Die heimatliche Vogelwelt im deutschen Volksglauben

Jahrhundertelang fließt der Fluß in dem errungenen Bett. Wann sprang sein Quell zum erstenmal aus dem Felsen hervor? Wird einst das Wasser verrinnen, wird die Spur verwehen, die es in das Antlitz der Erde gegraben hat? Beharrungsstreben in der Natur trotz allen Wechsels – wie viele selbst der kleinsten Bächlein mögen heute noch genau so fließen, wie weiland vor tausend Jahren!

Mit der Kultur des Menschengeschlechts ist's, ebenso. Unerforschlich ihr Ursprung, unbekannt Ziel und Ende, und bei allen Wechselfällen, bei allen Umwälzungen des Lebens das Gesetz der Beharrung. Greife heraus, was du willst, Gebräuche und Sitten, Anschauungen, Sagen und Märchen, Sprache, Werkzeug und Kunst – uralter Besitz ist's, vererbt von Geschlecht zu Geschlecht. Manches wohl tot – nur die Erinnerung, daß es einst war, ist noch geblieben – vieles nur scheintot – zu neuem Leben kann es erwachen – das meiste aber noch frisch und in Urkraft, wie in den Tagen der Väter.

Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet der denkende Mensch auch den Aberglauben oder sagen wir lieber – denn gemütvoller klingt es – den Volksglauben, den er noch heute im aufgeklärten zwanzigsten Jahrhundert bei seinen Zeitgenossen antrifft. Ihn bis in die nebelgraue Vergangenheit zurückzuverfolgen, seine verborgenen Quellen und die vielen Bächlein aufzusuchen, die ihn immer von neuem gespeist haben, das ist der Reiz, den solches Studium gewährt. Der andere aber mag nichts davon wissen; er sagt: »Die Dummen werden nicht alle!« Kennt er sich selbst so genau? Ist er wirklich ganz frei, ganz unbefangen, oder schlummert nicht vielleicht doch irgendein kleines Überbleibsel, ein winziger Rest dieser oder jener uralten abergläubischen Vorstellung, ihm selbst nicht bewußt, in seiner so aufgeklärten Seele?

Wir wählen ein eng umgrenztes Gebiet, den Volksglauben, der sich auf die gefiederte Welt unsrer Heimat bezieht, und zwar nur so weit, als er noch heute bei unsern Volksgenossen lebendig ist.

Da gibt es zuerst naturwissenschaftliche Irrtümer, die nur insofern die Bezeichnung Volks- oder Aberglauben verdienen, als sie so seltsam sind, jeder Erfahrung so völlig widersprechen, daß eine starke Gabe von Leichtgläubigkeit und kindlicher Einfalt dazu gehört, wenn jemand noch immer an solchen Widersinnigkeiten festhält.

Ob man mir's glaubt? Das Märlein vom Kuckuck, unserm lieben Frühlingsboten, der sich alljährlich im Herbst in einen raubgierigen Sperber verwandeln soll, ist auch heute bei unserm Volk noch nicht völlig verklungen. Zehn Jahre sind's her, da saß ich mit zwei Landwirten am Biertisch im Kretscham eines Lausitzer Dorfs. Beide waren Jäger; so kam die Unterhaltung bald in Fluß, und wir erörterten schließlich jene seltsame Verwandlungsgeschichte. Es waren die vernünftigsten Menschen der Welt; aber sie ließen sich doch nur halb überzeugen. Zwar an die Verwandlung glaubten sie nicht; aber daß der Kuckuck auch im Winter unsrer Heimat treu bleibe und daß er, sobald die Raupennahrung spärlicher werde, der Kleinvogelwelt nachstelle, daß er dann ein schlimmer Räuber sei, das ließen sich beide nicht ausreden. Der eine der Streithähne wollte einmal mitten im Winter einen Kuckuck geschossen haben, als dieser gerade einen Finken würgte; der andere aber hatte an einem sonnigen Maimorgen beobachtet, wie sich der Kuckuck-Sperber oder der Sperber-Kuckuck, der eben noch seinen prophetischen Ruf zum besten gegeben hatte, auf ein singendes Rotkehlchen stürzte.

Schon zu des seligen Äsops Zeiten meinte man, aus dem Kuckuck werde im Herbst ein Sperber oder ein Habicht, und dieser verwandle sich im Frühjahr wieder in den Lenzesboten. Auch Aristoteles erwähnt den gleichen Aberglauben, dem er jedoch mit aller Entschiedenheit entgegentritt. Plinius aber muß den großen Gelehrten mißverstanden haben, wenigstens berichtet er wieder: »Der Kuckuck entsteht aus einem Raubvogel.« Damit war diese Transmutationslehre für viele Jahrhunderte gesichert; bei den »Naturkündigern und Philosophi« erhielt sie sich das ganze Mittelalter hindurch, und ein oder der andere Mann aus dem Volk glaubt heute noch an das einfältige Märchen.

