Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917
Im Westen
Mit größter Spannung sahen wir vom Eintritt der besseren Jahreszeit ab dem Beginn des erwarteten allgemeinen gegnerischen Angriffes im Westen entgegen. Wir hatten uns durch die Neugruppierung unserer Kräfte auf ihn strategisch vorbereitet, aber wir hatten im Laufe des Winters auch in taktischer Beziehung alle Maßnahmen getroffen, dieser jedenfalls größten aller bisherigen feindlichen Kraftanstrengungen zu begegnen.
Zu diesen Maßnahmen gehörten nicht in letzter Linie die Änderungen unseres bisherigen Verteidigungsverfahrens. Sie wurden von uns auf Grund der Erfahrungen in den bisherigen Kämpfen verfügt. Nicht mehr aus einzelnen Linien und Stützpunkten sondern aus Liniensystemen und Stützpunktgruppen sollten in Zukunft unsere Verteidigungsanlagen bestehen. In den dadurch gebildeten tiefen Zonen wollten wir die Truppen nicht in zusammenhängenden, starren Fronten, sondern in reicher Gruppierung und Gliederung nach der Breite und Tiefe aufbauen. Der Verteidiger hatte seine Kräfte beweglich zu halten, um der vernichtenden feindlichen Wirkung während des Vorbereitungskampfes auszuweichen, hier und dort unhaltbar gewordene Stellungsteile freiwillig preiszugeben und dann im Gegenstoß das wieder zu gewinnen, was zur Behauptung der allgemeinen Stellung nötig war. Diese Grundsätze galten im Kleinen wie im Großen.
Der verheerenden Wirkung der feindlichen Artillerie und Minenwerfer und den überraschenden gegnerischen Anstürmen setzten wir also eine Vermehrung und reichere Gliederung unserer Verteidigungsanlagen und die Beweglichkeit unserer Kampfmittel entgegen. Gleichzeitig wurde der Grundsatz verwirklicht, in den vorderen Widerstandslinien durch Erhöhung der Zahl der Maschinengewehre Menschenkräfte zu schonen und damit solche zu sparen.
Mit dieser tiefgreifenden Änderung unseres Verteidigungsverfahrens nahmen wir ohne Zweifel ein Wagnis auf uns. Dies bestand in erster Linie darin, daß wir mitten im Kriege den Bruch mit taktischen Gewohnheiten und Erfahrungen forderten, in die sich die untere Führung und die Truppe eingelebt hatten, und die sie vielfach mit begreiflichen Vorurteilen schätzten. Der Übergang von einer taktischen Anschauung in eine andere bedeutet schon im Frieden eine gewisse Krisis. Er bringt auf der einen Seite Übertreibungen im Neuen, auf der anderen schwer belehrbares Festhalten am Alten mit sich. Mißverständnisse drängen sich in den klarsten Wortlaut der Vorschriften ein; selbständige und willkürliche Auslegungen feiern Orgien; das Trägheitsmoment im menschlichen Denken und Handeln wird manchmal nicht ohne kräftigsten Antrieb überwunden.
Aber nicht nur aus diesen Gründen bedeuteten unsere taktischen Änderungen einen gewagten Schritt. Fast noch schwerer war es, die Frage zu bejahen, ob denn unser Heer mitten im Kriege in seiner jetzigen Verfassung imstande sein würde, diese Änderungen in sich aufzunehmen und auf die Wirklichkeit des Schlachtfeldes zu übertragen. Wir konnten uns nicht im Zweifel darüber sein, daß das Kriegsinstrument, mit dem wir jetzt zu arbeiten hatten, mit demjenigen der Jahre 1914 und 1915, ja selbst mit demjenigen des Beginnes von 1916 kaum noch zu vergleichen war. Eine Unsumme herrlichster Kraft lag in unseren Ehrenfriedhöfen gebettet oder war mit zertrümmerten Gliedern oder krankem Körper an die Heimat [pg 240]gebannt. Ein stolzer Kern unserer Soldaten vom Jahre 1914 war freilich auch heute noch vorhanden, und an ihn schloß sich viel junge, begeisterungsfähige Kraft und opferfreudiger Wille. Aber das allein macht die Stärke eines Heeres nicht aus; Kraft und Wille müssen geschult und durch Erfahrungen geläutert werden. Ein Heer mit dem sittlichen und geistigen Reichtum, mit der machtvollen geschichtlichen Überlieferung wie das deutsche von 1914 überdauert zwar in seinem inneren Werte manche Kriegsjahre, wenn ihm nur die Zufuhr frischer körperlicher und sittlicher Kräfte aus der Heimat erhalten bleibt. Der Gesamtwert jedoch wird, ja er muß nach dem natürlichen Lauf der Dinge sinken, wenn auch sein Verhältniswert jedem Feinde gegenüber, der gleich lang im Felde steht, in voller Höhe und Überlegenheit erhalten bleibt.
