Schutz den schutzlosen Kriechtieren und Lurchen!
Unter den Wirbeltieren sind die Kriechtiere und Lurche die einzigen, die jedes gesetzlichen Schutzes entbehren. Strenge Jagdgesetze nehmen sich vieler Säugetiere und einer großen Anzahl von Vögeln an; nur der Jagdberechtigte darf sie erlegen, und wenn es nicht gerade Raubtiere sind, so genießen sie fast alle eine gesetzliche Schonzeit, die sich freilich in den einzelnen Ländern des Deutschen Reichs auf etwas verschiedene Zeiten erstreckt. Außerdem stehen die meisten nicht-jagdbaren Vögel unter der schirmenden Hand des deutschen Vogelschutzgesetzes, das sich ihrer und ihrer Brut in weitgehendem Maße annimmt. Jedes Schutzes bar sind nach diesem Gesetz nur wenig Vogelarten, ja nach unsern sächsischen Gesetzen keine einzige; selbst die Sperlinge sind nur unter gewissen Einschränkungen »vogelfrei«. Für die Fische sorgen Fischereigesetze in den einzelnen Ländern – nur die Kriechtiere und Lurche sind rechtlos, »vogelfrei«, der Willkür eines jeden preisgegeben. Wenn es sich nicht gerade um Ärgernis erregende Tierquälerei handelt, kann jeder mit diesen Geschöpfen machen, was er will, wozu ihn die Laune treibt. Ungestraft darf er sie und ihre Brut vernichten; da ist kein Gesetz, das ihn hindert. Jedem Tagedieb steht es frei, hinauszuziehen an den Teich, an den Sumpf, an den feuchten Graben der Wiese, an die steinige Halde, in den Buchenwald und dort einzufangen, so viel immer er will, die Läden der Händler in der Großstadt zu füllen. Und wenn es die letzte Ringelnatter am Bachesrand wäre oder der einzige Tümpel in der ganzen Umgebung, den Tritonen und Salamander beleben: er darf, falls sonst kein Einspruch des Besitzers aus besonderen Gründen erhoben wird, das Gewässer ausfischen, den Berghang absuchen und alles mitnehmen, was ihm zur Beute wird, bis auf den letzten Rest.
Was ist der Grund für solche Vernachlässigung und Zurücksetzung der genannten Geschöpfe gegenüber dem weitgehenden Schutz, den namentlich die Vogelwelt allenthalben genießt?
Die Antwort ist nicht schwer. Der leichtbeschwingte, sangesfreudige Vogel ist der Liebling nicht etwa nur einzelner Naturfreunde, sondern aller Kreise unseres Volkes, und wo die Vogelwelt vielleicht doch noch nicht ganz die Teilnahme gefunden hat, die sie verdient, da ist es uns Naturfreunden leicht, für sie einzutreten und um Schutz und Pflege zu werben. Dabei wird man wohl zuerst den großen Nutzen, den so viele Vögel für den Land- und Forstwirt, den Gärtner und Obstzüchter besitzen, ins rechte Licht stellen; denn in der Natur des Menschen ist's nun einmal begründet, daß er in oft recht engherziger Weise zunächst nach seinem eignen Vorteil fragt. Dann aber wird man auch an den freien, fröhlichen Flug erinnern, an die holdselige Stimme so vieler Vögel, an ihr Familienleben, sowohl an das innige Verhältnis der Gatten zueinander, wie an die aufopfernde Liebe der Eltern zu ihren Kleinen, ja selbst zu fremden verwaisten Vogelkindern. In all diesen Wesenszügen wird der Vogel kaum von einer andern Tierklasse erreicht, von keiner übertroffen. Und so sind die Vögel, die Lieblinge der Schöpfung, auch die Lieblinge des Menschen geworden. Sie stehen unserm Herzen, unserm ganzen Gefühlsleben näher als alle andern Geschöpfe, wenigstens wenn wir von den Haustieren absehen.
Wie anders dagegen Eidechsen, Frösche, Molche oder gar Kröten und Schlangen! Ihr bloßer Anblick flößt, wenn auch ungerechtfertigterweise, vielen Menschen Ekel und Abscheu ein. Die schwerfälligen Bewegungen der Kröten und Erdsalamander, die gewiß, ich gebe es zu, der Anmut entbehren, sind manchen geradezu widerlich; aber auch der hastige Lauf der zierlichen Eidechsen, wenn sie über das kurzrasige Gras oder den steinigen Weg hurtig wie die Mäuse dahinhuschen, flößt schreckhaften Menschen Angst ein; das lautlose Hingleiten der Schlangen ist vielen unheimlich, und selbst der hüpfende Frosch ruft in schwachbesaiteten Gemütern Entsetzen hervor. Fast auf jede Weise bewegen sich die Kaltblüter fort: sie kriechen und hüpfen, sie schwimmen und rennen; aber immer finden die Menschen etwas daran auszusetzen. Selbst wenn die Kröten und Echsen fliegen könnten, ich glaube, es würde auch keinem recht sein.
Es gibt Menschen, denen sind Spinnen und Würmer ebenso schreckliche Wesen, und ich kenne Damen, die laut aufkreischen, wenn ihnen 'mal ein summender Maikäfer oder ein Mistkäfer in die Nähe kommt oder gar eine Fledermaus ihnen um die wuschligen Haare flattert, die echten oder die falschen – entsetzlicher Gedanke! Aber es scheint mir, die Abneigung gegen die Kriechtiere und Lurche ist doch noch viel allgemeiner verbreitet; es findet sich so selten 'mal einer, der diesen verachteten und verfolgten Tieren freundlich gesinnt ist. Und selbst wenn man mit verständigen Gründen solche Vorurteile zu widerlegen sucht und gütlich zuredet, sich doch den Salamander, die Blindschleiche, den Frosch genauer zu betrachten, die Tiere wohl auch 'mal in die Hand zu nehmen, so begegnet man bei fast allen dem hartnäckigsten Widerwillen. »So kalt und so naß!« heißt's beim Frosch, bei der Schlange: »so glatt!« und bei der Kröte: »so ekelhaft und giftig ihr Schleim; ich werde mich hüten.«
Doch nicht bloß ihre äußere Erscheinung, auch die Lebensweise der Kriechtiere und Lurche ist vielen höchst unangenehm. An dunkeln Orten, in feuchten Löchern hausen sie, in Morästen und Sümpfen; sie scheuen vielfach das Licht des Tages, wie Kröten und Unken, die erst gegen Abend recht lebendig werden: kurz, es sind unheimliche Geschöpfe. Kein Wunder daher, daß sich der Aberglaube ihrer bemächtigt hat, mehr als irgend einer andern Tierklasse. Die meisten Menschen wissen nicht viel von unsern Kaltblütern zu sagen; wenn sie aber etwas von ihnen berichten, dann sind's gewöhnlich erlogene, abergläubische Märchen; auf jeden Fall aber ist's etwas Böses.