Wer Kuckuck und Sperber kennt, wird über die Entstehung des sonderbaren Aberglaubens nicht im Zweifel sein. Der unschuldige Kuckuck ahmt den gefürchteten Sperber so vollkommen nach in Gestalt, Größe und Farbe, ja sogar in der Art seines Fluges, daß der Beobachter leicht getäuscht wird. Die Unterseite weißlich mit dunklen Querwellen, der Fächer des Schwanzes lang und breit, das hochgelbe Auge, die gelbliche Wurzel des Oberschnabels, der blaßgelbe Fuß, dazu der Flug, leicht, elegant und reißend schnell wie der unsrer kleinen Raubvögel: dies, alles sind Merkmale, die Freund Kuckuck mit dem verhaßten Sperber teilt. Ich zweifle keinen Augenblick, daß es beim Flug über freies Feld dem harmlosen Lenzesboten bisweilen gelingen wird, durch diese Maske seine Feinde, die gefiederten Räuber, zu täuschen.

Denselben Eindruck, daß der Kuckuck ein Raubvogel sei, haben offenbar auch die Kleinvögel, wie Grasmücken, Laubvögelchen, Würger, Bachstelzen u. a.; ihnen allen ist der Kuckuck ein gar unheimlicher Geselle. Zeigt sich einer in ihrem Gebiet, so flattern sie erschreckt von Ast zu Ast, ängstlich rufend, oder sie versuchen es, den vermeintlichen Angriff gemeinsam zurückzuschlagen, indem sie den Ruhestörer mit lautem Geschrei verfolgen. Oder sollten sie es wissen, daß ihnen das Kuckucksweibchen sein Ei ins Nest legt, und sollten sie es nun mit allen Mitteln versuchen, das Danaergeschenk zurückzuweisen? Ich glaube es kaum. Durch solche Zeichen von Furcht und Aufregung unter den Kleinvögeln wird natürlich auch der menschliche Beobachter leicht irregeführt.

Andere berichten, der Kuckuck verkrieche sich im Herbst in hohle Bäume, besonders gern in Weidenstämme, auch unter Steine und in die Erde. Hier liege er wie tot, und zwar nackend, auf seinen Federn, gleichsam in einem warmen Bett, »faulen vnd vngefäder«, wie es beim alten Geßner heißt, dem Plinius am Ausgange des Mittelalters.

Es ist überhaupt merkwürdig, daß man sehr vielen Vögeln, von denen wir heute wissen, daß sie Zugvögel sind, einen Winterschlaf hier in ihrer Heimat andichtete. Die Erscheinungen in der Welt der Säugetiere, Reptilien und Amphibien mögen einen solchen Ähnlichkeitsschluß nahegelegt und manche Einzelbeobachtungen diese irrige Annahme bestärkt haben. Rotschwänzchen, Turteltaube, Amsel, Nachtigall, Wachtel u. a. verkriechen sich, so meinte man, in Baumhöhlen, Felsenritzen, unter Baumwurzeln, in die unterwaschenen Flußufer und verbringen hier die rauhe Jahreszeit im Halbschlaf oder in festem Winterschlaf, wobei sie – namentlich die Wachteln – von ihrem Fett zehren, wie Dachs oder Bär.

Am merkwürdigsten aber waren die fabelhaften Erzählungen über das Winterquartier von Schwalbe und Storch. Diese Vögel sollten auf dem Grund von Teichen, Seen und Sümpfen, ja selbst im Meer überwintern. Hier, vom Schilfe verdeckt, ruhen die müden Geschöpfe und erquicken im Schlaf, der dem Tode gleicht, die ermatteten Glieder. Noch vor wenig mehr als anderthalb hundert Jahren wird diese sonderbare Ansicht in Kleins »Historie der Vögel«, Danzig 1760, auf das bestimmteste gegen alle Einwände verteidigt, so daß man sich nicht wundern darf, wenn weit über zweihundert Jahre früher Luther in seiner Erklärung zum 1. Buch Mose sagt: »Das Wunderwerk von den Schwalben ist aus der Erfahrung bekannt, daß sie nämlich den Winter hindurch in dem Wasser für tot liegen und im Sommer wieder aufleben, welches gewiß ein großer Beweis unsrer Auferstehung ist.« Auch Luthers Zeitgenosse, der alte Geßner, führt in seinem »Vogelbuch« diesen Gedanken aus; er sagt … »welches ich für ein wunderbar werck halt vnd für ein anbildung der auferstentnuß vnserer cörpeln.«

An diesem Wunderglauben hält heute wohl niemand mehr fest; aber daß unsre Schwalben, wenigstens ein großer Teil von ihnen, in hohlen Bäumen, unter dürrem Laub und zwischen Grasbüscheln oder auch in ihren eigenen Nestern einen regelrechten Winterschlaf halten, dieses Märlein spukt noch immer in unserm Volke und in den Zeitungen fort und ist trotz aller Aufklärung seitens der Wissenschaft, wie es scheint, nicht aus der Welt zu schaffen. Es werden selten ein paar Jahre vergehen, wo dieser Irrtum und Aberglaube nicht immer wieder durch einzelne »einwandfreie« Beobachtungen neue Nahrung erhielte. Und das erklärt sich so: Vor dem Abzuge suchen die Schwalben gern gemeinsame Schlafplätze auf, wie das Schilf an Teichen, das Fachwerk der Häuser, auch einmal eine weite Baumhöhle. Sind die Tierchen, die vielleicht wegen verspäteter Brut den Anschluß an die große Masse der Wanderer versäumt haben, infolge Nahrungsmangels halb verhungert, so kann es geschehen, daß sie in kalter Herbstnacht dutzendweise dahinsterben, und wer sie findet, meint dann, die Schwalben hätten sich hier zum Winterschlaf niedergelassen. Auch Lenz ist überzeugt, daß diese Vögel in Europa, wenn auch nur ausnahmsweise, einen Winterschlaf halten.

