schwingen des Reihers gehakt, und beide Partner wirbeln zur Erde. Der erste Reiter packt sie, bekappt den Falken und stellt den Reiher der Dame vor.« Die unbeschädigten Reiher, denen man nur ein paar Schmuckfedern nahm, ließ man dann oft wieder fliegen; doch tötete man sie auch bisweilen, weil ihr Wildbret auf vornehmen Tafeln sehr geschätzt war.
Der Reiher gehörte damals zur »hohen Jagd«, deren Ausübung das Vorrecht hochstehender Personen, geistlicher und weltlicher Würdenträger, war. Die Strafen, mit denen die unbefugte Tötung eines Reihers bedroht ward, waren äußerst hart. Kein Reiherhorst durfte zerstört, kein Ei genommen werden, und nur dem Fischereiberechtigten war es allergnädigst gestattet – Scheuchen aufzustellen. In Sachsen erreichte die Falknerei unter August dem Starken ihren Höhepunkt; es wurden stattliche Summen für diesen Jagdsport ausgegeben, und wenn die Falken auch auf das verschiedenste Federwild, z. B. Trappen, Gänse, Schwäne, Rebhühner, Wachteln, losgelassen wurden, die Beizjagd des Reihers blieb doch immer die Hauptsache.
Wie haben sich die Zeiten gewandelt! Das deutsche Vogelschutzgesetz hat die Reiher, sowohl den grauen Fischreiher, wie den Nachtreiher und die Rohrdommel, auf die Liste der Geächteten gesetzt; es gewährt ihnen in keiner Weise irgendwelchen Schutz, und die preußische Jagdordnung vom 15. Juli 1907, die doch alle Sumpf- und Wasservögel als jagdbare Tiere bezeichnet, schließt die grauen Reiher – ebenso die Taucher, Säger, Kormorane und Bläßhühner – von diesem Vorrecht aus. In Preußen entbehren also die Fischreiher des Jagdschutzes, während die andern Reiherarten, eingeschlossen die Rohrdommeln, jagdbar sind. Der Fischreiher unterliegt somit in Preußen dem freien Tierfang, d. h. er darf auch vom Nichtjagdberechtigten allezeit gefangen, getötet und seiner Brut beraubt werden; er ist völlig schutzlos, der Willkür eines jeden preisgegeben.
Bei uns in Sachsen liegen die Verhältnisse insofern etwas anders, als die Reiher jagdbar sind. Es hat also nur der Jagdberechtigte ein Anrecht auf sie. Irgendwelche Schon- und Hegezeit ist den Reihern freilich versagt. Das Gesetz über die Ausübung der Fischerei vom 15. Oktober 1868 gestattet aber auch den Fischereiberechtigten, den Fischreiher – ebenso den Fischotter – zu fangen und ohne Benutzung des Schießgewehrs zu töten. Innerhalb 24 Stunden sind die auf diese Weise erbeuteten Vögel an den Jagdberechtigten auszuliefern. Auf die andern Reiherarten steht dem Fischer kein Anrecht zu. Ähnlich lauten die Bestimmungen in den meisten deutschen Einzelländern. In Bayern, Sachsen-Weimar, Hessen ist der Fischreiher wie bei uns jagdbar, in Württemberg, Baden, Mecklenburg, Oldenburg vogelfrei wie in Preußen.
