Die volkstümlichsten Tiere der deutschen Märchen und Fabeln
Wenn ich mir als Kind das Paradies der Schöpfungsgeschichte vorstellte, da war es nicht etwa die oasenartige Landschaft mit ihren Palmen und Fruchtbäumen, mit ihren sprudelnden Quellen und Wasserbächen und mit all den unbekannten, üppig wuchernden Stauden und fremdartigen Blumen, wie sie die Bilderbibel mir zeigte, sondern das freundliche grüne Flußtal meiner sächsischen Heimat. Kein schöneres Fleckchen Erde konnte ich mir denken, als diese sanfte, von bewaldeten Höhenzügen umgrenzte Au, durch die mein lieber Heimatfluß zwischen sattgrünen Wiesen seinen Weg nimmt. Hier eine Gruppe mächtiger Eichen und silberstämmiger Buchen, dort dunkles Erlen- und lichtes Weidengestrüpp, das seine Arme weithin über das Wasser breitet; an anderer Stelle, inselartig abgegrenzt, ein dichtes Fichtenwäldchen, ein Laubholzbestand aus Ulmen und Ahornbäumen, mit Haseln und Wildrosen umsäumt, daneben ein Busch junger Birken; am Fuße der Talhänge aber große und kleine Felsblöcke in wirrem Durcheinander, über die das Grün des Adlerfarns schirmartig sich breitet und Weidenröschen ihre roten Blütentrauben erheben, während weißflockige Johanniswedel ihr Bild im Wasser schauen, das sich hier dicht an den Steilhang hinandrängt.
Mitten hinein in die Herrlichkeit dachte ich mir nun Adam und Eva gesetzt, und ich bevölkerte die liebliche Au mit dem »Gevögel, dem Vieh und Gewürm«, davon uns die Bibel erzählt. Aber nicht an die Riesen der Tierwelt dachte ich, Elefant, Giraffe und Nashorn, auch nicht an die Affen und Papageien, die der Bibelmaler auf dem Bilde so friedlich vereinigt hatte, die Tiere der Heimat waren es, die sich hier wirklich ein Stelldichein gaben. Und sie genügten mir, ich kannte sie aber auch alle.
Das Hochwild trat am Abend aus dem dunklen Tann zur Äsung auf die Wiese; die Fähe schnürte von ihrem Bau, vor dem die Jungfüchse spielten, nach dem andern Talhang hinüber; rote Eichkätzchen kletterten die glatten Stämme der Fichten empor und knapperten an den Jungtrieben; die Igelmutter führte ihre hoffnungsfrohe Schar durch das raschelnde Laub; auf dem feuchten Grund des Buchenwaldes gelbfleckige Erdsalamander; im Sumpf Ringelnattern und Frösche; in den Wassergräben gelbbauchige Unken, Kamm- und Teichmolche; auf der Wiese Schmetterlinge ohne Zahl, Heupferde, Maulwürfe und Schermäuse. Und erst im und am Flusse, welch fröhliches Leben: zierliche Wasserjungfern mit tiefblauen oder glasartigen Netzflügeln, Wasserläufer und kleine silberglänzende Fischchen in unendlicher Menge. Überall aber das fröhliche Heer der gefiederten Welt: Schwälbchen, die so hurtig über dem Wasser dahinschossen; von dem Eichenhain her lustiger Kuckucksruf, dem des Pfingstvogels Flöte Antwort gab; im Unterholz das geschwätzige Plauderliedchen der Gartengrasmücke oder der jubelnde Überschlag des Plattmönchs; im Hochwald das Gezeter zänkischer Eichelhäher, das Trommeln der Buntspechte, das Gurren der Ringeltauben; über allem aber, hoch am strahlenden Himmel ein Bussardpaar, einander umkreisend, ohne Flügelschlag schwimmend im Luftozean.
Aber auch Haustiere fanden ihren Weg nach meinem Garten Eden. Am Hange hütete Thomas, der alte Schäfer vom Rittergut, seine sanfte Herde; am Ufer Jungvieh auf eingekoppelter Weide, und auf dem Fluß schnatternde Gänse und Enten. Brauchte ich da noch andere Tiere aus fernen Zonen? Oh, es war eine große, eine unübersehbare Reihe, die da vor Adam in geordnetem Zuge vorbeimarschierte, hüpfte, schwamm oder kroch, als der Schöpfer all die Tiere zum Menschen brachte, »daß er sähe, wie er sie nennete«; denn wie jener sie nannte, so sollten sie heißen ihr Leben lang.
Da hüpfte die vorlaute Elster heran im schwarzweißen Kleid; wohlgefällig wippte sie ihre grün und purpurn schillernde Schleppe auf und ab und schaute neugierig zu dem ersten Menschen hinüber, wobei sie mit Markolf, dem Eichelhäher, fortgesetzt plauderte. »Plapperelster sollst du heißen dein Leben lang, du schwatzhaftes Wesen«, sagte Adam, und schackernd schwang sich der langschwänzige Vogel in die Wipfel der Bäume. Da nahten zögernd die sanften Wollenträger, der Bock mit den geringelten Hörnern und neben ihm seine hornlose Gattin. »Schaf sei euer Name hinfort!« entschied der Mensch, »denn ihr seht ebenso dumm aus, wie ihr in Wirklichkeit seid!« Schon trabte das Borstenvieh grunzend herbei, Füße und Rüssel vom schlammigen Boden besudelt, in dem es soeben noch gewühlt hatte. »Schwein nenne ich dich – frage nicht weiter; du weißt schon warum!« und so ging's vorüber in endlosem Zug: Adler und Gimpel, der stachlige Igel, der furchtsame Hase, Frosch und Unke, Käfer und Spinne, das Gewürm, das im Grase herankroch, und die Fische im Fluß, zwei-, vier-, sechs-, achtbeinig und ohne Beine, befiedert, bepelzt, beschuppt und nackthäutig; sie alle bekamen ihre Namen, die sie heute noch tragen. Was war doch der erste Mensch für ein weises Geschöpf!
Und von dieser Weisheit hatte auch ich kleines Menschenkind ein Stückchen geerbt. Denn in der kindlichen Phantasie liegt Weisheit und Wahrheit wie im kindlichen Spiel, Weisheit und Wahrheit wie in jenen köstlich-naiven Worten des biblischen Schöpfungsberichts. Nicht die leblose Welt ist's, nicht Erde, Wasser und Stein, nicht die blitzenden Krystalle sind's, die farbigen Kiesel, ja nicht 'mal die Bäume und Sträucher im Wald oder Garten, nicht die bunten duftenden Blumen, die das Interesse des ersten Menschen zuerst auf sich lenken, sondern die Tiere.
Und wie Adam, der erste Mensch, am Schöpfungsmorgen dem »Gevögel, dem Vieh und dem Gewürm« seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte und nichts von den andern Herrlichkeiten sah, die Gottvater um ihn aufgebaut hatte – die Tiere mußten erst ihre Namen haben, ehe er sich den Fruchtbäumen des Gartens Eden zuwandte – so bringt auch heute noch jedes Kind seine erste Teilnahme, seine erste Liebe den Tieren entgegen. Noch ehe unsre Kleinen Worte zu lallen beginnen, hören sie auf die Stimme des Vogels und beobachten die Bewegungen von Katze und Hund. Und sie geben, wie Johannes Fischart so reizend sagt, »nach jrer Notturfft Namen, brauchen den ererbt Adams gwalt, der jedem Geschöpff ein Nam' gab bald«. »Wauwau« der Hund und »Miau« die Katze, »Muh« die Kuh und »Piep-piep« das Spätzlein. Ja es kommt vor, daß solch kleines Menschenkind mit den genannten Tieren seiner Umgebung innigere Freundschaft geschlossen hat, als mit dem strengen Papa, den es nur selten sieht und vor dem es sich fürchtet. Es ist auch, als ob die Tiere diese Zuneigung der Kinder fühlen:
»Solch blüend alter frisch,
Vmbsonst so lieblich gstalt nit ist,
Auch offt das Wild vnd Vieh bewegt,
Da es, zu dem ein gfallen trägt.«
Und wenn dann der Kleine seine ersten Entdeckungsreisen in Hof und Garten unternimmt, wie weitet sich da der Kreis solcher Freundschaft! Das bunte Marienkäferchen, die Schnecke mit ihren spaßhaften Fühlhörnern, der summende Maikäfer oder der Schnellkäfer, das hüpfende Heupferd sind seine Lieblinge. Der Tag, an dem der Star das erstemal wieder vor seinem Bretterhäuschen sitzt, wird zum Festtag. Klopfenden Herzens lauschen die Kinder dem stillen Glück der Hausrotschwänzchen, die im verborgenen Winkel der Gartenlaube ihre Jungen aufziehen, bis endlich die Stunde kommt, wo die kleinen grauen Federbällchen den ersten Schritt in die Welt wagen.