Unser neues Verteidigungsverfahren stellte an die moralische Kraft und an das Können der Truppe hohe Anforderungen, indem es den festen äußeren Zusammenhalt der Verteidigung lockerte und damit die Selbständigkeit kleinster Teile zum höchsten Grundsatz erhob. Der taktische Zusammenhang war nicht mehr in äußerlich sichtbaren Linien und Gruppen gegeben, sondern im geistigen Bande taktischen Zusammengreifens. Es liegt keine Übertreibung darin, wenn ich sage, daß unter den vorliegenden Verhältnissen in dem Übergang zu diesen neuen Grundsätzen die größte Vertrauenskundgebung lag, die wir der geistigen und sittlichen Kraft unseres Heeres, und zwar all seiner Teile, aussprechen konnten. Schon die nächste Zukunft mußte den Beweis liefern, ob dieses Vertrauen gerechtfertigt war.
Das erste Unwetter im Westen bricht nach begonnenem Frühjahr los. Am 9. April gibt der englische Angriff bei Arras den Auftakt zur großen, feindlichen Frühjahrsoffensive. Der Angriff wird tagelang vorbereitet mit der ganzen brutalen Wucht feindlicher Artillerie- und Minenwerfer-Massen, nichts von Überraschungstaktik [pg 241]im Sinne Nivelles vom Oktober des vergangenen Jahres. Traut man diesem Verfahren von englischer Seite nicht, oder fühlt man sich taktisch hierfür zu ungewandt? Der Grund ist für den Augenblick gleichgültig, die Tatsache genügt und redet eine furchtbare Sprache. Der englische Angriff braust über die ersten, zweiten, dritten Gräben hinweg. Stützpunktgruppen versagen oder verstummen nach heldenmütigem Widerstand; Artillerie geht in Masse verloren. Das Verteidigungsverfahren hatte scheinbar versagt!
Eine schwere Krise tritt ein. Eine jener Lagen, in der alles haltlos geworden zu sein scheint. „Krisen muß man vermeiden“, ruft der Laie. Der Soldat kann ihm nur antworten: „Dann verzichten wir besser von vornherein auf den Krieg, denn sie sind unvermeidlich. Sie liegen einfach in der Natur des Krieges und kennzeichnen ihn als das Gebiet des Ungewissen und der Gefahr. Nicht Krisen zu vermeiden sondern sie zu überwinden, ist Aufgabe der Kriegskunst. Wer schon vor ihrem Drohen zurückschrecken wollte, bindet sich selbst die Hände, wird ein Spielball des kühneren Gegners und geht bald in einer Krisis zu Grunde.“
Ich will hiermit nicht behaupten, daß die Krisis am 9. April nach all den Vorbereitungen, die man zu treffen imstande gewesen wäre, nicht hätte vermieden werden können. Sie brauchte wenigstens nicht in dieser furchtbaren Größe einzutreten, wenn man mit rechtzeitig herangeholten Reserven im Gegenstoß dem feindlichen Einbruch entgegenging. Mit schweren örtlichen Erschütterungen der Verteidigung wird man freilich bei solch höllischer Vorbereitung des Angriffs immer rechnen müssen.
Der abendliche Vortrag entwirft an diesem 9. April ein düsteres Bild, viel Schatten, wenig Licht. Doch man muß in solchen Fällen nach Licht suchen. Ein Strahl, wenn auch noch in unsicheren Umrissen, deutet sich an. Der Engländer scheint es nicht verstanden zu haben, den errungenen Erfolg bis zu seinem letztmöglichen Ergebnis auszunützen. Ein Glück für uns, jetzt, wie schon manch[pg 242]mal vorher. Nach dem Vortrag drücke ich meinem Ersten Generalquartiermeister die Hand mit den Worten: „Nun, wir haben schon Schwereres miteinander durchgemacht als heute.“ Heute, an seinem Geburtstage! Mein Vertrauen bleibt unerschüttert. Ich wußte, neue Truppen von uns marschieren auf das Schlachtfeld, Eisenbahnzüge rollen heran. Die Krisis wird überwunden. In mir selbst wenigstens war sie zu Ende. Der Kampf aber tobte weiter.
