Im Teichgebiet der sächsischen Lausitz
Eigentlich war's zu einem ornithologischen Ausflug nach unserm sächsischen »Tausendseen-Land« noch ein wenig früh im Jahre. Doch was half's! Ich kann nicht verlangen, daß das Osterfest mit seinen Ferien bloß meinetwegen um einige Wochen verschoben wird. Und im vorigen Jahre konnte ich mich – genau wie 1911 – wenigstens einigermaßen mit dem Ostertermin aussöhnen. Der 16. April ist doch ein ziemlich später Zeitpunkt für das Fest, und da ich mich erst am »dritten Feiertag« (18. April) auf den Weg machte, durfte ich hoffen, wenn auch bei weitem noch nicht die volle Entfaltung des Vogellebens in jenem Gebiet, so doch immer schon den vielversprechenden Anfang dazu anzutreffen.
Es war also Aussicht vorhanden, daß ich von Dresden her ganz gleichzeitig mit dem oder jenem Bekannten, der aus Kleinasien, Ägypten, von den Ägäischen Inseln usw. in diesen Tagen heimzukehren pflegt, in Baselitz, Milstrich, Königswartha oder Commerau eintreffen würde. Mit Freund Langbein, dem Storch, klappte es auf die Minute, als ob wir uns verabredet hätten. Freilich mancher gefiederte Nachzügler fehlte noch; aber das schadete schließlich nicht viel. Der Vogelfreund sieht doch auch die, die nicht da sind, und interessiert sich auch dafür, welcher Vogel einer Gegend noch fehlt, sei es, daß er regelmäßig recht spät kommt, oder daß er sich gegen seine Gewohnheit verzögert hat. Den rotrückigen Würger, den Mauersegler, die Nachtschwalbe, den Gartenlaubsänger, den Pirol, die Wachtel und namentlich die Rohrsänger konnte ich natürlich noch nicht erwarten.
Trotz dieser und anderer Lücken war es mir möglich, 71 Vogelarten in meine »unblutige Schußliste« einzutragen.
Der etwas einförmige Weg von Kamenz über Jesau nach Deutsch-Baselitz bot nichts Besonderes. In großer Menge saßen die Stare auf Wiesen und Feldern. Der Gesang der Lerchen erfüllte die Luft; Buchfinken schmetterten; Kohlmeisen ließen in jedem Obstgarten ihre hellen Glöckchenstimmen erklingen; Goldammern gaben mir ab und zu das Geleit, während ihre plumperen Vettern, die Grauammern, von den Straßenbäumen herab mit unermüdlicher Ausdauer ihr wenig musikalisches »zick zick zick schnirrrrps« zirpten. Haus- und Feldsperlinge natürlich in ausreichender Menge; ein Elsternhorst auf einer hohen Erle; aus der Ferne der durchdringende Ruf des Grünspechts; einige Nebelkrähen, schwerfälligen Flugs meinen Weg kreuzend, und – eine besondere Überraschung, daß er schon da ist – ein Gartenammer oder, wie er gewöhnlich heißt, ein »Ortolan«. Er saß an der Straße auf einem Baum, ließ sich aber nicht hören.
Deutsch-Baselitz liegt an dem größten stehenden Gewässer Sachsens, umfaßt doch der »Großteich« etwa 400 sächs. Scheffel, das sind mehr als 110 Hektar. In der Nähe noch einige kleinere Teiche, die alle der sehr ergiebigen Karpfen- und Schleienzucht dienen. Der Pächter des Guts war so freundlich, mir ein Boot zur Verfügung zu stellen und einen Fährmann zugleich. Noch ehe man die weite Wasserfläche sieht, hört man bereits die hellen Lockrufe der Bläßhühner, das tiefe »grök grök« der Haubentaucher, das Grunzen und scharfe Lärmen der Rothälse, die garstigen Schreie auffliegender Stockerpel und die wohlklingenden Stimmen kleiner Krikenten. Einzelne Kiebitze gaukelten unruhig umher, taumelnden Flugs, und weiße Lachmöwen tummelten sich hoch in den Lüften.