Und dann die Geschichten und die Lieder, die unsre Kleinen am liebsten hören und singen, die Bilderbücher, die sie am liebsten besehen, handeln nicht die meisten von Tieren? Der böse Wolf, der Rotkäppchen verschlang, der Fuchs, der die Gans gestohlen hat, der Storch, der den Eltern die Kinder bringt, eins nach dem andern, bisweilen auch zwei auf einmal, der »gestiefelte Kater«, die »Bremer Stadtmusikanten«; ja auch in den Geschichten, in den Bilderbüchern, wo Tiere nicht gerade die Hauptrolle spielen: zur Vervollständigung und zum Schmuck der Erzählung oder des Bildes sind sie unentbehrlich für das Kind. Wäre es denkbar, das Märchen von Aschenbrödel ohne die Tauben, die beim Erbsenlesen helfen: »die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen«, das Märchen von der Gold- und der Pechmarie ohne den krähenden Haushahn? Und warum besehen die Kinder so gern die hübschen Bilder unsers Landsmanns Ludwig Richter? Weil er wie kaum ein anderer Maler die Kindesseele verstanden hat, und weil sich in jeder Familienstube, die er so anheimelnd zeichnet, ein Haustier findet, ein Hund, eine Katze. Und auch im Freien, wo sich die Kinder tummeln, da schaut auf jedem Bilde ein Spitz zu oder ein Spatz, ein Taubenpaar oder irgend ein Singvogel, und dieser scheinbar so geringfügige Umstand ist für den kleinen Beschauer von allergrößtem Reiz.
Als ich ein Kind war, da standen mir – ich muß es gestehen – die Tiere meiner Umgebung näher, und es verband mich mit ihnen ein innigeres Verhältnis als mit den Menschen, abgesehen natürlich von Eltern und Geschwistern. Lange ehe ich etwas von Darwins Abstammungslehre hörte, war ich schon unbewußt ein kleiner Darwinianer; denn mit dem Star und dem Finken, dem Hund und der Katze, der Ringelnatter und der Kröte, dem Marienkäferchen und der Schnecke verkehrte ich, als seien es meine Brüder und Schwestern. Und auch viel später noch, wenn man mir vom »unvernünftigen Vieh« sprach, habe ich nie so ganz die unüberbrückbare Kluft begriffen, den gähnenden Abgrund, der sich zwischen dem Menschen und dem höheren Tiere auftun soll.
Doch was rede ich von mir? Es haben's ja alle genau so oder ähnlich in den Tagen der Kindheit getrieben. Dem Hahnenschrei legen die Kinder die Worte unter: »Kikerikieh, ich bin das schönste Vieh«; der Goldammer versichert sie seiner Zuneigung: »Wie, wie hab' ich dich lieb!« und mit dem kecken Meislein spielt man Verstecken: »Sitz i da, sitz i da!« rufen sie beide einander zu, das Vöglein droben im grünen Baum und unten der Kleine, der zu ihm aufschaut.
Warum ich dies alles erzähle? Weil ich nicht eindringlich genug daran hinweisen kann, daß das innige Verhältnis des Menschen zur Tierwelt der Heimat etwas Ursprüngliches ist, etwas Angeborenes, daß es etwas Triebartiges an sich hat und sich am reinsten in der Kindheit offenbart, sowohl beim einzelnen Kind jeder Familie, jedes Volksstammes und aller Zeiten, wie bei der Kindheit des Menschengeschlechts in grauer Vergangenheit. Nur wenn wir dies wirklich erkannt haben, wird es uns klar, warum die Tiere eine so große Rolle in Sage und Märchen und Fabel spielen und warum der Aberglaube des Volks sie mit einem Kranz buntfarbiger Blumen umgeben hat.
In dieser Beziehung herrscht unter allen Völkern die größte Übereinstimmung, mögen wir an die dichtende Phantasie der uns verwandten Kulturnationen denken oder an die zum Teil unbeholfenen Erzählungen unzivilisierter Horden. Sie alle besitzen uralte Sagen und Märchen, die meisten auch Fabeln und Parabeln, in denen Tieren eine Hauptrolle zukommt. Und so sind »diese kleinen spielenden Kinder der allgegenwärtigen Muse der Poesie« Gemeingut der Menschheit. Ja die Gemeinsamkeit solches Besitzes geht so weit, daß einzelne Tiermärchen oder Tierfabeln in den entferntesten Zonen, wo eine Überlieferung oder auch nur mittelbare Beeinflussung völlig ausgeschlossen erscheint, durchaus miteinander übereinstimmen und vielen Tieren hier wie dort die gleichen Wesenszüge zugeschrieben werden. Selbst unsre lieben deutschen Märchen, die Großmütterchen am Herd ihren lauschenden Enkelkindern erzählt, haben ihre Wurzeln zumeist nicht in der grauen Vorzeit der germanischen Volksstämme, sondern sind im fernen Indien geboren, wie die Forschungen der vergleichenden Literaturwissenschaft überzeugend dargetan haben. Aber bei keinem andern Volke, das dürfen wir getrost behaupten, sind sie mit gleich gemütvollen Zügen, namentlich auch aus der Tierwelt, ausgestattet worden, wie bei uns Deutschen und höchstens noch bei den Slawen. Ihnen darf man mit Recht nachrühmen, im innigsten Verhältnis zur Tierwelt zu stehen. Die Kinder- und Hausmärchen – ich meine, so gemütvoll, wie sie von Gebrüder Grimm erzählt werden – kann kein anderes Volk aufweisen, und Fabeldichter haben gerade wir Deutschen in reichster Fülle von Ulrich Boner und Burkard Waldis an bis Leixner, Fulda, Bierbaum, Etzel, Ewers u. v. a.
Den freundlichen Leser, der mir bis hierher gefolgt ist, möchte ich nun einladen, sich auf dem bemoosten Felsblock niederzulassen, der einst unserm gemeinsamen Stammvater zum Sitz gedient hat, und möchte an seinem geistigen Auge einen kleinen Teil der Tiere vorüberführen, von denen unsre Märchen und Fabeln erzählen, die also unserm deutschen Volke am nächsten stehen, die volkstümlichsten sind. Dabei schalte ich aber alle fremdländischen Tiere, selbst den König des großen Reiches aus, ebenso unsre Haustiere. Denn ich möchte an erster Stelle unsre »Brüder«, die mit uns die Heimaterde bewohnen, allen Lesern recht warm an's Herz legen und Teilnahme für sie wecken. Gerade die volkstümlichsten unter ihnen, wenigstens eine große Zahl dieser Märchenhelden und Fabeltiere, wenn ich sie so nennen darf, bedürfen dringend des allgemeinen Schutzes, sollen sie nicht in längerer oder kürzerer Zeit spurlos aus der Heimat verschwinden.