Ich wüßte keinen einheimischen Vogel zu nennen, dessen Geschlecht in den letzten 150 bis 200 Jahren so blutigen Verfolgungen ausgesetzt gewesen wäre, wie der Fischreiher, und wenn diese Verfolgungen heute auf ein geringeres Maß zurückgegangen sind, so liegt der Grund hierfür nur in der Tatsache, daß die Reiher an Zahl außerordentlich stark abgenommen haben. Der Haß, mit dem man dem Fischräuber begegnet, ist der gleiche geblieben. Wo sich der schöne, schon durch seine Größe auffallende Vogel zeigt, und sei es auch nur auf der Wanderung, wenn er ein wenig rastet, da sucht man seiner habhaft zu werden; an den Horstplätzen aber wird zur Brutzeit unter den Alten sowohl, wie namentlich unter den bald flugbaren Jungen, die auf dem Horstrand hocken, oftmals das furchtbarste Blutbad angerichtet. Am Wasser stellt der Fischer versteckte Fangeisen auf; tollkühne Burschen klettern an den hohen Horstbäumen empor und wagen sich bis zu den Nestern, die häufig auf den schwankenden Enden der Äste ihren Platz haben; sie rauben die licht-grünlichblauen Eier, deren das volle Gelege meist 4 bis 5 Stück zählt. Prämien, von Fischereivereinen gewährt, locken immer mehr zu rücksichtsloser Vertilgung. In der Tat, man muß sich wundern, daß es auch heute noch im Deutschen Reiche eine Anzahl von Reiherhalden gibt – gegen früher allerdings nur spärliche Reste. Ich fürchte sehr, daß auch diese in einem halben Jahrhundert fast völlig verschwunden sein werden, und daß dann der Reiher für Deutschland als Brutvogel ebenso selten sein wird, wie heute schwarzer Storch, Kolkrabe, Uhu oder Wanderfalk.
In Süddeutschland, d. h. südlich des Mains, gibt es schon jetzt kaum noch ein paar kleinere Kolonien; sie sind fast alle in den letzten 30 oder 50 Jahren vernichtet oder versprengt worden, so daß sich nur noch hie und da einzelne Reiherhorste finden. Als fast einzige Ausnahme ist die Kolonie bei Schloß Morstein an der Jagst, auf der Besitzung des Freiherrn von Crailsheim, hervorzuheben; aber auch sie ist stark zurückgegangen, und von den 200 Horsten, die sie vor einigen Jahren zählte, wird wohl kaum noch die Hälfte besetzt sein, obgleich die Besitzer von jeher den schönen Tieren Schutz gewährten und auf manche Vorteile verzichteten. Es ist leicht möglich, daß diese Kolonie das ehrwürdige Alter von mehr als einem halben Jahrtausend erreicht hat; denn eine Nachricht aus dem Jahre 1586 besagt, daß die Reiher hier schon »seit vielen hundert Jahren« horsten. Die Maingegend zählt noch einige Reiherstände; in Mittelfranken beherbergte z. B. der Windheimer Stadtwald Schoßbach im Forstamte Ipsheim noch vor einiger Zeit eine Kolonie von 20 bis 25 Horsten; wie es heute um sie steht, weiß ich nicht. Auch im Hessischen gibt es noch einige kleine Reiherhalden, während die Kolonien bei Nürnberg, Neuhaus in der Fränkischen Schweiz u. v. a. der Vergangenheit angehören. In ganz Elsaß-Lothringen scheint der Fischreiher nur als Strichvogel und auch nur ausnahmsweise vorzukommen, und in der Rheinprovinz ist sein Brutgebiet ganz beschränkt.
In den übrigen Ländern Mittel- und namentlich Norddeutschlands ist der Reiher noch häufiger; er fehlt als Brutvogel wohl keiner preußischen Provinz völlig und tritt ebenso in Oldenburg und in Mecklenburg in mehreren Kolonien auf. Aber es gibt doch auch weite Gebiete, wo man heute vergeblich selbst nach nur einzelnen Reiherhorsten suchen würde. Unserm Sachsen fehlt der Reiher als Brutvogel völlig, nachdem die letzte Kolonie auf den alten Eichen einer Insel im »Horstsee« bei Schloß Hubertusburg durch Fällen der Bäume i. J. 1888 vernichtet worden ist. Einige Reiher zogen sich wohl nach dem Wermsdorfer Wald zurück, sind aber auch dort schon längst völlig verschwunden.