Ein anderes Schlachtbild: Auch bei Soissons und von da ab weit hin nach Osten bis in die Gegend von Reims donnern gleichfalls von der ersten Aprilwoche ab die französischen Kanonen; viele hundert feindliche Minenwerfer schleudern dort ihre Geschosse. Hier befehligt Nivelle, wohl dank seines berechtigten Ruhmes von Verdun. Auch er hat aus seinen letzten Erfahrungen bei Verdun nicht die taktischen Folgerungen gezogen, die wir erwarteten. Tage-, ja eine Woche lang wütet das französische Feuer. Unsere Verteidigungszonen sollen in ein Trümmer- und Leichenfeld verwandelt, was vielleicht noch zufällig der körperlichen Zerstörung entgeht, soll wenigstens seelisch gebrochen werden. In dieser furchtbaren Esse scheint die Erreichung solcher Absicht außer Zweifel zu stehen. Endlich hält Nivelle unsere Truppen für vernichtet oder wenigstens hinreichend zermürbt. Er läßt seine siegessicheren Bataillone am 16. April zum Sturme, wir wollen besser sagen, zur Ernte der in der Feuerglut gereiften Früchte antreten. Da geschieht das Unbegreifliche. Zwischen den Trümmern und Trichtern erhebt sich deutsches Leben, deutsche Kraft und deutscher Wille und schleudert sein Verderben in die stürmenden Linien und die ihnen folgenden, in unserem losbrechenden Feuer wirbelnden und sich zusammenballenden Haufen. Wohl wird der deutsche Widerstand an den am schwersten erschütterten Stellen niedergetreten, aber was bedeutet in diesem Riesenkampfe ein Verlust von einzelnen Stellungsteilen gegenüber der siegreichen Behauptung der allgemeinen Front?
Die Schlacht zeigt schon in den ersten Tagen eine ausgesprochene französische Niederlage. Der blutige Rückschlag wirft die französische Führung und Truppe in bitterste, ja verbitterte Enttäuschung.
Der Kampf bei Arras, bei Soissons und bei Reims tobt noch wochenlang. Er bringt nur einen einzigen taktischen Unterschied gegenüber dem Ringen an der Somme im vergangenen Jahre, und den möchte ich zu erwähnen nicht vergessen: der Gegner erringt nämlich über die ersten Tage hinaus nirgends mehr einen nennenswerten Erfolg, und schon nach wenigen Wochen sinkt er auf seinen Angriffsfeldern erschöpft in den Stellungskrieg zurück. Unser Abwehrverfahren hat sich also doch noch glänzend bewährt!
Und nun noch ein drittes Bild: Die Szenen spielen sich ab auf den Höhen von Wytschaete und Messines, nordwestlich Lille, angesichts des Kemmel. Es ist der 7. Juni. Also ein Zeitpunkt, an dem das Scheitern der vorher erwähnten Kämpfe schon zweifelsfrei feststeht. Die Lage auf den Wytschaeter Höhen, dem Schlüsselpunkt des dortigen Stellungsbogens, ist wenig günstig für neuzeitliche Verteidigung. Der verhältnismäßig schmale Rücken gestattet nicht die Anwendung einer genügend tiefen Zone. Das vorderste Grabensystem liegt auf den Westhängen und bietet feindlicher Artillerie treffliche Ziele. Das feuchte Erdreich rutscht im Sommer und Winter, der Boden ist vielfach vom Minenkrieg zerwühlt, einer Kampfart, die früher gerade hier um den Besitz der wichtigsten Stellungsteile mit äußerster Erbitterung angewendet worden war. Doch hört man seit langem nichts mehr von unterirdischem Wühlen. Nicht nur von Westen, sondern auch von Süd und Nord her ist die Verteidigung auf den Höhen bei St. Eloi sowie an den beiden Eckpfeilern Wytschaete und Messines durch die gegnerische Artillerie zu fassen.