Solche Fälle stehen durchaus nicht so vereinzelt da, wie wohl mancher denken mag. In den letzten Jahrzehnten haben wir es mehrmals erlebt, daß Schwalben in den naßkalten Herbsttagen – sehr verhängnisvoll waren für sie z. B. die ersten Oktobertage 1905 – nicht nur einzeln, sondern in ganzen Scharen zugrunde gingen. Selbst unter dürres Laub, unter Grasbüschel und dergleichen hatten sich ermattete Rauchschwalben versteckt, gemeinsam die Todesstunde erwartend. Daß man auch zwischen dem Schilf »ganz aneinanderhangende Bündel« von Schwalben aus dem Wasser gezogen haben will, erscheint unter solchen Umständen durchaus nicht so unmöglich, sondern ist leicht zu erklären. Wenn aber jeder Vogel, den einmal ein Fischer aus dem schilfigen Teich oder See herauszieht, nun sofort als Winterschläfer ausposaunt wird, wie es ehemals oft geschehen ist, so gibt es für solche Leichtgläubigkeit und Urteilslosigkeit keine Entschuldigung; denn das weiß jedes Kind, daß im Sommer und Herbst mancher Vogel den Hunden des Schützen, der auf Enten oder andere Wasservögel jagt, nur zu leicht dadurch entgeht, daß er zwischen das Schilf flattert und dort ins Wasser fällt. Auch der beste Hund findet nicht jede einzelne Beute.

Noch ein Schwalbenmärchen, das freilich mit Aberglauben gar nichts zu tun hat – nur das ewige Leben teilt es mit ihm – sei hier erwähnt. Dem Sperling, der sich in ein Schwalbennest einquartiert hat, so heißt es ganz allgemein, gehe es schlecht. Die erzürnten Schwälbchen kümmerten sich nicht um das »Besetzt, besetzt!« das ihnen der Eindringling zuruft, und mauerten den Spatz aus Rache einfach ein, daß er elend umkommen müsse.

Ein Märchen ist es. Wohl flattern und schreien die rechtmäßigen Besitzer, wohl schnappen sie im Fluge nach dem frechen Sperling; doch der weicht nicht von der Stelle. Nach ein oder zwei Tagen geben dann die Schwalben in der Regel ihre Angriffe auf, und der Spatz hat nun Ruhe. »Gesiegt, gesiegt!« so höhnt er, sobald noch ein Vogel vorüberfliegt. Wie sollten sich die ängstlich umherflatternden Schwalben auch soviel Ruhe und Überlegung bewahren, daß sie unmittelbar vor dem Kopf ihres zeternden Feindes die Öffnung des Nestes zumauerten, und – nun kommt die Hauptsache – so dumm ist unser Spatz, »der Allerweltsvogel, der pfiffige Gassenjunge, der Lausbub«, wahrhaftig nicht, daß er sich solch Einmauern bei lebendigem Leibe gutmütigst sollte gefallen lassen. Er hat auch einen Schnabel und weiß sich zu wehren.

Recht sonderbar ist der auch heute noch beim gemeinen Mann verbreitete Glaube, das Nest des grünen Erlenzeisigs, der so gern als Stubenvogel gehalten wird, sei unsichtbar. Ja man wollte mich sogar einmal Lügen strafen, als ich behauptete, den Zeisig beim Füttern seiner Nestjungen beobachtet zu haben, und das von mir vorgezeigte Nest, das mir einst ein Junge vom Baume herabgeholt hatte, wurde für ein solches vom Stieglitz oder vom Hänfling erklärt.

Es ist gar keine Frage, das Nest vom Zeisig gehört zu den Vogelnestern, die recht schwer aufzufinden sind. Meist steht es hoch oben in den Fichten oder Tannen, von Nadelzweigen und Flechten so gut verdeckt, daß es von unten und von den Seiten her in der Regel nicht gesehen werden kann, und wenn man in diesem Sinne von einer »Unsichtbarkeit« des Zeisignestes sprechen will, laß ich's wohl gelten. Selbst wer den Baum erklettert, findet es oftmals nicht, so genau er sich auch die Stelle, wo er die Vögel bauen oder mit Futter herzufliegen sah, gemerkt hat. Dazu steht das Nest meist auf dem schwanken Ende eines Astes, daß es höchstens von einem waghalsigen Jungen erreicht werden kann.