Der Nutzen und Schaden, den die einzelnen Tiere dem Menschen bringen, ist bereits im Übermaß immer und immer wieder erörtert worden, und die Bestrebungen des Naturschutzes, solch einseitiges Urteil doch nicht als einzigen Maßstab unseres Verhaltens den Tieren gegenüber gelten zu lassen, sind bereits Allgemeingut geworden, so daß ich kein Wort hierüber zu verlieren brauche. Der Hinweis aber, daß eine reiche Tierwelt zur Belebung der Landschaft in erfreulichster Weise beiträgt, ist im vorigen Abschnitt behandelt worden, auch habe ich bereits an anderer Stelle betont, wie eine mannigfaltige, möglichst ursprüngliche Tierwelt für die Wissenschaft von hervorragender Bedeutung ist. Aber ich meine, auch die Volkstümlichkeit mancher Tiere – ich denke z. B. an den Fuchs und den Igel, den Storch, die Schwalbe, den Kuckuck, an alle Eulen – sollte ein recht wesentlicher Grund sein, für den unbedingten Schutz solcher Tiere einzutreten.
Der volkstümlichste Held des deutschen Märchens wie der deutschen Fabel ist entschieden der Fuchs. Schlauer und verschlagener als alle andern Geschöpfe, spielt er die Rolle des Betrügers. Er überlistet die Wildente und den Hasen, den Gockel und seine Hennen, die Gans, den Raben, den Igel, den Dachs, kurz alle Tiere in Feld und Wald, in Haus und Hof. Selbst seinen großen Vetter Isengrim mit dem gewaltigen Wolfsrachen, oder Braun, den Bär, der ihn mit einem Schlage seiner mächtigen Pranken zu Boden strecken könnte, fürchtet der Spitzbube nicht. Er kennt die Schwächen jedes einzelnen, weiß seine Gegner alle zu foppen und spielt ihnen aufs übelste mit; selbst den Jäger führt der Schlaue oftmals hinter's Licht. Soll es wirklich dahin kommen, daß solch volkstümliches Tier, von dem jedes Kind zu erzählen weiß, völlig aus unsrer Heimat verschwindet? Soll es dahin kommen, daß nie mehr ein Fuchs unsern Weg kreuzt in sandiger Heide und daß wir den Roten nur noch hinter den Gittern sehen im zoologischen Garten oder ausgestopft im Museum? Das wäre doch traurig.
Oder der Storch. Von ihm gilt dasselbe. Alle Kinder kennen ihn aus den Bilderbüchern, aus mancherlei Reimen, aus dem Märchen vom »Kalif Storch«. Daher die ganz unsagbare Freude, wenn man einen wirklich 'mal sieht droben am Strohdach der Scheune, oder einherstolzierend auf feuchter Wiese oder auf dem Rain zwischen den Äckern, wenn man sein gemütliches Klappern vernimmt und den ersten Flugübungen der drei oder vier Jungen zuschaut, die den Horst zaghaft verlassen. Soll wirklich die Zeit kommen, wo auch das letzte brütende Storchenpaar und der letzte Horst aus unserm engeren Vaterlande verschwunden sein wird, wie der Adler, der Reiher, der Kolkrabe und so manche andre. Wie viel Schönheit, wie viel Poesie wäre dahin, für alle Zeiten unwiederbringlich dahin! Mögen alle, die's angeht, dafür sorgen, daß diese gefährdeten Tiere vor dem drohenden Untergang bewahrt bleiben und daß sich auch noch unsre Enkelkinder an ihnen erfreuen können, wie unsre Altvordern, die so viele gemütvolle Märchen und unterhaltsame Fabeln von diesen Tieren zusammenreimten.
Freilich die großen Raubtiere sind längst aus unserm Lande gewichen. Sie passen nicht mehr in unsre heutigen Verhältnisse, und es wäre töricht, sie zurückzuwünschen. Braun, der Bär, der grobe, aber gutmütige Gesell, hat innerhalb der deutschen Grenzen seit etwa hundert Jahren das Heimatrecht verloren, und es vergeht bisweilen mehr als ein Jahrzehnt, ehe sich 'mal wieder einer, aus Tirol versprengt, in den bayrischen Alpen zeigt. Wie häufig aber ehemals auch in den deutschen Mittelgebirgen Meister Petz war, das beweisen die vielen mit »Bär« zusammengesetzten Ortsnamen, auch hier in Sachsen: Bärenfels, Bärenhecke, Bärenburg u. a.
Unsre Vorfahren, die alten Germanen, kannten den Bären recht gut, hatte er doch sein Heim in allen Dickungen aufgeschlagen, von wo er die mühsam dem Walde abgerungenen Felder heimsuchte und in die Viehherden einbrach. Mit dem Speer bewaffnet, die Hunde zur Seite, so zogen die germanischen Jäger auf die Bärenhatz. Das Wildbret des gewaltigen Tieres war ihnen ebenso willkommen wie das zottige Fell, auf dem sie, wie es im Liede heißt, lagen und – »immer noch eins« tranken. Mit der fortschreitenden Bodenkultur und der zunehmenden Bevölkerung aber mußte die Zahl des großen Raubtiers zurückgehen. Dazu kamen mancherlei Verbesserungen der Jagdwaffen und die Einführung besonderer Jagdarten, die eine Verringerung herbeiführten. In der Zeit von 1611 bis 1717, also innerhalb 106 Jahren, wurden in dem damaligen Sachsen, das allerdings wesentlich größer war als unser heutiges, nach den aufbewahrten Jagdverzeichnissen noch immer 709 Bären zur Strecke gebracht. Heute ist der Bär selbst in den österreichischen, den schweizer und italienischen Alpen recht selten geworden; dagegen beherbergt ihn noch so manches Hochtal der langen Karpatenkette, sowohl in der Slowakei wie in den rumänischen Südkarpaten. Die Bären unsrer zoologischen Gärten stammen zum größten Teil aus Siebenbürgen, das auch heute noch mit Recht als »Bärenland« bezeichnet wird. Ich habe die Spuren des mächtigen Herrn der dortigen Gebirgswelt auf meinen Reisen wiederholt beobachten können. In den ehemals ungarischen Karpaten wurden noch vor kurzer Zeit in einem einzigen Jahre – es steht mir die Zahl vom Jahre 1908 zur Verfügung – noch immer 245 Bären erlegt.
Mit dem Bären ist vielleicht der Dachs am nächsten verwandt. In Fabel und Märchen spielt er als Meister »Grimbart« eine große Rolle. Alle Waldgebirge Deutschlands beherbergen wohl noch den griesgrämigen Einsiedler; aber die letzten Jahrzehnte haben doch auch mit ihm stark aufgeräumt. Ich habe die meisten Gebirgswälder unsrer deutschen Heimat durchstreift, bin Reineke oftmals begegnet und habe mich an dessen hoffnungsfroher Jugend erfreut, selbst den Edel- und den Steinmarder habe ich in freier Natur angetroffen; aber alt bin ich geworden, ehe mir Grimbart über den Weg gelaufen ist. Das ist gewiß nur persönliches Mißgeschick gewesen; indessen, wenigstens für unsre engere Heimat, muß man einen besetzten Dachsbau doch bereits zu den Naturdenkmälern zählen. In andern Gegenden freilich ist Meister Grimbart etwas häufiger.
Der Dachs ist übrigens weit weniger Raubtier als seine entfernte Vetternschaft, die Sippe der Marder. Wohl verschmäht er einen Junghasen nicht, Fasanen und Hühner mögen sich vor ihm hüten; aber er vertilgt auch Mäuse, Kerbtiere, Schnecken und Würmer, und gern frißt er allerlei Beeren, worauf schon sein Gebiß mit den schwachen Reißzähnen hinweist. Und so ist die Schonzeit gerechtfertigt, die er bei uns vom 1. Februar bis zum 31. August genießt. Er ist leider das einzige Raubtier, das sich eines solchen Vorzugs erfreut.