Wir durchschreiten das abgestorbene Röhricht, um das Boot zu erreichen. Da fesselt ein grünfüßiges Teichhühnchen meine Aufmerksamkeit. In prachtvoller Balzstellung trippelt es am Ufer vor seinem Weibchen gar zierlich hin und her. Überraschend groß erscheint der Vogel in dieser verliebten Haltung. Den Schwanz hat er emporgerichtet, daß sich dessen schneeweiße Unterseite wirkungsvoll von dem übrigen dunkeln Gefieder abhebt. Die rote Stirnplatte und der hochgelbe Schnabel leuchten wie grellfarbige Blumen aus dem welken Schilf, und dieselben Farben wiederholen die koketten Strumpfbänder, die der Vogel an den Fersengelenken trägt. Jetzt läßt sich das Paar ins Wasser gleiten; auch hier wird das Männchen nicht müde, seiner Angebeteten den Hof zu machen. In zierlichen Bogen umschwimmt es sie, bald den weißen Federstrauß des Schwanzes, bald die feurige Pelargonie an der Stirnplatte ihr zukehrend – aber plötzlich sind die beiden verschwunden. Sie haben es wohl gemerkt, daß ich ihrem Liebesspiel gelauscht, und sind nun untergetaucht, sich mit ihren langen Zehen im Schilf unter dem Wasser festhaltend.
Wir betreten das Boot und fahren ein Stück hinaus auf die Fläche. Hunderte von Wasservögeln sind hier vereinigt. In kleineren und größeren Trupps, auch nur in einzelnen Paaren schwimmen Bläßhühner und Enten aller Art, Taucher und Möwen. Oft verschwinden ganze Gruppen wie auf Kommando unter die Wasserfläche, während andere wieder auftauchen.
Es erfordert einige Mühe, in das Durcheinander der schwimmenden, tauchenden, niedrig über dem Wasserspiegel und hoch in den Lüften fliegenden Arten Ordnung zu bringen.
Die Bläßhühner freilich bieten keine Schwierigkeit; sie sind sofort zu erkennen: hühnerartig plump ihre Gestalt, das ganze Gefieder tiefschwarz bis auf die kreideweiße, weithinleuchtende Stirnplatte. Unruhig sind sie und recht laut; denn eifersüchtige Kämpfe werden jetzt fast beständig unter ihnen ausgefochten. Mit gesenkten Köpfen rudern die Nebenbuhler aufeinander los und prallen heftig schreiend zusammen, oder sie jagen sich, die Wasserfläche mit ihren Lappenfüßen schlagend, über den halben Teich hin, um sich dann schließlich schwerfällig in die Luft zu erheben oder im Schilfwald einzufallen.
Unter den Enten sind die zierlichen Tafelenten die häufigsten; mein Bootsführer, auch andere Leute in der Lausitz nennen sie »Brandenten«, was aber falsch ist. Sie zeigen wenig Scheu, erheben sich beim Nahen unseres Nachens immer zuletzt oder vertrauen auf ihre Fertigkeit im Tauchen. Dreifarbig ist das Kleid des Männchens: rostbraun Kopf und Hals, zartes Grau auf Flügeln und Rumpf; Brust und Hinterteil aber tiefschwarz. Mit etwas eingezogenem Hals schwimmen sie friedlich in großen Trupps umher, kein eifersüchtiges Gezänk, nur zärtlich pfeifende Laute, tauchen gemeinschaftlich, oder es umschwärmen auch ein paar Männchen ein einzelnes Weibchen, diesem immer getreulich folgend, wohin es den Weg nimmt.
Auch die kleinen Krikenten sind in großen Scharen vertreten. Das Gefieder des Erpels ist graugewellt; der dunkelbraune Kopf zeigt einen grünglänzenden Streifen, der sich bis zur Hälfte des Halses herabzieht, aber selbst mit dem Feldstecher aus größerer Entfernung schwerer zu erkennen ist, als der metallisch-grüne und schwarze, weiß eingesäumte Spiegel an den Flügeln. Die Weibchen sind unscheinbar graubraun; doch tragen auch sie, gewissermaßen als Familienwappen, jene Flügelzier. Die kleinsten sind immer die beweglichsten und geschäftigsten. Leicht wie eine Feder erheben sie sich von der Wasserfläche, umkreisen in leichtem Flug den Teich, wobei wir, sobald sie sich uns nähern, deutlich ihre eigentümlich schwingenden Flugtöne vernehmen, und fallen dann wieder in einer seichten Bucht ein, um hier zu gründeln, wobei, wie bei unsern Hausenten, der hintere Körperteil senkrecht aus dem Wasser emporragt; denn ganz unterzutauchen ist nicht ihre Art.