Ich habe auch einmal sagen hören, falls der Zeisig überhaupt brüte und sich nicht etwa auf eine »unnatürliche Art« fortpflanze, so müsse das während des Winters, wo die Vögel umherstreichen, in einer fremden Gegend geschehen; bei uns zulande wenigstens habe noch kein Mensch ein einwandfreies Zeisignest gefunden. Nun, ich kann nur feststellen, daß in den Nadelwäldern unsrer Mittelgebirge, wie im Thüringer Wald und im Harz, alljährlich genug Zeisige ihr Fortpflanzungsgeschäft im Frühjahr ganz ebenso betreiben, wie andere Finkenvögel auch. Und wenn man weiter fabelt, das Nest enthalte einen Stein, der ihm jene Unsichtbarkeit erst verleihe, und nur auf einer Wasserfläche spiegele es sich ab, so daß man dort wohl sein Bild, nie aber das wirkliche Nest sehen könne, so trägt solch Gerede auch nicht dazu bei, die Sache glaubwürdiger zu machen.

Besonders sind es unsre Hausfreunde, wie Storch, Schwalbe, Rotschwänzchen, um die man einen ganzen Kranz abergläubischer Vorstellungen gewunden hat. Zwar an den Storch als Kinderbringer, den »Adebar«, der die Mutter ins Bein beißt, daß sie das Bett hüten muß, glauben heutzutage selbst die kleinen sechsjährigen Mädel nicht mehr recht und die Buben gleich gar nicht; aber daß Störche auf dem Haus eine nahe Hochzeit oder Kindersegen bedeuten, daran hält man in unsrer Lausitz, wo es zum Glück noch immer ein paar besetzte Horste gibt, ebenso fest, wie in andern Gauen des niederdeutschen Flachlandes, die sich zahlreicherer Störche erfreuen. Soviel Junge im Nest, soviel Kinder sollen auch die Neuvermählten bekommen – natürlich nacheinander, im Laufe der Jahre; denn in Adebars Kinderstube werden gewöhnlich vier, bisweilen auch fünf Stück zur Welt gebracht.

Ebenso allgemein ist der Glaube, daß ein auf dem Hause brütendes Storchenpaar jede Feuersgefahr abwende; namentlich wird der Blitzschlag ein solches Gehöft nie einäschern. Ich kenne einen Fall in der Lausitz, wo eine Feuersbrunst tatsächlich vor einem durch Störche gefeiten Gute halt machte. Dadurch wird natürlich der Glaube, daß das Feuer dem Vogel und seinem Horst nichts antun könne, zur Gewißheit; noch die Urenkel werden davon erzählen, während die Fälle, wo sich der Schutz nicht bewährte, recht bald der Vergessenheit angehören. Ich werde der letzte sein, der es versucht, dem Lausitzer Bauer seinen Glauben auszureden; denn der liebe Mitbewohner des Hauses erscheint ihm ja wegen des Feuerschutzes, den er dem Hofe gewährt, nur um so wertvoller.

Fast ein heiliges Tier ist unser Hausstorch wie bei den Ägyptern der Ibis oder in Indien der Geier. Wehe wer einen Storch tötet oder ihm ein Junges raubt – Krankheit und Armut werden des Mörders Los. Ja, der Glaube an die Unverletzlichkeit und Heiligkeit des gefiederten Hausfreundes ist unserm Volke so in Fleisch und Blut übergegangen, daß selbst Forstbeamte – es sei ihnen zur Ehre angerechnet – davon abstehen, einen Storch zu schießen, auch wenn sie davon überzeugt sind, daß in ihrem Revier der langbeinige Vogel manchen Schaden anrichtet, indem er in den Feldern weidwerkt und neben Mäusen auch 'mal einen Junghasen erwischt oder ein bodenständiges Nest ausnimmt. Aber der Jagdberechtigte weiß auch, daß er gut daran tut, ein Auge zuzudrücken. Die ganze Gemeinde würde mit Recht empört sein, wenn es hieße, der Storch, ihr Gemeindestorch, sei dem Schrot des Jägers zum Opfer gefallen. Ich kenne einen solchen Fall aus unserer Heimat; doch steht er zum Glück vereinzelt da.

Wie der Storch, so sind es unsre beiden Schwalbenarten, die Rauch- und die Mehlschwalbe, die nicht nur in unsrer Heimat, sondern in ganz Deutschland und weit über die deutschen Grenzen hinaus als günstige Vorzeichen gelten. Fliegen die Schwalben über einem Hause häufig hin und her, auch wenn sie dort nicht ihre Nester gebaut haben, so wird ein Mädchen in diesem Hause bald Braut. Glück und Segen winkt dem kommenden Ehestand, wenn das erste, was die Brautleute beim Austritt aus der Kirche erblicken, ein zwitscherndes Schwalbenpärchen ist. Vom Himmel gesandt sind diese Vögel; »Himmelsvögelchen« nennt sie der Volksmund.