Ein viel schlimmerer Geselle, mit dem Dachs gar nicht zu vergleichen, auch nicht mit dem Bär, ist oder war der Wolf. Wir hören noch gern die netten Geschichten, die das deutsche Märchen von Isengrim zu erzählen weiß, wie er von dem schlauen Reineke, dem er an Stärke weit überlegen ist, immer überlistet wird, wie ihn sein sprichwörtlich gewordener »Wolfshunger« in hundert Abenteuer verwickelt und an den Rand des Verderbens lockt; wir gedenken so gern noch der verschiedenen Rollen, die der Wolf in der Fabel spielt, wo er im Verein mit seinem Vetter, dem Hund, auftritt oder mit der Wildsau, dem Pferde, dem Lamm, der Gans, dem Löwen, wie er in den meisten Fällen tüchtig verprügelt wird oder wie er im Angesicht des Todes sein Testament macht; ja, wir gedenken seiner noch gern als eines der volkstümlichsten Tiere, aber wir trauern nicht um ihn und wünschen ihn nicht zurück.
Ehemals mag der Wolf fast überall in deutschen Landen in recht großen Scharen aufgetreten sein, in den Mittelgebirgen sowohl, wie namentlich in den weiten Ebenen des Ostens. Wurden doch in jenen 106 Jahren allein in Sachsen 6937 Wölfe zur Strecke gebracht, wobei die nur gelegentlich von einzelnen Bauern erlegten nicht mitgezählt sind. Man kann sich denken, welch furchtbare Geißel Isengrim damals für die Herden wie für das Wild war, daß die Bewohner von Einzelhöfen, ja ganze Dorfschaften sich zusammentaten und Treibjagden gegen den Bösen unternahmen oder ihn in Wolfsgruben fingen und erschlugen, und daß die fürstlichen wie geistlichen Jagdherren ihm nachstellten und Belohnungen auf seine Haut ausschrieben, i. J. 1614 z. B. nicht weniger als vier Taler, i. J. 1730 zehn Taler, ein schönes Stück Geld damals. Vielleicht hat der Wolf weniger der Kultur des Landes, als der fortgesetzten Verfolgung zwangsweise weichen müssen. Für seinen Wolfshunger gab es in unserm Vaterlande eben keinen Raum mehr. Nach Osten ist er verdrängt worden, von wo er gegenwärtig nur vereinzelt einmal in recht strengen Wintern über die deutsch-polnische Grenze wechselt. Im Wasgau, ebenso in der Eifel erscheint wohl auch noch ab und zu ein versprengter Isengrim, der dann gewöhnlich sehr schnell einer Kugel zum Opfer fällt. In Sachsen war es bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts mit den Wölfen vorbei; ja schon kurz vor dem Siebenjährigen Krieg können die Raubgesellen hier als ausgerottet bezeichnet werden, und nur einzelne Namen wie Wolfsgrün, Wolfsschlucht, Wolfsheim, Wolfsberg, Wolfshügel erinnern noch an die einstige Glanzzeit der mordgierigen Bande. Aus unsrer Dresdner Gegend scheint der Wolf schon recht frühzeitig gewichen zu sein; wenigstens galt er hier zu Anfang des 17. Jahrhunderts bereits als Seltenheit, sonst würde man ihm nicht i. J. 1618 eine sog. »Wolfssäule« im Friedewald, in der Nähe der Landstraße von Meißen nach Moritzburg, errichtet haben. Die Inschrift der 6 Meter hohen Steinsäule, auf der ein sitzender Wolf ruht, besagt, daß Kurfürst Johann Georg I. diesen Wolf »behetzet und beschossen« habe. Das Denkmal ist oftmals ausgebessert worden, zuletzt i. J. 1919.
Ein zweites Wolfsmal steht in der Heide zwischen Ottendorf und Laußnitz, seitwärts der Königsbrücker Landstraße, am Wolfsberg. Es erinnert an einen Wolf, der am Martinstag 1740 hier abgeschossen ward, der erste wieder in dieser Gegend seit 56 Jahren.
Bekannt ist auch die nur etwas über 2 Meter hohe, pyramidenförmig zugespitzte Wolfssäule in der Dippoldiswalder Heide, an dem Wege von Malter nach der Heidemühle. Sie zeigt in recht unbeholfenem Flachrelief einen Wolf, darunter die Inschrift mit der Zeitangabe 6. März 1802. Ohne Zweifel ist dieser »letzte« sächsische Wolf, wie ihn der Volksmund bezeichnet, nur ein Überläufer aus den böhmischen Wäldern gewesen. Dort, ebenso in Schlesien, hat sich der Wolf bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts erhalten. Oft hört man erzählen, daß die Wölfe i. J. 1813 der vernichteten Armee Napoleons in ganzen Rudeln nach Deutschland, insbesondere auch nach Sachsen, gefolgt seien; doch es fehlt der Beweis für solche recht wenig wahrscheinliche Annahme. Wenn im letztvergangenen Jahrhundert, ja noch 1904, in Sachsen oder nahe der sächsischen Grenze hier und da ein Wolf erlegt worden ist, so handelte es sich um gefangene, irgendeiner Menagerie entsprungene Tiere, falls nicht die Phantasie des glücklichen Schützen in einem wildernden wolfsähnlichen Hunde den leibhaftigen Isengrim erblickte. Ausführliches über die Geschichte des Wolfs in Sachsen enthält ein Aufsatz A. Klengels in den Mitteilungen des Sächsischen Heimatschutzes, Bd. 9, S. 97 ff.
Auch der kleinere Vetter, der Fuchs, hat viel unter der Feindschaft des Menschen zu leiden, der ihm mit Eisen und Blei und mit vergiftetem Köder nachstellt. Aber noch immer hat es der Erzschelm verstanden, sich zu behaupten. Jeden sucht er zu prellen, zu betrügen, der seinen Weg kreuzt. Eine Legion lustiger Geschichten und unterhaltsamer Späße, die sich die dichtende Phantasie zusammengereimt hat, von den Tagen Äsops an bis zu Goethes Tierepos und den Fabeldichtern unsrer Tage.
In jedem größeren Revier, auch bei uns im so stark bevölkerten Sachsen, gibt es noch Füchse. »Mehr als genug!« denkt mancher Grünrock, der seine Niederjagd liebt. Ja, in den vergangenen Kriegsjahren haben sich die Roten eher vermehrt als vermindert. »Das Raubzeug hat im deutschen Wald überhand genommen,« so klagte man mir, »ganz besonders die Füchse«. Das Versäumte, glaube ich, wird bald wieder nachgeholt sein. Der hohe Preis von Reinekes Winterbalg ist gewiß ein gewaltiger Ansporn für den Jagdberechtigten, den Fuchs zu schießen oder ihn im Eisen zu fangen – ein schönes Sümmchen, das solch ein Balg bringt, der Mühe schon wert, einmal zu nachtschlafender Zeit das warme Bett mit dem klirrenden Frost draußen am Hochsitz zu vertauschen, auch wenn's kein feiner »Silberfuchs« ist – andererseits wird solch hoher Preis den Wunsch stärken, den Fuchs im Revier nicht völlig zu missen. Heute wird es der Jäger wohl unterlassen, falls nicht besondere Gründe vorliegen, die Welpen mit dem noch wertlosen Balg aus ihrem Bau auszugraben, und so wird die Zeit hoffentlich recht fern sein, wo auch der Fuchs aus dem deutschen Walde verschwunden ist, wie Wolf, Luchs und Wildkatze.