Der Engländer bereitet seinen Angriff in gewohnter Weise vor. Der Verteidiger leidet schwer, schwerer als nur irgendwo bisher. Auf unsere besorgte Frage, ob die Höhen nicht besser freiwillig geräumt würden, erfolgt die mannhafte Antwort: „Wir werden [pg 244]halten, noch stehen wir fest!“ Als aber der verhängnisvolle 7. Juni anbricht, erhebt sich der Boden unter den Verteidigungslinien, ihre wichtigsten Stützteile brechen zusammen und durch den Rauch und die niederstürzenden Erdmassen der gesprengten Minenreihen schreiten die englischen Sturmtruppen über die letzten Reste deutscher Verteidigungskraft hinweg. Krampfhafte Versuche unsererseits, die Lage durch Gegenstoß zu retten, scheitern an dem mörderischen feindlichen Artilleriefeuer, das aus weitem Bogen das Rückengebiet der verlorenen Stellungen in einen wahren Feuerkessel verwandelt. Trotzdem gelingt es auch hier, den Gegner vor vollendetem Durchbruch unserer Linien zum Halten zu bringen. Unsere Verluste an Menschen wie Kriegsgerät sind schwer; die Preisgabe des Geländes wäre zu verschmerzen gewesen.
Das bisherige Gesamtergebnis der großen feindlichen Offensive im Westen war nach meinem Urteil für uns nicht unbefriedigend. Geschlagen waren wir nirgends. Selbst die bedenklichsten Gefahren hatten wir aufgefangen. Nirgends war es dem Feinde gelungen, über einen mäßigen Geländegewinn hinaus größere Ziele zu erreichen, geschweige denn aus der Durchbruchsschlacht zur freien Operation übergehen zu können. Die Auswertung dieser unserer Erfolge im Westen sollte auch diesmal an anderen Fronten stattfinden.
Im nahen und fernen Orient
Noch bevor der wilde Tanz an unserer Westfront begann, erneuerte Sarrail seine Angriffe in Mazedonien mit dem Schwergewicht bei Monastir. Auch diese Ereignisse zogen unsere volle Aufmerksamkeit auf sich. Waren doch die Ziele des Gegners auch hier sehr weitgesteckt. Gleichzeitig mit diesem Ansturm gegen die bulgarische Front veranlaßte der Feind einen Aufstand in Serbien, hierdurch unsere Verbindungen auf der Balkanhalbinsel gefährdend. [pg 245]Der Aufstand wurde indessen an der bedrohlichsten Stelle, nämlich bei Nisch, niedergeschlagen, ehe er die besonders von den bulgarischen Regierungskreisen befürchtete Ausdehnung über ganz Altserbien annahm.
Die Schlacht an der mazedonischen Front wurde mit großer Erbitterung geführt. Der bulgarischen Armee gelang es, ohne daß wir ihr weitere deutsche Unterstützung zusenden mußten, ihre Stellungen nahezu restlos zu behaupten. Ein uns sehr befriedigendes Ergebnis! Unser Verbündeter hatte sich sehr gut geschlagen. Er erkannte damals rückhaltslos an, daß sich die deutsche Arbeit in seinen Kampfreihen bestens bewährt hatte. Ich gewann daraus die Überzeugung, daß die bulgarische Armee ihrer Aufgabe auch weiterhin gewachsen sei. Dies bestätigte sich bei Erneuerung der Angriffe der Entente im Mai. Auch diesmal wurden deren Anstürme in ihrer Ausdehnung von Monastir bis zum Doiran-See völlig zum Scheitern gebracht.
Im armenischen Hochlande war es still geblieben. Gelegentliche kleinere Zusammenstöße im Winter schienen mehr durch Beutezüge als durch das Erwachen der Kampflust auf einer der beiden Seiten veranlaßt worden zu sein. Der Russe hatte unter dem Einfluß der auch bei ihm bestehenden ungeheuren Nachschubschwierigkeiten die Masse seiner Truppen aus den wildesten und verödetsten Hochgebirgsteilen in bessere Verpflegungsgebiete des Landesinnern zurückgezogen. Die völlige Erstarrung der russischen Kampflust war aber überraschend. Wir erhielten von türkischer Seite keine Nachricht, die uns die Gründe hierfür hätte erkennen lassen.
Im Irak griff der Engländer im Februar an und kam schon am 11. März in den Besitz von Bagdad. Diesen Erfolg verdankte er einer geschickten Umgehung der starken türkischen Front.