Die letzte Kolonie ganz in der Nähe der sächsischen Grenze, nur 10 oder 11 km von ihr entfernt, nördlich von Königswartha, die ich i. J. 1912 besuchte, stand in einem öden Kiefernwald bei Weißkollm. Ich konnte im ganzen 16 Horste zählen, die bis auf einen sämtlich besetzt waren: mächtige Bauwerke aus starken Reisern, 1½ bis gegen 2 m im Durchmesser, mit weißem Kot übertüncht. Generationen haben an diesen Horsten gebaut, die seit Menschengedenken von den schönen Vögeln bewohnt wurden. In jedem Jahr die gleiche Anzahl von Reiherfamilien, nicht mehr und nicht weniger. Ein herrlicher Anblick, wenn die stolzen Segler der Lüfte ruhigen Flugs über den uralten Föhren, die ihre Nester tragen, in schwindelnder Höhe kreisen! Kopf und Hals sind auf den Rücken gelegt, daß nur der lange Schnabel hervorschaut; die Ständer werden weit nach hinten gestreckt, und in dem schönen Federbusch am Kropf spielt lustig der Wind. Dann läßt sich ein oder der andere Reiher auf dem Horstrand nieder und füttert die Jungen mit Fischen, die er ihnen aus weiter Ferne im Kehlsack bringt; denn ein Gewässer findet sich nicht in der Nähe. Wie ich mit großem Bedauern höre, ist in den letzten Jahren die Kolonie stark zurückgegangen, vielleicht ganz verschwunden.
Hannover, Schleswig-Holstein, Pommern, West- und Ostpreußen beherbergen noch immer eine stattliche Anzahl von Reiherhorsten; Posen, Schlesien, Brandenburg, die Provinz Sachsen sind schon ärmer daran. Man sieht, der Reiher bevorzugt im allgemeinen die Niederungen mit ihren ruhig fließenden oder stehenden Gewässern, dazu die Meeresküste. Ob das Jagdgebiet mehr oder weniger im freien Gelände liegt, ob dichtes Gebüsch die Ufer besetzt oder ob finsterer Wald den See von allen Seiten umgibt, das ist den Reihern gleich, sobald sich nur seichte Uferstellen finden, wo sie, im flachen Wasser stehend, dem Fischfang ungestört obliegen können.
Die größte Reiherkolonie habe ich vor ein paar Jahren – es war in der zweiten Hälfte des Mai – an der deutschen Ostseeküste besucht. Den Ort verschweige ich; ebenso verrate ich nicht, wieviel besetzte Horste hier auf den hohen Eichen stehen mögen. Sonst fangen die pommerschen Boddenfischer, wenn sie's hören, sofort an zu multiplizieren, erst die Anzahl der Reiherpaare mal zwei bis drei Dutzend spannenlanger Fische, das Produkt mal 180 – so viele Tage ungefähr weilt der Reiher an seinem Brutplatz – dann wird dividiert, nun weiß man die Kilo, und wieder multipliziert – man hört ganz deutlich die Goldstücke klimpern, die man ohne die Reiher einheimsen könnte. Aber von dem Schaden, den die Fischer sich selbst dadurch zufügen, daß auch sie so oft alles kleine Fischgewürm, das sich in den Netzen gefangen hat, mit zu Gelde machen, davon wollen die Leute nichts hören.
Wenigstens 20 bis 25 m schätzte ich die Höhe der Horste. Manche Eiche trug deren fünf oder sechs. Die Alten fütterten eifrigst, viele brüteten aber auch noch. Die großen Vögel kreisten schreiend über den Horstbäumen. Ihre riesigen Schatten huschten ganz eigentümlich zwischen den Eichen, deren Kronen noch ziemlich unbelaubt waren, dahin. Es sah noch leidlich reinlich im Nistrevier aus: ein paar Eierschalen, etwas weißer Kot und nur ausnahmsweise ein verwesender Fisch. Wie anders, wenn man später kommt! Da muß man in solchem Unrat förmlich waten, wie es mir erging, als ich vor vielen Jahren einmal im Sommer eine große Reiherkolonie an der Elbe, unterhalb Wittenberg, besuchte.