Bedeutend größer als Tafel- und Krikenten sind die Stock- oder Märzenten, die Stammeltern unsres zahmen Hofgeflügels. Sie sind bereits mit dem Nestbau beschäftigt, schwimmen zu Paaren umher oder erheben sich paarweise in die Lüfte, wobei das galante Männchen stets dem Weibchen den Vortritt läßt. Der Stockerpel ist ein prächtiges Tier. Das metallische Grün von Kopf und Oberhals wird durch einen schneeweißen Ring von dem Braun des Unterhalses und der Brust scharf getrennt, und der violett-blau-grüne Spiegel ist gleichfalls ein hübscher Schmuck. Es gibt viele unter unsern Hausenten, die sich Form und Farbe der Federn genau so schön erhalten haben, wie wir's an den wilden »Stocken« bewundern.
Auch die sog. Mittelente bewohnt die weite Fläche des Teiches, wenigstens in einigen Paaren. Aus der Entfernung gesehen, erscheinen diese Enten anspruchslos grau, das Männchen mit einem schwarzen, das mehr bräunliche Weibchen mit einem gelbroten Schnabel.
Viel auffallender sind die Schellenten wegen ihres scheckigen Kleides. Zwei große Felder auf den Flügeln, ebenso Brust und Hals, auch ein Fleck an der Wange hinter dem Schnabel leuchten schneeweiß, während der Rücken tiefschwarz gefärbt ist. Ich habe Schellenten, allerdings nie in besonders hoher Zahl, auf fast allen größeren Teichen der Lausitz gesehen; sie sind, obgleich ihre eigentliche Heimat weiter im Nordosten gelegen ist, für unser Sachsen seit einiger Zeit in recht erfreulicher Zunahme begriffen, und das ist um so verwunderlicher, als sich diese kleinen Enten mit Vorliebe Baumhöhlen, die doch immer seltener werden, zur Brutstätte auswählen. Mir ward von meinem Fährmann eine solche Höhle gezeigt, wo im vorigen Jahre eine »Schelle« ihre Jungen erbrütet hatte: ein Loch in einem wagrechten Ast einer uralten Föhre, gegen 3 m hoch über dem Wasser, der Eingang so eng, daß man nicht recht begreift, wie eine Ente sich hindurchzwängen kann. Hätte wohl sehen mögen, wie die kleinen Entchen aus der dunkeln Höhle mutig den Kopfsturz ins Wasser gewagt haben, ähnlich wie die Lummen von ihrer Helgoländer Felsklippe hinab in die bewegte See.
Die Schellenten hatten sich bei meinem Besuch noch nicht in Pärchen aufgelöst, sondern hielten in größeren Trupps kameradschaftlich zusammen. Ein Vergnügen war's, ihnen zuzuschauen, wie sie unaufhörlich im Wasser verschwanden und dann leicht wie ein Kork wieder auftauchten; bald waren nur wenige, bald gar keine, bald war wieder die ganze Gesellschaft auf der Oberfläche zu sehen.
Von den Taucherarten beherbergt der Teich den großen Haubentaucher in mehreren Paaren, die kleineren Rothalstaucher und die noch viel kleineren Zwergtaucherchen, die in großer Anzahl ihre Künste zeigten, während ich Schwarzhalstaucher hier nicht bemerkte.
Die Haubentaucher, deren weiße Brust bei jeder Wendung des Vogels aufblitzt und wieder verschwindet, waren ziemlich mißtrauisch; sie versanken im Nu unter dem Wasser, wenn sich ihnen unser Boot näherte und tauchten erst in großer Entfernung wieder auf oder erreichten, unter dem Wasser schwimmend, die Nähe des Ufers, wo sie das Schilf unsern Blicken entzog.
