Liebes- und Heldengeschichte.
Schwarze nächtliche Wolken hiengen über den schlummernden Horizont, und nur blasse Stralen des Mondes brachen durch die duftenden Lauben des königlichen Gartens, als die reizende Alidia lustwandelte, und so zu den Sternen seufzte: Wie lang unerbittliches Schicksal bin ich noch der Gegenstand deiner Rache? Und du allesbeherrschende Liebe, wie lange soll noch mein Herz das Spiel deiner muthwilligen Ränke seyn? Alle diejenigen, die ich hasse, lieben mich, und der einzige, den ich anbete, verschmäht mein Herz. Was soll ich in meiner traurigen Lage beginnen? Soll ich den Ehrgeiz hören? Er räth mir die Liebe Eduards und mit ihr seine Krone zu erobern; aber Ach! Wie theuer sind diese Kronen erkauft! O Sigismund, nur Du bist der Abgott meiner Seele, du bist würdig meine Zärtlichkeit ganz zu besitzen! Eil, erobere den Thron, den du allein verdienst! Doch du hörst nicht meine Wünsche; du verachtest meine Seufzer, und begegnest nie mit zärtlichem Auge meinen schmachtenden Blicken. Aber welch ein Geräusch unterbricht meine einsamen Klagen?
Ich bin es göttliche Alidia, rief Prinz Friedrich, indem er sich ihr zu Füssen warf. Hier liegt der Unglückliche, der ohne dich nicht länger leben kann, der dich anbetet, und von dir die Entscheidung seines Schicksals hören will. Leben und Tod hängt izt auf deinen Lippen. Meine Verzweiflung führt mich hieher. O Alidia, Du bist mir entrissen! Eduard, der Mörder deines Bruders, der Zerstörer deines Vaterlands, den Feind meiner Hofnungen, der dich mir raubt, soll Dich als eine kostbare Beute besitzen? Da ich durch die gütigen Verheissungen deines Bruders schon die süsse Hofnung nährte, deine Hand zu erhalten, soll dieser ruhmsüchtige König mir den unschätzbaren Preis, dein Herz entreissen? Zuerst muß er mich tödten! —— Ich komme hieher, dich durch meine zärtliche Liebe durch den theuren Schatten deines Bruders zu beschwören, folge mir schönste Alidia! Alles ist zu deiner Freyheit gerüstet, laß uns eilen! —— Du zögerst? Du entweichest? Du bebst zurück bey meiner Bitte? Ich bin gehaßt, du liebst meinen Feind! —— Aber er soll dich nicht besitzen!
Zurück kühner Prinz! Rief Alidia, fürchte meine Rache! Ich liebte Dich nie, und fühle, daß ich Dich nie lieben werde. Geh, dank es meiner Güte, daß ich deinen Frevel nicht bestrafe! Du bist hier im Pallast deines Feindes! —— Friedrich umfaßte Alidien; ihr Geschrey ertönte, und Sigismund stürzte herzu. Mit blitzendem Schwerte begrüßte er den Entführer. Wohin du Räuber? Rief er, hieher zu mir! Ich vertheidige die Schwachen, die du dreist genug bist, zu beleidigen. Es kam zum blutigen Gefechte, indeß Alidia vor Schrecken in Ohnmacht sank. Friedrich ward entwafnet, und bat seinen Sieger um den Tod. Laß mich sterben, tapferer Krieger, wer du immer bist! Solltest du mein Nebenbuhler seyn, so räche dich, und tödte mich! Ich bete Alidien an; ich habe gerechte Ansprüche auf ihr Herz, auf ihre Hand; aber die Grausame opfert mich treulos ihrem Ehrgeize auf. Ich will mein Unglück nicht überleben!
Sigismund ward durch die Klagen dieses unglücklichen Prinzen zum Mitleid gerührt. Er tröstete ihn, und bat ihn zu seiner Sicherheit eilends den königlichen Pallast zu verlassen. Er legte durch viele Trostgründe heilenden Balsam auf seine Wunden, und beredete ihn liebreich, daß er endlich entwich. Indeß erholte sich die schmachtende Alidia, und sie dankte ihrem großmüthigen Befreyer mit Worten, die mehr Liebe als Dankbarkeit verriethen. Ach! Seufzte sie, wärest Du mein Entführer gewesen, ich würde weniger Widerwillen gezeigt haben; aber Sigismund hört nur das Jauchzen der wilden Krieger, und sieht nur die blutigen Lorbeern mit Entzücken. Art vergißt nicht ihre Art. Wie deinen Onkel reizt dich nur die Kriegstrompete. Du bist unempfindlich für die sanfte Liebe, und bleibst kalt für Herzen, die für dich brennen ——
Reizende Alidia, rief mit Erstaunung Sigismund, Du legest mir Fehler bey, die mein Herz mißkennet. Ich ehre dein Geschlecht! aber nie hat mich der stolze Eigendünkel so bethöret, daß ich vergessen sollte, wer ich bin. Ich bin Sigismund, ein kleiner Auswürfling des Glückes; Sigismund, der keine Kronen anzubieten hat! Dieser Degen ist mein Reichthum; dieses Herz ist meine väterliche Erbe! Nackt stieß mich das stiefmütterliche Glück in die Fremde. Die Erde ist mein Vaterland geworden. Du aber göttliche Alidia bist zu Kronen gebohren, und gereifet. Ich wünsche dir Glück zu deinem schönsten Siege. Eroberer liegen in deinen reizenden Fässeln. Ich werde mich nie so vergessen, meinen Blick zu Dir zu erheben. Du bist der Schatz meines königlichen Onkels, der Dir Zepter zu Füssen legt, die Du verdienest!