An einem der folgenden Tage sollten einige Reiher abgeschossen werden. Auf höheren Befehl mußte sich der Oberforstmeister dazu bequemen; denn die Fischer hatten sich schon ein paarmal bei der Regierung beklagt, daß man hier die Reiher, die doch so grenzenlosen Schaden anrichten, ruhig gewähren lasse, ja sie geradezu hege und züchte. »Zwölf Stück, nicht mehr!« so lautete die strenge Weisung, die der Oberforstmeister uns gab, »und nicht zwei von demselben Horstbaum abschießen, damit der Überlebende des Paares die Brut weiter aufzieht, auch peinlich darauf achten, daß kein Reiher dabei in den Horst fällt, wodurch die Jungen elend umkommen müssen, also nicht schießen, wenn der Reiher gerade über seinem Nest schwebt!« Wir hatten das Dutzend schnell zusammen; denn wenn auch nach jedem Schuß die Vögel abstreichen, sie kommen doch recht bald wieder, falls man sich nur ein wenig hinter den Stämmen versteckt. Die Mutterliebe läßt sie die Gefahr nicht achten.
Die armen zwölf Stück! Für die andern hatten sie das Leben gelassen – Opfer des Vogelschutzes, so seltsam es klingt. Ein mäßiger Abschuß war eben unbedingt nötig, um den Klagen der Fischer etwas gerecht zu werden. Nur auf diese Weise läßt sich die Brutkolonie dauernd erhalten. Wir banden die prächtigen Tiere, damit sie von allen Dorfbewohnern gesehen würden, an den Jagdwagen und fuhren durch ein paar Dörfer mehr, als nötig gewesen wäre, wieder heimwärts. Schaut, ihr Fischer, wie man sorgt, daß ihr die Fischräuber los werdet, und haltet den Mund nun!
An unsern sächsischen Teichen, ja sogar an Gebirgsbächen halten sich die Reiher, namentlich auf ihrer Wanderung, gern auf; es findet sich überall ein Plätzchen, wo selbst das schnellfließende Wasser seinen eiligen Lauf unterbricht. Den Hals niedergebogen, den Schnabel gesenkt, den spähenden Blick auf den Wasserspiegel gerichtet, so schleichen die schlanken Gestalten mit behutsamem Tritt am Ufer entlang; sie gehen nur so weit ins Wasser, daß es ihnen höchstens an die Fersen reicht. Bisweilen verharren sie auch stundenlang unbeweglich fast auf demselben Fleck. Nur von Zeit zu Zeit schnellt blitzartig der Hals vor, so daß der Schnabel, oft auch zugleich der Kopf unter der Wasserfläche verschwindet. Selten nur geht der Stoß fehl; das Bajonett trifft sein Ziel mit großer Sicherheit. Der zappelnde Fisch wandert sofort in den unersättlichen Schlund.
Außer Fischen fängt der Reiher auch Frösche, Kaulquappen, größere Wasserkäfer, Libellen und ihre Larven, Regenwürmer; selbst den Mäusen stellt er nach, ebenso jungen Sumpf- und Wasservögeln, und manchmal muß er seinen Hunger mit dünnschaligen Teichmuscheln stillen. Aber Fische, von den kleinsten angefangen bis zur Größe von etwa 20 cm, daß er sie gerade noch hinabzuwürgen vermag, sind ihm doch die liebste Kost. Nach der Art der Flossenträger fragt der Reiher dabei nicht im geringsten. Kleine Karpfen, Hechte, Forellen, Karauschen, die verschiedenen Weißfischarten, Aale, Schleien, selbst Barsche und Stichlinge – es ist ihm alles willkommen, mehr auf die Menge sieht er als auf die Güte.
Unter solchen Umständen kann man es dem Fischereiberechtigten nicht verdenken, wenn er auf den hochbeinigen Mitbewerber sehr schlecht zu sprechen ist, und es wäre jeder Versuch, diesen weißwaschen und seine Diebereien beschönigen oder gar leugnen zu wollen, von vornherein lächerlich. An ganz fischarmen Gewässern richtet der Räuber natürlich keinen Schaden an, schon aus dem Grunde nicht, weil er sich dort nie lange aufhalten wird; ebenso meidet er alle Gewässer, die sofort am Ufer so tief einsetzen, daß er darin nicht waten kann. Auch wo regerer Menschenverkehr Unruhe bringt, zeigen sich nur ausnahmsweise einmal ein paar Reiher. Der Vogel findet es sehr schnell heraus, wo eine reiche Beute seiner wartet, und sein regelmäßiges Vorkommen in einer bestimmten Gegend ist – ich möchte sagen, der erfreuliche Beweis dafür, daß die Gewässer der Umgebung sehr fischreich sind.
