Das Tier im Landschaftsbild unserer Heimat
Das Leben auf unserer Erde kennt keine Schranke, kein Grenzstein ist ihm gesetzt. Und es sind nicht nur die niedrigsten Lebewesen, einzellige Algen, Pilze, Infusorien, die sich sozusagen überall einstellen, nein, wenigstens von der Tierwelt gilt es, daß sich gerade ihre höchsten Vertreter, die Wirbeltiere, die ganze Welt erobert haben.
Aus den größten Tiefen der Ozeane, wo längst keine Pflanze mehr gedeiht, wo ewige Finsternis herrscht, bis auf die Flammen, die sich die Tiere selbst anzünden, hat man eine erstaunliche Artenzahl wohlorganisierter Fische ans Licht befördert, und hoch über der Waldgrenze der Gebirge, wo nur noch kurzrasiges Gras an dem Steilhang emporklettert und niedrige Alpenblumen ihre farbensatten Sterne dem Sonnenstrahl öffnen, ja noch höher droben, wohin keine blühende Pflanze mehr folgt, wo der zackige Felsengrat nackt und tot aus dem Firnschnee zum Himmel emporstarrt, da haftet der Fuß der flüchtigen Gemse, des Steinbocks, da pfeift im Steintrümmermeer das Murmeltier vor seiner Höhle. Über allem Irdischen aber, an der blauen Glocke des Himmels, schwebt in erhabener Ruhe der Adler, der König der Lüfte.
In solcher Einsamkeit herrscht dann das Tier als einzige Staffage der Landschaft: der nackten Felsenzinnen oder des einförmigen Wüstensandes, der weiten Meeresfläche oder des unermeßlichen Luftozeans, und nirgends sonst erreicht der Eindruck des Lebendigen solche Stärke.
Im übrigen aber vermag die Tierwelt nur in besonderen Ausnahmefällen der Landschaft einen bestimmten Wesenszug aufzuprägen; sie tritt in dieser Beziehung hinter der Pflanzenwelt weit zurück. Diese ist es, die das Bild beherrscht; an ihr haftet das Auge.
Düster, in blauschwärzlicher Färbung schaut der Nadelwald von den Höhen herab auf die Ebene, wo unter der weißen Decke das Samenkorn schlummert. Halbverschneite Hecken am Wege, ein einzelner Baum am Rain, ein kleines Feldgehölz, das seine kahlen Äste und Zweiglein zum bleigrauen Himmel erhebt, abgestorbene Stauden, deren Samenrispen zwischen den Schneewehen emporragen, erhöhen den Eindruck der Einsamkeit. Totenstille in der Natur.
Die freundliche Au, vom gewundenen Bächlein durchfeuchtet, hat der Frühling mit tausend Blüten geschmückt; lebensfroh schauen sie zum Lichte empor. Vergißmeinnicht: ihr Blau ein Abbild des Himmels; Löwenzahn, Ranunkulus, Dotterblume: goldenen Sonnen vergleichbar. Aus den alten Weidenstümpfen streben rötliche Triebe empor mit gelbgrünen Schmalblättern, während das Erlengestrüpp sein junges, glänzendes Laub über das plätschernde Wasser ausbreitet, in dem sein Spiegelbild zittert wie vor Erwartung seligster Lust.
Vom stahlblauen Himmelsgewölbe strahlt die Julisonne herab auf die Fruchtebene. Ein einziges Getreidefeld, wohin man nur schaut. Die braungoldenen Weizenähren wogen wellenförmig im heißen Lufthauch, der tosend über sie hinstreicht. Ein Bild der einförmigen Steppe; kein Baum, kein Strauch. Hier herrschen die Fruchtgräser, von der Hand des Landmanns angebaut. Nur am Rain glüht es rot, großblütiger Mohn, und tiefblau schaut die Zyane aus dem lichtgelben Halmenmeer hervor.
Der herbstliche Laubwald: in allen Farben und Tönen glänzt es und gleißt es, vom zartesten Rosa bis zum sattesten Rot, vom lichtesten Gelb bis zum tiefsten Bronzeton. Und wenn die goldne Oktobersonne vom wolkenfreien Himmel herab all die Farbenflecke mit einer Fülle von Licht, von brennender Glut überschüttet, wenn sie lange Schlaglichter tief in den Wald wirft und helle Zitterkringel auf den Boden malt, daß auch das abgestorbene Laub noch einmal aufleuchtet: ein Farbenbild von wunderbarem Reiz, ein Farbeneinklang, der nicht seinesgleichen hat.
Im Kreislauf des Jahres die Pflanzenwelt ist's, die unsern heimatlichen Landschaftsbildern ein ganz bestimmtes Gepräge verleiht. Ihr ordnet sich alles unter, selbst der geologische Aufbau des Bodens, der doch gleichfalls von allergrößter Bedeutung ist. Das Tier aber erscheint dem gegenüber als eine viel weniger wichtige Zugabe zum Landschaftsbild, mehr zufällig bloß; man achtet seiner, nur weil man's gerade bemerkt. Fehlte es, der Anblick, der ganze äußere Eindruck wäre dennoch der gleiche; nur in besonderen Fällen wird man sich der fehlenden Tierwelt als eines wirklichen Mangels der Landschaft bewußt.
Und doch, wo immer es sei: ob sich die Pflanzenwelt in Macht und Fülle aufbaut, daß die Baumriesen ihre Äste und Zweige zu gotischem Dach über dem Wanderer wölben, oder ob nur spärliche Gräser die weite Fläche dürftig bedecken; zu welcher Jahreszeit immer: ob der Winter seine Herrschaft führt, daß der Waldbach, in eisige Fesseln gebannt, nur leise plätschernd unter dem starren Panzer dahinmurmelt und der Stamm des Hochwaldes vor Frost tiefächzend zersplittert; zu welcher Stunde des Tages auch: ob die Mittagsglut auf der Flur liegt, drückend schwül, kein atmendes Lüftchen, ob der Mond sein silbernes Licht über den schlafenden Waldsee ergießt oder ob Morgennebel das Tal in dichte Schleier hüllen – nur ein einziges Tier in solchem Bild, ein einziger Schrei oder Ruf, die Strophe nur eines Vögleins, und sofort wird der Reiz der Landschaft erhöht, der ganze Eindruck in einer Weise gesteigert, daß wir das Bild vor uns wie mit einem Schlage in ganz anderem Lichte sehen.
Woher dieser Zauber? Wir sind nicht mehr allein, nicht mehr die einzig fühlende Brust; ein anderes Wesen nimmt teil an dem, was unsre Sinne schauen, unser Herz bewegt. Das Tier ist's, durch das Mutter Natur zu uns redet, das beseelte Geschöpf. Seine Erscheinung, sein Leben und Treiben, sein Ruf, seine Stimme: das ist der uns Menschen verständlichste Ausdruck im Reiche der Schöpfung.
Der nächtliche Sternenhimmel redet eine erhabene Sprache – ach, wie klein ist der Sterbliche doch, der andächtig zu den tausend und abertausend funkelnden Sonnen emporschaut! Das Meer braust heran, Woge auf Woge, ewig, gewaltig, unermeßlich, furchtbar im Sturm – eine Nußschale der riesige Dampfer, das Menschenleben ein Nichts. Der massige Fels erzählt uns seine Geschichte aus nebelhaft grauer Vorzeit, wie ihn die bebende Erde gebar, wie Jahrmillionen ihn formten, auch das Unvergänglichste wandelnd – wer versteht seine Sprache, die uns allen so fremd ist! Der Krystall funkelt und gleißt, in spiegelblanken Flächen bricht sich das Licht – aber er spricht von starren, toten Gesetzen.