Wie dürfte jemand solch liebem Tierchen ein Leid zufügen! Wer ein Schwalbennest zerstört, sagt der Volksmund, zerstört sein eignes Glück, und gar eine Schwalbe zu töten ist eine schwere Sünde, die gen Himmel schreit; der Frevler wird furchtbar bestraft mit Krankheit oder mit schnellem Tod. Dieser fromme Aberglaube ist bei unsern Landleuten auch heute noch so lebendig, daß sie die Belästigung seitens der Schwalben durch Schmutz und Kot gern mit in Kauf nehmen. Selbst an heiliger Stätte duldet man die Vögel und läßt sie ruhig ihre Nester bauen; für jeden Kirchgänger ist's ja doch nur ein fröhlicher, trauter, anheimelnder Anblick, wenn die heiligen Vögel durch das Heiligtum des Herrn über der Gemeinde hin und her fliegen und ihre zwitschernden Jungen ätzen. Auch der Araber sagt: »Die Schwalbe preist Gott und beschmutzt die Moscheen.«

Der Aberglaube ist der wirksamste Geleits- und Schutzbrief für unsre Schwalben, mehr wert als jedes Gesetz. Und wer für seine Person auch nicht solchem Aberglauben zustimmt, den Anschauungen seiner Väter und Urväter gegenüber sollte er doch so viel Ehrfurcht haben, daß er sie als heilige Überlieferung aus längst vergangenen Tagen beachtet und sie weiter an seine Kinder und Enkel vermittelt. Auch von andern Tieren läßt sich eine ganze Reihe anführen, der Storch, der Marienkäfer, die Kreuzspinne u. a., für die alle der Aberglaube gewissermaßen die Krippe ist, die sie nährt, und der Schutzwall, der sie und ihr Haus sichert. Der Aberglaube hat eben auch seine guten Seiten.

Schwalben erfreuen sich auch als Wettervögel eines besonderen Rufes. Wenn sie am Morgen hoch in den Lüften segeln, so sagt man allgemein, wird der Tag schön, und sollten schon Gewitterwolken den Himmel bedecken, das Unwetter zieht seitwärts. Wenn die Schwalben aber unruhig unmittelbar über dem Boden oder an den Hauswänden dicht vorüberflattern, so bedeutet dies Regen »nach aller Vernünftigen Urteil«. Daß sich trotzdem einzelne der wetterkundigen Hausgenossen bisweilen verrechnen können, ersieht man aus dem bekannten Sprichwort: »Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.«

In der Volksmeteorologie spielen gerade die Vögel eine hervorragende Rolle; sie werden sehr häufig befragt. Für Schwankungen im Feuchtigkeitsgehalt, im Druck der Atmosphäre, sowie für Änderungen der Luftelektrizität haben sie, die leichtbeschwingten Bewohner des Luftmeers, gewiß eine viel feinere Empfindung als wir Menschen. Wer aber die Meinung vertritt, daß man aus dem Verhalten gewisser Vögel die Witterung auf Wochen oder Monate vorausbestimmen könne, daß die Vögel ein »Vorgefühl« für künftige Witterungsverhältnisse besäßen, noch ehe irgendwelche Veränderungen in der Atmosphäre eingetreten seien, der stellt Behauptungen auf, die jeder Begründung entbehren und die – wenigstens teilweise – mit unter den Begriff des Aberglaubens gehören.

Hätten die Zugvögel ein sicheres Vorgefühl für die kommende Witterung, so würde es ihnen nicht einfallen, so oft in ihr Unglück zu fliegen, wie Stare, Lerchen und Schwalben, die häufig unter einem strengen Nachwinter leiden müssen, und wenn sie den regenreichen Sommer geahnt hätten, so würden manche Schafstelzen, Goldammern, Wachtelkönige u. a. ihre Nester doch ein Stückchen mehr vom Wasser abgerückt haben, um der Hochflut nicht zum Opfer zu fallen. Wetterregeln, aus Beobachtungen an unserer Vogelwelt abgeleitet, gibt es unzählige. Bestätigen sie sich, so spricht man davon; treffen sie nicht zu, so vergißt man's. Wie beim Lotteriespiel ist's: der eine Gewinn läßt die Unmasse der Nieten verschmerzen; sie sind bald aus dem Gedächtnis verschwunden.

Nur einige solcher Regeln will ich anführen. Der Landbewohner schwört auf sie auch heute noch im Zeitalter des Barometers und der Wetterwarten mit ihren täglichen Prognosen. Er will weiter in die Zukunft blicken als nur 24 oder 36 Stunden.

Klappert der Storch fleißig im März, so gibt es einen schönen Frühling und einen warmen Sommer. Wenn die Stare zeitig im April brüten, so ist ein »Wonnemond« zu erwarten, der diesen Namen auch wirklich verdient. So lange die Lerche vor Lichtmessen (2. Februar) singt, so lange schweigt sie, des Nachwinters wegen, nach Lichtmessen still. Auf tiefen Schnee mag man sich vorbereiten, sobald die Saatgänse ziehen oder Bergfinken und andere Wintergäste einfallen. Spätbrütende Rebhühner prophezeien einen späten Winter.

Aus dem Ruf mancher Vögel schließt der Bauer auf Regen. Wenn die Elster viel gackert, der Pirol unausgesetzt flötet, der Wiedehopf so eigentümlich klagt, der Wendehals schreit und der Regenpfeifer seine Stimme hören läßt, dann soll man eilen, das ausgebreitete Heu zusammenzuraffen, denn der Regen ist im Anzuge. Andere wieder halten den schmucken Buchfink für den besten Wetterpropheten; wenn er seinen bekannten schrillen »Rulschton« hören läßt: »jörk, jörk«, dann dauert's nicht mehr lange, und es regnet in Strömen. »Gut-Wetter-Bot« ist dagegen die Bachstelze, das »Ackermännchen«, wenn es dem Bauer hinter dem Pfluge folgt, und die Lerche, wenn sie sich fröhlich trillernd in die Lüfte erhebt, nicht aber zwischen den Ackerfurchen sitzend eintönig ruft.