Gern räume ich ein, daß es auch gescheite Leute gibt – meine Leser rechne ich alle dazu, auch bin ich so glücklich, persönlich solche zu kennen – die nichts wissen wollen vom bösen Blick der Schlangen, vom Unglück verkündenden Unkenruf, und was derartige Märchen mehr sind; aber diese abergläubischen Vorstellungen, teils Jahrtausende alt, liegen gewissermaßen in der Luft; sie umgeben die Tiere, von denen wir sprechen, wie ein übler Dunstkreis und tragen wesentlich zu dem Abscheu bei, den die große Menge beim Anblick unsrer Kriechtiere und Lurche empfindet.
»Geh mir mit solch giftigem Gewürm ein für allemal aus dem Wege!« wie oft habe ich's hören müssen, wenn ich als Junge seelenvergnügt eine Ringelnatter in der Hand hielt oder in der Einmachbüchse, die ich der Mutter entwendet hatte, später in meiner »zoologischen Botanisiertrommel« Eidechsen oder ein paar buntfleckige Molche mit heimbrachte! Und wie oft sehe ich's heute noch: am Wiesenweg eine Natter, die man in roher Weise gesteinigt hat, am Waldesrand eine mit Rutenschlägen getötete Blindschleiche, an der Parkmauer eine halbtote Kröte; erst wenn die Sonne untergeht, kann sie sterben, behauptet der Volksglaube.
Der Haß gegen diese Tiere und ihre Verwandten ist ganz allgemein; jeder glaubt ein Recht zu haben, sie zu vernichten, ja er schwatzt sich's vor, es sei seine Pflicht, und mancher dumme Junge fühlt sich als ein Held, als ein Ritter Georg, weil er eine unschuldige Natter oder Blindschleiche erschlagen hat. Immer nur Ausnahmen, wenn sich 'mal jemand dieser hart verfolgten Tiere erbarmt, und wer für sie eintritt, findet kaum je Gehör, ja mit Spott und Hohn antwortet man ihm.
Aber gilt es nicht auch von diesen Kleinen und Schwachen, den Verachteten und Verfolgten, daß sie Kinder der Natur sind, unsrer gemeinsamen Mutter, der wir Verehrung und Liebe zollen sollen? Gehören sie nicht auch mit zu denen, die der große Dichter »meine Brüder im stillen Busch und im Wasser« nennt? Ihr Leben mutwillig zu vernichten, dazu haben wir kein Recht. Hat sich die Schöpfung etwa nur deshalb mit Pflanzen und Tieren geschmückt, »ein jegliches nach seiner Art«, daß wir uns an ihnen vergreifen sollen, sei es aus Roheit, sei es aus törichter Selbstüberschätzung? Heißt das nicht zerstören und verstümmeln, was uns erheben, erquicken, erbauen und erziehen soll! Naturschänder sind es, die anders denken und handeln, und Naturschänder sind mir immer als die erbärmlichsten Menschen erschienen. Die Natur, die uns der Inbegriff alles Schönen sein soll, muß uns auch ein Heiligtum sein, in noch höherem Grade unverletzlich und unantastbar als das größte Kunstwerk. Dieses hat Menschengeist ersonnen und Menschenhand gebildet; die Natur aber trägt den Stempel der Gottheit.
Wer an der Natur frevelt, vergeht sich aber nicht nur an dieser, sondern zugleich an seinen Nebenmenschen, deren natürlichste und deshalb heiligste Rechte er mißachtet und beeinträchtigt. Denkt denn der Frevler, der eine Blindschleiche, eine unschuldige Schlange niederschlägt, nicht daran, daß noch andere des Weges kommen, denen der Anblick eines solchen Tieres Freude bereitet, die den schlängelnden Bewegungen der Natter mit Vergnügen zuschauen, ebenso dem flinken Lauf der zierlichen Eidechsen, wenn deren Gewand im Sonnenstrahl funkelt und gleißt, als sei es mit hundert Smaragden geschmückt, die auch gern 'mal solch Tierchen in die Hand nehmen, um es noch genauer zu betrachten: das allerliebste Schuppenkleid, die wie Perlen blitzenden Äuglein, die tastende Zunge. Nun sieht man das Tier, das noch vor kurzem sich seines Lebens freute und so manchen Naturfreund erfreut hätte, kläglich erschlagen am Boden. Der Frevler hat mit roher Hand allem ein Ende bereitet: dem unschuldigen Tierchen und der unschuldigen Freude. Hat nicht jeder, auch der Ärmste ein Anrecht an die Natur?
Von mancher Seite hat man der Terrarien- und Aquarienliebhaberei den Vorwurf gemacht, daß sie wesentlich zur Verödung der Natur beitrage. In der Tat hat diese Liebhaberei während der letzten Jahre vor dem Weltkriege in weiten Kreisen unsrer Bevölkerung bei jung und alt Eingang gefunden, zum Teil auf Kosten der Stubenvogelpflege, während in meiner Jugendzeit meist nur wir Kinder solch innigen Verkehr mit unsern heimischen Kaltblütern pflegten. Das wachsende Interesse an den genannten Geschöpfen kann ich nur mit Freude begrüßen. Wer Gelegenheit hat, diese Tiere näher kennen zu lernen, wird sie auch lieben lernen. Was man aber liebt, das sucht man zu erhalten und zu schützen. Und so liegt es mir ganz fern, den Freund und Pfleger von Schlangen, Eidechsen, Molchen u. dgl. tadeln zu wollen, wenn er im Frühjahr auszieht, um seinem Terrarium oder Aquarium daheim, an dem er seine Freude hat, Ersatz zu schaffen für das, was ihm der Winter geraubt hat. Der verständige Freund der Natur wird durch Schutz und Pflege seiner Lieblinge draußen in Wald und Flur, in Sumpf und Teich der Heimat reichlich vergelten, was er ihr raubt. Das gilt vom Terrarien- und Aquarienliebhaber genau so wie vom Freund und Pfleger der heimatlichen Stubenvögel.
Aber den Umstand beklage ich tief, daß nun Fänger von Profession diese an sich erfreuliche Liebhaberei zu einem Geschäft ausnutzen, indem sie im Frühling Tag für Tag mit ihren Fanggeräten zu erbeuten suchen, so viel sie nur können, Massenfang treiben der übelsten Art. Der Händler nimmt alles, je mehr, desto besser; er hat für alles Verwendung. Was bei unsachgemäßer Pflege krepiert, kommt in Spiritus und findet auch dann seine Abnehmer. Und so wimmelt es zu manchen Zeiten in den zur Schau gestellten Glaskästen der sog. »Zoologischen Handlungen« der Großstädte von zierlichen Eidechsen, von Nattern und Blindschleichen, von Erdsalamandern, von Tritonen und Molchen. Wirkliche Raubzüge werden gegen die heimatliche Natur unternommen. Nicht die Tierpflege an sich verurteile ich, sondern den Massenfang, wie er zumeist von arbeitsscheuen, recht zweifelhaften Personen Jahr für Jahr des Geldgewinns wegen betrieben wird. Ihnen sollte wie den Vogelstellern durch gesetzliche Bestimmungen das lichtscheue Handwerk gründlich gelegt werden. Freilebende Tiere zur Massenware zu erniedrigen, ist ein Unrecht.