Nur das Leben redet zum Leben in lebendiger Sprache, in unsrer Sprache, in der Muttersprache, die allen eignet, die niemand erlernt, keiner zu erlernen braucht, die man nicht begreift mit dem Verstande, sondern die uns von Anfang an innewohnt, tief im fühlenden Herzen. Der Wald spricht mit uns, die einsame Wettertanne auf erhabener Felsenwacht, die Blume am Bachesrand, das flüsternde Schilf, die Heckenrose am Wege – aber: »Fleisch von unserm Fleisch und Bein von unserm Bein«, das gilt doch noch in weit höherem Grade von den Tieren, von unsern »Brüdern«, wie sie Goethe in jenem bekannten Wort an den »erhabenen Geist« nennt:
»Du führst die Reiche der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.«
Die Sprache des Tieres, der Ausdruck seines Fühlens, seines Wollens ist unsrer Sprache verwandt; dem Tiere schreiben wir, wie uns selbst, eine Seele zu, die erkennt, die fürchtet und hofft, die liebt und haßt. Und wenn uns der Verstand auch immer wieder zuruft, daß das Geschöpf nicht anders handeln kann, als es handelt, daß es einem inneren Triebe folgt, einer Naturnotwendigkeit, und daß der Tierfreund in tausend Fällen die eignen Empfindungen und Gefühle erst in die Brust des Tieres hineinträgt und so das Tier bis zu gewissem Grade vermenschlicht – warum, so frage ich, sollen wir das, was wir sehen, nicht in unsre Sprache übersetzen? warum sollen wir absichtlich den Eindruck zerstören, den eine sinnige Naturbetrachtung auf jedes unverdorbene Gemüt ausübt? Der strengen Wissenschaft mag ihr Recht bleiben, aber auch dem schlichten Naturfreund, der es im Verkehr mit seinen Lieblingen alltäglich erfährt, daß wenigstens das höhere Tier keineswegs eine bloße Maschine ist, ebensowenig wie der Mensch ein willenloses Rädchen im Uhrwerk des Weltgetriebes.
Zwischen unserm eignen Leben und dem Leben der höheren Tiere bestehen innere Beziehungen, die schon das Kind, ja dieses vielleicht noch mehr als der Erwachsene empfindet, und diese Fäden, die wir hinüberspinnen zu jedem beseelten Wesen, sie sind, wenn mich mein Naturempfinden nicht täuscht, die eigentliche, die tiefste Ursache für die hohe Bedeutung des Tieres im Landschaftsbild – ganz gleich, ob das Lebewesen durch seine Bewegung das Auge auf sich lenkt, ob es durch seine Färbung uns ergötzt, durch seine Stimme unsre Aufmerksamkeit fesselt, ob es einzeln auftritt und so den Eindruck der Einsamkeit verstärkt, oder ob ganze Scharen das Bild beleben.
Ach, wieviel würde uns fehlen, wenn wir durch unsern deutschen Frühlingswald gingen und kein Vöglein würde sein Lied anstimmen, kein Kuckucksruf, kein Trommeln der Spechte, wenn am Sommerabend kein Reh zur Äsung auf die Waldwiese oder das Kleefeld träte, wenn die bunten Falter nicht mehr über den Wiesenblumen gaukelten, am schilfbewachsenen Teich der Chor der Frösche für immer verstummt wäre, wenn die wandernden Vogelscharen nicht mehr am herbstlichen Himmel gen Süden zögen, oder wieviel trauriger noch und öder unser nordischer Winter, wenn die schneebedeckten Felder und das Geäst des entblätterten Baumes nicht belebt wären von unsern gefiederten Freunden, die der Herrschaft des rauhen Gewalthabers trotzen!
Keine Klasse des Tierreichs vermag das Landschaftsbild auch nur annähernd so reizvoll zu beleben, wie die muntere Schar der Vögel. Der Flug durch die Lüfte – nicht an die Scholle gebunden wie Vierfüßler oder Kriechtiere, sondern frei und froh, Überwinder der irdischen Schwere – dazu die auffallende Stimme, von dem zweisilbigen Lockruf der Bachstelze oder dem einfachen Liedchen der Haubenlerche an bis zu dem seelenvollen Gesang der Nachtigall und dem jauchzenden Überschlag des Plattmönchs: das sind die Gaben, mit denen Mutter Natur ihre und unsre Lieblinge wie kein anderes ihrer Geschöpfe ausgezeichnet hat. Und durch diese beiden Eigenschaften tragen die Vögel an erster Stelle zur Belebung des Landschaftsbildes bei.
Der freie Flug! Fühlt nicht jeder das Walten der Schönheit, wenn die Möwenschwärme den meerumbrandeten Küstenfelsen umkreisen, wenn die Schwalbe niedrig über dem glitzernden Dorfteich dahinschießt, ihre Brust flüchtig ins Naß tauchend, um dann blitzschnell emporzusteigen, höher als die schlanken Pappeln am Uferrand, wenn die Dohlen das alte Gemäuer des Stadtturms umschwärmen, die Kiebitze über der feuchten Wiese ihre Flugkünste zeigen, wenn der Kuckuck falkenartig von einem Talhang zum andern hinüberwechselt, die langschwänzige Elster wie ein Bolzen die Luft durchschneidet, oder der kleine Baumpieper von einem Ästchen aus schief emporsteigt und sich dann in schön geschwungenem Bogen wieder zu seinem Lieblingsplätzchen herabläßt!
Und erst der Raubvogel, der König der Lüfte! Ob es ein Adler ist, der stolz wie ein Flugzeug auf ausgebreiteten Schwingen ohne jede Bewegung durch den Luftozean gleitet, oder ein niedliches Fälkchen, das im Morgenglanz rüttelnd sein Spiel treibt, ein Wanderfalk, der in rasendem Flug seiner sicheren Beute nachstürzt, der mächtige »Auf«, der im Mondlicht lautlos durch sein Revier zieht, daß sein riesiger Schatten gespensterhaft über die Geröllhalden und die waldumgrenzte Gebirgswiese gleitet, oder nur ein Schleierkauz, der am dämmernden Abend weichen Flugs über dem Sturzacker schwebt: der Anblick jedes Raubvogels in der freien Natur löst in uns immer ein besonders starkes Gefühl aus. Vielleicht weniger – ich gebe es zu – weil das Malerische der Landschaft durch solch stolze Erscheinung gesteigert wird, als vielmehr aus dem Grunde, weil wir uns dabei bewußt werden, noch einen Ausschnitt, einen letzten Rest urwüchsiger Natur in unsrer leider so verarmten Heimat vor uns zu haben. Ein Flugzeug – ein Adler, hoch, hoch im weiten Himmelsraum: vielleicht ist der Anblick ganz ähnlich, aber die Wirkung auf den Beschauer, der zu beiden emporblickt, im tiefsten Grunde verschieden! Dort stolze Bewunderung, daß es dem Menschen gelungen ist, seinen Fuß von der Scholle zu lösen und sich ins Reich der Lüfte zu schwingen; hier edle Freude an reiner, starker Natur, ein Gottseidank, daß sie doch noch nicht völlig aus unserm Lande, aus unsrer Zeit gewichen ist. Welcher Eindruck der stärkere ist, das hängt ganz vom Beschauer selbst ab.
Am sonnigen Frühlingsmorgen zwei Steinadler über der Ebene, aus der gegen Mittag die bayrischen Alpen aufsteigen. In schönen Spiralen schraubt sich das Paar höher und höher, ohne Flügelschlag einander umkreisend; bald schwebt dieser, bald jener über seinem Genossen. Den Hochzeitsreigen üben die mächtigen Vögel; er trägt sie in unermeßliche Höhen, daß sie dem Auge nur noch wie dunkle Punkte erscheinen. Schnell wie der Blitz dann herab; jetzt ruhiges Schweben, und jetzt so mächtiges Schlagen der stählernen Schwingen.
Vom Fels zum Meer! Auf niedriger Düne stehend, begrüß' ich die Ostsee. Nichts, nichts zu sehen als die unbegrenzte tiefgrüne See, deren weiße Wellenkämme in endloser Folge heranrollen, und der weite Himmel darüber – kein Dampfer, kein Segel. Schnurgerade streckt sich die Düne, mit Sandhafer nur dürftig bewachsen; hinter ihr Buchenwald und ein paar Strandkiefern. Eine einzelne Seeschwalbe, ein Krähenpaar, eine weiße Bachstelze am Strand – aber sie sind nicht imstande, das Gefühl der Einsamkeit und der endlosen Größe von Sand und Wasser zu mildern. Plötzlich ein Schrei, und gleich braust es heran, dicht über mir der gewaltige Seeadler. Er umkreist mich so niedrig, daß ich jede einzelne Schwinge, die goldgelben Augen, das spitze, weißliche Gefieder an Hals und Nacken, die orangefarbenen Fänge mit ihren schwarzen Krallen ganz deutlich erkenne. Weiß leuchtet der Stoß. Da, noch ein zweiter Adler, das etwas kleinere Männchen; mit hellem Schrei stürzt es herbei.
Ich bin in das Gebiet der Gewaltigen eingedrungen; eine hohe Kiefer trägt ihren Horst. Wo ich auch stehe, die Adler umkreisen mich, immer aufgeregt schreiend. Schwerfälliger ist ihr Flug als der des Steinadlers, aber mächtig der Eindruck, mächtig und kraftvoll wie das Astwerk der noch blattlosen Buchen, wie die rotbraunen Stämme der uralten Föhren, gewaltig wie die Wogen der brausenden See: ein Bild urwüchsiger Kraft.