Der Hahn auf dem Hof ist schon seit alters ein guter Wetterprophet. Wenn er in den Nachtstunden kräht oder sonst auch nur heftig mit den Flügeln schlägt, so kommt Regen und Sturm; kräht er aber am Morgen anhaltend, so folgt ein schöner Tag. Das wußte schon Älian, und noch heute heißt's bei unsern Bauern genau so. Aber gleich den wissenschaftlichen Meteorologen ist auch der Hahn nicht gegen jeden Irrtum gefeit, und so hat man, damit er trotzdem in allen Fällen recht behalte, den schönen Reim ersonnen:

»Wenn der Hahn kräht auf dem Mist,
Ändert sich's Wetter oder – 's bleibt, wie's ist.«

Sobald es zu regnen beginnt, soll man auch die Hühner beobachten. Treten sie sogleich unter Dach oder suchen sie den Stall auf, so wird der Regen bald vorübergehen; laufen sie aber anfangs nur unschlüssig hin und her und lassen sie sich endlich durch die Nässe kaum noch stören, so hält der Regen wenigstens einen vollen Tag an. Auch wenn sich Hühner und Tauben im Sande baden, bedeutet es Niederschläge.

Man könnte ein ganzes Buch füllen, soviele Wetterregeln leitet der Bewohner des Landes aus dem Verhalten der Tiere, ganz besonders aus dem der Vögel ab. Der Ackersmann, der Schäfer, die Bäuerin, die daheim das Regiment führt, der Jäger, der Fischer, der Gärtner, der Waldarbeiter, der Seemann, kurz jeder, dessen Arbeit und Erwerb von der Witterung unmittelbar abhängig ist, hat seine Erfahrungen gesammelt. Außer den bereits genannten Vögeln wären noch Kranich und Fischreiher, der große Brachvogel – er wird geradezu »Gewittervogel« genannt – Misteldrossel und Ziemer, die verschiedenen Krähenarten, Dohle, Wachtel, Bekassine, Turtel- und Hohltaube, Schwarz- und Grünspecht, Wald- und Steinkauz, Sturmschwalbe, Möwe, Eisvogel, Sperling, Gans, Ente, Schwan, Perlhuhn, Pfau u. v. a. zu erwähnen, die alle mehr oder weniger gute Wetterpropheten sind.

Diese volkstümlichen Voraussagen schlechtweg unsinnig zu nennen, wäre töricht; aber wo die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Einbildung und wirklicher Erfahrung liegt, ist nicht festzustellen, handelt es sich doch wohl niemals um genaue Beobachtungen, die längere Zeit fortgesetzt worden wären.

Nur eine Prophezeiung will ich noch herausgreifen, die alle an Kühnheit der Logik übertrumpft. Sie weckt mir liebe Erinnerungen aus der Kinderzeit, indem sie meinem geistigen Auge, Geruchs- und Geschmacksorgan den verheißungsvollen Anblick, den lieblichen Duft und den köstlichen Genuß der gebratenen Gans daheim im Elternhaus wieder vorzaubert. Der liebe Martinsvogel stellte sich am 11. November, meinem Namenstage, stets ein. Sieht an diesem Tage das Brustbein des festlichen Bratens braun aus, so folgt ein frostreicher, aber schneefreier Winter; hat es dagegen eine weiße Färbung, so gibt's Schnee in Menge.

Ungemein groß ist die Rolle, welche die Tiere in der Volksmedizin früherer Zeiten, besonders im 16. und 17. Jahrhundert, gespielt haben. Man braucht nur die alten Medizinaltaxen oder Apothekerordnungen jener Zeit durchzusehen, und man wird über die Menge allein der einfachen Arzneimittel, der sogenannten »Simplicia« erstaunt sein, die dem Tierreich entnommen wurden.

Dresden schlug mit der Reichhaltigkeit seiner Hofapotheke jeden Mitbewerber auf diesem Gebiete aus dem Felde. Die sächsische Residenz galt von jeher als eine vornehme Stadt; war es nicht vornehm, daß sie auch viele und seltene Krankheiten in ihren Mauern beherbergte und die Hofapotheke für eine jede ein unfehlbares Heilmittel besaß? Die Apothekertaxe vom Jahre 1652 zählt nicht weniger als 190 Stücke aus dem Tierreich auf, darunter Augen, Gehirn, Fett, Galle, Magen, Federn, Mist der verschiedensten Vögel. Mit dieser Herrlichkeit ist's heute vorbei. Aber das Volk hat sich doch noch so manches erhalten; denn die Völker haben ein gutes Gedächtnis und bewahren, ganz wie die einzelnen Menschen, Eindrücke aus früher Kindheit gar getreu bis ins Alter.