Was nun aber fast ebenso schlimm, jeder kann diese lebende Ware für verhältnismäßig wenig Geld beim Händler erstehen. Da mag so mancher, der die Tiere im Schaufenster sieht, denken, solch ein Behältnis mit Schlangen und Eidechsen, solch Wassergefäß mit Molchen könntest du dir in deinem Zimmer auch einrichten, und er setzt nun die Ringelnatter, den Laubfrosch, den Erdsalamander den ganzen Tag der Sonnenbestrahlung aus, bringt die Tritonen in ein gefülltes Wasserglas, wo sie kein Plätzchen zum Ausruhen finden, und um die Nahrung der Tiere kümmert er sich auch nur wenig. Die ist schwer zu beschaffen; wen der Hunger plagt, so denkt er, wird nicht wählerisch sein. Unter solchen Umständen gehen die armen Geschöpfe natürlich sehr bald zugrunde. Dann ist die ganze Herrlichkeit aus, und am Ende freut sich der Besitzer, der von Tierpflege keine Ahnung hat, daß er die Sache wieder los ist. Der Händler aber hat für die ganz zwecklos geopferten Tiere schon längst wieder Ersatz.
Das sind natürlich Auswüchse der Tierliebhaberei, Nebenerscheinungen, die aber vom Standpunkte des Naturschutzes aus sehr zu beklagen sind. Freilich den meisten Menschen wird's gleichgültig sein, handelt es sich dabei doch bloß um Eidechsen, Molche und ähnliches Getier, und solch »Ungeziefer« hat keinen wirtschaftlichen Wert, wie ihn z. B. der Vogel besitzt, ist auch für den Haushalt der Natur ganz gleichgültig.
Dieser allgemein verbreiteten Ansicht kann nicht scharf genug widersprochen werden. Gewiß, unserm Fühlen, unserm ganzen Innern steht der Vogel viel näher als Blindschleiche oder Unke; aber was den wirtschaftlichen Nutzen der Vogelwelt betrifft, da sind doch nicht wenige unsrer gefiederten Freunde, die manchen Schaden und Ärger anrichten und die das Gesetz doch in seinen Schutz nimmt, und zwar mit größtem Recht; denn der Geldbeutel allein darf nicht den Ausschlag geben.
Wie steht es aber in dieser Beziehung mit den Kriechtieren und Lurchen? Ich muß diese leidige Frage nach Nutzen und Schaden, so sehr es meinem Gefühl zuwider ist, hier in den Vordergrund stellen, weil man bei unsern Tieren so gar nichts anerkennen will, was ihnen Daseinsberechtigung geben könnte. Das Quaken der Frösche ist den Anwohnern des Teiches verhaßt, die Schlangen sind allen greulich, heimtückisch, gefährlich, widerlich die ganze Gesellschaft. Ich sprach mit einer jungen Dame über unsre heimische Tierwelt und wie so viele schuldlos verfolgte Geschöpfe dringend unseres Schutzes bedürfen. »Sie wollen sich doch nicht etwa auch noch der giftigen Schlangen und Salamander, der Eidechsen und Molche annehmen?« fiel sie mir ins Wort. »Sagen Sie 'mal, Herr Professor, wozu sind denn eigentlich die entsetzlichen, scheußlichen Kröten auf dieser Welt?« »Wozu, mein verehrtes Fräulein,« entgegnete ich, »sind denn eigentlich Sie da? Sie haben Ihren Beruf zu erfüllen im Haus, in der Familie, in der menschlichen Gesellschaft, genau wie jedes andere Geschöpf in seinem Kreise, und wenn Sie Ihrer Aufgabe in allen Stücken so treu und gewissenhaft nachkommen wie die Kröten, die Ihnen so zuwider sind, dann alle Hochachtung vor Ihnen! Übrigens haben Sie sich eine Kröte gewiß noch nicht genau angesehen; sonst müßten Sie wenigstens etwas Schönes an ihr finden, und das sind – erschrecken Sie nicht! – ihre Augen.«
In mildem Goldglanz schauen die Krötenaugen uns so treuherzig und innig an, als wollten die Tiere sagen: Tu uns nichts zuleide! Es liegt etwas unaussprechlich Wehmütiges in diesem milden Blick, etwas von der stillen Poesie des Weihers mit seinen Nixen und Elfen, die sich nach dem Reiche der Menschen sehnen, etwas von märchenhaftem Waldeszauber, etwas Ahnungsvolles und Unwirkliches. Man denkt an den verwunschenen Prinzen, an die Kröte mit dem goldnen Krönchen, von denen die Großmutter uns Kindern so oft erzählte. Krötenaugen blicken ebenso sanft und träumerisch, so innig und seelenvoll wie die schönen Augen meines Rotkehlchens oder draußen am Waldbach die großen braunen Augensterne der Wasseramsel, und ich kann's nicht verstehen, daß Krötenaugen geradezu zum Sinnbilde der Häßlichkeit geworden sind. Wenn man eine Dame anschwärmen würde: »Sie einzig Verehrte, mit Ihren Krötenaugen!« so würde das, so ehrlich es der Freund und Kenner jener Tiere vielleicht auch meint, als eine Beleidigung gelten. Nun, eine Beleidigung, ich gebe es zu, mag es in manchen Fällen auch tatsächlich sein, wo man solchen Vergleich zieht, aber niemals eine Beleidigung für das weibliche Wesen.
Doch zurück zur Frage nach Nutzen und Schaden. Raubtiere sind sie alle, die Reptilien so gut wie die Lurche, nur daß letztere in ihrem Jugendzustande, z. B. als Kaulquappen, an verwesenden Pflanzenstoffen herumnagen. Außer Daphnien, Cyklopiden und andern Krebstierchen werden von allen Lurchen die verschiedenen Mückenarten, Würmer, Schnecken, Larven und Puppen von Wasserinsekten, daneben die Jugendformen der eignen Verwandtschaft verzehrt. Der gewalttätigste Lurch ist unser Wasserfrosch, der Musikant. Insekten und Insektenlarven aller Art, Spinnen, Schnecken, Würmer, Kaulquappen, Fischbrut, selbst kleine Fischchen, aber auch junge Blindschleichen, Wassermolche: alles würgt er hinunter. Der zierliche Laubfrosch hat es auf Fliegen, Kleinschmetterlinge, glatte Räupchen und auf allerlei Würmer abgesehen. Die Kröten und Unken leben gleichfalls von Insekten, Asseln, Spinnen, Tausendfüßern, Nacktschnecken und Würmern.