Auf der Seenplatte, die Norddeutschland von Ostpreußen bis Holstein durchzieht, haust noch ein anderer Adler. Nicht zu den Größten gehört er unter den Großen, aber er ist der Edelsten einer des edlen Geschlechtes. Ein herrlicher Anblick, wenn der Fischadler über seinen Jagdgründen schwebt! Kaum hebt sich am Morgen der wallende Nebel über dem dunkeln Waldsee, so erscheint, langsam die Fittiche schwingend, der stolze Fischer über seinem Jagdgrund! Er senkt sich in schöner Schraubenlinie herab und umkreist dann den See. Jetzt hemmt er den Flug; wie ein Falke hängt er im Luftraum. Einen Fisch hat sein Adlerauge entdeckt. Plötzlich, mit vorgestreckten Fängen stürzt er ins Wasser; aber noch ehe die Wellenkreise das nahe Ufer erreicht haben, erscheint der kühne Taucher schon wieder, den Flossenträger in den wehrhaften Klauen. Die Wassertropfen schüttelt er vom Gefieder; dann fliegt er heim nach seinem Horst. Still ruht wieder der Waldsee.
Soll ich noch weiter Bilder entwerfen von dem gaukelnden Spiel der Turmfalken über den Steilwänden und zwischen den Felsenzinnen der Talschlucht, von dem reißenden Flug des beutegierigen Sperbers, der vom Gehölz her mitten in die Schar der Feldsperlinge stürzt, daß sie die rettende Hecke kaum noch erreichen, von dem sanften, ruhigen Schweben hoch über der Flur und noch höher über den Wipfeln des Waldes, wie es die Milane üben, der rote und der schwarzbraune, oder von dem lautlosen Dahingleiten der Rohrweihe, ganz niedrig über dem Schilf und dem im Sonnenstrahl glitzernden Wasser – wer nur einmal Zeuge solch eindrucksvoller Naturbilder ward, der denkt sein Lebtag daran.
Im Hochgebirge, wo die Felsenzinken zum tiefblauen Himmel emporstarren, in der Flachlandschaft, die den See grün umgibt, im Hochwald unsrer Mittelgebirge, oder draußen am Meeresgestade, wo die brandende Welle an den Klippen zerschellt: überall bildet die Erscheinung eines Raubvogels die wirkungsvollste Bereicherung des Landschaftsbildes, eine wertvolle Zugabe, die den Beschauer alles andere ringsum vergessen läßt.
Aber die Raubvögel sind nicht die einzigen Meister im Flug. Oft ist's die Wirkung der Massen, die zur Geltung kommt. Wie prächtig ist doch der Anblick eines nach Tausenden zählenden Schwarmes ziehender Stare im Herbste! Wahre Wolkenzüge, die fortwährend ihre Form ändern, bald breiter, bald schmäler werden, jetzt sich teilen und jetzt sich von neuem zu einem Riesenballe vereinen, der durch die Luft rollt. Oder der schier endlose Zug der Krähen, die in lockeren Gruppen am geröteten Abendhimmel nach ihren nächtlichen Ruheplätzen im Walde über der Schneelandschaft lautlos dahinstreichen – wie malerisch, wie stimmungsvoll dieser Anblick! Anders wieder der Zug der Kraniche, den man an hellen Herbsttagen bisweilen beobachten kann. Sie ziehen immer so, daß sie einen spitzen Winkel mit zwei ungleich langen Schenkeln bilden, jeder einzelne Vogel mit Hals und Beinen eine schnurgerade Linie darstellend. Ein ganz eigentümliches Bild, diese zwei dunkeln, in einem Punkt sich vereinigenden Striche, wie sie am Herbsthimmel gen Süden stürmen, im Verein mit dem fallenden Laub, den abgeernteten Feldern, der letzten Rose im Garten von stärkstem Eindruck auf unser Gemüt. Werden wir sie wiedersehen, die Boten des Frühlings, noch einmal die lieblichen Bilder erleben, die in trüben Wintertagen die Sehnsucht nach dem erwachenden Lenz uns vor die Seele zaubert? – –
Wenn die grünen Spitzen der Saat aus der leichten Schneedecke hervorschauen, wenn das Schneeglöckchen sein Köpfchen erhebt und an den Ruten der Haseln die Kätzchen den Blütenstaub ausstreuen, dann begrüßt vor seinem Bretterhäuschen Freund Star den aufgehenden Sonnenball mit jauchzenden Rufen. Von den bereiften Ästen herab schwatzt der muntere Bursche seine bescheidenen Strophen hinein in den goldenen Morgen. Nicht genug kann er sich tun vor Freude und Lust: daheim, wieder daheim! Im schönsten Farbenschmuck, metallisch grün und tief purpurn läßt die Sonne sein dunkles, weißbetropftes Gefieder erscheinen: ein liebliches Stimmungsbild, das die selige Hoffnung auf den bald einziehenden Lenz weckt – »Frühling, Frühling wird es nun bald!«
Nur wenig Wochen, und die Lerche steigt am Ostermorgen zum Himmel empor, als wollte sie mit ihrem Siegesruf auch die fernsten Fernen des Weltalls erfüllen. Höher und höher flattert das kleine Vöglein über der lenzfrohen Saat, bis es schließlich unserm Auge entschwindet. Aber der Lobgesang, mit dem die Sängerin dort oben die ersten Sonnenstrahlen begrüßt, bleibt noch immer vernehmbar. Bald hallt der ganze Himmel wider von den Jubelchören der singenden Lerchen. Nichts predigt so laut und eindringlich das Auferstehungsfest der Natur, wie das »melodisch gewirbelte Lied« der Lerchen, die hoch über dem sprossenden Grün oder dem samenauswerfenden Landmann, »im blauen Raum verloren«, jauchzen und jubilieren – ein Lied ohne Ende, »bei dem die Saaten lachen«.
Wohl ist das Auge der schärfste Sinn, aber die Pforte, die noch tiefer in unser Innerstes führt, noch unmittelbarer zu Herz und Gemüt, ist das Ohr. Und kein Zweifel, die Bedeutung der Vögel für das Landschaftsbild beruht noch weit mehr auf ihrer hervorragenden Stimmbegabung, als auf ihrer bloßen Erscheinung. Dabei wollen wir nicht nur an den jauchzenden Ruf der Singdrossel, an die Flötenstrophe ihrer Base, der Amsel, an Rotkehlchens sehnsuchtsvolles Lied, an die kecke Fanfare des Zaunkönigs oder an den unvergleichlichen Gesang der Nachtigall denken, sondern auch an andere anspruchslosere Lautäußerungen, zumal bisweilen ein einzelner Schrei oder ein ohrenbetäubendes Stimmengewirr, aber auch ein feiner Lockruf von der stärksten Wirkung ist und dem Landschaftsbild eine ganz bestimmte Färbung verleihen kann.
Vielleicht ist es nur Einbildung, nur eine schönklingende Redeweise, wenn man behauptet, eine Beziehung herstellen zu können zwischen den vielfältigen Stimmen der Natur und den verschiedenen Örtlichkeiten, die durch solche Lautäußerungen belebt werden, ein leeres Geschwätz, wenn man meint, der Lobgesang der Lerchen stimme zu der Frühlingssaat, da unaussprechlich innige Seufzen und Schluchzen der Philomele zu dem nächtlich dunkeln Gebüsch am Rande des Weihers; nur zu der Meereswoge, vom heulenden Sturm gegen die Klippen gepeitscht, passe der heisere Schrei der Möwe, und zu dem nächtlichen Hochwald der unheimliche Eulenruf; der liebliche Gesang des Rotkehlchens gehöre in den lichten, maiengrünen Laubwald und das Schackern der Elster auf die beschneite Flur. Möglich, daß Vogelstimme und Örtlichkeit wirklich nichts miteinander zu tun haben, obgleich ich darauf hinweisen könnte, wie z. B. der Lehrmeister der Wasseramsel ohne Zweifel das auf steinigem Grunde dahinplätschernde Gebirgsbächlein gewesen ist, mit dessen leisem Rieseln der Gesang des am Wasser aufgewachsenen Vogels verglichen werden kann, wie das bunte Allerlei der quecksilbernen Rohrsänger in seiner ganzen Färbung etwas vom Froschkonzert und vom Gurgeln des Wassers am unterwaschenen Uferrand hat; aber angenommen auch, es seien nur liebe Erinnerungsbilder – das jungbelaubte Eichen- oder Buchenwäldchen im Talgrund, das beim Pirolruf vor unsrer Seele auftaucht, der schneebedeckte Fichtenbestand, den die Strophe des Kreuzschnabels uns vorzaubert – soviel steht jedenfalls fest, daß unsre Einbildung, diese oder jene örtlichen und zeitlichen Verhältnisse harmonierten mit ganz bestimmten Vogelstimmen, durchaus lebendig ist und täglich neue Nahrung empfängt. Wo wir aber Harmonie empfinden, empfinden wir Schönheit. Nicht darauf kommt's an, ob solcher Einklang wirklich besteht, ob der Verstand ihn ablehnt oder begründet, sondern allein auf unsre Empfindung.