In Südpalästina, bei Gaza, brach dagegen der englische Angriff, mit erdrückender Überlegenheit aber rein frontal und mit geringem taktischen Geschick geführt, vor den türkischen Linien vollständig [pg 246]zusammen. Nur das Versagen einer zum umfassenden Gegenstoß angesetzten türkischen Kolonne rettete hier England vor einer vernichtenden Niederlage.
Die Rückwirkung dieser Ereignisse in Asien auf unsere gesamte Kriegslage werde ich noch zu besprechen haben.
An der Ostfront
Noch bevor Franzosen und Engländer im Westen zum allgemeinen Angriff antraten, erbebte die russische Front in ihren Grundfesten. Unter unseren bisherigen wuchtigen Schlägen hatte das Gefüge des russischen Staates sich zu lockern begonnen.
Wie ein Alpdruck hatte der plumpe russische Koloß bisher auf der ganzen europäischen und asiatischen Welt gelastet. Nun begann es, sich innerhalb seiner Masse zu dehnen und zu recken. Tiefgreifende Risse traten an die Oberfläche und durch die entstandenen Spalten gewann man bald Einblick in die Glut politischer Leidenschaften und in das Getriebe teuflisch roher Kräfte. Das Zarentum stürzt! Wird sich eine neue Macht finden, die diese politischen Leidenschaften im Eishauch sibirischer Gefängnisse wieder zur Erstarrung bringt und die wilden Gewalten wieder unter Gräberhügeln erdrückt?
Rußland in Revolution! Wie oft hatten uns wirkliche oder sogenannte Kenner des Landes das Nahen dieses Ereignisses verkündet. Ich hatte den Glauben daran verloren. Nun da es eintrat, löste es in mir keineswegs Gefühle politischer Genugtuung, wohl aber solche kriegerischer Erleichterung aus. Auch diese letzteren traten erst langsam in Geltung. Ich fragte mich: war der Sturz des Zaren ein Sieg der Kriegs- oder der Friedensströmung? Hatten die Totengräber des bisherigen Zarentums nur gearbeitet, um mit dem letzten Träger der Krone den uns bekannten Friedenswillen hoher russischer Kreise und die Friedenssehnsucht breiter Massen zum Falle zu bringen?
Solange das Verhalten des russischen Heeres auf diese Frage keine klare Antwort gab, war und blieb unsere Lage Rußland gegenüber unsicher. Der Zersetzungsprozeß hatte im russischen Staat zweifellos eingesetzt. Kam es nicht bald zur Errichtung einer Diktatur mit gleich rücksichtsloser Gewalt wie die eben gestürzte, so schritt diese Zersetzung weiter, wenn auch in dem großen schweren russischen Koloß mit seinen plumpen Lebensäußerungen vielleicht langsamer als sonstwo. Unser Plan ist von Anfang an, diesen Gang der Ereignisse nicht zu stören, wir müssen nur auf der Hut sein, daß er uns nicht stört: ja vielleicht zerstört. Man muß in dieser Lage an die Lehren der Kanonade von Valmy denken, die mehr als hundert Jahre früher die aufgewühlten und zerrissenen französischen Volkskräfte wieder zusammenschweißte und den Antrieb gab zu jener großen blutroten Flut, die ganz Europa überschwemmte. Freilich, das Rußland des Jahres 1917 verfügt nicht mehr über die großen, unverbrauchten Menschenmassen des damaligen Frankreichs. Des Zarenreiches beste und tauglichste Kräfte stehen an der Front oder liegen in Massengräbern vor und hinter unseren Linien.
Der Verzicht, der mir persönlich durch ruhiges Warten angesichts der beginnenden russischen Zersetzung auferlegt wird, ist groß. Kann ich mich jetzt aus politischen Gründen mit einer Offensive an der Ostfront nicht befreunden, so drängt das soldatische Empfinden zu einem Angriff im Westen. Ich denke an das Stocken des englischen Angriffs bei Arras, an die schwere Niederlage Frankreichs zwischen Soissons und Reims. Gibt es einen näher liegenden Gedanken als den, alle brauchbaren Kampftruppen vom Osten nach dem Westen zu werfen und dort zum Angriff vorzugehen? Noch ist Amerika weit weg. Mag es kommen, nachdem auch Frankreichs Kräfte gebrochen sind. Dann kommt es zu spät!