Auch unsre Kriechtiere sind Räuber; sie erjagen lebende Beute. Die Kreuzotter nährt sich von Mäusen aller Art, von Spitzmäusen, auch Eidechsen, die sie durch ihren giftigen Biß sehr schnell tötet; selbst jungen Vögeln mag sie bisweilen gefährlich werden. Die glatte Natter, auch Haselnatter genannt, macht besonders gern auf Eidechsen Jagd, während die Ringelnatter mit Vorliebe Laub- und Grasfrösche frißt. Als gute Schwimmerin jagt sie aber auch im Wasser nach kleinen, etwa fingerlangen Fischen und Salamandern. Vor der gelbbauchigen Unke freilich und dem Erdmolch scheut sie sich, gleich allen andern Lurchjägern; denn schwarz und gelb, unsre Dresdner Stadtfarben, sind Schreckfarben – natürlich nur in der Tierwelt. Die Eidechsen sind hinter allerlei Kerbtieren her und und verstehen sie sehr geschickt zu erwischen: Grillen, Heuschrecken, Schmetterlinge, Fliegen, Käfer; dazu fressen sie Würmer, Nacktschnecken, ja sie überfallen selbst schwächere Artgenossen, während die Blindschleichen, schwerfälliger in ihren Bewegungen, auf den Fang von Regenwürmern, Schnecken und glatten Raupen angewiesen sind.
Aus diesen Beispielen ergibt sich, daß von einem besonderen Schaden der Reptilien und Amphibien nicht die Rede sein kann, abgesehen von der giftigen Kreuzotter, die aber doch nur in einzelnen Gegenden Deutschlands häufig auftritt. Ja, die meisten Mitglieder dieser beiden Wirbeltierklassen stiften durch die Vertilgung von Würmern und Nacktschnecken ganz entschieden Nutzen. Daß sie auch viele Insekten verzehren, wollen wir ihnen nicht besonders anrechnen; denn unter den Kerbtieren gibt es nützliche, wie schädliche Arten, und in dieser Beziehung wird keine Echse, kein Lurch eine Auswahl treffen. Daß aber manche Wasserinsekten, die der Fischerei Schaden bringen, den Ringelnattern und Fröschen zum Opfer fallen, darf nicht unerwähnt bleiben.
Besonders groß erscheint mir der Nutzen der Kröten. In Gärten, besonders wo Erdbeeren oder Salat gepflanzt sind, da sollte man sich nur freuen, wenn man ein paar Kröten begegnet; sie sind die stärksten Vertilger der schädlichen Nacktschnecken. Das wußte schon vor einem halben Jahrhundert mein Vater; er hieß uns Kinder, wenn wir 'mal auf einem Spaziergang eine Kröte antrafen, den Lurch mitnehmen und ihn in unsern Gemüsegarten setzen. Wir freuten uns stets, wenn wir dort den dicken, wohlgenährten Kröten begegneten und sagten ihnen für ihre freundliche Unterstützung im Kampfe gegen mancherlei Ungeziefer »danke schön!« Später habe ich gelesen, daß englische und belgische Gärtner den Nutzen der Kröten schon seit langer Zeit erkannt haben und daß bei ihnen hier und da Kröten auf den öffentlichen Märkten feilgeboten werden, um als Schutztruppe in den Gärten Verwendung zu finden.
Unsre Kaltblüter haben eine große Menge natürlicher Feinde, infolgedessen es ganz ausgeschlossen erscheint, daß Kriechtiere und Lurche, selbst wenn wir ihnen jeden erdenkbaren Schutz gewähren wollen, überhandnehmen könnten. Die gegen früher veränderten Kulturverhältnisse, die sich nicht wieder zurückschrauben lassen, haben die Lebensbedingungen unsrer Kaltblüter sehr ungünstig gestaltet, und so wird es uns höchstens gelingen, einzelne seltene Arten, deren Bestand gefährdet erscheint, vor dem völligen Untergang zu retten. Die große Masse aber muß zusehen, daß ihre starke Vermehrung die Verluste immer wieder ausgleicht, die ihnen so viele Feinde bringen. Die Eidechsen werden von den Schlangen verfolgt, von Raubvögeln, Krähen, Würgern, von Reihern, Störchen, Haushühnern, von Marder und Wiesel, von Igel, Dachs, Fuchs u. a., und fast all diese Eidechsenjäger sind auch Feinde, oder besser Liebhaber der Schlangen. Selbst der Kreuzotter hilft ihr tödliches Gift nichts; sie wird vom Storch überwältigt, ebenso vom Igel.
Den Lurchen geht es nicht besser wie den Kriechtieren; »alles, alles will sie fressen!« Störche und Reiher, Bussarde, Krähen, Dohlen, Elstern, Fischottern, Dachs, Wiesel, Iltis sind hinter ihnen her. Dazu haben sie viele Feinde in ihren eignen Reihen und unter den Schlangen. Die zarten Froschkeulen erfreuen sich auch im Tierreich vieler Verehrer.
Natürlich bin ich weit entfernt, den genannten Lurch- und Reptilienjägern einen Vorwurf zu machen. Sie sind es ganz gewiß nicht, denen der Rückgang unsrer Kaltblüter zur Last fällt. Den Menschen trifft die Schuld an der Verödung der Heimat, an der Vernichtung ganzer Tiergeschlechter. Man vergegenwärtige sich nur, wie die Landwirtschaft heute jedes Winkelchen ausnutzt, die feuchten Wiesen entwässert, die Feldgehölze und Hecken vielfach beseitigt. Sümpfe werden ausgetrocknet und in Ackerboden verwandelt, Flußläufe geregelt, daß das Wasser zwischen öden, geradlinigen Steinmauern in einer Rinne dahinfließt; die Bäche werden ihrer natürlichen Ufervegetation beraubt, Teiche, Flußarme und Altwässer zugeschüttet und die schönen Auenwälder dem Untergange preisgegeben. Die Forstwirtschaft begünstigt immer mehr das Nadelholz, Kiefern und Fichten, wenigstens ist im Laufe der Jahre an die Stelle so manches schönen Buchenbestandes, der den Boden feucht hielt, einförmiges Fichtenholz getreten. Unter all diesen Maßnahmen unsrer Zeit haben Lurche und Reptilien schwer gelitten, schwerer noch als die Vogelwelt; ihrer versteckten Wohnsitze sind sie beraubt worden. Die Vögel wandern aus, wo sie nicht mehr ihre Lebensbedingungen finden; aber die Amphibien eines Sumpfes, eines Teiches gehen samt ihrer Brut zugrunde, sobald das Gewässer zugeschüttet wird. Die Industrie ist unsern Tieren auch feindlich gesinnt. Die Fabriken, die heute auch in das entlegenste Gebirgstal vorgedrungen sind, verseuchen und vergiften fast jeden Graben, jeden Bach; die Kläranlagen sind ja doch nicht imstande, dem Wasser seine natürliche Beschaffenheit wiederzugeben. Ist's da ein Wunder, wenn die Bewohner des fließenden Elements, die Amphibien, Fische u. a. immer seltener werden, ja aussterben?