In den Kreisen der Landwirte und Forstleute hat man schon seit einiger Zeit begonnen, die Bedeutung der Raubtiere mehr und mehr einzusehen, und wenn auch heute noch hie und da ein einzelner Jäger ein geschworener Feind alles »Raubgesindels« ist, so beweist er nur, daß er von der Lebensweise der Raubtiere, der bepelzten wie der gefiederten, keine rechte Vorstellung hat. Gerade der Fuchs vertilgt eine Unmenge von Mäusen, und er ist so lüstern auf dies winzige Wildbret, daß er sich trotz aller Vorsicht und Schlauheit durch leises »Mäuseln« des Jägers heranlocken läßt. Daneben aber frißt er auch Kerbtiere und deren Larven, namentlich Maikäfer, Saateulenraupen und Drahtwürmer. Daß er nur von Hühnern und Fasanen, von Hasen und Kaninchen lebe, ist eine böse Verleumdung. Natürlich, was er überlisten kann, nimmt er mit; selbst das Reh fällt ihm zum Opfer; aber doch nur, wenn es an den Läufen klagt, die die harte Schneekruste ihm zerschnitten hat, und wohl auch ohne Hilfe des Fuchses eingegangen wäre. Reineke, und das sollte man ihm nie vergessen, ist aber auch jagdlich insofern von Nutzen, als er an erster Stelle kümmernde, kranke und schwache Stücke erbeutet und dadurch der Ausbreitung von Seuchen vorbeugt, sowie durch solche Auslese den ganzen Stand des Wildes hebt und stärkt.
Bei Bekämpfung des Raubzeugs kennen einzelne Jäger keine Rücksicht, und es läuft ebenso häßliche wie unnötige Roheit und Tierquälerei da mit unter. Oder ist es keine Roheit, die Fähe in der Heckezeit abzuschießen, daß die Welpen im Bau elend verhungern müssen, oder das Habichtsweibchen am Horst wegzuknallen und so die Jungvögel einem elenden Tode preiszugeben? Ist's nicht Tierquälerei, den Fuchs vierundzwanzig Stunden im Eisen sich abquälen und Eulen oder Bussarde tagelang mit zerschmetterten Fängen in dem Marterinstrument hängen zu lassen? Wo der Jäger sich des »Raubgesindels«, wie er's nennt, nicht anders glaubt erwehren zu können, als daß er Fallen legt und Eisen stellt, da hat er die Pflicht und Schuldigkeit, am frühen Morgen nachzusehen, ob sich ein Tier gefangen hat. Wer es unterläßt, macht sich ebenso der Aasjägerei schuldig wie einer, der auf fünfzig Schritt Rehe oder Rotwild mit Schrot anspritzt oder ein angeschweißtes Stück Wild nicht nachsucht. Aber den Räubern gegenüber befinden sich die Jäger noch oft, wie Löns schreibt, in einem mittelalterlichen Irrwahn; »der Fuchs ist ihnen ein Dämon, der nachts umgeht und suchet, was er verschlinge«.
Von anderem Raubwild weiß das Märchen nur wenig. Den Luchs, der in Deutschland bereits völlig ausgestorben ist, kennt es kaum, und wo die Katze auftritt, da handelt es sich in den meisten Fällen um unsre Hausmiez, nicht um die Wildkatze. Diese ist bis auf wenig Reste aus den deutschen Forsten verschwunden; nur die zusammenhängenden Waldungen, die Dickungen und Felsenklüfte an der Mosel und im Südharz bieten Hinz, dem Kater, dem kraftstrotzenden, gelenkigen Räuber, noch gute Verstecke. In bewohnteren Gegenden kann man die Wildkatze nicht dulden; sie hat der Kultur weichen müssen. Aber noch recht häufig kommt sie in den Karpaten vor, wurden doch im Jahre 1908 noch 5045 Wildkatzen im damaligen Ungarn zur Strecke gebracht.
Und nun unser gemütlicher Igel. Wer kennt es nicht, das köstliche Märchen von »Swinegel un siner Fru«, wie sie beim Wettlauf den flüchtigen Lampe betrügen, und die lustige Lehre, die Gebrüder Grimm hinzufügen, »datt et gerahden is, wenn eener freet, datt he sick 'ne Fru ut sienem Stande nimmt, un de just so uutsäht es he sülwst. Wer also en Swinegel is, de mutt tosehn, datt siene Fro ook en Swinegel is«. Oder wer kennt sie nicht, die Fabel vom Igel und dem Hund, der sich an dem stachligen Gesellen die Nase blutig sticht, oder die Geschichte vom Igel, der auswandert, weil er von allen Tieren seiner Stacheln wegen mißachtet und beschimpft wird, und zufällig ins Land der Stachelschweine kommt, wo alle Einwohner ganz entzückt ausrufen:
»… welch schöne Augenweide!
Sieh nur den Fremdling mit dem Haar von Seide!«
Woran H. H. Ewers die Moral knüpft:
»Ja, also ist's! und schelten auch die einen
Voll Hohn dich eine Borstenkreatur,
Ein struppig Stacheltier – so mußt du wandern:
Als Seidenviehchen loben dich die andern.«
Ein köstliches Bild, wenn man 'mal im raschelnden Herbstlaub einer Igelmama mit ihren vier oder fünf »lütjen Kinners« begegnet, kleinen, spaßhaften Stachelkugeln, die man gern 'mal in die Hand nimmt. Und dieser Mäuse- und Insektenvertilger wird – man sollte es kaum glauben – gleichfalls von manchem Jäger verfolgt, da sein schnupperndes Näschen natürlich auch 'mal ein bodenständiges Nest findet und der Igel dann nicht lange danach fragt, ob es ein paar Regenwürmer sind oder Jungvögel, die er entdeckt hat. Ich kenne wenig Tiere, die als Mäusefänger so nützlich, zugleich aber in ihrer ganzen Erscheinung und in ihrem Gebaren so lustig und interessant sind wie der Igel, und ich möchte alle Leser bitten, Swinegel und seiner Familie das allergrößte Wohlwollen entgegenzubringen.
Lampe, der Hase, kommt gleichfalls oftmals in Märchen und Fabeln vor; er ist immer das arme, geplagte, verfolgte Tier: alles, alles will ihn fressen, zumal der Mensch. Um sein Aussterben brauchen wir aber kaum Sorge zu tragen. Der strenge Jagdschutz nimmt sich seiner an; denn der Hasenbestand ist meistens der Wertmesser des ganzen Reviers, wenigstens im Niederland. Freilich, wer in den letzten Jahren lediglich den Ladentischen unsrer Wildbrethandlungen seine Aufmerksamkeit geschenkt hat, die fast immer »hasenrein« waren, der muß zu der Ansicht gekommen sein, daß man entweder Lampe neuerdings aus der Liste der jagdbaren Tiere gestrichen und ihm ewige Schonzeit zugebilligt habe, oder daß es mit dem Hasenfuß auf unsern Fluren für immer vorbei sei. Aber die Sache hat andere Gründe, die ich hier nicht erörtern will.
Allerdings mit der Jagd steht es heute schlimm genug. Überall Wilddiebe, die ihr dunkles Gewerbe treiben! In manchem Revier sind schon alle Rothirsche abgeschossen, in fast jedem ihre Zahl stark gezehntet worden. Und wie die fürstlichen Jagdherren gewiß manchmal in nicht gerechtfertigter Weise zum Schaden des Landwirts, auch der Forstwirtschaft, das Hochwild über die Maßen hegten und pflegten, so verfällt man jetzt ins Gegenteil. Man knallt alles nieder oder wenigstens weit mehr als nötig ist. Es erinnert dieser Vorgang ans Jahr 1848. Auch damals hat man den Rotwildstand, z. B. in unserm Sachsen, so arg abgeschossen, daß ernstlich die Frage erörtert wurde, ob damit nicht das Ende des Rotwilds für alle Zeiten gekommen sei. Und heute stehen Naturfreund und weidgerechter Jäger vor derselben bangen Frage. Nur ist keine Aussicht vorhanden, daß irgendein Jagdherr in Zukunft in der Lage sein wird, sein Wild so zu schützen, zu hegen und zu pflegen, wie es bisher der Fall war.