Noch heute glaubt man ganz allgemein, nicht nur in unserm Erzgebirge oder im Thüringer Wald, sondern z. B. auch im Salzkammergut, daß der Kreuzschnabel, den die Gebirgsbewohner so gern im engen Drahtbauerchen halten, Gicht, Rheumatismus und alle »Flüsse« anziehe. Auch das Wasser, in dem sich der Kreuzschnabel gebadet hat, sei gut gegen die Gicht wie gegen Krämpfe. Nicht selten stirbt ja gerade dieser Vogel unter krampfartigen Erscheinungen schon nach kurzer Zeit der Gefangenschaft, und oft bezeugen es knollige Anschwellungen an seinen Füßen ganz deutlich, daß die Gichtknoten seines Pflegers auf ihn übergegangen sind.

Wer Kügelgens »Jugenderinnerungen eines alten Mannes« gelesen hat, der wird sich mit Vergnügen des originellen Landgeistlichen Roller, Pfarrherrn zu Lausa, erinnern, der alljährlich an die hundert Elstern im Backofen verkohlte und das so gewonnene schwarze Pulver als Medizin weithin versandte, sogar nach dem Harz und nach Schlesien, nach Hamburg, Königsberg und Wien. Ein fechtender Handwerksbursche hatte dem Pfarrer »die Tugenden« der gebrannten Elster, Alster, Schalaster, Hester, oder wie der langschwänzige Vogel sonst noch genannt wird, gepriesen, und Roller probierte die Sache nun an seinem Bruder Jonathan, der an epileptischen Krämpfen litt. Schon nach Monatsfrist war das Übel behoben; der Pfarrer aber, der von der Wirksamkeit des seltsamen Mittels fest überzeugt war, freute sich nun, daß ihm Gott einen Weg eröffnet habe, sich für die Heilung seines Bruders dankbar zu erweisen und wehrte beharrlich jede Bezahlung ab. Er verlangte nichts anderes von seinen Patienten, als einen gewissenhaften Bericht, wie die Medizin bekommen sei.

Noch heute ist »gebrannte Elster« ein Volksmittel gegen die »hinfallende Krankheit«. Einige wollen wissen, nur die »in den Zwölfen«, d. h. in den zwölf Tagen zwischen Weihnachten und Heil. Dreikönige (6. Jan.) geschossenen Elstern seien bei Krämpfen und Epilepsie heilsam; denn um diese heilige Zeit habe die Natur all ihre Wunderkräfte beisammen. Man glaubt auch, die Elster selbst sei mit der »schweren Krankheit« behaftet, und deshalb vermöge sie beim Menschen das Leiden zu heilen. Gleiches soll eben durch Gleiches vertrieben werden. Vielleicht hat das unruhige, allzeit quecksilberne Wesen der Elster Veranlassung gegeben, bei ihr epileptische Zufälle anzunehmen; doch scheint es mir näherliegend, daß man die Elster, die ein Hexentier ist, d. h. ein solches, in das sich Hexen und andere Dämonen gern verwandeln, aus dem Grunde mit Veitstanz und Fallsucht in Zusammenhang gebracht hat, weil dies Krankheiten sind, mit denen nach dem Volksglauben dämonische Mächte den Menschen heimsuchen.

Das leitet uns über auf das Gebiet des eigentlichsten Aberglaubens.

Bekannt ist das Kuckucksorakel: so viel mal der Vogel ruft, so viele Jahre hat der Frager noch zu leben. Schon i. J. 1221 wendet sich Cäsarius Heisterbach mit Entrüstung gegen diesen altheidnischen Aberglauben, und um dieselbe Zeit war's, da brach ein schon betagter Mönch sein Klostergelübde, weil ihm der Gauch noch 22 Jahre geweissagt hatte. Ob der prophetische Vogel in diesem Falle recht behalten hat, wird leider nicht berichtet. Sollte mich freuen, wenn's so gewesen wäre.

Heute wird wohl niemand mehr ähnliche wichtige Entscheidungen von dem Lenzesboten abhängig machen; man zählt die einzelnen Kuckucksrufe nur zum Spaß und aus alter Gewohnheit. Und doch, ich kenne Personen, die ganz still und niedergeschlagen wurden, als der Kuckuck, den sie befragten, nur zwei- oder dreimal seinen Ruf hören ließ. Solche Macht haben uralte abergläubische Vorstellungen noch in unserm Jahrhundert, auch wenn man sie als Dummheit erkennt.

Der Kuckuck war als Frühlingsbote, ebenso wie der Storch, dem Donar geweiht, der nicht nur als Herr des Gewitters, sondern auch als Frühlingsgottheit verehrt ward. Donar weckte das Leben auf der Erde, gab reichen Erntesegen und beschenkte die Ehen mit Nachkommenschaft. So ward sein Bote, der Kuckuck, zum Lebensvogel, den man nach der Zahl der Lenze befragt, die uns die Gottheit noch beschieden hat, der durch seinen oft wiederholten Ruf dem Landmann Berge von Gold verspricht, daß er die Geldstücke im Sack schon klappern hört, wenn auch nur erst die grünen Spitzen der Saat aus dem Boden hervorschauen und die Obstbäume nur aus ihrem Blütenansatz auf eine reiche Ernte hoffen lassen. Auch den heiratslustigen Dorfschönen erteilt der Kuckuck auf manch' vorwitzige Frage bereitwilligst Auskunft.