In dem trocknen Sommer 1911 weilte ich in meiner Heimat an der Freiberger Mulde. Das war kein Wasser mehr, was im Flußbett talab floß, sondern ein Sammelsurium chemischer Lösungen, in denen kein höheres Lebewesen sich hätte aufhalten können. Ein paar »Jungens« kauerten am kahlen Uferrand und machten sich den Spaß, die Gasblasen anzubrennen und explodieren zu lassen, die auf dem Wasser schwammen. Es war just dieselbe Stelle, die mir vor vierzig Jahren als Jagdrevier auf Ringelnattern so lieb war. Dann führte mich der Weg nach dem Nachbardorf, in dessen Mitte ich den Dorfteich mit seiner reichen Pflanzenwelt vergeblich suchte. Großstädtisch war alles geworden: ein Promenadenplatz mit sein paar gußeisernen Bänken. Die Bauern waren sehr stolz auf diesen Fortschritt der Kultur; mich aber stimmte es traurig. Ich dachte an die Frösche und Unken, die einst die Sommernacht mit ihrem Chor- oder Einzelgesang so reizvoll belebten, an die Ringelnattern, die ehemals bei unserm Nahen sich von dem grünen Uferrand hinab ins Wasser gleiten ließen, an die munteren Tritonen, die an seichten Stellen hin und her schwammen, und an die Wasserkäfer, die zwischen dem Entengrün ihre munteren Spiele trieben. Vergangen, vorbei!
Der Leser wird sagen: das ist alles ganz schön, oder richtiger: das ist alles sehr traurig, aber wir können daran nichts ändern. Wegen der Salamander und Ringelnattern, der Frösche und Unken, die dabei zugrunde gehen, wird sich der Landwirt nicht abhalten lassen, einen Sumpf zu entwässern, eine feuchte Wiese trocken zu legen, wenn er's für nötig oder vorteilhaft hält, und die Anlage von Fabriken kann auf die Kleintierwelt erst recht keine Rücksicht nehmen. Wohin sollte solche Rücksichtnahme auch führen?
So meine ich das selbstverständlich auch nicht. Immerhin bin ich der Ansicht, daß ein einzelner Grundbesitzer oder auch ein Gemeinwesen, eine Behörde in allen Fällen recht eindringlich darüber nachdenken sollte, ob es sich auch lohnt, solch eingreifende Veränderungen der natürlichen Verhältnisse, wie sie die Trockenlegung eines Sumpfes, eines Teiches zur Folge hat, herbeizuführen, und ob es unbedingt nötig ist, gerade den Graben zuzuschütten oder mit Fabrikabwässern zu verseuchen, der schöne Molche und ein paar seltene Fischchen beherbergt, auch im Kreise der Naturfreunde als Fundstätte interessanter Wasserinsekten, Krebstierchen, Polypen usw. bekannt ist. Oder ob es sich nicht vermeiden läßt, das kleine Feldgehölz niederzuschlagen, ob die Weißdornhecke am Wege, das Gestrüpp am steinigen Hang nicht erhalten werden kann. Dort wohnen Blindschleichen und Eidechsen in frohem Verein; es wäre doch schade um diese Kleintierwelt, wenn sie etwa nur einer plötzlichen Laune zum Opfer fallen sollte.
Vielleicht ließe sich auch auf gesetzlichem Wege etwas für unsre Kaltblüter tun. An das Vogelschutzgesetz habe ich oben erinnert. Warum, so frage ich, gibt es nicht ein ähnliches Gesetz zum Schutze der Reptilien und Amphibien? Ich sehe keinen Grund ein, diesen Gedanken abzulehnen. Sie alle, die unter den heutigen Verhältnissen so hart bedrängt werden, die Schlangen – natürlich mit Ausnahme der giftigen Kreuzotter – die Eidechsen und Blindschleichen, die Kröten, die Salamander und Teichmolche, die Laubfrösche und bis zu gewissem Grade auch alle andern Frösche verdienen und bedürfen gesetzlicher Maßnahmen, wollen wir sie unsrer Heimat erhalten. Und wenn es vielleicht auch nicht an der Zeit ist, ein Reichsgesetz zu befürworten, so könnten doch bereits jetzt einzelne Länder und Behörden mit gutem Beispiel vorangehen und durch besondere Landesgesetze oder wenigstens Polizeiverordnungen den Reptilien- und Amphibienjägern von Profession das Handwerk genau so legen wie den Vogelstellern und Eierräubern. Warum soll nur der zur Verantwortung gezogen werden, der sich an einem Vogel oder seiner Brut vergreift, während der Frevler, der eine Kröte, eine Unke oder ihren Laich, eine Eidechse oder eine harmlose Schlange lediglich aus Roheit vernichtet, frei ausgeht?
Ich weiß es, daß gesetzliche Maßnahmen auf dem Gebiet des Naturschutzes im allgemeinen wenig nützen. Aber unser Reichsvogelschutzgesetz möchte heute doch kein einziger Naturfreund missen; es hat im Laufe der Jahre durchaus segensreich gewirkt. Und so verspreche ich mir auch von einem Reptilien- und Amphibienschutzgesetz manches Gute. Dabei wäre wohl zu erwägen, ob ein solches Gesetz nicht etwas mehr Rücksicht auf die Terrarien- und Aquarienliebhaber nehmen könnte, als unser Vogelschutzgesetz auf die Freunde der Stubenvogelpflege. Nur dem Massenfänger und dem Händler müßte das Handwerk gelegt werden.
Freilich, mehr als gesetzliche Bestimmungen helfen Belehrung und vernünftige Erziehung. Wer soll belehrt und erzogen werden? Natürlich die Jugend. Aber nicht etwa nur von den Lehrern, sondern an erster Stelle von den Eltern. Die Schule hat es bereits bewiesen, daß es ihr Ernst ist, die ihr anvertrauten Kinder zum Naturschutz zu erziehen. Davon zeugen so manche Verordnungen und Maßnahmen der Schulbehörden, die alle darauf zielen, in der Jugend die Liebe zur Heimat und die Achtung vor der Natur und ihren Geschöpfen zu wecken und zu pflegen, und davon zeugt in gleicher Weise die freundliche Stellung, welche die gesamte Lehrerschaft in Dorf und Stadt, an Volksschulen wie an höheren Schulen dem Naturschutzgedanken gegenüber von Anfang an eingenommen hat. Ja viele, viele Lehrer sind für unsre Bestrebungen mit freudigster Begeisterung eingetreten und haben sich im Kampfe für sie mit in die vorderste Reihe gestellt. Einmal um der Sache selbst willen, sodann aber auch, weil sie erkannt haben, eine wie hohe erzieherische Bedeutung dem Heimat- und Naturschutz sowohl für den einzelnen Menschen wie für unser ganzes Volk zukommt.
