Unser Gegenstoß im Osten

Gegenstoß! Keine Truppe, kein Führer an der Front kann diese Nachricht mit freudigerer Genugtuung vernommen haben, wie ich sie empfand, als ich endlich den Zeitpunkt hierfür gekommen sah.

An früherer Stelle habe ich unsere Lage bis zum Frühjahr 1917 als eine große strategische Bereitstellung bezeichnet. Unsere Reserven waren dabei freilich nicht eng vereinigt, wie etwa die Heeresmassen Napoleons, als er im Herbste 1813 den Angriff der ihn von allen Seiten umringenden Gegner erwartete. Die ungeheuren Räume, die wir zu beherrschen hatten, verboten ein derartiges Verfahren. Die Leistungen unserer Eisenbahnen ermöglichten andererseits, auch weit verstreut stehende Verfügungstruppen rasch zu einem Stoß auf ein gewähltes Operationsfeld zu werfen.

Die Abwehrkämpfe im Westen hatten an dem Bestand unserer Reserven stark gezehrt. Mit dem verbliebenen Reste dort eine Gegenoffensive zu machen, verboten die Stärkeverhältnisse und die Kampfschwierigkeiten. Dagegen schienen diese unsere Kräfte auszureichen, um mit ihnen im Osten die Lage endgültig zu unseren Gunsten zu entscheiden und dadurch den politischen Zusammenbruch unserer dortigen Gegner herbeizuführen. Die Stützen Rußlands waren morsch geworden. Die letzten Kraftäußerungen des jetzt republikanischen Heeres waren nur das Ergebnis einer künstlich hochgetriebenen Welle, die ihre Stärke nicht mehr aus den Tiefen des [pg 253]Volkes schöpfte. War aber in diesem Völkerringen die Fäulnis in ein Volksheer einmal eingedrungen, so mußte der völlige Zusammenbruch unvermeidlich sein. Aus dieser Überzeugung heraus war ich der Meinung, daß wir in Rußland auch mit geringen Mitteln nunmehr Entscheidendes erreichen könnten.

Begreiflicherweise fehlte es nicht an Stimmen, die vor einem Einsatz unserer verfügbaren Reserven zu einem Angriff auch jetzt noch warnten. Und in der Tat, die Frage war nicht so einfach zu entscheiden, als es jetzt, wo sich der Gang der Ereignisse klar überblicken läßt, scheinen möchte. Wir hatten in der Zeit des Entschlusses manche schwere Bedenken und Sorgen zurückzustellen. War doch damals schon klar, daß der englische Angriff bei Wytschaete und Messines am 7. Juni nur den Vorbereitungskampf zu einem weit größeren Schlachtendrama bildete, das, sich an ihn anschließend, seinen Hintergrund in der weiter nördlich gelegenen flandrischen Landschaft haben würde. Auch mußten wir damit rechnen, daß Frankreich wieder zum Angriff schreiten würde, sobald sich sein Heer von den schweren Rückschlägen aus der Frühjahrsoffensive erholt hatte.

Das Wegziehen von Kräften aus dem Westen, es handelte sich um 6 Divisionen, war zweifellos ein Wagnis, ähnlich, wie wir es im Jahre 1916 beim Angriff auf Rumänien übernehmen mußten. Damals freilich zwang uns die offene Not. Jetzt führte uns der freie Entschluß. In beiden Fällen aber war das Wagnis gegründet auf das unerschütterliche Vertrauen zu unseren Truppen.

Auch aus anderen Gründen, als aus denen der allgemeinen Kriegslage erhoben sich gegen unseren Plan abmahnende Stimmen. An der Hand der Erfahrungen, die die Gegner unserer Verteidigung gegenüber gemacht hatten, wurde die Möglichkeit durchschlagender Angriffserfolge unsererseits bezweifelt. Ich erinnere mich, daß wir noch kurz vor dem Beginne unseres Gegenstoßes an der galizischen Front gewarnt wurden, mit den bereitgestellten Kräften nicht [pg 254]mehr zu erhoffen, als einen örtlichen Erfolg; also eine Einbeulung der feindlichen Linien, so wie der Gegner sie vielfach gegen unsere Verteidigung im ersten Anlauf erreichte. War dies anzustreben? Verzichteten wir dann nicht besser auf die ganze Operation?