Die ihr drohende schwere Gefahr erkennt aber auch die Entente, und sie arbeitet mit allen Mitteln, um den Zusammenbruch der russi[pg 248]schen Macht und damit eine weitgehende Entlastung unserer Ostfront zu verhindern. Rußland muß aushalten, wenigstens bis Amerikas neugebildete Armeen den französischen Boden betreten können, sonst scheint die kriegerische und moralische Niederlage Frankreichs sicher. Also schafft die Entente Politiker, Agitatoren, Offiziere nach Rußland, um die dortige zerwühlte und rissige Front zu stützen; sie vergißt auch nicht diesen Missionen Geld mitzugeben, das an manchen Stellen Rußlands kräftiger wirkt als politische Gründe.
Durch diese Gegenwirkung werden uns auch diesmal die größten Siegesaussichten geraubt. Die russische Front wird gehalten, nicht durch eigene Stärke, sondern hauptsächlich durch die agitatorischen Mittel, die unsere Feinde dorthin bringen, und die ihre Zwecke erreichen, selbst gegen den Willen der russischen Massen.
Hätten wir nicht vielleicht doch angreifen sollen, als sich die ersten Zerreißungen im russischen Gebäude zeigten? Verdarben uns nicht vielleicht politische Gesichtspunkte die schönsten Früchte unserer bisherigen größten Erfolge?
Unsere Beziehungen zum russischen Heere an der Ostfront entwickeln sich zunächst in immer ausgesprochenerem Grade zu einem Waffenstillstand, wenn auch ohne schriftliche Festsetzung. Die russische Infanterie erklärte allmählich fast überall, daß sie nicht mehr kämpfen würde. Doch bleibt sie mit der ihrer Masse eigenen Stumpfheit in ihren Gräben sitzen. Wo die gegenseitigen Beziehungen allzu offenkundig freundschaftliche Verkehrsformen annehmen, schießt die russische Artillerie ab und zu dazwischen. Diese Waffe ist noch in den Händen ihrer Führer, nicht aus einem ihr angeborenen konservativen Sinn, sondern weil sie nicht in so viele selbständige Köpfe zerfällt als ihre Schwesterwaffe. Der Einfluß der Ententeagitatoren und Offiziere macht sich in den russischen Batterien noch durchgreifend geltend. Der russische Infanterist schimpft zwar über diese Störung der ihm so willkommenen Waffenruhe, verprügelt wohl auch hier und da mal [pg 249]die artilleristische Schwester und freut sich, wenn unsere Granaten in deren Geschützständen krepieren, aber der geschilderte Zustand bleibt monatelang unverändert.
Die russische Kriegsunlust ist am ausgesprochensten auf dem nördlichen Flügel. Von da nimmt sie nach Süden ab. Der Rumäne ist augenscheinlich von ihr unberührt. Vom Mai ab zeigt sich auch im Norden, daß die Führung die Zügel wieder in die Hand bekommt. Die Freundschaft zwischen den beiderseitigen Schützengräben hört mehr und mehr auf. Man kehrt wieder zu den alten Umgangsformen mit den Waffen in der Hand zurück. Bald ist auch kein Zweifel mehr, daß im Rückengebiet der russischen Front mit aller Kraft gearbeitet und diszipliniert wird. So wird das russische Heer wenigstens zum Teil wieder widerstandsbereit, ja sogar angriffsfähig gemacht. Die Kriegsströmung hat sich durchgesetzt, und Rußland schreitet zu einer großen Offensive unter Kerenski.
Kerenski, nicht Brussilow? Den letzteren haben wohl die Ströme eigenen Volksblutes, die im Jahre 1916 in Galizien und Wolhynien flossen, von dieser höchsten Stelle hinweggerissen, ähnlich wie es in diesem Frühjahr Nivelle in Frankreich erging. Auch in dem menschenreichen Rußland scheint man demnach empfindsam geworden zu sein gegen Massenopfer. Man hat im großen Schuldbuch des Krieges die Seite aufgeschlagen, auf der die russischen Verluste verzeichnet sind, die Zahl ist aber nicht erkennbar. Fünf oder acht Millionen? Auch wir haben keine Ahnung von ihrer Größe. Wir wissen nur, daß wir ab und zu in den Russenschlachten die Hügel der feindlichen Leichen vor unseren Gräben entfernen mußten, um das Schußfeld gegen neuanstürmende Gewalthaufen frei zu bekommen. Mag die Phantasie hieraus die Zahl der Verluste zusammenstellen, eine richtige Berechnung bleibt für ewig ein mißlingender Versuch.