Naturfreunde haben zur Ehrenrettung des Reihers darauf hingewiesen, daß dort, wo »wilde Fischerei« betrieben wird, wie vielfach in den Gräben der Elb- und Wesermarsch, der Fischer dem Vogel nichts vorzuwerfen habe: Raubfischerei üben sie beide, indem sie ernten, wo sie nicht säten. Ist aber die Konkurrenz deswegen weniger ärgerlich? Zur Brutzeit, so hat man weiter gesagt, fange der Reiher nur kleine Fische, »Seitenschwimmer«, wie sie sich massenhaft in der Nähe der Ufer herumtummeln. Indessen, die Horstjungen entwickeln sich schnell und bedürfen sehr bald größerer Bissen, und außerdem aus der Unmenge kleiner Fischlein würden doch im Laufe der Zeit wenigstens einige große wertvolle Fische heranwachsen. Viele Flüsse und namentlich die Boddengewässer am Meer, hat man gemeint, seien so reich an Fischen, daß der Abbruch, den die Reiher zufügen, nicht der Rede wert wäre. Wer so urteilt, der hat sich's sicher noch nicht klar gemacht, daß eine größere Reiherkolonie von hundert Horsten und mehr gewiß auch gegen hundert Zentner alljährlich an Nahrung bedarf. Freilich gefangen werden müßte diese Menge auch erst von den Fischern, eine Arbeit, die ihnen die Reiher abnehmen.
Nur das eine wird man bis zu gewissem Grade gelten lassen: es fallen mehr die Raubfische im weitesten Sinne, wie Aale, die dem Fischlaich nachstellen, Hechte und Barsche, die den Jungfischen verderblich werden, und minderwertige Weißfische den Reihern zur Beute, weil sich die genannten mehr an jenen Örtlichkeiten aufhalten, wo die Vögel mit Erfolg zu fischen vermögen, während andere, z. B. Karpfen und Schleien, die Tiefen vorziehen und die Nähe der Ufer gewöhnlich meiden. Auch die Forelle, die sich mit Vorliebe an steilen Ufern aufhält und unter Steinen und Wurzeln gern Deckung sucht oder in starker Strömung auf dem Anstand steht, ist dadurch vor den Reihern einigermaßen gesichert. Wo aber künstliche Fischzucht getrieben wird, wo ein nach vielen Tausenden zählendes Kapital sich verzinsen muß, da kann man den regelmäßigen Besuch der Reiher unter keinen Umständen dulden.
Wie bei so vielen Fragen, muß auch hier immer von Fall zu Fall entschieden werden. Es gibt sicher unzählige Gewässer im Deutschen Reich, wo man nicht sofort jeden Fischreiher zu fangen oder niederzuknallen braucht, wenn sich mal einer zeigt, und ich kenne manchen Fischereiberechtigten, der gern eine kleine Einbuße erleidet, weil auch er an dem herrlichen Vogel, der die Landschaft belebt, seine Freude hat. Es gibt aber auch genug Besitzer oder Pächter, die selbst mit geringen Summen rechnen müssen. Könnte hier nicht – natürlich nur von Fall zu Fall – der Staat eintreten und den Schaden ersetzen, oder sollten sich bei der großen Naturschutzbewegung unsrer Tage nicht einige begeisterte Vogelfreunde finden, die bereit wären, ein Scherflein zu opfern, um ein paar Reiher, vielleicht die einzigen in einer weiten Landschaft, zu retten? Unwirtschaftlich, so wird man diesen Vorschlag nennen. Mag sein – aber ich frage: Läßt sich der Nutzen und Schaden eines Tieres immer nur berechnen nach Geld und Geldeswert?
Soviel steht fest: durch die maßlose Verfolgung ist der schöne Vogel für viele Gegenden unseres Vaterlandes dem Aussterben nahegebracht. Mag man ihn dort, wo er noch in größerer Zahl auftritt und empfindlichen Schaden anrichtet, auch weiter kurz halten, ein paar Reiherhorste sollte man doch zu erhalten suchen, auch ein paar größere Kolonien unter staatlichen Schutz stellen.