Viel weniger Scheu zeigten die Rothalstaucher; ja ein Pärchen, das mit dem Nestbau eifrigst beschäftigt war, ließ mich bis auf wenige Meter herankommen. Wie schön sind doch auch diese Taucher! Rostrot der Hals, die Kehle und zwei Wangenflecken weiß; statt der eigentlichen Haube aber zwei schöne nach hinten gerichtete Federohren. Unermüdlich tauchten die Vögel nach allerlei Wasserpflanzen und legten diese Baustoffe auf die Schilfkaupe, die sie sich zur Niststelle erkoren hatten. Es war schon ein großer Klumpen, naß, schlammig und übelriechend, zusammengetragen; aber den beiden schien's immer noch nicht genug.
Der kleinste der Tauchersippe, der niedliche Zwergtaucher, ließ oft seine trillernde Stimme hören, eine ganze Kette perlender, etwas absinkender Töne, die das Tierchen jedem verraten, der's nur einmal gehört hat. Aber dem Auge zeigte sich das Taucherchen immer nur auf kurze Sekunden; am Rande des Schilfwaldes trieb es das lustigste Versteckspiel oder tauchte unter, sobald es sich beobachtet sah.
Die Lachmöwen, die ihre braune Gesichtsmaske bereits aufgesetzt hatten, waren wohl nur zu Besuch gekommen. Ihr eleganter Flug belebte das Landschaftsbild reizvoll; einige ruhten auch auf der Wasserfläche aus, weißen Seerosen zu vergleichen, oder saßen eng aneinandergereiht auf einer Planke am Ufer. Ihre nächsten Brutplätze haben sie an manchem Teich der preußischen Lausitz.
Von Seeschwalben war natürlich noch keine Art zu erblicken; denn die Fluß- und Zwergseeschwalben kommen erst Anfang Mai. Dagegen zeigte sich in der Höhe ein Fischadler, weite Kreise über dem Gewässer ziehend und dann langsam in der Ferne verschwindend. In der sächsischen Lausitz brütet der edle Fischer nicht mehr; vielleicht daß die Lohsaer Forsten jenseits der preußischen Grenze seinen Horst noch beherbergen.
Aber einen andern Vogel, den wir auch heute noch mit Stolz als sächsischen Landsmann bezeichnen dürfen, konnte ich hier in Deutsch-Baselitz begrüßen, den weißen Storch. Es war mir eine große Freude, den Weitgereisten unmittelbar bei seiner Ankunft willkommen zu heißen.
Wir saßen gerade beim Mittagessen, als das jüngste blondhaarige Töchterchen unsers freundlichen Gastgebers ins Zimmer stürzte: »Der Storch, der Storch ist da!« Alle sprangen auf und liefen nach der Rückseite des Hauses. Dort stand er auf seinem alten Horst im Wipfel einer schlank gewachsenen Linde und klapperte nach Herzenslust. So schmuck sah er aus; geradezu blendend das Weiß seines Gefieders und leuchtend das Korallenrot von Schnabel und Ständern. Herzerfreuend war es zu beobachten, wie sich auf der Dorfstraße alt und jung vor dem Storchennest einfand und strahlenden Auges zu dem »Glücksbringer« emporschaute. Besonders ein kleines flachsköpfiges Mädel von drei oder vier Jahren war voller Begeisterung, und altklug belehrte es mich, daß später der Klapperstorch kleine Kinder – ich verstand nicht, ob bringen oder haben würde. Auch noch andere Ortschaften der Lausitz beherbergen Störche; ich sah einen besetzten Horst beim Rittergut Kauppa in der Nähe von Commerau, einen andern in Wartha bei Königswartha, in Döbra, in Skaska, und überall waren die Störche, wie man mir sagte, am gleichen Tage, am 18. April, angekommen.
Nachmittags besichtigte ich die Einrichtungen der Fischzucht. Es handelt sich fast ausschließlich um Karpfen und Schleien; bei dem rationellen Betrieb sind die Erträgnisse außerordentlich gewachsen: viele hundert Zentner alljährlich. Aber es gibt Herrschaften in der Lausitz, die noch einmal so viel Fische züchten, ja das Rittergut Königswartha, zu dem allerdings 119 Teiche gehören – die meisten bereits im Preußischen gelegen – bringt unglaubliche Mengen dieser wohlschmeckenden Flossenträger auf den Markt; dennoch sei die Fischzucht, wie mir der dortige Fischmeister sagte, noch einer großen Steigerung fähig.