Es tut einem das Herz weh, wenn man bedenkt, daß der Hirsch, von dem die Tierfabel so manches zu berichten weiß, daß sogar das zierliche Reh, das in vielen Märchen eine besonders liebliche Rolle spielt, vielleicht in recht naher Zeit aus unsern heimatlichen Wäldern, wenn auch nicht völlig verschwinden, so doch hier immer seltener werden soll[2]. Die Freude an der Natur, an der Jagd, an dem Wild liegt unserm Volke im Blut, ein Erbgut aus Urväterzeit. Und wenn es gewiß auch eine falsche Vorstellung ist, daß die alten Germanen nur von der Jagd lebten – im Gegenteil, sie waren seßhafte Ackerbauern und hatten es schon zu Beginn unsrer Zeitrechnung in der Art, wie sie ihre Ländereien bestellten, weiter gebracht, selbst als die Römer – so war doch die Jagd von großer Bedeutung für sie.
[2] Bis vor kurzem wenigstens war das zu befürchten; erst in allerletzter Zeit scheint sich der Rehstand hier und da wieder erfreulich gehoben zu haben.
Aber ist sie es nicht auch noch in der Gegenwart? Es sind sich wenig Menschen, auch die nicht, die gern einmal einen Hasenbraten oder eine Rehkeule verzehren, darüber klar, welche ungeheuren Werte unser Wildbestand darstellt. Man hat berechnet, daß unmittelbar vor dem Kriege die jährliche Ausbeute an Wildbret im Deutschen Reiche 20 Millionen Kilogramm betrug, damals im Werte von wenigstens 25 Millionen Mark, daß die Decken, Schwarten, Bälge einen Marktpreis von gegen 1½ Millionen besaßen, daß der Erlös an Geweihen und Gehörnen etwa 1 Million betrug. Das Reich nahm beinahe 6 Millionen Mark aus den Jagdscheinen ein, die Gemeinden schlugen 40 Millionen aus den Jagdpachten heraus. Dazu kommen die Millionen, die Jagdaufseher, Treiber, Hundezüchter, Waffen-, Munitions-, Jagdbekleidungsfabrikanten u. a. verdienen. (Vgl. H. Löns, Kraut und Lot, S. 105 ff.)
Aber diese volkswirtschaftliche Bedeutung der Jagd ist nicht die Hauptsache. Der Jagdschutz, wenn er streng durchgeführt wird, erhält uns das Wild als ein wertvolles Stück der heimatlichen Natur zur Freude nicht nur des Jägers, sondern jedes Naturfreundes, und da sich die Wildhege mit Erfolg immer nur in einem Gelände ausüben läßt, das noch bis zu gewissem Grade das Gepräge der Urwüchsigkeit zeigt – ursprüngliche Wälder, Brüche, Moore, Heiden – so haben wir es zu nicht geringem Teil der Jagd zu verdanken, wenn noch nicht überall die Ackerbausteppe und der durchforstete Nutzwald in unserm Vaterland herrschen, sondern auch noch ab und zu ein Stück Land ein mehr oder weniger ursprüngliches Gepräge zeigt. Jagd und Jagdpflege sind der unbewußte Anfang des Naturschutzes und der Naturdenkmalpflege gewesen, und daher ist es die Pflicht des Heimatschutzes, die edle weidgerechte Jagd, deren Hauptaufgabe in der Hege und Pflege eines angemessenen Wildstandes besteht, hochzuhalten und alle jagdlichen Bestrebungen nach der gekennzeichneten Richtung hin zu unterstützen. »Jagdschutz« also auch in dem Sinne: »Schutz der Jagd!«
Ungleich zahlreicher noch als die Säugetiere sind die Vögel, die sich besonderer Volkstümlichkeit erfreuen und deshalb in vielen Märchen und Fabeln auftreten. Gleich jenen haben auch die Vögel ihren König, den Adler, nicht wie der Löwe ein Tier fremder Zonen, sondern ein Bewohner unsrer Heimat. Aber wie wenige meiner Leser werden den stolzen Vogel aus der freien Natur kennen! Bei uns in Deutschland stehen sämtliche Adler auf der Aussterbeliste. Der Steinadler horstet wohl noch in ein oder dem andern Paar in den bayrischen Alpen, während er in den Wäldern Ostpreußens seit Beginn unsers Jahrhunderts ausgerottet zu sein scheint. Und doch war dieser wahrhafte König der Lüfte noch vor hundert Jahren in manchem deutschen Mittelgebirge Brutvogel, ebenso weitverbreitet im Niederland, in Pommern, Westpreußen, der Mark so gut wie im Böhmer Wald oder im Riesengebirge.
Etwas besser steht es noch heute um See- und Fischadler; doch sind deren Horste an der Ostseeküste und auf der norddeutschen Seenplatte gleichfalls gezählt. Den Nachstellungen des Menschen ist der König der Vögel zum Opfer gefallen. Auch in den Alpen ist der Anfang vom Ende da, gezählt sind die Tage seiner Herrschaft. In Sachsen horstet schon längst kein Adler mehr. Aber der Wanderzug führt stets noch einige Seeadler, auch Fischadler durch unser Land. Sie kommen von der Wasserkante oder weit aus den russischen Wäldern. Ein gefährlicher Flug ist's. Es vergeht kein Jahr, wo nicht ein oder der andere der stolzen Vögel von einem Schießer heruntergeknallt wird, der sich dann als kühner »Adlerjäger« brüstet.
Mit den nächtlichen Raubvögeln, den Eulen, hat sich die Märchen- und Fabeldichtung gleichfalls viel beschäftigt; Und das ist kein Wunder. Erst wenn die Dämmerung eintritt, beginnen die Eulen ihre Streifzüge. Dank ihrem seidenweichen Gefieder gleiten sie geräuschlos und deshalb geisterhaft an dem nächtlichen Wanderer vorüber, und unheimlich klagend heult ihre Stimme aus dem dunklen Walde. Gleich glühenden Kohlen funkeln die Riesenaugen im nächtlichen Schatten – wieviele Spukgeschichten mögen ihnen ihr Dasein verdanken! Das Märchen verwendet, um die Stimmung recht gruselig zu machen, die funkelnden Eulenaugen außerordentlich oft.
Ich glaube, es gibt wenig Menschen, die eine besondere Vorliebe für diese unheimlichen Gespenstertiere besitzen. Das tut mir leid, einmal der Eulen wegen und dann auch um meiner selbst willen, da ich mich mit meiner ausgesprochenen Passion für Käuze und Eulen aller Art ziemlich vereinsamt fühle. Ein rechtes Verständnis für die Anmut der Eulen habe ich nur bei den Italienern gefunden; diese betrachten ihre Steinkäuzchen als wirkliche Hausfreunde und richten dunkle Brutplätze unter den Dächern mit bequemen Eingängen für sie her. Allerdings ist ihre Vorliebe für Käuze nicht frei von Eigennutz; denn der Italiener bedient sich seiner Freunde zum Fang von Kleinvögeln. Auch die alten Griechen, denen Verständnis und Gefühl für Schönheit doch wahrhaftig nicht abgesprochen werden kann, erkannten die eigenartige Eulenschönheit. Die Eule war der Pallas Athene heilig, die selbst als »eulenäugig« bezeichnet wird; zugleich war sie das Wappentier der Hauptstadt, das Sinnbild der Weisheit, und sogar als Glücksbotin findet sie Erwähnung.
Wieviel könnten wir Deutschen doch von den alten Griechen in dieser Beziehung lernen! Bei uns heißt es: »Häßlich wie eine Nachteul'«, und Eulenaugen gelten nicht gerade als Schönheit. Dazu ist die Eule in deutschen Landen so recht der Unglücksvogel, dessen nächtlicher Ruf Krankheit und Tod kündet. Auch im deutschen Märchen ist der Kauz viel weniger der Vogel der Weisheit, als der böse Geist, der Dämon, der Hüter verborgener Schätze, dem Menschen feindlich gesinnt, vertraut mit der schwarzen Kunst, mit Zauberei; in der Fabel aber ist er ein Griesgram und rechter Philister.