Nur ein paar Beispiele, die den tiefen Eindruck der Vogelstimmen auf unser Gemüt weit besser erläutern als viele Worte.
Den Ruf der Wachtel kennt jeder, und jedermann liebt ihn. Und doch anmutig und lieblich kann man ihn kaum nennen. Dazu ist er zu kurz und namentlich zu hart abgebrochen, in der Nähe sogar ziemlich gellend und scharf. Nur aus drei Silben besteht der Ruf, ein Daktylus, der stets wiederholt wird. Wie erklärt sich also der nachhaltige Eindruck des Wachtelschlags und unsere Vorliebe für ihn? Die Stimmung, die Färbung der ganzen Umgebung, das ist die Lösung des Rätsels.
Dem rastlosen Treiben der Stadt haben wir den Rücken gekehrt, der drückenden Schwüle in den staubigen Straßen sind wir entflohen. Die heiße Sommersonne ist untergegangen, ein erfrischender Abendhauch weht aus dem Saatgefilde. Vor uns das Dorf, in blaue Dämmerung gehüllt: ein Bild des Friedens. Der Lerche bunte Lieder sind verstummt; nur das gleichmäßige Zirpen der Grillen zittert einschläfernd durch die weite Flur. Das blühende Weizenfeld hat sich dem Schlaf überlassen; wie im Traum nickt die geschlossene Blüte des Mohns, und nur ein paar Abendfalter taumeln über der ruhenden Flur. Da steigt der Mond am östlichen Himmel auf, und nun tönt es vom Rande des Feldes »pickwerwick, pickwerwick,« zehn- oder zwölfmal, dann eine Pause. Eine zweite Wachtel gibt Antwort; in der Ferne schlägt eine dritte, und je mehr sich die Mitternacht nähert, um so hitziger schallt es. Erst in den frühesten Morgenstunden verstummt allmählich der muntere Schlag. Wenn aber dann der junge Tag den nordöstlichen Himmel zu röten beginnt, tönt es wieder gar eifrig durchs ganze Gelände, das freundliche »Pickwerwick«, und die ersten Lerchen in der Höhe stimmen mit ein in den Gesang des Feldes tief unter ihnen.
Schade, ewig schade, daß die vielen Wachteln, deren Schlag mich in meinen Jugendtagen zur Sommerszeit allabendlich erfreute, bis auf einzelne Ausnahmen in meiner Heimat verschwunden sind. Unersetzliche Stimmungswerte sind mit ihnen verloren gegangen; die friedlichen Feierabende des Dorfs haben eine schwere Einbuße erlitten, und das Leben des Landmanns ist ärmer geworden.
Von stärkster Wirkung ist auch der Eulenruf. An sich unschön, ja häßlich, heulend und schreckhaft; aber wir glauben gleichfalls eine Harmonie mit Zeit und Ort zu fühlen, und so dürfen wir auch hier von einer ästhetischen Bedeutung solch seltsamer Lautäußerungen sprechen.
Der nächtliche Wald oder das einsame zerfallene Gemäuer weckt die Einbildungskraft, so daß auch der nüchternste Mensch sich nur schwer eines gewissen Grauens erwehren kann. Aus jedem größeren Wald, selbst aus manchem Park erschallt um die Zeit von Frühlings Tag- und Nachtgleiche der Ruf des Waldkauzes; oft wiederholt klingt er wie heulendes Hohngelächter. Was ist dieser Ruf aber gegen das schauerlich widerhallende »Buhu« des mächtigen »Aufs«, das der König der Nacht zur Paarungszeit fast ununterbrochen hören läßt. Wer in uhureicher Gegend, z. B. in den Waldgebirgen Bosniens nur einmal eine mondhelle Nacht erlebt hat, wird es begreifen, daß der Uhuruf im Aberglauben, in Märchen und Sagen eine große Rolle spielt. Unheimlich klifft und klafft es, heult und wiehert, lacht und jauchzt es durch den dunklen Gebirgswald.
In unsrer engeren Heimat finden sich die weitaus größten Vogelgesellschaften an den Teichen und Seen der Lausitz. Sie verleihen dem Landschaftsbild zu allen Jahreszeiten einen ganz besonderen Reiz, an dem sich Auge und Ohr des Naturfreundes immer von neuem ergötzen.
Schon aus der Ferne vernimmt man im zeitigen Frühling, wenn kaum die ersten grünen Spitzchen des jungen Schilfs über der Wasserfläche hervorschauen, ein vieltöniges Stimmengewirr. Enten der verschiedensten Art schreien und quälen; die Kiebitze, die eben von der Reise zurück sind und von denen einige uns umgaukeln, seltsamen, wuchtelnden Flugs, stoßen ihre zweisilbigen Klagerufe aus; Bläßhühner lassen ihre scharfe Lockstimme hören; mit tiefem »grök grök« melden sich die großen Haubentaucher, während ihre kleinen Vettern, die niedlichen Zwergtaucher, hell kichern und trillern, die Rothalstaucher aber, die lautesten ihrer Sippe, seltsam grunzen und quieken, daß man's weithin hört von einem Teich zu dem andern. Lachmöwen sind auch schon da; unruhig flattern sie durch die Luft. Aber noch vielmehr mögen sich in jener Bucht verbergen, die das abgestorbene Schilf unsern Blicken entzieht; denn hundertfach tönt das nimmermüde »Krrriäh« aus dem geschützten Winkel.
Wenn aber in ein paar Wochen Drossel- und Teichrohrsänger von der Reise zurück sein werden, dann geht's noch viel lauter zu; dann hat diese kleine quecksilberne Sängergesellschaft das Wort; »karrakiet, karrakiet,« den ganzen Tag fast, besonders am frühesten Morgen und am Abend bis spät in die Nacht. Kaum zur Geisterstunde gönnt man sich eine Pause. Es ist, als wollten sie wetteifern mit dem Gequak und Geknarr der Froschsänger, deren Stimmen die ganze Frühlingsnacht nicht müde werden.
Und nun treten wir durch das Röhricht ans Ufer. Da schwimmt es auf dem Gewässer, flattert empor, taucht unter, rennt flügelschlagend über den Wasserspiegel oder segelt hoch in der Luft. Lachmöwen wirbeln umher wie riesige Schneeflocken oder ruhen, weißen Seerosen zu vergleichen, in der lauschigen Bucht, die sie sich zur Brutstätte erkoren haben; einzelne Trauerseeschwalben schießen durch die Luft; Rotschenkel ziehen, unermüdlich rufend, ihre Kreise; hinter der Ente flattert der Erpel von einem Teich zu dem andern: Taucher und Tauchenten üben ihre Kunst: weg sind sie, mit einemmal verschwunden, um dann an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Das grünfüßige Teichhühnchen macht seinem Weibchen den Hof; weißstirnige »Blässen« schlagen mit ihren Lappenfüßen das Wasser; neue Ankömmlinge – kleine Krikenten sind es – brausen mit seltsam schwingenden Flugtönen herbei, und ein paar Rothalsmännchen bekämpfen einander, bellende und quiekende eifersüchtige Kriegsgesänge ausstoßend. In der Tat, ich kann mir einen solchen Flachlandsee meiner Heimat kaum denken ohne das bunte, vielgestaltige Leben seiner gefiederten Bewohner, und ich weiß nicht zu entscheiden, ob es das Auge ist oder das Ohr, durch dessen Vermittlung uns dieses nimmermüde Treiben wirkungsvoller zum Bewußtsein kommt. Ach, wie wäre solch Teich- oder Seenlandschaft unsrer Heimat mit einem Schlage all ihres Reizes bar, wenn ihr plötzlich dies reiche Leben geraubt würde!