Darüber ließe sich viel Wissenswertes berichten; aber nicht den stummen Bewohnern des Wassers, sondern dem sangesfrohen und geschwätzigen Völkchen der Vögel galt mein Besuch. Während ich mich auf den Teichdämmen unter den duftigen Jungbirken erging und bei jedem Schritt ein halbes Dutzend Frösche, wiederholt auch sich sonnende Ringelnattern aufjagte, sang der Fitis unermüdlich aus jedem Gebüsch sein weiches Lied; die Singdrossel jubelt, der Zaunkönig schmettert, Blaumeischen zetert, der Weidenlaubsänger gibt sein einförmiges »Zilp-zalp« zum besten; aus dem Fichtenwald der häßliche Balzruf des Fasans, das Gurren des Ringeltaubers, das Trommeln des Buntspechts und Rotkehlchens sehnsuchtsvolle Strophe: überall selige Frühlingsstimmung.
Gegen Abend noch eine Fahrt auf dem Großteich. Das Kollern der Birkhähne, die auf einem freien, von Hochwald umsäumten Platz balzen, schallt weithin über die Wasserfläche. Behutsam nähern wir uns. Drei Hähne sind es, die mit ausgebreitetem »Spiel«, mit vorgestreckten Hälsen und hängenden Flügeln umherspringen. Wir sind so nahe, daß wir auch das Zischen der aufgeregten Tiere vernehmen und trotz der Dämmerung das leuchtende Weiß im Federkleid und die purpurne »Rose« über dem Auge ganz deutlich erkennen. Einige Hennen, klein und unscheinbar, sind in der Nähe; sie laufen, Nahrung suchend, umher, als kümmerten sie sich gar nicht um das unblutige Kampfspiel ihrer verliebten Ritter. Jetzt hat uns die Gesellschaft bemerkt; da flattern sie lautlos davon. Auch unser Nachen zieht leise auf seiner Bahn weiter. Aber es dauert nicht lange, da hören wir wieder das »Rodeln« oder »Kollern« der Hähne aus derselben Gegend. Das Birkwild ist nicht eben scheu; es läßt sich nicht so leicht vergrämen wie der balzende Auerhahn.
Immer mehr senkt sich die Dämmerung über den See. Enten und Bläßhühner werden stiller, aber das Froschkonzert schallt lauter und lauter. Welch ohrenbetäubender Lärm wird aber in ein paar Wochen am Abend und die ganze Nacht hindurch bis zum goldnen Morgen hier herrschen, wenn die Teich- und Drosselrohrsänger zurückgekehrt sind und nun ihr vielstimmiges Konzert geben. Heute ist's ein anderer, wenig bekannter Nachtschwärmer, dessen weithin schallender und doch weicher Flötenton uns erfreut. Es ist der Triel, der die sandigen Felder der Lausitz, die lichten Kiefernwälder und Waldblößen bewohnt; auch in der sächsischen Flachlandschaft westlich der Elbe ist der scheue Dämmerungsvogel, der zu den Regenpfeifern gehört, nicht selten. Seine Rufe – meist zwei oder drei sich eng aneinanderschließende Flötentöne von überaus angenehmem Wohlklang – erhöhen den Reiz der lauwarmen Frühlingsnacht.
Von Eulen ließ sich in der Nähe des Dorfes nur das Steinkäuzchen hören. Erst rief ein Männchen ein paarmal sein pfeifendes »Guhk«, dann antwortete ihm ein zweites mit demselben Gruß, und bald lockte ein Weibchen mit hohem »Kuwiff, kuwiff«.
Am Morgen des nächsten Tages, den als erster Sänger Hausrotschwänzchen mit klirrender Strophe begrüßte, zeigte sich am Ufer des Großteichs in den hohen Eichen ein Wiedehopf. Ich vernahm seinen kuckucksähnlichen Ruf »upupupup« schon längst, ehe ich den hübschen Vogel mit dem aufrichtbaren, lockeren Federbusch und dem langen, dünnen Schnabel zu Gesicht bekam. Der muntere Bursche war außerordentlich scheu; bis auf 50 Meter nur ließ er mich herankommen. Dann flog er immer ein Stückchen weiter auf eine andere Eiche, bis er schließlich in zuckendem, unregelmäßigem Flug über die breite Wasserfläche setzte.