Ob Kerenski aus eigenem Entschluß oder durch die Lockungen und den Zwang der Entente zum Angriff bewogen wird, ist schwer [pg 250]zu entscheiden. Jedenfalls hat die Entente das größte Interesse daran, daß Rußland nochmals zu einer Offensive vorgetrieben wird. Sie hat im Westen die gute Hälfte ihrer Sturmkraft bis jetzt schon vergeblich geopfert, ja vielleicht schon mehr als die Hälfte. Was bleibt ihr aber übrig als den Einsatz des gebliebenen Restes zu wagen, wenn auch die Hilfe Amerikas noch fern ist? Der Unterseebootkrieg frißt gerade in jenen Monaten an dem Lebensmark unseres erbittertsten, unversöhnlichsten Gegners in einer Stärke, daß es fraglich erscheinen muß, ob für Amerikas Hilfe im kommenden Jahr noch die Möglichkeit des Transportes gegeben sein wird. Deutschlands Truppen müssen also im Osten festgehalten werden, und deswegen wird Kerenski die letzte Kraft Rußlands im Angriff einsetzen. Ein gewagtes Spiel, am meisten gewagt für Rußland! Doch voll berechtigt; denn gelingt es, dann ist nicht nur die Entente gerettet, sondern es kann auch eine russische Diktatur geschaffen und erhalten werden. Ohne solche ist Rußland dem Chaos verfallen.
Die Aussichten für die Offensive Kerenskis gegen die deutsche Front sind freilich jetzt kaum besser als in früheren Zeiten. Mögen auch gute, deutsche Divisionen nach dem Westen gezogen worden sein, die verbliebenen genügen, um einen russischen Anprall auszuhalten. Zu einer langandauernden Sturmflut wie 1917 wird der Angriff nicht werden, dazu fehlt dem Gegner die innere Kraft. Zahlreiche russische Freiheitsverkünder durchziehen plündernd das Rückengebiet der Armee oder strömen der Heimat zu. Auch gute Elemente verlassen die Front, aus Sorge um Angehörige und Besitz angesichts der drohenden innerpolitischen Katastrophe.
Bedenklich liegen dagegen die Verhältnisse an der österreichisch-ungarischen Front; es ist zu befürchten, daß dort auch jetzt wieder, wie 1916, der russische Ansturm schwache Stellen finden wird. Vielleicht, ja sicher wohl, hat Kerenski darüber die gleichen Nachrichten, wie wir. Wird uns doch schon im Frühjahr durch einen Vertreter der verbündeten Macht ein tiefernstes Bild von dortigen Zuständen [pg 251]entworfen mit dem Gesamteindruck, daß „die österreichisch-slawischen Truppen in überwiegender Mehrzahl einem russischen Angriff jetzt noch geringeren Widerstand entgegensetzen werden wie 1916“, denn sie sind gleichzeitig mit den russischen Truppen auch politisch zersetzt worden.
Aus ähnlichem Einblick, den Überläufer ihm liefern, wird sich wohl Kerenskis Kriegsplan ergeben haben, nämlich: Örtliche Angriffe gegen die Deutschen, um diese zu binden, den Massenstoß aber gegen die k. u. k. Mauer. Und so geschah es.
Bei Riga, Dünaburg und Smorgon greift der Russe die deutschen Stellungen an und wird zurückgetrieben. Die Mauer in Galizien erweist sich nur da als steinern, wo österreichisch-ungarische Truppen mit deutschen vereint stehen. Dagegen stürzt die österreichisch-slawische Wand bei Stanislau vor dem einfachen Pochen Kerenskis. Aber Kerenskis Truppen sind nicht mehr Brussilows Truppen. Ein Jahr verging seit des letzteren Offensive. Es war ein Jahr schwerer Verluste und tiefer Zersetzung für das russische Heer. So dringt die russische Offensive trotz günstigster Aussichten auch bei Stanislau nicht vollständig durch.
Die russische Saat ist nun endlich zum Schneiden reif. Die Schnitter stehen auch schon bereit. Es ist die Zeit, in der auch auf den Fluren der deutschen Heimat die wirkliche Ernte beginnt. Mitte Juli!