Und diese Gefahr liegt vielleicht nicht so fern, wie die meisten wohl glauben. Die Entenscharen haben schon hie und da in erschreckender Weise abgenommen; wie viele Lachmöwenkolonien sind bereits völlig verschwunden, wie viele in den letzten Jahrzehnten kleiner und kleiner geworden! Nicht ein einziges Reiherpaar horstet mehr auf sächsischem Boden, und der merkwürdigste Vogel unsrer Lausitzer Seenlandschaft, die große Rohrdommel, ist auch bereits so selten geworden, daß man sie für Sachsen heute schon als ein Naturdenkmal bezeichnen muß. Und gerade das tiefe »Prumb«, das dieser reiherartige Vogel in der Stille der Nacht ausstößt, daß man's wohl eine halbe Wegstunde weit hört, ist wie der Uhuruf im Hochwald oder das Orgeln und Röhren des Platzhirschs im Herbst von allergrößter Wirkung. Seltsam hört sich's an, und manches abergläubische Männlein und Weiblein meint, ein Gespenst treibe auf der schilfbewachsenen Insel im Teich sein unheimliches Wesen.
Auch Instrumentalmusik wird von einigen Vögeln geübt. Da sind zunächst die Spechte zu nennen. Ihr ganzes Dasein, von der Wiege bis zur Bahre, steht in innigster Beziehung zum Holz. Kein Wunder also, daß sich ihre musikalische Betätigung von Anfang an dem Xylophon zugewandt hat; sie spielen es meisterhaft. Man soll nur versuchen, es ihnen nachzumachen, man bringt's nicht. Unser Trommeln auf irgendeinen dürren Ast bleibt Stümperei gegenüber dem kräftigen Schnurren, wie es besonders der Schwarzspecht, aber auch die kleineren Buntspechte üben. Sobald der trommelnde Specht nach einem andern Baumzacken fliegt und mit seinem Instrument wechselt, gleich gibt's einen andern, d. h. höheren oder tieferen Ton. Dieses Lied ohne Worte ist auch ein Liebeslied. Es paßt zu der ganzen seligen Frühlingsstimmung im Wald und im Park und in der lenzgrünen Au, es paßt zu dem ersten Kuckucksruf und zu dem liebeflehenden Gurren der Wildtaube, zum süßen Lied des Fitis, wie zum kecken Reiterstückchen des Buchfinken. Den Frühlingstagen in der sonnigen Heide würde ein eigener Reiz fehlen, wenn sich die gefiederten Trommler nicht mehr hören ließen.
Und nun unsre Störche. Kein Vogel vermag dem Dorfbild so viel Stimmung und Reiz zu verleihen wie Adebar, unser Langbein; selbst die lieblichen Schwalben, deren Flug und Gezwitscher das Dorf so anmutig beleben, müssen in dieser Beziehung hinter ihm zurücktreten. Sie sind die Schützlinge jedes einzelnen Gehöfts, der Storch aber ist der Freund der ganzen Gemeinde, gewissermaßen ihr Vertreter innerhalb der gefiederten Welt. Ich bin so froh, daß wir in der sächsischen Lausitz noch eine kleine Anzahl besetzter Storchnester haben. Ist's nicht ein hübsches, gemütliches Bild, wenn die Störche kurz vor Sonnenuntergang zu ihrem Horst heimkehren und nun am First der strohgedeckten Scheune stehen, wo sie sich so gut vom geröteten Abendhimmel abheben! Jetzt vernimmt man auch ihr seltsames Klappern. Es klingt nicht schöner, als wenn ein Stock schnell über einen hölzernen Zaun hinfährt; aber Poesie ist's doch, Dorfpoesie, wie das Mühlengeklapper, das Dengeln der Sense, das Klipp-klapp der Dreschflegel auf harter Tenne. Urgemütlich hallt es von der Höhe herab durch die ganze Gemeinde zu jedermanns Freude. Wer es nicht fühlt, daß das Klappern der Störche mehr ist, als bloßes Geräusch, der hat keinen Sinn für die Reize des Landlebens, kein Verständnis für das friedliche Dorfbild des Niederlandes, ja es fehlt ihm die rechte Liebe zur Heimat.
Viel geringer in ihrer Bedeutung für das Landschaftsbild sind die hübschen Farben und Zeichnungen des Vogelkleides. Mutter Natur handelt gar fürsorglich; sie hat ihre Lieblinge so ausgestattet, daß selbst ein bunter Vogel, wenn er ruht, nicht besonders auffällt. Der weiße Bürzel des Eichelhähers oder der Hausschwalbe, der goldgelbe des Grünspechts, das Weiß und Schwarz der Kiebitze, selbst das buntschillernde Gewand des Eisvogels, das tropische Farbenkleid der Blaurake oder des Pirols: das alles kommt doch erst während des Flugs zur Geltung. Die Bewegung bleibt immer die Hauptsache.
Wie ein leuchtender Funken schießt der Eisvogel an uns vorüber, metallisch grün und seidig blau, ein blitzender Edelstein von unvergleichlicher Schönheit. Besonders in der Winterlandschaft, wenn der Gebirgsbach das schimmernde Eis, das ihn einzwängen will, mit weißem Gischt überschäumt und das Licht sich in den glänzenden Schneekristallen tausendfach bricht, dann ist der wunderbare Vogel eine geradezu märchenhafte, ich möchte sagen überirdische Erscheinung. Ist's Wirklichkeit oder ist es ein Traum, der unser Auge getäuscht hat?
Eine prächtige Zierde des winterlichen Waldes sind auch die Kreuzschnäbel, nordische Gäste, die uns freilich nicht in jedem Jahre reichlich besuchen. Ihr Kleid ist wundervoll johannisbeerfarben. Wenn auf jedem Zweig dichter Schnee liegt und nur hie und da zwischen dem reinen Weiß die schwarzgrünen Nadeln hervorschauen, dann kann man sich an dem Farbenreiz der kleinen roten Geschöpfe, wie sie an den Spitzen der Ästchen oder an den Zapfen herumklettern, nicht satt sehen. Natürlich wird die Wirkung der Farbe erhöht, wenn die geselligen Vögel in möglichst großer Zahl auftreten. Denn der einzelne dieser kleinen Gesellschaft ist ja nur ein Punkt in dem weiten Landschaftsbild; es müssen sich schon mehrere zu einem bunten Fleck vereinigen, ehe von einer Farbenwirkung gesprochen werden kann. Und Sonne gehört dazu, strahlende Sonne!
Ist's bei den Blumen nicht ebenso? Die einzelne Blüte des Mohns, des Windröschens, der Dotterblume, selbst ein einzelner Busch des blühenden Heidestrauchs, der Schlehe, des Ginsters geht trotz aller Farbenpracht in dem großen Gemälde verloren. Viele tausend gleichartige Blumen sind dazu nötig, auf der Wiese gelbe oder blaue Flecken zu malen, den Schlehdorn, den Obstbaum in duftigen Schnee zu hüllen, der sandigen Heide im Spätsommer das lichtviolette Kleid zu weben, den Berghang in Gelb oder Rosa zu tauchen, und nur wenn wir ganz nah an ein enger begrenztes Bild herantreten, da genügen auch einzelne Blumen, einen farbigen Eindruck hervorzurufen: ein paar Rosen am Gartenhaus, feurige Mohnblumen am Feldrain oder ein paar Schwertlilien am kleinen schilfumgrenzten Weiher.
Aber gerade den farbenprächtigsten Vögeln begegnet man nur selten in größerer Anzahl, wenigstens in unserer Heimat. Ich entsinne mich nur ein einziges Mal einen Trupp von zwölf oder fünfzehn Pirolen angetroffen zu haben. Sie flogen zwischen den Pappelreihen der Straße eine lange Strecke vor meinem Wagen her; dabei setzten sie sich in regelmäßigen Zwischenräumen auf die Bäume und warteten, bis das Gefährt herankam, um dann wogenden Flugs wieder voranzueilen. Ein bezaubernder Anblick war's, wie das goldgelbe Kleid dieser Vögel abwechselnd aufblitzte und verlöschte, je nachdem das grelle Sonnenlicht sie umflutete oder die schwarzen Schatten der hohen Pappeln auf sie fielen. Also auch hier Hand in Hand Bewegung und Farbe.
Bei der bunten Mandelkrähe habe ich einmal in der Lausitz ganz Ähnliches erlebt; aber es waren nur vier oder fünf, die mich durch die sandige Heide ein gut Stück begleiteten.