Durch Wiesen und Felder führte mich der Weg weiter nach Milstrich. Die reizenden Flugspiele der Kiebitze, die mich so nah umflatterten, daß ich das seltsame »Wuchteln« ihrer Schwingen deutlich vernahm, belebten die freundliche Landschaft; auch ein paar Turmfalken zeigten ihre Künste. Im Dorf sah ich die ersten Schwälbchen, zwei oder drei Paar Rauchschwalben, auch eine einzelne Hausschwalbe; sie zwitscherten seelenvergnügt, froh, daß die schlimme Zeit nun vorüber und Wärme und Sonnenschein das kleine Volk der Insekten zu neuem Leben geweckt hatten.
Zu dem Milstricher Rittergut gehören gleichfalls viele, zum Teil recht ansehnliche Teiche. Sie sind von nur geringer Tiefe, vielleicht einen Meter im Mittel. Das ist ein Vorzug aller stehenden Gewässer der Lausitz; denn das Wasser erwärmt sich dadurch schnell bis auf den Grund, was der Fischzucht förderlich ist. Außer den schon genannten Enten, Tauchern, Wasserhühnern belebten auch kleine Moorenten die Teiche in der Nähe des Gutes. Ziemlich unscheinbar sehen diese Entchen aus. Selbst das »Prachtkleid« des Erpels verdient kaum solchen Namen; denn das dunkle Kastanienbraun des Kopfes und die Rostfarbe der Brust sind nur ein bescheidener Schmuck. Die Moorenten tauchen vorzüglich. Sobald ich mich nur ein wenig näherte, gleich waren sie unter dem Wasser, wenn sie nicht vorzogen, unter »grrr-grrr«-Rufen abzuziehen, stets paarweise, erst das Weibchen und hinter ihm das etwas größere Männchen. Während des Schwimmens sehen die Moorenten sehr klein aus, weil sie den Hals einziehen und mit dem Rumpf tiefer ins Wasser eintauchen als andere Enten, so daß man geradezu überrascht ist, wenn das Entchen beim Auffliegen gewiß noch einmal so groß erscheint, als man erwartet hätte.
Recht häufig vernahm ich den angenehmen Trillerpfiff des kleinen Rotschenkels; er ist unser verbreitetster »Wasserläufer«, an den orangeroten Füßen und dem weißen Bürzel leicht zu erkennen. Die weithin hörbaren Lockrufe »tü, tütü, dili, dideli« und die schwirrenden Triller sind so charakteristisch, daß es jeder Vogelkenner sofort weiß, welcher Vogelkehle diese wohllautenden Töne entstammen. Besonders eifrig rufen die Rotschenkel gegen Abend; dann antworten ihnen die Zwergtaucher mit gleichfalls trillernder Strophe.
Weiße Bachstelzen und die noch zierlicheren Gebirgsbachstelzen sah ich sehr häufig; auch die reingelbe Wiesen- oder Schafstelze, die ungefähr drei Wochen später kommt als ihre Verwandten, war schon da und wippte graziös von einem Schilfinselchen zum andern. Auf den Feldern ließen sich gegen Abend die Rebhühner eifrig hören, und auch Heidelerchen sangen noch spät ihr zartes, aus einer Reihe von Pfeiflauten bestehendes Lied aus luftiger Höhe herab.