Zu der Familie der Reiher gehört auch die große Rohrdommel. Sie ist selbst in unserer sächsischen Lausitz, wo ich ihrem unheimlichen nächtlichen Liebeslied oft und oft gelauscht habe, recht selten geworden. Zum Glück führt sie ein verstecktes Leben, sonst wäre wohl auch der letzte dieser interessanten Vögel schon längst verschwunden; denn der Fischer ist auch auf die große Rohrdommel schlecht zu sprechen. Gewiß, ihre Hauptnahrung mag in Fischen und Fischbrut bestehen, wenn sie daneben auch viele schädliche Insekten frißt; aber sie ist im Gegensatz zum Fischreiher ein ungesellig lebender Vogel, der schon aus diesem Grunde nicht allzuviel Schaden anrichten wird. Dazu kommt, daß die eigentlichen Brutteiche von der Rohrdommel gemieden werden, weil dort gewöhnlich nicht so viel Rohr und Schilf wächst, daß sich der scheue Vogel gut verstecken kann. Wo die große Rohrdommel so selten ist, wie in unserer Lausitz, da sollte man sie schonen und ihr den kleinen Tribut an Fischen gönnen. Namentlich möchte ich alle Jäger bitten, den seltenen Vogel, wenn er gelegentlich der Entenjagd sein Versteck verläßt, nicht abzuschießen. Es wäre doch schön, wenn er unsrer Heimat erhalten werden könnte! Die seltene kleine Rohrdommel, ein allerliebstes Zwergreiherchen, das behend im Rohrwald auf- und abklettert, wird noch viel weniger schädlich sein; solch kleiner Magen bedarf nicht viel. Die andern Reiher aber, Nacht- und Purpurreiher, sind so seltene Gäste unsrer Gewässer, daß es die Pflicht jedes Jagdberechtigten sein muß, das Gastrecht diesen Fremdlingen gegenüber zu wahren.
Außer den genannten mögen auch wilde Enten, Gänse und Schwäne, dazu an der Meeresküste der mächtige Seeadler manchen Schaden anrichten, besonders wenn man bedenkt, daß doch neben den Fischen selbst auch deren Laich für viele an und auf den Gewässern lebende Vögel einen Leckerbissen bildet. Schließlich ist vielleicht kein einziger Sumpf- und Wasservogel ganz freizusprechen. Wollte man sie alle ihre gelegentlichen Übergriffe büßen lassen, so wäre es bald vorbei mit dem reichen Leben, das die meisten Teiche und Seen noch immer beherbergen.
Nur einen Fischereischädling aus der Klasse der Kriechtiere wollen wir noch erwähnen, die Ringelnatter. Sie ist bekanntlich eine vorzügliche Schwimmerin. Ein wahres Vergnügen, ihr zuzusehen, wie der schlanke, geschmeidige Schlangenleib in auserlesen schönen Windungen an der Oberfläche des Wassers dahingleitet, den breiten Teich durchquerend oder die Strömung des Flusses überwindend. Selbst weit hinaus ins Meer schwimmt sie, habe ich doch einmal eine Ringelnatter im Barther Bodden, wohl 5 km weit vom Land, vom Fischerboot aus beobachtet und gefangen; ein fingerlanges Fischchen erbrach sie vor Schreck. An und in unsern Fischteichen in der Lausitz gibt's Ringelnattern genug, und ich verstehe es, daß die Fischereiberechtigten ihnen recht feind sind, wenn es sich auch nur um kleine Flossenträger handelt, denen die Nattern nachstellen. Im übrigen aber sind diese Schlangen ganz unschuldige Geschöpfe, die man an jedem Gewässer, das nicht gerade der Fischwirtschaft dient, ruhig gewähren lassen sollte.
Wenn jeder, den es angeht, erkennen wollte, daß die allgemeinen Interessen höher stehen als die besonderen des einzelnen, dann würde uns die Sorge um den Fortbestand der sogenannten »Fischräuber« von der Seele genommen.