Ebenso bedauerlich wie auffallend ist der Rückgang der Eulen in unsrer Heimat. Von dem Uhu will ich nicht reden – das letzte Paar brütete noch um die Wende unsers Jahrhunderts in den Felswänden des Hohnsteiner Reviers. Ich fürchte, der Schutz, den man heute in allen Staatsforsten dem seltenen Räuber gern gewähren möchte, kommt bereits zu spät, um den »König der Nacht« zu retten. Aber auch die mittelgroßen Eulen, wie Wald- und Schleierkauz, Wald- und Sumpfohreule, selbst die kleinen Käuzchen sind heutzutage viel seltener geworden als zu meiner Jugendzeit. Man mag eine Eule aus dem Gehöft verjagen, wenn man den Mäusejäger durchaus glaubt entbehren zu können; aber eine Eule töten, bleibt eine Roheit und Gemeinheit, wenn auch vor unsern ganz unzureichenden sächsischen Gesetzen der Frevler frei ausgeht. Alles, was bewehrte Fänge und einen Krummschnabel trägt, gehört in Sachsen zu den jagdbaren Vögeln, und auf diese findet das deutsche Reichsgesetz keine Anwendung. Der Freibrief, den dieses mit Recht dem Turmfalken, dem Schrei- und Seeadler, dem Bussard, der Gabelweihe und sämtlichen Eulen, mit Ausnahme des Uhus, ausstellt, hat also für Sachsen keine Gültigkeit. Hierin endlich einmal Wandel zu schaffen, ist eine dringende Forderung des Naturschutzes an die Gesetzgebung.
Viel mehr als die lichtscheue Eule ist im deutschen Märchen der Rabe der Vogel der Weisheit. Er hat die Gabe, in die Zukunft zu schauen und wird so zum Verkünder kommender Ereignisse. Das hängt zweifellos damit zusammen, daß bei unsern Altvordern der Rabe der Vogel Wodans war, der Götterbote, der den Verkehr zwischen dem Herrscher des Himmels und den Bewohnern der Erde vermittelte. Seine Verwandten, die Krähen und Elstern, gelten als diebisches, zänkisches Gesindel, letztere als besonders schwatzhaft.
Ein anderer Götterbote war der Storch; doch spielt dieser in orientalischen Erzählungen und Märchen eine weit größere Rolle als in unserm deutschen Märchenschatz. Auch in der deutschen Fabel begegnet man dem klappernden Hausfreund nur selten. Dagegen hat unser Volk um Leben und Treiben des Storchs einen reichen Kranz abergläubischer Vorstellungen gewunden, deren Ursprung sich in graue Vorzeit verliert.
Unter den Wasservögeln ist wohl der Schwan das vornehmste Märchen- und Sagentier. Wir denken an das lustige Märchen »Schwan, kleb an!«, an die reizende Geschichte vom kleinen »häßlichen Entlein«, das aber einem Schwanenei entschlüpft war und bald zum bildschönen Schwan heranwuchs; wir denken an Lohengrins Schwan und an die Schwanenritter oder an die Schwanenjungfrauen, die auf der Donau den Nibelungen erschienen und sie vor der Fahrt warnten, die allen den Untergang bringe. In Sachsen brütet der Wildschwan leider nirgends; dazu sind unsre Teiche zu klein und unsre Elbe mit ihren gemauerten Ufern viel zu nahrungsarm und zu unruhig. Wer aber die ostpreußischen Seen kennt, der wird sich mit Freude der anmutigen Schwimmvögel erinnern, die so manchem dieser Gewässer einen besonderen Schmuck verleihen. Auch Seen in Brandenburg und Mecklenburg oder der Unterlauf der Warnow unterhalb Rostock beherbergen noch immer eine erfreuliche Anzahl der stolzen Geschöpfe. Freilich haben die bösen Verhältnisse der Nachkriegszeit auch in ihre Reihen starke Lücken gerissen, so daß es ernstlich an der Zeit ist, für den Schutz dieser Tiere zu sorgen. Besonders lieblich sind die Familienbilder, die sie zu Sommers Anfang dem Beschauer bieten, wenn die Schwanenmutter ihre Kleinen das erstemal durchs Schilf auf die freie Wasserfläche führt oder die grauen Dunenbällchen auf den Rücken nimmt und mit dieser leichten Bürde zurück zum Neste gleitet.
An zweiter Stelle wäre auch der Gänse zu gedenken. Unsre geliebte Hausgans, deren Braten alljährlich an meinem Namenstage so manchen Mittagstisch verschönt – im vorigen Jahre nach längerer Pause auch den meinen, da eine freundliche Fee den köstlichen Vogel in mein Haus flattern ließ – stammt von der Graugans her, die gleichfalls noch in Norddeutschland brütet und gelegentlich ihrer Herbstreisen auch an unsre sächsischen Gewässer kommt. Sie ist eleganter in der Figur, als unsre Haus- und Hofgenossin, auch leichter im Flug, gewandter im Schwimmen; denn das Gänsefett belästigt sie nicht so stark wie jene. Auch die Ente mit dem goldnen Krönchen erscheint im Märchen, und in der Fabel tritt sie zumeist mit dem Fuchs auf, der ihr den Kragen umdrehen möchte.
Unter den Singvögeln sind vielleicht die volkstümlichsten Nachtigall und Lerche. Ihr Gesang hat von jeher den Menschen begeistert. In hundert Volksliedern wird die Nachtigall erwähnt, ja bei den Minnesingern, die sich nicht genug tun können, die kleinen Waldvöglein zu preisen, ist die Sängerin der Nacht so ziemlich der einzige Vogel, der mit Namen genannt wird. Die Lerche aber ist die Sängerin des Tages, die zum Licht emporsteigt, die mit der Morgenröte sich erhebt, um den ganzen Himmelsraum mit ihrem Jubel zu erfüllen, zum Preise des Schöpfers. Neben ihnen spielen in Märchen und Fabeln die andern Kleinvögel, wie Zeisig, Rotkehlchen, Zaunkönig und Star, nur bescheidene Rollen; sie treten in der Regel nicht allein auf, sondern in Begleitung jener Sänger. Ich erinnere an die Fabeln vom Zeisig, vom Kuckuck oder auch vom Wiedehopf und der Nachtigall, von der Schwalbe und der Lerche.
Die Schwalbe ist der Vogel, der das innigste Bündnis mit dem Menschen geschlossen hat; denn während recht viele zutrauliche Vögel wohl die Nähe menschlicher Siedlungen aufsuchen und ihre Wohnung an unsern Häusern, auf und unter dem Dach, am Gesims, auf einem Balkenkopf oder in irgendeinem versteckten Winkel aufschlagen, sind es die niedlichen Rauchschwälbchen mit dem gabelartig verlängerten Schwanz und der rostroten Stirn, die fast ausnahmslos im Innern der Gebäude Herberge nehmen. Dem Tragbalken des Vorhauses, der Decke des Kuh- oder Pferdestalles, wohl auch dem Schirm einer elektrischen Lampe vertrauen sie ihr Nestchen an. Und solche Anhänglichkeit an uns Menschen verdient Gegenliebe, wie man sie allgemein in deutschen Landen den lieblichen Vögelchen entgegenbringt. Eine Schwalbe zu töten oder auch nur ihr Nest zu zerstören, ist ein schwerer Frevel, der von der rächenden Gottheit mit langem Siechtum bestraft wird. Wo die glückverheißenden Vögel den Hof verlassen haben und im kommenden Frühjahr nicht wieder Einkehr halten, da zieht Unfrieden im Haus ein oder es stirbt ein Bewohner. Wer möchte es wünschen, daß solch frommer Aberglaube doch endlich in die Rumpelkammer längst überlebter mittelalterlicher Vorstellungen, die nicht mehr in unsre aufgeklärte Zeit passen, geworfen werde!