Der folgende Tag galt dem Besuch des Königswarthaer Teichgebiets im Norden der Ortschaft. Teich an Teich in unübersehbarer Folge, und fast auf jedem eine stattliche Zahl von Wassergeflügel, daß dem Naturfreund das Herz lacht. Zehntausend Morgen an Wasserfläche gehören zum Rittergut, der kleinere Teil davon im Königswarthaer Flurgebiet, der größere schon auf preußischem Boden. Einige von ihnen sind 50 bis 72 Hektar groß. Hier fielen mir besonders die zahlreichen Löffelenten auf. Möglich, daß ich diese schöne Ente auf den früher besuchten Teichen übersehen oder vielleicht aus der Entfernung mit der Stockente verwechselt hatte: jedenfalls gehört sie in dem Königswarthaer Teichgebiet zu den ganz allgemein verbreiteten Arten. Eigentümlich ist für sie der große, am Grunde schmale, vorn aber stark verbreiterte, gewölbte Schnabel, dessen Form der Ente den Namen gegeben hat. In seinem Prachtkleid führt das Männchen viel Weiß, das weithin leuchtet, besonders am Kropf, Hals und Oberflügel. Der Kopf erglänzt schwarzgrün wie beim Stockerpel. Unterbrust und Bauch zeigen ein schönes Kastanienbraun. Vor dem goldgrünen, weiß eingefaßten Spiegel liegt über der Schulter ein himmelblaues Feld, eine Farbe von eignem Reiz; sie ist in unsrer deutschen Vogelwelt außerordentlich selten. Öfters sah ich Löffelenten ganz in der Nähe, immer paarweise; sie sind so wenig scheu, daß sie auch dann noch unbesorgt umherschwimmen oder gründelnd sich auf den Kopf stellen, wenn Bläßhühner, Stockenten, selbst die zutraulichen Tafelenten unter Geschrei geflohen sind. Fliegen auch sie endlich ab, so geschieht es ohne jeden Laut; ohne Plätschern erheben sie sich aus dem Wasser, und ohne jedes Geräusch fallen sie wieder ein.
Im Parke hinter dem Herrenhause fand ich all die Vögel, die ich hier erwarten konnte. Von den noch nicht erwähnten nenne ich nur Wendehals, Gartenrotschwanz, Sumpfmeise, Kleiber, Baumläufer, denen die höhlenreichen Bäume willkommene Wohnung gewähren, dazu Freibrüter wie Hänfling und Girlitz. Auch ein paar Eichelhäher kreischten in den Baumkronen.
Den folgenden Tag fuhr ich nach Neschwitz, von wo aus ich die nahen Holschaer und Quooser Teiche, den schön gelegenen Mädelteich, den Litschen- und Neuteich, die Mauerlöcher, ferner die Radiborer Teiche an der Luppaer Grenze, die Luttowitzer Teiche, den Bockauer Großteich, und endlich die schönsten von allen, die Milkener Teiche besuchte. Die ganze Gegend mit dem reichen Wechsel von Wasser, Wald, Wiese und Feld, mit den freundlichen, zumeist wendischen Ortschaften ist von hohem landschaftlichen Reiz, und ich freue mich, daß man all diese liebliche Schönheit hier ungestört genießen kann. Die Gegend ist eben noch nicht »entdeckt«, und so verliert sich wohl nur selten mal ein Tourist in diesen Winkel der »wendischen Türkei«. Es ist nicht möglich, alle Beobachtungen aufzuzählen, die Auge und Ohr eines aufmerksamen Wanderers jede Minute beschäftigen: die anheimelnde Bauart der ländlichen Höfe, die sich um den unkenreichen Dorfteich gruppieren, die blühenden Obstbäume, die Rehe am Waldessaum, der kreisende Mäusebussard, die Karnickel vor ihrem Bau, der wohlklingende Ruf des Schwarzspechts, das Rucksen der Hohltaube, hier Reinekes Spur, der seine Besuchskarte abgegeben hat, dort Gewölle vom Waldkauz, hier die Fegstelle eines Rehbocks an zwei jungen Erlenstämmchen, ein Igel im Gestrüpp, die Fährte des Iltis, oder manche interessante Pflanze: im schattigen Wald die Einbeere, Knabenkraut auf der feuchten Wiese, Sumpfveilchen auf moorigem Boden, Pestilenzwurz, Leberblümchen u. a. Ein Eisvogel flog wie ein glühender Juwel vorüber und weckte die Erinnerung an jenen gleichfalls farbenprächtigen Vogel, die Mandelkrähe oder Blaurake, die leider in Deutschland immer seltener wird, aber im östlichen Sachsen, so bei Königswartha und in den hohen Eichen an den Quooser Teichen noch regelmäßig als Brutvogel vorkommt. Diesmal freilich konnte ich den wunderbar gefärbten Vogel noch nicht begrüßen, da er erst recht spät aus seiner Winterherberge zurückkehrt.