Unter solchen Annahmen wurde auch die Anregung begreiflich: Wir sollten unsere Landkräfte lediglich zur Abwehr bereithalten und im übrigen abwarten, bis unsere Unterseeboote unsere Hoffnungen erfüllt haben würden. Der Gedanke hatte etwas verführerisches. Das Ergebnis des Unterseebootkrieges übertraf nach den uns damals zukommenden Mitteilungen alle unsere Erwartungen. Seine Wirkungen mußten daher bald offen zutage treten. Trotzdem konnte ich mich mit diesem Vorschlag nicht befreunden. Die militärischen wie politischen Verhältnisse im Osten drängten gerade jetzt derartig zur Entscheidung, daß wir nicht monatelang stillhalten und nur zusehen konnten. Wir mußten befürchten, daß, wenn dem Angriff Kerenskis unser Gegenschlag nicht auf dem Fuße folgte, die kriegerischen Strömungen in Rußland wieder die unbedingte Oberhand gewinnen würden. Es ist nicht notwendig, sich die Rückwirkung eines solchen Ganges der Ereignisse auf unser Land und auf unsere Verbündeten näher auszumalen.

Während sich Kerenski vergeblich abmüht, mit der Masse seiner noch angriffsfähigen Truppen nordwestlich Stanislau die inzwischen durch deutsche Kräfte stärker gestützten österreichisch-ungarischen Linien zu durchbrechen, versammeln wir südwestlich Brody, also seitwärts des russischen Einbruchs, eine starke Angriffsgruppe und treten am 19. Juli in südöstlicher Richtung auf Tarnopol zum Angriff an. Unsere Operation trifft wenig widerstandsfähige, im voraufgegangenen Angriff erschöpfte Teile der russischen Linien. Sie werden rasch über den Haufen geworfen, und mit einem Schlage bricht die ganze Offensive Kerenskis zusammen. Nur schleuniger Rückzug kann die nach Norden und vor allem die nach Süden an unsere Durchbruchstelle anschließenden [pg 255]russischen Kräfte vor dem Verderben retten. Unsere gesamte Ostfront in Galizien, bis weit nach Süden in die Karpathen hinein, setzt sich in Bewegung und folgt dem weichenden Feinde. Schon Anfang August ist fast ganz Galizien und die Bukowina vom Gegner befreit. An diesem schönen Erfolge haben unsere Bundesgenossen entsprechenden Anteil. Es wurde mir mitgeteilt, daß sich in den österreichisch-ungarischen Verfolgungskämpfen ganz besonders die Feldartillerie ausgezeichnet hätte. Sie fuhr in kühner Rücksichtslosigkeit über die eigene Infanterie hinaus an die Russen heran. Ich habe diese treffliche Waffe ja schon 1866 bei Königgrätz als Gegner bewundern gelernt und freute mich daher doppelt der erneuten Bewährung ihres Ruhmes auf unserer Seite.

Unsere Offensive kam an der Grenze der Moldau zum Stehen. Niemand konnte das mehr bedauern als ich. Wir waren in der denkbar günstigsten strategischen Lage, um uns durch Fortsetzung der Bewegungen in den Besitz dieses letzten Teiles Rumäniens zu setzen. Bei den damaligen politischen Verhältnissen in Rußland hätte das rumänische Heer sich wohl sicher aufgelöst, wenn wir es zum völligen Verlassen seines heimatlichen Bodens zwingen konnten. Wie hätten ein rumänischer König und ein königlich rumänisches Heer auf revoltierendem russischen Boden weiter bestehen können? Unsere rückwärtigen Verbindungen waren jedoch infolge Bahnzerstörungen durch die weichenden Russen so schwierig geworden, daß wir schweren Herzens auf die Fortsetzung der Operationen an dieser Stelle verzichten mußten. Ein späterer Versuch unsererseits durch einen Angriff bei Focsani die rumänische Armee in der Moldau ins Wanken zu bringen, drang nicht durch.

Wir halten nun weiter an dem Entschluß fest, Rußland bis zur endgültigen militärischen Ausschaltung nicht mehr locker zu lassen, mochte auch zu dieser Zeit im Westen der Beginn des flandrischen Dramas unsere Aufmerksamkeit, ja unsere vermehrten Sorgen auf sich ziehen. Konnten wir in Wolhynien und in der Moldau auf [pg 256]das russische Heer nicht weiter losschlagen, so mußte das an einem anderen Frontteil geschehen.

Bei Riga bot sich nun hierfür eine besonders geeignete Stelle, an der Rußland nicht nur militärisch sondern auch politisch empfindlich getroffen werden konnte. Dort sprang der russische Nordflügel wie eine mächtige Flankenstellung auf mehr als 70 km Breite bei nur 20 km Tiefe längs des Meeres auf das Westufer der Düna vor, eine strategische und taktische Drohstellung gegenüber unserer eigenen Front. Diese Lage hatte uns bereits früher, als ich noch das Oberkommando im Osten führte, gereizt. Wir hatten schon 1915 und 1916 Pläne geschmiedet, wie wir diese Stellung in der Nähe ihrer Basis durchbrechen und dadurch einen großen Schlag gegen ihre Besatzung führen könnten.