Heute treibt der Lehrer naturgeschichtlichen Unterricht nicht nur innerhalb des Schulzimmers, sondern er führt die Kinder oder jungen Leute hinaus ins Freie, daß sie Pflanzen und Tiere in ihrer natürlichen Umgebung beobachten, die lebenden Wesen: die Blume am Wegrand, die Blindschleiche am moosigen Boden, die Eidechsen an der Geröllhalde, den Falter über der Wiese. Der trockene »beschreibende« Naturgeschichtsunterricht, der sich mit der Betrachtung von Herbarien, von ausgestopften Vögeln, von Spirituspräparaten aus dem Reich der Kaltblüter, von aufgespießten Insekten begnügte, ist wohl für alle Zeiten verlassen. Das Leben redet heute zur Jugend, und es lehrt, ohne daß der Erzieher es nötig hat, viel Worte zu machen, Achtung vor der Natur, vor jedem einzelnen Wesen, das ein Glied des Ganzen ist, und damit auch Achtung vor der Gesamtheit der Schöpfung. Wenn es heute scheinen will, daß die traurigen, tief beklagenswerten Verirrungen auf diesem Gebiet, daß die Verrohung weiter Kreise unseres Volks, von der man mit Recht spricht, damit nicht in Einklang zu bringen sind, so glaube ich darin einen Trost finden zu dürfen, daß es sich nur um eine Krankheitserscheinung handelt, die wohl überwunden werden kann. Möge die Schule unentwegt auf dem eingeschlagenen Wege weiter schreiten! Es ist der richtige, und er muß zum Ziele führen.
Aber das Elternhaus hat nicht gleichen Schritt gehalten. Wie gleichgültig stehen doch die meisten Erwachsenen der heimatlichen Tierwelt gegenüber, wenn es sich nicht gerade um ein Säugetier oder einen Vogel handelt. Ja, Grauen und Furcht, Ekel und Abscheu flößen sie ihren Kindern vor Schlangen, vor Kröten und Salamandern, vor Fröschen und Kaulquappen und vor all dem »giftigen Gewürm« ein. Sie untergraben damit die natürliche Zuneigung, die jedes unverdorbene Gemüt der Tierwelt entgegenbringt, statt durch das eigene Beispiel das Interesse der Kinder an den »Brüdern im stillen Busch, in Luft und Wasser« zu pflegen und zu fördern. Da heißt es: »Was fällt dir ein, wirst doch den ekligen Frosch nicht in die Hand nehmen!« oder: »Geh weg, dort sitzt eine giftige Kröte!« oder: »Pfui, pfui, welch scheußliche Raupe, gleich mach sie tot!« oder: »Eine Schlange! wie gut, daß ich die heimtückische Otter mit dem Stock noch getroffen!« Wollte ich in gleichem Tone fortfahren, so würde ich sagen: »Pfui Spinne, was sind das für törichte, unwürdige, geschmacklose Redensarten Kindern gegenüber!«
Die Kleinen, die anfangs wahllos jedes Tier in die Hand nehmen, glauben es schließlich, was die Erwachsenen sagen; sie kreischen beim Anblick einer Natter auf, sie graulen sich, den feuchtkalten Frosch zu berühren und steinigen die unschuldige Kröte. »Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen.« Die Schule wird erst dann vollen Erfolg haben, wenn die Eltern die Hand mit ans Werk legen. Häßliche, ekelhafte Geschöpfe gibt es nicht. »Gott sahe«, sagt die Bibel in ihrer schlichten Weise, »daß es gut war.« Und noch ein Bibelwort möchte ich den Eltern zurufen; das lautet: »Werdet wie die Kinder!«, d. h. wie die natürlichen, von eurer unvernünftigen Erziehung noch nicht verdorbenen Kinder!
Vor ein paar Jahren setzte ich einen vierzehnjährigen Bengel zur Rede, der eben eine Ringelnatter in grausamer Weise getötet hatte. In Glashütte war's, dem erzgebirgischen Städtchen. Der Junge kam von der Wiese herein nach dem Marktplatz und trug die Schlange, in eine Astgabel geklemmt, triumphierend vor sich her. Eine gröhlende Kinderschar umgab ihn, so daß ich an den Anfang der Schillerschen Ballade vom »Kampf mit dem Drachen« erinnert ward. Der Knabe sagte natürlich, es sei eine giftige Schlange. Und dann berichtete er mir, sein Vater habe gesagt, man müsse jede Schlange, der man begegne, totschlagen, es könnte immer eine Kreuzotter sein. Die verstellten sich manchmal. Genau dieselbe Ansicht haben mir gegenüber auch Erwachsene geäußert, die ich wirklich für ein wenig verständiger gehalten hätte. Man ist eben zu gleichgültig oder zu faul, sich die Merkmale unsrer drei Schlangenarten einzuprägen, und schlägt nun alles tot, was einer Kreuzotter ähnlich aussieht, selbst die so harmlose Blindschleiche. Ich möchte auch wissen, wieviel Haselnattern alljährlich als Kreuzottern an die Behörden eingeliefert und von diesen prämiiert werden. Erst lerne man die drei Schlangenarten – es handelt sich tatsächlich im wesentlichen nur um drei Arten – sicher unterscheiden, und dann, meinetwegen, töte man die Kreuzotter, wenn man eine solche antrifft.
Jene Kinderschar, von der ich erzählte, habe ich natürlich über das begangene Unrecht belehrt und jedem einzelnen Kind die Merkmale der unschuldigen Natter genau eingeprägt. Selbst die größeren Jungen gingen hierauf still und beschämt davon. Einem kleinen blondlockigen Mädchen aber standen die Tränen im Auge; es weinte über den Tod dieser Schlange, genau wie es über ein verendetes Vöglein geweint haben würde.
Schlangen leben in allen Zonen der Erde; selbst in dem kalten Lappland kommt die Kreuzotter noch bei 67° n. Br. vor, und überall werden diese Reptilien vom Menschen gefürchtet, gehaßt und verfolgt; denn wo immer Schlangen sich finden, da gibt es unter ihnen neben harmlosen Geschöpfen auch tückische Wegelagerer, die den offenen Kampf scheuen und ihrem Opfer aus dem Hinterhalt mit vergiftetem Dolch auflauern. Namentlich in den heißen Ländern ist die Zahl der Giftschlangen sehr groß; aber selbst in Europa leben 6 oder 7 Arten, von denen für Mitteleuropa nicht weniger als 4 in Betracht kommen.
Freilich nur die Kreuzotter erfreut sich in unserm Vaterlande allgemeiner Verbreitung. Ihr ist jede Örtlichkeit recht, wo sie Wärme und Nahrung findet. Nur dem Innern großer, dunkler Wälder, die kaum einen Sonnenstrahl durchlassen, bleibt sie fern, auch der sumpfigen Wiese, die ihr kein trocknes Plätzchen bietet. Die andern drei, viel selteneren Giftschlangen aber haben ihr Heim weiter südlich aufgeschlagen, die ursinische Viper in Niederösterreich, die Sand- und die Aspisviper namentlich in Südtirol.