Sinnig sind manche Sagen, die von der Schwalbe berichten. Bei der Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies flog eine Schwalbe blitzschnell an dem Flammenschwerte des zürnenden Engels vorüber, um das arme, verstoßene Menschenpaar in seine neue unbekannte Heimat zu begleiten. Hier ward sie ihm zur treuesten Freundin im Glück und im Unglück. Eine andere Sage erzählt: Als Christus am Kreuze hing und, vom Durst gequält, um Wasser flehte, da hörte eine Schwalbe des Heilands Bitte: »Mich dürstet«. Schnell eilte sie an eine Quelle, küßte dann des Sterbenden Lippen und träufelte einige Tropfen Wasser auf sie. Hierauf umflog sie das Haupt des Heilands, mit ihren langen Schwingen ihm Kühlung zufächelnd. Dabei streifte sie die blutenden Wunden, so daß sich Stirn und Kehle rot färbten. Ähnliches weiß die Sage auch vom Kreuzschnabel zu erzählen. Bei dem Versuch, die Nägel aus dem Kreuzesstamm zu zerren, hat sich sein Schnabel verbogen, sein Gefieder gerötet.
Nur ein Wort noch vom Wiedehopf. Er steht nicht im besten Geruch und ist doch mit seiner Federholle und dem ansprechenden Farbenkleid ein wunderhübscher Vogel. Heute kenne ich den Wiedehopf als sächsischen Brutvogel nur aus der Lausitz, wo er allerdings außerordentlich selten ist. In meiner Jugendzeit aber brüteten alljährlich mehrere Paare in den alten Kirschbäumen, die die Viehweide des Rittergutes meiner Heimat umgaben. Ein ganz abscheulicher Gestank, wenn man die Nase in den Eingang solcher Kinderstube bringt; selbst die ausgeflogenen Jungen müssen sich noch tagelang gewissermaßen auslüften, ehe sie den Geruch verlieren, so fest sitzt er ihnen im Gefieder. In der Fabel ist der Wiedehopf seines gekrönten Hauptes wegen der eitle Vogel, dessen armseliger Ruf sich mit dem Gesang der unscheinbaren Nachtigall nicht messen kann.
Die Zahl der Vögel, die das Märchen, ganz besonders aber die deutsche Fabel auftreten läßt, ist so groß, daß man leichter die Arten aufzählen könnte, von denen das Volk nichts zu erzählen weiß. Kuckuck und Pfau, Hahn und Sperling, Wachtel und Taube, Kranich und Reiher, Gimpel und Zeisig müßte ich nennen, und ich würde noch keineswegs allen gerecht werden. Gerade der Vogel ist von jeher der Liebling des Menschen gewesen; seine anmutige Gestalt, sein hübsches Farbenkleid, vor allem aber seine Stimme haben von Anfang an die Aufmerksamkeit eines jeden auf ihn gelenkt.
Die kaltblütigen Wirbeltiere stehen unserm Volke nicht so nahe; das Verhältnis zu ihnen ist weniger innig. Ganz besonders gilt das von den Fischen. In dem deutschen Märchen spielen sie eine nur sehr bescheidene Rolle, und auch in den Fabeln tritt nur hie und da mal der gefräßige Hecht oder der stumpfsinnige Karpfen auf. Die Fische haben wenig zu sagen, sie sind stumm; daraus erklärt sich wohl solche Vernachlässigung.
Aber unter den Lurchen gibt es ausgezeichnete Sänger, die mit ihrem Lied die ganze Frühlingsnacht erfüllen: die Frösche sind es. Unsern Seen- und Teichlandschaften verleiht ihr Chorgesang einen ganz eigentümlichen Reiz. Freilich handelt es sich dabei nur um die eine Art, den grünen Wasserfrosch, während man von dem andern, dem braunen Grasfrosch, der auf der feuchten Wiese oft in großer Anzahl vor unsern Schritten aufspringt, nur selten einen knurrenden Laut vernimmt; rana muta, d. i. der Stumme, nannte ihn deshalb der Zoolog. Um so lebhafter der andere, der Wasserfrosch. Er ist es, von dem das Märchen so viel zu erzählen weiß, von seinem Schloß tief unten im feuchten Element, wo der Froschkönig sein Reich aufgeschlagen hat und seine Herrschaft über die ganze pausbäckige Gesellschaft ausübt. Meist handelt es sich um Verwandlungsmärchen, um einen Fürstensohn, der in einen Frosch verzaubert ward und dann durch die Guttat eines Menschenkindes erlöst wird. Oder ich erinnere an Georg Rollenhagens »Froschmäuseler« aus dem Jahre 1595, ein langatmiges Reimwerk, dem Homers »Froschmäusekrieg« zur Grundlage diente. Die ganze wunderliche Hofhaltung der Frösche und Mäuse wird uns hier geschildert und die blutige Schlacht zwischen den Bewohnern des Wassers und den kleinen graufelligen Nagern des Feldes. Und dann, wieviel alte und neue Fabeln handeln doch von dem kaltblütigen Sänger, der bald mit der Nachtigall, bald mit dem Kuckuck den Wettgesang anstimmt!
Auch die Kröte mit der goldenen Krone ist eine Märchengestalt, die auf Erlösung harrt. Ich glaube, ihr schönes goldenes Auge, das treuherzig blickt, voll Wehmut und Sehnsucht, hat es dem Menschen angetan. Wer es fertig bringt, eine Kröte in roher Weise zu töten, muß bar jedes Gemüts sein.
Von den Schlangen ist im Märchen manchmal die Rede. Sie sind die Behüterinnen verborgener Schätze oder werden nur nebenbei erwähnt, um die gruselige Stimmung, die einsame, dunkle Orte dem Menschen einflößen, noch zu erhöhen. Selten wird eine bestimmte heimische Schlangenart genannt, auch die giftige Kreuzotter nicht. Dagegen tritt unter dem Namen »Hausunke« die Ringelnatter auf; ihre gelblichen oder weißen Halbmondflecken am Hinterkopf und Hals werden als Krone gedeutet.
Es würde zu weit führen, auch den wirbellosen Tieren unsre Aufmerksamkeit zu widmen. Auch von ihnen gibt es recht viele, die wahrhaft volkstümlich geworden sind und besonders in der deutschen Fabel häufig auftreten. Ich erinnere nur an Ameise, Biene, Feldgrille, Heupferd, Leuchtkäfer oder an die Schnecke.
Schutz der Tierwelt! Es wird so viel darüber geklagt, daß die großen Tiere der Tropen und der Polarzonen durch die unsinnige Jagdleidenschaft der weißen Rasse ihrem Untergang mit Riesenschritten entgegeneilen, daß die Elefanten, Giraffen und Flußpferde, ebenso die großen Walsäugetiere oder die Büffel, die einst in ungeheuren Scharen die weiten Ebenen Nordamerikas belebten, recht bald der Vergangenheit angehören werden. Und nicht etwa nur die wirtschaftliche Einbuße und der Verlust, den die Wissenschaft dadurch erleidet, rechtfertigen diese Klage und Anklage, sondern der Frevel an der Natur ist es, der das Herz eines jeden mit Bitterkeit und Trauer erfüllt. Aber näher doch als jene Tiere ferner Zonen sollte uns die heimatliche Tierwelt stehen. An ihrer Erhaltung ist nicht etwa nur dem einzelnen Naturfreund gelegen, sondern unserm ganzen Volk im allerweitesten Sinne. Wir dürfen nicht engherzig nach Nutzen und Schaden fragen, sondern die höheren Tiere sind mit ganz wenig Ausnahmen – ich denke z. B. an die Kreuzotter oder an kleine Säugetiere, die namentlich auf den Feldern als verheerende Landplage auftreten können – um ihrer selbst willen des allgemeinen Schutzes wert. Wenn wir aber aus der großen Masse einige besonders hervorheben wollen, deren Untergang am meisten beklagenswert wäre, ein unersetzlicher Verlust nicht nur für die deutsche Landschaft, sondern für unser ganzes Volk, so sind es die volkstümlichen Tiere der deutschen Märchen und Fabeln.