Auf dem glatten Papier eigentlich eine sehr leichte Operation, in der rauhen Wirklichkeit aber doch nicht ganz so einfach. Der Durchbruchskeil mußte nämlich oberhalb Riga über die breite Düna in nördlicher Richtung vorgetrieben werden. Nun hatten freilich im Verlauf des Krieges große Ströme wesentlich an ihrem imponierenden Charakter als Hindernisse eingebüßt. Hatte doch Generalfeldmarschall von Mackensen die mächtige Donau angesichts des Gegners zweimal überschritten. Wir konnten uns also an die Überwindung der schmaleren Düna mit leichterem Herzen heranwagen; aber die große Schwierigkeit des Unternehmens lag darin, daß die russischen vollbesetzten Schützengräben sich überall dicht an dem gegenüberliegenden Ufer hinzogen, die Düna wie einen nassen Festungsgraben ausnützend.

Trotzdem gelingt am 1. September der kühne Angriff, da der Russe in unserem Vorbereitungsfeuer seine Uferstellungen verläßt. Und auch die Besatzung der großen Flankenstellung westlich des Flusses weicht, Tag und Nacht marschierend, über Riga nach Osten und entzieht sich dadurch leider großenteils rechtzeitig der Gefangenschaft.

Unser Angriff bei Riga ruft in Rußland die größte Sorge um Petersburg hervor. Die Hauptstadt des Landes gerät in Aufregung. Sie fühlt sich durch unseren Angriff bei Riga unmittelbar bedroht. Petersburg, immer noch der Kopf Rußlands, gelangt in einen Zustand höchster Nervosität, der sachliches, ruhiges Denken ausschließt; sonst würde man dort wohl den Zirkel in die Hand genommen haben, um die Entfernungen zu messen, die unsere bei Riga siegreichen Truppen immer noch von der russischen Hauptstadt trennen. Freilich nicht nur in Rußland, auch in unserem Vaterlande arbeitet die Phantasie bei dieser Gelegenheit sehr lebhaft und vergißt Raum und Zeit. Man gibt sich auch bei uns starken Illusionen über einen Vormarsch auf Petersburg hin. Offen gestanden würde diesen niemand lieber durchgeführt haben als ich selbst. Ich verstand daher das Drängen unserer Truppen und ihrer Führer, das Vorgehen mindestens bis zum Peipussee fortzusetzen. Allein wir mußten auf die Ausführung all dieser gewiß sehr schönen Gedanken verzichten; sie hätten unsere Truppen zu lange und in zu großer Zahl in einer Richtung gefesselt, die mit unseren weiteren Absichten nicht in Einklang zu bringen war. Unsere Aufmerksamkeit mußte sich vom Rigaischen Meerbusen der Küste des Adriatischen Meeres zuwenden. Darüber gleich nachher.

Können wir aber auf Petersburg nicht weitermarschieren und dadurch das Nervenzentrum Rußlands bis zum Zusammenbruch in lebhaftester Unruhe erhalten, so gibt es noch einen anderen Weg, um diesen Zweck zu erreichen, nämlich den zur See. Unsere Flotte geht mit voller Hingabe auf unsere Anregung ein. So entsteht der Entschluß, die dem Rigaischen Meerbusen vorgelagerte Insel Ösel wegzunehmen. Von dort bedrohen wir den russischen Kriegshafen Reval unmittelbar und vermehren unseren Druck auf das erregte Petersburg unter Einsatz nur geringer Kräfte.

Die Operation gegen Ösel zeigt die einzige völlig gelungene Unternehmung beider Parteien in diesem Kriege, soweit es sich um [pg 258]ein Zusammenwirken von Heer und Flotte handelte. Die Verwirklichung des Planes wurde anfänglich durch ungünstiges Wetter derartig in Frage gestellt, daß wir schon daran dachten, die eingeschifften Truppen wieder an Land zu nehmen. Der Eintritt besserer Witterung läßt uns dann die Ausführung wagen. Sie verläuft von da ab nahezu mit der Genauigkeit eines Uhrwerks. Die Marine entspricht den hohen Anforderungen, die wir hierbei an sie stellen müssen, in jeder Richtung.

Wir gelangen in den Besitz von Ösel und der benachbarten Inseln. In Petersburg werden die Nerven immer aufgeregter und arbeiten immer wilder und zusammenhangloser. Die Geschlossenheit in der russischen Heeresfront lockert sich mehr und mehr; immer deutlicher tritt zutage, daß Rußland zu sehr von inneren Aufregungen verzehrt wird, als daß es noch imstande wäre, in absehbarer Zeit nach außen hin zu erneuter Kraftentfaltung zu kommen. Was mitten in diesem Trubel noch fest und haltbar erscheint, wird von der roten Flut immer stärker umbrandet; Stück auf Stück wird von den Grundpfeilern des Staates weggerissen.

Unter unseren letzten Schlägen wankt der Koloß nicht nur, sondern er berstet und stürzt. Wir aber wenden uns einer neuen Aufgabe zu.


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