Im Gesamtbild der Landschaft tut's immer erst die Masse, und in dieser Beziehung wüßte ich keinen Vogel zu nennen, dessen Farbenkleid seinem Aufenthaltsort so zum Schmucke gereicht, wie der weiten Wasserfläche die schneeige Lachmöwe mit ihrem zartblauen Mantel. Den vollen Genuß gewährt aber auch hier erst die Bewegung, wenn die langflügligen Vögel zu Hunderten in der Luft wirbeln und ihre kreischenden Stimmen hören lassen. An der Meeresküste übertönen die Sturm- oder die Silbermöwen selbst die Wogen der brandenden See, so laut diese auch gegen die Klippen krachen und donnern. Wenn irgendein Vogel das Geschöpf einer bestimmten Landschaft genannt werden kann, so ist es die Möwe. Der Sturm hat ihr die bangen Armknochen und die starken Schäfte der Schwingen gegeben; die See hat die Ruder gebildet von höchster Vollendung: der kurze Lauf, seitlich zusammengedrückt, und Schwimmhäute zwischen den Zehen. Das Blau des Himmels, an dem die weißen Wolken dahinziehen, das Blau der See, mit dem Weiß der Wellenkämme geschmückt: die Möwe trägt die gleichen Farben auf ihrem Kleid. »Flatternd schwebt sie am Himmel, dicht fliegt sie über den Wellen; den lichten Seglern folgt sie hinaus übers Meer, mit den Wolken zieht sie ins Land. Wo ein See oder Teich des Himmels Bläue mit den schneeweißen Wolken wiederspiegelt, da erkennt sie die Heimat – die Mutter ist's, das unendliche Meer, das blauen Auges emporschaut – wo ein Schiff auf dem Rücken des Stromes langsam dahinzieht, da flattert die Möwe: Grüß mir das Meer und die felsigen Klippen am Strand und die Brandung im Sturm.« (Aus des Verf.s Abhandlung über die Möwen in den »Lebensbildern aus der Tierwelt«, R. Voigtländers Verlag.)
An Farbenpracht ihrer Geschöpfe wird unsre nördliche Heimat von südlicheren Zonen weit übertroffen. Man hat deshalb wiederholt versucht, diesem Mangel etwas abzuhelfen, indem man sich Mühe gab, fremdländische Vögel in Deutschland einzubürgern. Jäger und übereifrige Vogelfreunde nahmen sich der Sache an. Jene wollten sich in ihrer Lust an Hege und Jagd nicht genügen lassen mit unsern Feld- und Waldhühnern, mit Enten und andern Wasservögeln; diese dachten sich's so schön, die Farbenpracht fremder Zonen in unsre Parks, Gärten und Wälder zu verpflanzen. Beides Versuche, gegen die sich glücklicherweise die Natur selbst wehrt. Nur eine einzige Vogelart hat sich wirklich dankbar gezeigt, der Fasan, dessen Einbürgerung restlos gelungen ist, obgleich nicht nur das Prachtgefieder, sondern auch das ganze Gebaren des Tieres den Fremdling noch immer auf den ersten Blick verrät. Dagegen sind Schopf- und Baumwachtel, Rot- und Moorhuhn sehr bald wieder von der Bildfläche verschwunden, ebenso der amerikanische Wildputer. Und von den chinesischen Nachtigallen, Papageien, roten Kardinälen und andern Ausländern hat man nicht selten an dem Tage, da man sie aussetzte, das letzte bunte Federchen gesehen. Und das ist gut so. Diese Fremdlinge passen ebensowenig in die heimatliche Landschaft, wie Weymouthskiefer, Roßkastanie, Robinie, amerikanische Eiche in den deutschen Wald, während man in Gärten und Parks sich diese fremdländischen Bäume wohl kann gefallen lassen.
Anders das zahme Hofgeflügel, das ja, soweit es, zur artenreichen Familie der Hühner gehört, gleichfalls fremdländischen Ursprungs ist. Hier handelt es sich um Genossen des Menschen, die seine Wohnstätte mit ihm teilen und dieser tatsächlich zu hoher Zierde gereichen; zur freien, unberührten Natur aber würden sie gleichfalls im Widerspruch stehen. Einen Bauernhof, und sei er noch so klein, ohne die muntere Schar der Hühner, geführt vom farbenprächtigen Hahn, kann man sich ebensowenig denken, wie das herrschaftliche Gut ohne den kollernden Puter mit seinen Hennen, und wenn auf der Freitreppe vor dem Schloß der Pfau sein glänzendes Rad schlägt, so paßt solche Farbenpracht recht wohl zu dem Reichtum, von dem das Bild zu uns spricht. Tot ist die Dorfstraße, wenn nicht schillernde und buntscheckige Hühner umhertrippeln oder an den Hoftoren in den flachen Löchern ruhen, die sie sich im Schatten des blühenden Hollers ausgescharrt haben. Wie anmutig auch der Blick in die Höhe, wenn die Tauben ihre Flugkünste zeigen, in weiten schön geschwungenen Bogen die ganze Ortschaft umfliegend, bald sich trennen, bald sich wieder vereinen, um sich endlich flatternd auf dem Dach niederzulassen, unter dem sie wohnen.
Auch unser zahmes Wassergeflügel, dessen Stammväter und -mütter bei uns Heimatrecht genießen, die Gänse und Enten und vor allem die Schwäne, sind recht wohl imstande, das Landschaftsbild aufs reizvollste zu beleben. Die Enten am Bach oder Dorfteich – ach, wie gemütlich ihr eifriges Schnattern – die Gänseherde, die durch das Gras zieht, militärisch in langer Reihe, aber watschelnden Ganges, der stolze Schwan, gleich einem Schiff mit geblähten Segeln über den Spiegel des Schloßteichs gleitend: man erfreut sich doch immer wieder an solchem Anblick, so oft man's auch schon geschaut hat.
Hinter dem Vogel bleiben alle andern Tiere in ihrer Bedeutung für das Landschaftsbild weit zurück. Namentlich gilt das von den Säugetieren, in erster Reihe von den wildlebenden. Mäuse auf dem Felde, niedliche Spitzmäuse zwischen dem herbstlichen Buchenlaub am Boden, ein Wiesel, ein Igel – von einer Bereicherung des Landschaftsbildes kann man bei ihnen kaum sprechen, nicht einmal wenn ein paar Jungfüchse oder Karnickel vor ihrem Bau spielen, oder wenn Freund Lampe Fersengeld gibt, daß seine weiße Blume bei jedem Sprung im Krautacker hell aufleuchtet wie ein Fetzen Papier, mit dem der Wind sein lustiges Spiel treibt.
Mit mehr Berechtigung könnten wir schon das muntere Eichhorn anführen, an dessen Kletterkünsten alt und jung sich erfreut. Man kann dem netten, zierlichen Tierchen kaum gram sein, obgleich es viele Untugenden hat; wo es dem deutschen Walde fehlt, da vermissen wir's ungern. Auch die Fledermäuse beleben den dämmernden Abend, der sich über die Flußlandschaft senkt, in eigenartiger Weise. Viele Freunde haben sie nicht unter den Menschen, und doch im Vorfrühling ist mir die erste Fledermaus, die sich aus dem Winterversteck gewagt hat und deren Zickzackflug sich so seltsam vom geröteten Abendhimmel abhebt, eine gar liebe Erscheinung, ein Frühlingsbote, den ich ebenso freudig begrüße, wie den ersten Zitronenfalter, den ersten Flötenruf der Amsel, das erste Quaken der Frösche.
