Influenza.
Man bezeichnet in Laienkreisen und freilich vielfach auch in ärztlichen Kreisen mit »Influenza« oder »Grippe« häufig allerhand leichtere oder schwerere Erkrankungen, die mit Katarrhen der oberen Luftwege einhergehen. Man sollte im engeren Sinne aber diesen Namen nur auf eine ganz bestimmte, durch ihre enorme Ausbreitungstendenz charakterisierte, ausgesprochen epidemische Krankheit beschränken. Nur für diese gelten die folgenden Angaben. Die Krankheitserscheinungen bestehen in starken Kopfschmerzen und Kreuzschmerzen, großer Mattigkeit, Erscheinungen, die alle auffallend plötzlich einsetzen und sofort ein starkes Krankheitsgefühl auslösen. Dazu kommen in den leichteren Fällen Katarrhe der oberen Luftwege, die aber in schwereren Fällen, namentlich bei älteren Leuten, zu gefährlichen, ja tödlichen Lungenentzündungen führen können.
Die Ursache der Influenza wurde von R. Pfeiffer im Jahre 1892 in einem ganz außerordentlich kleinen Stäbchenbakterium entdeckt, dessen Reinzüchtung nur bei Körpertemperatur und ausschließlich auf Nährböden gelang, die entweder Blut oder anderes, nichtkoaguliertes Körpereiweiß enthielten. Der Influenzabazillus erliegt außerhalb des Körpers rasch der Eintrocknung und wird ohne Zweifel ganz wesentlich durch direkte Übertragung von Mensch zu Mensch gefährlich.
Diese Übertragung erfolgt in erster Linie durch die beim Husten verstreuten feinsten bazillenhaltigen Tröpfchen unmittelbar, oder, wohl seltener, mittelbar, durch sogenannte Kontaktinfektion (Kontakt = lateinisch Berührung), wenn nämlich bazillenhaltiger Auswurf auf irgendeine Weise durch Unreinlichkeit verschleppt wird, und so rasch, daß zur Eintrocknung keine Zeit ist, in die oberen Luftwege, vor allem in den Mund, eines gesunden Individuums gelangt.
Dieser direkten Übertragung von Mensch zu Mensch entspricht die außerordentlich rasche Verbreitung der Seuche in den Kulturländern, die genau den großen Verkehrswegen, speziell den großen Eisenbahnlinien, folgt und vorläufig wohl allen Schutzmaßnahmen trotzt. An ein Absperren der Grenzen gerade gegen diese Krankheit ist kaum zu denken, vor allem mit Rücksicht auf relativ leichte Fälle, die nicht erkannt werden, und so kann man gerade gegenüber der echten Influenza nach dem heutigen Stande unseres Wissens in der Tat eine sicher wirksame Schutzmaßnahme nicht angeben. Man kann nur für den Fall neuen Auftretens einer Epidemie besonders allen weniger widerstandsfähigen älteren und kränklichen Leuten empfehlen, den Verkehr mit allen irgendwie der Infektion Verdächtigen zu vermeiden, wobei dann freilich die Entscheidung, wer der Infektion verdächtig ist, so schwer ist, daß man sich am besten vollständig gegen die Außenwelt abschlösse, ein Verhalten, das nur den wenigsten Menschen möglich ist. Daß eine solche Vorsicht von Erfolg begleitet sein kann, ergibt sich beispielsweise aus der Beobachtung, daß bei Epidemien, die so gut wie niemand verschonten, sogenannten Pandemien, z. B. einzelne Klöster vollständig frei von Fällen der Seuche blieben.