Was hindert Dich Kronen zu erobern, edler Sigismund, unterbrach ihn sanftlächelnd Alidia. Ich kenne deine Tapferkeit, und dein durchlauchtiges Blut. Liebe mich, und ich öffne Dir die Bahn zum Throne! —— Ich kenne nur rechte Gleise, nahm Sigismund das Wort, und diese führen mich zur Pflicht, zum Gehorsam, und zur Unterwürflichkeit. Der Himmel giebt Kronen! —— Ich liebe die Tugend, und wünsche, daß sie stets die schönste Perle deiner Krone sey! —— So sprach er mit Nachdruck, verneigte sich, und entwich.
Alidia stand lang versteinert. Sie sah sich verlassen, verschmäht. Ihr weiblicher Stolz war beleidiget, und sie beschloß sich blutig zu rächen. Ich will dich stürzen, hochmüthiger Jüngling, rief sie, ja du sollst kriechen kleiner Wurm, du sollst dich schmiegen Sklave! Du bist unwürdig einer Krone, unwürdig meines Herzens! Ich hasse dich und deinen Kronensüchtigen Onkel; aber ich will der alten Schlange schmäucheln um die junge Natter zu verderben! Süsse Rache kocht in meinem Busen! So donnerte sie, und eilte in den Pallast alle Triebfedern in Bewegung zu setzen, um ihre beleidigte Liebe zu rächen.
Die Gelegenheit ereignete sich bald. Theodor ein kriegerischer Prinz wollte den Tod seines Bruders Willhelm rächen, und sammelte in Eile ein mächtiges Heer. Er überraschte seine Feinde in einer Sicherheit, welche meistens die Frucht eines guten Erfolges ist. Eduard eilte seinem Feinde entgegen, und es kam zur Schlacht. Theodor hatte als ein Meister der Kriegeskunst seinem Heere eine so glückliche Stellung gegeben, welche alle gewaltsamen Versuche Eduards vereitelte. Die Vereinigung der Glieder war so unzertrennlich, daß alle Angriffe der tapfersten Geschwader vernichtet wurden. Reuter und Fußknechte fielen. Eduard war in äusserster Verlegenheit. Er sah seine schönste Mannschaft und den Kern seines Heeres zu Schanden gehauen, und das feindliche Heer stand siegreich und unerschüttert auf der blutigen Wahlstatt. Die Lage des Ortes, und der feste Bau des ganzen Körpers war seinen Feinden vortheilhaft. In diesen verzweifelten Umständen näherte sich ihm ehrerbietig Sigismund. Es ist noch ein Mittel, sprach er, die Schlacht zu gewinnen, lassen Eure Majestät eilends das schwere Geschütze gegen diesen unzertrennlichen Kloß des feindlichen Heeres richten, und von allen Seiten zugleich mit neuen Geschwadern die Feinde muthig bestürmen. Der König erkannte die Wahrheit. Sigismund flog, und in wenigen Minuten scheiterte die feindliche Maschine. Sie fielen zu tausenden. Alles wurde getrennt, getödtet und in die Flucht geschlagen. Alles pries die tiefe Einsicht des jungen Helden.
Dieser günstigen Gelegenheit bemeisterte sich die listige Alidia; der junge Adler, rief sie, überholet bereits den alten Löwen! War nicht so der weissagende Traum meines geliebten Eduards? In der That das Zigeunermädchen ist eine Prophetinn! Ich irre nicht, die Zeit reifet. Du staunest mein edler König? Ich eröfne dir mein ganzes Herz. Es ist meine Pflicht für die Sicherheit deiner Tage zu wachen. Sigismund strebt nach der Krone. Bemerke wohl sein Betragen; sieh, wie er den Kriegern schmäuchelt; wie er den Bürgern liebkoset; sich vor Knechten liebreich verneiget, alle Herzen gewinnet, und durch seine glänzenden Thaten alle Augen erschüttert! Alles spricht nur von ihm; von dir schweigt alles! Schläfst du mein Eduard? Ueberlässest du so ruhig deine Kronen, deine theuererkauften Lorbeern dem dreisten Jüngling?
Das Gift wirkte in dem Herzen des ehrgeizigen Königs. Er hatte schon oft einige Regungen der Eifersucht gefühlt. Der Ehrgeiz verträgt keinen Nebenbuhler. Sigismund ward gehaßt. Er fiel plötzlich in Ungnade, ward kalt am Hofe empfangen, des Vertrauens und aller Würden allmählich beraubt, und der Dank für seine rühmlich geleisteten Dienste war, daß er vergessen wurde. So untergrub ein rachsüchtiges Weib sein aufblühendes Glück.
Brief.
Lusian an Piron.
Wir sehen uns! Ja Herzensbruder, wir sehen uns bald! Ich verlasse den Hof, denn was soll ich hier machen mit meinen strengen Begriffen von Tugend, Ehre, Redlichkeit? Eduards neue Politik verträgt sich mit meinen alten Grundsätzen nicht. Wir sind keine Krieger mehr, die das Vaterland beschützen, wir sind Menschenmetzger geworden. Wir gehn alle Gemeinplätze der grausamen Eroberer. Wir rauben, morden, brennen, machen Wittwen und Waisen, verwüsten Städte und Länder, und sind am Ende so hungrig, als wenn wir keine Königreiche verschlungen hätten. L’appetit vient en mangeant! Meiner Seele! Der Franzos hat ein weises Sprichwort. Ich will dir unsere traurige Lage schildern.