Ob er einst verklingen wird in ferner Zukunft, dieser Glaube an den göttlichen Vogel? Weit länger als ein Jahrtausend ist's her, da hat christlicher Eifer die heidnischen Götter entthront und zu Dämonen gestempelt; aus den ihnen geweihten Tieren aber hat er Teufel und Hexen gemacht. »Hol dich der Kuckuck!« – »Geh zum Kuckuck!« – »In Kuckucks Namen« und was derartige schöne Redensarten mehr sind, bei denen sich hinter dem Kuckuck der Teufel versteckt. Der »Lebensvogel« wird aber über diese barbarische Vergewaltigung seiner Person schließlich doch den Sieg davontragen. Ich glaube, so lange der Kuckuck in unsern deutschen Ländern seinen Ruf erschallen läßt, so lange wird auch unser Volk sich den alten Glauben an die prophetische Gabe des geheimnisvollen Vogels bewahren. Jedes Frühjahr weckt ihn von neuem – unsterblich die Erinnerung des Volks an seine Kindheit.

Rechte Hexentiere sind auch die Eulen, die einst als Sinnbild der Wachsamkeit, der Weisheit, des tiefen Denkens und unermüdlichen Forschens von einem nach Schönheit und Weisheit strebenden Volk der helläugigen Pallas Athene geweiht waren. In der christlichen Kunst ward die Eule zum Symbol heidnischer oder irdischer Torheit; ein Kreuz, das man häufig über ihrem Kopfe anbrachte, sollte den Sieg der Kirche über jede teuflische Lehre bedeuten. Und noch heute bekreuzigt sich mancher, wenn das niedliche, harmlose Steinkäuzchen sein helles »kuwitt« und dann das gedämpfte »boh boh« hören läßt. »Das Leichen- oder Totenhuhn, die Wehklage oder Klagemutter ruft: komm mit, komm mit, auf den Kirchhof, hof, hof! Der Vogel kündet den Tod an.« Und nicht etwa nur das ungebildete Volk, nein auch viele andere, die sich unendlich erhaben dünken, glauben dem Unheil kündenden Vogel; oder wenn sie's auch nicht glauben, sie können sich doch eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren, wenn sie das Käuzchen schreien hören.

Natürlich hat in erster Reihe das nächtliche Treiben die Eulen in Verruf gebracht. Völlig geräuschlos, geisterhaft wie ein Schatten gleiten sie an dem Wanderer vorüber, und es funkeln ihre riesigen Augen. Wenn sich der Uhuruf mit dem Brausen des Sturms paart, der im Hochwald tobt, daß die Bäume ächzen und stöhnen, gibt's ein grausig Geheul. An dem Mond jagen die Wolken vorüber, daß sein Licht bald verdeckt wird, bald wieder hell hervortritt zwischen den im Sturme schwankenden Baumkronen. Selbst des Mutigsten Seele wird mit Bangen und Grauen erfüllt. Ist es ein Wunder, daß unsre Altvordern gerade der wilden Sturmes- und Wolkengöttin die Eule als ihr Tier neben der nächtlichen Wildkatze geweiht haben! Zu Hexentieren sind beide unter dem christlichen Einfluß geworden, gehaßt und verfolgt vom unverständigen Volk. Und unter diesem Haß hat die Hauskatze, die die Stelle ihrer wilden Verwandten eingenommen hat, noch heute ebenso zu leiden wie sämtliche Eulen, die nützliche Schleiereule wie der niedliche Steinkauz.

In meiner Jugendzeit sah man es gar nicht selten, daß der Landwirt eine Eule mit ausgebreiteten Flügeln an das Scheunentor oder an die Tür des Viehstalls genagelt hatte. Ich glaubte, diese Unsitte habe sich längst überlebt; aber erst vor kurzem hat mich der gleiche Anblick – es war in der Lausitz – von neuem überzeugt, wie tief doch abergläubische Vorstellungen in unserm Volk wurzeln. Vor Verhexung will der Bauer sein Gehöft schützen. Den herumstreichenden Dämonen, die das Vieh mit bösem Zauber bedrohen, soll das gekreuzigte Tier gewissermaßen zurufen: »Laßt ab von dem Gut! ihr seht, wie's solch nächtlichem Gelichter ergeht!« Allen Verständigen aber, die es sehen, ist die angenagelte Eule nur ein Zeichen dafür, daß Dummheit, Aberglauben, Undankbarkeit und Bosheit unter den Menschen nicht aussterben.

Eine mittelalterliche Hexenküche ohne Eulen wäre nicht denkbar. Und wenn auch das Licht der Wissenschaft in diese Werkstätten menschlicher Afterweisheit hineingeleuchtet hat, es wird doch auch noch heute in verborgenen Winkeln mit Geisterbeschwören, Schatzgraben, Bereitung von allerlei Tränklein viel Hokuspokus getrieben, und die Rolle dämonischer Tiere, wie Elster, Eule, aber auch Katze, Fledermaus, Schlange, Kröte, Salamander u. v. a. ist noch immer nicht ausgespielt.

Zäh hält das Volk an den alten Vorstellungen fest – jahrtausendelang fließt das Wasser in dem einmal errungenen Bett.