Von den wildlebenden Säugetieren kommt eigentlich nur das Hochwild für das Landschaftsbild in Betracht: Rot- und Rehwild, in manchem Herrschaftspark Damwild, weiter das Schwarzwild und im Hochgebirge das Krickelwild. Ein schmucker Sechserbock im Buchenwalde, mit dem geperlten Gehörn zwischen den Lauschern, wie er erhobenen Kopfes verhofft, um dann in weiten Fluchten leichtfüßig über Stock und Stein zu setzen, eine Ricke mit ihrem Kitzchen auf der Waldwiese äsend, Rotwild, das gegen Abend aus dem Dunkel des Hochwaldes tritt, oder halbzahmes Damwild, das sich im Schloßpark unter dem Schatten mächtiger Baumriesen gelagert hat: liebliche Bilder sind es, die keineswegs nur das Herz des Jägers entzücken, sondern jeden erfreuen, der im Verkehr mit der Natur Genuß und Befriedigung findet. Und wenn im Herbst der Brunfthirsch orgelt und schreit, in der Dämmerung abends oder frühmorgens, daß es dröhnend und röchelnd über die Waldblöße schallt, ich glaube, es kann sich niemand des Eindrucks solcher Laute entziehen. Ein Stück ursprünglicher, unverdorbener Natur tritt uns in ihnen entgegen, um so wertvoller, je seltener wir Großstadtmenschen uns dem unmittelbaren Verkehr mit der Natur hingeben können. Dankbar erkennen wir's dann an, daß allein einem streng durchgeführten Jagdschutz solch erhebende Stimmungsbilder auf unserm heimatlichen Boden zu verdanken sind. Der Uhuruf ist in unsern sächsischen Gebirgswäldern verhallt; möge nie die Zeit kommen, wo man nicht mehr den Schrei des Brunfthirsches vernimmt, der seinen Gegner zum Zweikampf fordert! Ein gut Stück urwüchsigen Waldeszaubers wäre für immer dahin.
Wie ein Recke aus vergangenen Tagen mutet uns das Wildschwein an. Seine ganze Erscheinung hat gewiß wenig Anziehendes an sich; ein rauher, borstiger Geselle ist solch ein Keiler, und auch sie, die Bache, ist eine ungemütliche Dame, aller Anmut, jedes Reizes bar. Aber im Winter, wenn der Forst tief verschneit ist und das Leben erstorben scheint, bis auf ein paar Krähen, die sich mit heiserem Schrei im Wipfel der hohen Föhren einschwingen, daß der Schnee, einer leichten Staubwolke gleich, dahinfliegt, dann vermögen zwei oder drei »Schwarzkittel« der Landschaft eine Stimmung von außerordentlicher Stärke zu verleihen. Die gedrungenen dunkeln Gestalten heben sich so gut von der weißen Schneedecke ab. Dampf hüllt sie ein, Rauhreif deckt ihr borstiges Kleid, und am Rüssel haftet der Schnee bis hinauf zu den Sehern. Sie verachten den eisbärtigen Herrscher des Nordens, der ihnen nichts anhaben kann; unter dem Schnee wühlen sie doch ihre Nahrung hervor. Selbst die härteste Schneekruste, die das Reh laufkrank macht, daß es leicht dem Fuchse zur Beute fällt, brechen sie auf, und die Kälte fürchten sie noch weniger; denn sie haben sich im Herbst, dank der Eichel- und Buchelmast, feist herangefressen.
Im Hochgebirge ist es die Gemse, welche die nackten Felsengrate und Steintrümmermeere, die Steilhänge und die höchsten Alpenmatten reizvoll belebt. Wem nur einmal das Glück geworden ist, vielleicht am frühen Morgen ein Rudel zu belauschen, das seinen Durst an dem schwarzblauen, goldumränderten Meerauge tief unten im starren Felsenzirkus löscht und dann den Menschen bemerkt und erschrickt – hei! wie schnell geht's in dem harten Gestein hinauf bis zum zackigen Grat, hinter dem eins nach dem andern verschwindet – der vergißt's sein Lebtag nicht wieder.
Im Gewänd kletternde Hausziegen mögen, aus weiter Ferne gesehen, einen ganz ähnlichen Anblick gewähren, wie ruhig äsendes Krickelwild, und so mancher Alpenbesucher, der nur das friedliche Haustier beobachtete, wird in dem Wahn, er habe Gemsen belauscht, hochbefriedigt aus den Bergen heimkehren. Gewiß, die äußere Erscheinung bietet viel Ähnliches, aber der Gefühlswert ist in beiden Fällen doch ganz verschieden. Dort ein Tier der freien Natur, hier ein vom Menschen abhängiges Geschöpf; dort Freiheit und Ursprünglichkeit, hier Zwang und Kultur. Wie grundverschieden die Stimmungen, die solcher Gegensatz im Beschauer auslöst! Wir sehen ja nicht nur mit unserm leiblichen Auge, sondern zugleich mit einem inneren Sinn. Damit soll jedoch nicht geleugnet werden, daß auch unsern vierfüßigen Haustieren eine große Bedeutung für das Landschaftsbild zukommt. Tausend Gemälde älterer und neuerer Maler führen es uns immer wieder vor Augen.
Wir brauchen nur an die buntscheckigen Rinder zu denken, die auf dem grünen sonnigen Plan weiden oder wiederkäuend im Schatten hoher Bäume ruhen, an die blökende Schafherde, die langsam am Berghange hinzieht, an die munteren Fohlen, die sich in der Koppel nach Herzenslust tummeln: anmutige Bilder, die den Frieden des Landlebens atmen. Aber selbst ein einzelnes Tier, ein einzelnes Gefährt kann der Landschaft einen bestimmten Stimmungsgehalt geben: der breitstirnige Stier vor dem Pflug, wie der Postwagen auf der Landstraße.
Den kaltblütigen Wirbeltieren, also Kriechtieren, Lurchen und Fischen, brauchen wir kaum unsre Aufmerksamkeit zu schenken. Ihr verstecktes Leben bringt es mit sich, daß sie auf das Landschaftsbild nicht bestimmend einwirken, wobei ich jedoch nicht leugnen will, daß kleine Ausschnitte der Landschaft, z. B. ein Tümpel im verlassenen Steinbruch durch Tritonen und Salamander, ein steiniger Hang durch schnelle Eidechsen, ein Gebirgssee oder ein Waldbach durch die hübsch gepunkteten, flinken Forellen, die hie und da emporschnellen, um nach Insekten zu schnappen, an Reiz gewinnt.
Aber in einer Hinsicht spielen doch auch ein paar Amphibien keine ganz unwichtige Rolle. Ich meine gewisse Froschlurche, den Wasserfrosch, den Laubfrosch und die Unke, deren Einzel- oder Chorgesang weithin durch die stille Landschaft schallt. Wenn wir auf der Stufenleiter der Tiere aufwärts steigen, so sind es diese Lurche, bei denen wir zuerst einer wirklichen Vokalmusik begegnen, einer Lautäußerung durch die Stimme, dem Uranfang einer Sprache. Alle andern tiefer stehenden Tiere, namentlich die Insekten, üben höchstens Instrumentalmusik aus[1]; der Frosch aber ist der erste Sänger. Kraftvoll versteht er seine Stimme zu gebrauchen; bestimmte melodische Sätze wechseln und kehren in regelmäßiger Folge wieder, und sein angeborenes Gefühl für die Zeitmaße ist hervorragend, man muß es ihm lassen.
[1] Wenn man auch bei den brummenden und summenden Insekten, den Bienen, Hummeln, Fliegen u. a., von Stimmorganen, wenn man vom »Singen« der Mücken redet, so ist nicht viel dagegen einzuwenden; denn in der Tat werden solche Lautäußerungen mit Hilfe der Atemluft hervorgerufen, die durch die Atemlöcher, die sog. »Stigmen« streicht. Aber die Art der Insektenatmung ist doch eine ganz andere, als die der höheren Tiere, bei denen die Stimmbildung in der Hauptsache der Luftröhre und dem Kehlkopf zukommt.
Ein lauwarmer Frühlingsabend hat sich über den schilfumsäumten Teich gesenkt. Wir sind ans Ufer getreten. Die Frösche, deren Chorgesang uns aus der Ferne entgegenschallte, schweigen jetzt, vergrämt durch die leisen Erschütterungen des Bodens infolge unserer Tritte. Nur die Wellen glucksen am Uferrand, und leise flüstert das Schilf im Abendhauche. Die Rohrsänger sind es, die zuerst die feierliche Stille unterbrechen: schnarrende, quietschende, pfeifende Töne, ein buntes Durcheinander, aber immer im Takt. Horch, jetzt auch ein paar gurgelnde Laute aus der Tiefe des Schilfs: »gluck, gluck«, und zwei oder drei knarrende Töne: »koax, koax«. Bald wagen's auch andere, hohe Tenöre und tiefe Baßstimmen, trillernd und volltönend, bis sich die ganze Gesellschaft an diesem Singsang beteiligt: »brekeke koax, brekekeke, tuu tuu«. Je mehr der Mond, der hinter den alten Weiden auftaucht, sein volles Licht über den Teich ergießt, um so eifriger schallt es: Frösche und Rohrsänger im Wettgesang, daß es weithin schallt über die schlafende Flur. Die Motive verschieden, die Stimmen höher und tiefer in seltsam wechselnden Sprüngen hinauf und hinab, ein musikalischer Mischmasch; aber es paßt alles zusammen, zumal das ganze Konzert von einem streng innegehaltenen Rhythmus beherrscht wird. Dieser wird noch besonders dadurch betont, daß einzelne Sängergruppen auf einmal ein Weilchen schweigen, um dann mit voller Kraft wieder einzufallen. Jetzt singt es hier, jetzt da; bald knarrt und quakt nur eine kleine Gesellschaft noch, bald singt wieder der ganze Chor, als sollte er das Versäumte nachholen. Solches Ab- und Anschwellen wirkt besonders in größerer Entfernung recht auffallend; es ist, als ob uns der Nachtwind bald mehr, bald weniger Tonwellen zutrüge, ein rhythmischer Wechsel, der den Reiz des Froschkonzerts wesentlich erhöht.