Aber selbst wenn Europa als einzige Giftschlange lediglich die Kreuzotter beherbergte, ja wenn diese, wie es für manche deutsche Landschaft gilt, überall außerordentlich selten wäre, ich glaube die Schlangenfurcht unter uns Mitteleuropäern würde doch ebenso allgemein verbreitet sein. Der gute Ruf einer Familie wird eben nur zu leicht durch ein aus der Art geschlagenes Mitglied untergraben; die andern müssen darunter mit leiden, in unserm Falle die giftlose Ringel- und Haselnatter und selbst die ganz harmlose schlangenähnliche Blindschleiche. Überall bringt man diesen Kriechtieren Mißtrauen entgegen, und die Furcht vor dem »Otterngezücht« ist ganz allgemein.
Auf Grund eigner Erfahrungen muß ich nun aber der Ansicht, die Schlangenfurcht sei dem Menschen angeboren, ganz entschieden widersprechen. Ich habe darüber schon berichtet, sowohl in den von der »Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen« herausgegebenen »Vorträgen und Aufsätzen« wie im »Kosmos«. Führe ich ein kleines, etwa drei- oder vierjähriges Kind ruhig an eine Schlange heran, an eine Ringelnatter, die durch's Gras schlüpft, an eine Haselnatter, die sich am steinigen Hang sonnt, so ist von einer angeborenen, instinktiven Furcht des Kindes vor dem Reptil nicht das geringste zu spüren. Im Gegenteil, das kleine Menschenkind betrachtet das ihm bisher unbekannte Geschöpf mit dem größten Interesse. Ja, fasse ich die Natter und bringe sie dem kindlichen Beschauer ganz nahe, so bedarf es kaum noch des Zuredens, das Kinderhändchen greift nach ihr und betastet das glatte Schuppenkleid; selbst vor der beweglichen Zunge der Schlange weicht es nach einem Weilchen nicht mehr zurück. Dabei muß ich selbstverständlich voraussetzen, daß das Kind seine natürliche Unbefangenheit noch bewahrt hat, daß es nicht bereits Zeuge ward von dem törichten Aufkreischen erwachsener Personen, mit dem gewöhnlich eine Schlange, die sich 'mal zeigt, eine Blindschleiche oder Eidechse begrüßt wird. Ich habe mehrfach derartige Versuche angestellt. Kam es einmal zum Schreien, so trug entweder meine eigne Ungeschicklichkeit die Schuld, oder besonders heftige Bewegungen der Natter, ein weites Aufreißen ihres Mundes, ein unheimliches Zischen schüchterten den kleinen Naturforscher ein. Einer jungen Katze oder einem Kaninchen gegenüber verhält sich das Kind nicht anders.
Wenn man mir aber entgegnet, mein eigenes ruhiges Verhalten, ja meine bloße Gegenwart habe die Kleinen ermutigt, ihre angeborene Schlangenfurcht zu überwinden, so antworte ich, daß es mit einem sogenannten ursprünglichen Instinkte nicht weit her sein kann, wenn er durch solch einfache Mittel zu überwinden, ja in sein Gegenteil umzuwandeln ist. Auch kann ich noch folgendes Erlebnis berichten. An einem sonnigen Maimorgen beobachtete ich ein mir bekanntes, etwa vierjähriges Mädchen, an einem Abhang kauernd, wo es um diese Zeit von Eidechsen geradezu wimmelte. Das Kind bemerkte mich nicht. Seine ungeteilte Aufmerksamkeit war auf die grünschillernden Echsen gerichtet, die aus ihren Löchern hervorkamen, um im Sonnenschein zu spielen. Die Kleine griff nach den flinken Tierchen, sie zu fangen, was ihr freilich niemals gelang, und laut jauchzte sie auf in heller Freude an dem neckischen Spiel. Kein Zweifel, mit Kreuzottern oder Skorpionen hätte sich das Kind ebenso lustig unterhalten.
Aber auch an meine eigne Jugend darf ich erinnern, bin ich doch gewissermaßen unter Schlangen aufgewachsen. Ringelnattern waren im Frühjahr und Sommer meine täglichen Spielgenossen; sie bewohnten in großer Anzahl die Uferränder des Bächleins, das durch unsern Garten floß. An warmen Sommertagen sah man mich selten ohne solches Reptil, oft in jeder Faust eine Schlange, wie Herkules, zum Entsetzen meiner lieben Mutter. Aber erwürgt hab ich sie nicht – die Schlangen nämlich. Daß ich selbst Erwachsenen mit meinen Freunden Furcht einjagen konnte, machte mir Spaß, um so mehr als ich solch törichte Angst nicht begriff. Mein Vater hatte durch die ruhig verständige Art, wie er mit dem Kinde alles, was kriecht und fliegt, voll Teilnahme betrachtete und besprach, mich vor jeder Ansteckungsgefahr durch abergläubische Personen zu hüten gewußt, und bald war ich einsichtsvoll genug, daß mir die Schlangenfurcht anderer nichts anhaben konnte. Anerzogen ist diese Furcht, nicht angeboren, das behaupte ich aus vollster Überzeugung.
Man redet von dem Paradies der Kindheit. Ins Paradies aber gehören Tiere, und mit allen ist das Kind gut Freund. Indessen, die Erwachsenen sind es, die solch paradiesisches Verhältnis unsrer Kinder zur Tierwelt oft in unverantwortlicher Weise stören, die natürliche Teilnahme der Kleinen zu allem, was kriecht und fliegt, untergraben, vielleicht ohne daß sie es wollen und wissen. Wenn etwas dem Menschen angeboren ist, so ist's nicht die Furcht vor gewissen Tieren, sondern im Gegenteil die Zuneigung zu allen Geschöpfen, eine Tatsache, die in wirklich rührend naiver Weise in der Schöpfungsgeschichte der Bibel zum Ausdruck kommt, wo erzählt wird, daß Gott alle Tiere auf dem Felde und alle Vögel unter dem Himmel zum ersten Menschen brachte. Freilich gleich hinter dieser lieblichen Erzählung steht das böse, an die Schlange gerichtete Wort des Schöpfers: »Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinem Samen und ihrem Samen.« Kein Zweifel, dieses Wort des zürnenden Gottes trägt ein gut Teil Schuld an der übertriebenen Schlangenfurcht, die selbst in unsern Tagen noch so viele Gemüter beherrscht.