Nach Fischreihern habe ich scharf Ausschau gehalten; aber erst am vierten Morgen glückte es mir, einem dieser schönen Vögel zu begegnen. Ich hatte in Commerau übernachtet und saß auf dem Damm eines der vielen Teiche in der dortigen Heide beim Frühstück. Auf einmal hinter meinem Rücken ein aufgeregtes Kreischen der Lachmöwen. Ich wende den Kopf – kaum zwanzig Schritt von mir ein Reiher, der von den Möwen bis unter die Bäume am Damm verfolgt ward, wo sie ihn nun in die Enge treiben. Er wird mich gewahr, schlägt heftig mit den dunkeln Fittichen, wendet und bahnt sich den Weg mitten durch die ihn umschreiende Schar.
Fischreiher horsten nicht mehr in der sächsischen Lausitz; aber im nahen Lohsa-Weißcollmer Revier findet sich auf hohen Kiefern wohl auch heute noch der Rest einer uralten Kolonie. Im Juli und August, wenn die Jungen ausgeflogen sind, erscheinen dann mit ziemlicher Regelmäßigkeit die schönen Fischer auch im sächsischen Teichgebiet, nicht selten mehr als ein Dutzend auf einmal, zum Ärger der Teichbesitzer, die über die preußischen Fischdiebe schimpfen und manchem das Lebenslicht ausblasen.
Der merkwürdigste Vogel jener Gegend ist aber die große Rohrdommel. Ihretwegen war ich nach Commerau gewandert, und ich hatte das Glück, die ganze Nacht ihrem Liebeslied von meinem Bett aus zu lauschen. Obgleich der Standort des Vogels mindestens eine halbe Stunde von dem Gasthaus entfernt war, hörte ich das tiefe »Prumb« doch ganz deutlich. Es klingt ähnlich wie das Brüllen eines Rindes, weshalb der Vogel beim Volk »Moorochse« genannt wird. Meist hörte ich, selbst bei dieser Entfernung, auch den viel leiseren Vorschlag. Die Silben »ü-prumb« geben den Ruf ziemlich gut wieder. Auch am hellen Morgen, den ganzen Vormittag, selbst in den Mittagsstunden schwieg die Rohrdommel nicht, nur daß sie jetzt ihren Ruf statt fünf- oder sechsmal, nur etwa dreimal hintereinander wiederholte und dann eine Pause von ein paar Minuten eintreten ließ. Wie man bei der Birkhahnbalz aus dem Kollern allein, das dem sog. Schleifen vorangeht, den Standort des Hahns nur schwer bestimmen kann, so verhält sich's auch mit dem tiefen »Prumb«-Laut des reiherartigen Vogels; es dauerte ziemlich lange, ehe ich feststellen konnte, daß auf einer Insel in einem Teich ganz nahe dem Rittergut Kauppa die Rohrdommel ihren Standplatz bezogen hatte. Die Leute sagten, seit zwei bis drei Wochen ließen sich diese unheimlichen Laute hören; daß sie von einem Vogel herrühren, wollte mir niemand glauben. In der Nähe klingt das »Prumb« – wohl der tiefste Ton, den irgendein Vogel unsrer Heimat erzeugt, denn er erreicht das F der großen Oktave – etwa so wie der Laut, den man mittels einer recht großen Gießkanne erzeugen kann, wenn man mit voller Kraft Luft zur Ausflußröhre hineinbläst. Ein Explosionslaut ist es, der nicht mit dem Kehlkopf, sondern mit der Speiseröhre erzeugt wird, aus der die hinuntergeschluckte und zusammengepreßte Luft mit großer Gewalt herausgestoßen wird, eine Art Dudelsack, auf dem der scheue Vogel sein unheimliches Liebeslied spielt.
Auch im Neschwitzer Teichgebiet ließ sich die große Rohrdommel unermüdlich hören. Leider bekam ich sie aber weder hier noch dort zu Gesicht. Der Schilfwald hält sie versteckt, und wenn man sich ihrem Standort nähert, so flüchtet sie geduckt durch das Röhricht, wie der kleine Wachtelkönig durch das hohe Gras der Wiese. Aufzufliegen entschließt sich der Vogel nur schwer; er weiß, wo er Schutz findet.
Vielleicht gelingt es mir später, den nächtlichen Musikanten von Angesicht zu Angesicht zu sehen, vorausgesetzt, daß er unsrer Heimat erhalten bleibt. Ich habe sehr darum gebeten, ihn bei den Entenjagden als interessantes Naturdenkmal zu schonen und ich wiederhole auch hier meine Bitte.