Fleißigere Sänger gibt's nicht, als Rohrsänger und Frösche. Selbst die Nachtigall macht 'mal eine längere Pause zu mitternächtiger Stunde; der Nachtschwalbe »Spinnen« schweigt mitunter ein Weilchen, und auch die verliebten Käuze im Kiefernwald gönnen sich hin und wieder ein wenig Ruhe. Nur der Singsang des Teichs verstummt nie völlig; seine Bewohner, so scheint es, bedürfen des Schlafs nicht. Das gilt besonders von den unermüdlich quakenden Fröschen. Kaltblüter nennen wir sie. Gewiß, ihre schlüpfrige Haut fühlt sich kalt an, ihr Fleisch und ihr Blut; aber drin im Herzen, da sitzt es, unsichtbar, das Herz im Herzen, glühend heiß, voll Sehnsucht, voll Liebe, und wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
Zu allen Zeiten ist man sich des Reizes bewußt gewesen, der vom Froschgesang ausgeht, und es sind nur naturfremde oder krankhafte Menschen, die solchen Minnesang verwünschen. Wieviel ärmer wäre die Frühlingsnacht an unsern Teichen, wenn deren Bewohner, die grünen Wasserfrösche, ebenso stumm wären, wie ihre braunen Vettern im Grase, von denen man höchstens ein paar knurrende Laute vernimmt. Da ist mir der grüne Teichsänger doch hundertmal lieber. Sein Lied stimmt zu den andern Schilfliedern, bringt Leben in die Natur, und wo Leben und Stimmung, wo Bewegung und Einklang, da erkenne ich Schönheit.
Auch der Laubfrosch, unser Wetterprophet, läßt sich bisweilen die ganze Nacht hören. Er hat sich einen Sängerplatz in der Höhe, im Grün von Baum oder Strauch erkoren, von wo nun sein hastig hervorgestoßenes »äpp, äpp, äpp« durch die Frühlingsnacht hallt, seltsam anzuhören und lustig zugleich. Der kleine Kerl dünkt sich so wichtig.
Von tieferem Eindruck auf unser Gemüt ist der Einzelruf oder auch der melodische Rundgesang der Unken, die den Dorfweiher oder den Tümpel draußen im Wiesental bewohnen. Wie Glocken läutet's geheimnisvoll aus der Tiefe »ung, ung, ung …«, feierlich, ernst, schwermütig und traurig, fast immer derselbe Ton, von gleicher Stärke und Höhe. Zu dem dunkeln, ernsten Weiher mit den Wasserrosen, die im Mondlicht nur matt und unsicher leuchten, während die schwarzen Schatten der Pappeln auf der Wasserfläche erzittern, stimmen die melancholischen Glockentöne der Unken so wunderbar, daß jeder den Eindruck dieser Naturlaute empfindet.
Auch manche Insekten, namentlich wenn sie in größeren Scharen auftreten, sind für das ganze Landschaftsbild von Bedeutung. Wir brauchen nur an die graziösen Libellen zu denken, die jedem Gewässer, dem Fluß und Bach mit ihren erlenbestandenen Ufern, dem schilfumsäumten Teich, selbst dem reizlosen Mühlgraben zur Zierde gereichen. »Wasser-« oder auch »Schlankjungfern« hat sie das Volk getauft, um den bezaubernden Reiz dieser zarten Wesen zum Ausdruck zu bringen, im Flug wie im Sitzen von einer Anmut, die nicht ihresgleichen hat. Oder wer möchte sie missen, die Bienen und die andern Hautflügler, die mit Gesumm und Gebrumm im Mai den schneeigen Obstbaum, im Juli die duftende Linde, im August die blühende Heide besuchen! Ein zartes Getön, wie von Millionen silberner oder gläserner Glöckchen erfüllt die sonnige Luft. Oder soll ich an die Musik der Heupferde erinnern, die in der sommerlichen Mittagsglut die Blumen und Gräser zum Schlummer einlullt, oder an das Zirpen der Grillen, das so stimmungsvoll am Abend durch die Flur zittert. Das einzelne Tierchen leistet wohl wenig als Musikant, aber tausend und abertausend vereinigt erzeugen ein eindrucksvolles Getön, das leise über die Landschaft dahinschwebt, einem zarten Schleier aus gesponnenem Glas vergleichbar.
Von weit höherer Bedeutung ist die artenreiche Gruppe der Tagschmetterlinge. Wie stimmen doch diese leichtbeschwingten, zarten Geschöpfe, die Sinnbilder eines heiteren, frohen Lebensgenusses, zu dem sommerlichen Naturbilde mit der Fülle des Lichts und der Farben! In anmutigstem Spiel gaukeln sie von einer Blume zur andern, haschen und fliehen sich, bringen Bewegung und Leben. Möchtest du sie missen auf der sommerlichen Heimatflur? Oder denke an die Frühlingsboten, den ersten Zitronenfalter, das erste Pfauenauge! Ein trügerischer Sonnenblick hat den Winterschläfer geweckt, daß er sein sicheres Versteck verlassen hat und nun über der blumenleeren Erde ruhlos dahinflattert. Armes Tier, Schneewolken ziehen auf, hinter denen sich die Sonne versteckt; wie bald bist du erstarrt! Aber umsonst gelebt hast du nicht. Wir sind dem Frühling begegnet! so jubelt's in uns. Ein vorzeitig »Sommervöglein« nur, und doch etwas Großes!
Leider sind die schönen Falter in unsrer Heimat seit ein paar Jahrzehnten recht selten geworden, namentlich in der Nähe der großen Städte. Selbst die gewöhnlichsten Arten, wie Trauermantel, Admiral, Distelfalter u. a., haben in ganz auffallender Weise an Zahl abgenommen. Segelfaltern und Schwalbenschwänzen, die unser Jungenherz in der schönen Jahreszeit täglich erfreuten, begegnet man nur noch ausnahmsweise, und die selteneren Nachtschmetterlinge, wie rotes und blaues Ordensband, Wolfsmilch-, Ligusterschwärmer u. a., die auch vor einem halben Jahrhundert durchaus nicht häufig waren, scheinen heute fast schon ausgestorben zu sein. Gewiß tragen die Schmetterlingssammler einen Teil der Schuld; aber die Hauptursache dieser bedauerlichen Verarmung der Natur liegt in der fortgeschrittenen Kultivierung des Bodens, wodurch den Raupen vielfach ihre Nahrungspflanzen entzogen worden sind. Jedes Winkelchen wird ausgenutzt, alles Unkraut beseitigt; die Aussaat des Getreides ist reiner als ehemals, die Siedelungen der Menschen sind gewachsen und der Verkehr ist gestiegen.
Die Bedeutung der Tierwelt für das Landschaftsbild kommt uns vielfach erst dann so recht zum Bewußtsein, wenn dieser Reiz, der von dem beseelten Geschöpf ausgeht, irgendwo völlig fehlt. Das Tier bildet einen wesentlichen, zum Ganzen gehörigen Teil der Heimat. Die Harmonie, die Schönheit ist beeinträchtigt, sobald die dem Landschaftsbild eigentümlichen Vertreter der Tierwelt verschwunden sind. Der Reichtum, die Mannigfaltigkeit der Natur hat dann eine schwere Einbuße erlitten – schweigend steht der Wald, tot liegt der See, öde die Flur. Verarmt ist die Heimat und mit ihr unser Leben.
Alle, deren Beruf in Beziehung zur Natur steht, an erster Stelle der Landmann, der Förster, der Gärtner, der Fischer, sollten sich der vielfach hart bedrängten Tierwelt der Heimat annehmen. Nicht um klingende Münze, sondern um edlere Güter handelt es sich, um den unermeßlichen Wert einer reichen, unverdorbenen Natur.