Die Kreuzotter – es kann nicht oft genug wiederholt werden – ist die einzige Giftschlange in unsrer Heimat. Sie kann auch dem Menschen gefährlich werden; doch gehören Unglücksfälle zu den seltenen Ausnahmen, und gestorben ist infolge eines Kreuzotterbisses, so viel ich weiß, in dem letzten halben Jahrhundert in Sachsen überhaupt niemand. Eine gewisse Vorsicht, besonders an Waldrändern, sonnigen Hügeln ist anzuraten, wenn man sich auf den Boden niederläßt; auch vor dem Barfußgehen an solchen Stellen ist zu warnen. Aber man soll auch nicht übertrieben ängstlich sein und durch solche Angst sich den Genuß an der Natur beeinträchtigen lassen. Am wenigsten aber soll man vor jeder Schlange Reißaus nehmen. Die Kreuzotter flieht, sobald sie den Menschen bemerkt; nur wenn sie überrascht wird und keinen andern Ausweg weiß, sucht sie sich zu verteidigen. Man präge sich doch die Artmerkmale der Kreuzotter ein. Ihre Länge beträgt etwa 50 bis 60 cm; jedenfalls ist eine Schlange, die gegen 1 m mißt, nie eine Kreuzotter. Die Färbung kann recht verschieden sein; grau, braun oder olivenfarben ist der Grundton. Die eigentümliche dunkle Zackenlinie, die längs des ganzen Rückens hinläuft, hebt sich mehr oder minder gut ab; sie besteht aus aneinanderstoßenden Rhomben. Die Unterseite ist niemals hell oder auffallend gezeichnet. Der eigentliche Schwanz, der sich ziemlich deutlich vom Körper absetzt, ist sehr kurz, nur etwa 1/8 oder 1/10 der Gesamtlänge. Die Bewegungen der Otter sind langsam, lassen auch die geschmeidigen Wendungen vermissen, die wir an den Nattern bewundern. Jede einzelne Schuppe trägt längs der Mitte eine kielartige Erhöhung im Gegensatz zu den ganz glatten Schuppen der Haselnatter. Mit der bedeutend größeren Ringelnatter kann man die Kreuzotter nicht verwechseln. Deren Oberseite ist blaugrün oder grünlichgrau gefärbt, die fast schwarzen Schilder der Bauchseite sind weiß eingefaßt. Das untrüglichste Merkmal dieser Natter bilden aber die beiden gelben oder weißlichgelben Halbmondflecken hinter dem Kopfe.
Wenn behauptet wird, auch die Kröten seien giftig und sie schleuderten ihrem Feinde, dem wirklichen oder dem vermeintlichen, aus ihren Hautdrüsen einen giftigen Saft entgegen, so ist dies eine falsche Vorstellung. In der Angst spritzt die Kröte Urin aus, der übel riecht, im übrigen aber ganz wirkungslos bleibt. Man muß den Lurch schon kräftig anfassen, ehe er aus seinen Drüsen die so gefürchtete ätzende Flüssigkeit fahren läßt. Aber auch diese ist dem Menschen gegenüber ganz harmlos, höchstens daß sie an zarten Stellen die Haut etwas rötet, und nur derjenige, der sich sehr viel mit Kröten beschäftigt, wird über unangenehme Wirkungen dieses Saftes, aus dem der Chemiker allerdings stark wirkende Giftstoffe herstellen kann, zu klagen haben. Ähnlich verhält es sich mit dem Feuersalamander, der ja auch als giftig beim Volke verschrien ist. Überhaupt glaubt der gemeine Mann, je bunter und auffallender die Farben solch eines Kaltblüters leuchten und glänzen, um so giftiger sei das Tier, und er hält deshalb z. B. das grünschillernde Männchen der Zauneidechse für viel gefährlicher als das einfacher gefärbte Weibchen. Daß solch Merkmal bei der Kreuzotter gar nicht stimmt, macht keinem das Herz schwer. »Die Kreuzotter ist eine Schlange, und die Schlangen sind ohne Ausnahme giftiges Otterngezücht!« so heißt es ganz allgemein.
Wollen wir unsre kaltblütigen Wirbeltiere der Heimat erhalten, so kommt es an erster Stelle darauf an, solchen und ähnlichen Aberglauben, der sich aus dem dunkelsten Mittelalter bis in unsre Tage herübergerettet hat, endlich einmal auszurotten. Hierbei sollte uns neben der Schule auch das Haus unterstützen. Außerdem aber erwachsen den Aquarien- und Terrarienvereinen manche dankbaren Aufgaben. Wie man Vogelschutzgebiete eingerichtet hat, so lassen sich auch Maßnahmen treffen, die den Schutz der Kriechtiere und Lurche an bestimmten, vielleicht nur eng begrenzten Örtlichkeiten bezwecken. Selbst ein kleiner Verein, dem bloß geringe Mittel zur Verfügung stehen, könnte einen steinigen, unfruchtbaren Berghang oder auch nur eine Schutthalde erwerben, wo Eidechsen und Schlangen ihre Wohnung aufgeschlagen haben, ebenso einen Tümpel, einen Wassergraben, einen kleinen Teich, der von Unken und Fröschen, von Tritonen und Molchen belebt wird. Hier könnten die Mitglieder des Vereins ihre schützende Hand über diese Tiere halten. In vielen Fällen würde es auch genügen, einen Pachtvertrag auf längere Zeit abzuschließen oder den Besitzer gegen eine geringe Abfindungssumme zu verpflichten, alle Veränderungen innerhalb des Schutzgebiets zu unterlassen, welche die Daseinsbedingungen der schutzbedürftigen Kleintierwelt schmälern könnten.
Namentlich wenn es sich um besondere Seltenheiten handelt, sollte man sich der bedrohten Tiere annehmen. Zu solchen Seltenheiten, ja schon zu den eigentlichen Naturdenkmälern gehören die Sumpfschildkröte, die Würfel- und Äskulapnatter, die Smaragd- und die Mauereidechse, die Bergunke, die Geburtshelferkröte u. a. Sind es doch nur ganz wenig Örtlichkeiten in Deutschland, die als Fundstätten des einen oder des andern der genannten Kaltblüter in Betracht kommen. So ist die Sumpfschildkröte außer in Westpreußen und den benachbarten Gebieten nur noch im Regierungsbezirk Lüneburg, an der Unterweser, in Schleswig-Holstein, in der Altmark, im Braunschweigischen und in Schlesien an ganz wenig Orten bekannt. Die Äskulapnatter kommt vereinzelt im Taunus und bei Passau vor, die Würfelnatter hat man in der Meißner Gegend und an der Nahe angetroffen, die herrliche Smaragdeidechse am Oberrhein und bei Passau, während es sich bei verschiedenen preußischen Fundstellen wahrscheinlich nicht um ein ursprüngliches Vorkommen handelt. Und so lassen sich bei einer ganzen Reihe von Kriechtieren und Lurchen die wenigen Angaben über ihre Wohnstätten in Deutschland an den Fingern einer Hand aufzählen. Mag es auch wahrscheinlich, ja sogar sicher sein, daß diese Angaben Lücken aufweisen, so viel steht jedenfalls fest, daß die genannten Tiere über kurz oder lang ganz aus unsrer Heimat verschwinden werden, wenn sich nicht Naturschutz-, Aquarien- und Terrarienvereine, sowie Einzelliebhaber der hart Bedrängten tatkräftig annehmen. Auch durch behördliche Verordnungen läßt sich wohl manches erreichen.
Die Erhaltung der heimatlichen Tierwelt muß das gemeinsame Ziel aller Naturfreunde sein. Die verschiedensten Wege führen dahin. Möge selbst den gefürchteten Schlangen und den verachteten Kröten gegenüber solche Aufforderung eine freundliche Aufnahme finden! Es handelt sich um eine ideale Aufgabe, um
Schutz den Schutzlosen!