Satyre.
Wie viel Narren von Aufgang und Narren von Niedergang seh ich;
Wie soll ich Myriaden berechnen? Ich bleibe bey Hofe.
Nur ein Häufchen der glänzendsten Thoren will ich bemerken,
Thoren, die sich zum Vorbild der Kleinen mit Schweisse bereiten.
Kaum erscheinet der hüpfende Zögling im Schauplatz des Hofes;
So beginnt er das wichtigste Werk des rühmlichen Adels
Seine Tage mit thätigem Müßiggang prächtig zu tödten.
Dann lernt er die mystische Sprache dem Fürsten zu schmäucheln;
Seinen Bewunderern viel zu versprechen, und nichts zu erfüllen;
Seine Gedanken mit gleissendem Firniß politisch zu schmücken;
Nebenbuhler mit Lob zu erheben, und heimlich zu drücken;
Endlich wird er durch Uebung gebildet, und spielet den Meister.
Er spricht alles mit künstlichem Lächeln, er kürzet die Worte,
Sagt die Rede nur halb, bedient sich studirter Geberden;
Jede Grille des Hofes wird ein Geheimniß des Staates.
Er eilt bedeutend zum horchenden Ohre neugieriger Freunde,
Lallt zwey Silben, und stammelt, das Uebrige winkt er mit Blicken,
Fliegt geschäftig davon; macht Anspruch auf schimmernde Würden;
Jede Belohnung erwartet nur er, und er preist die Verdienste;
Er überholet die fähigsten Männer, und steigt durch Empfehlung.
Immer seufzt er, wie wenig der König die Treue belohnet,
Die er mit seinen preiswürdigsten Ahnen dem Staate geweiht hat.
Er stürzt hastig durch alle Gemächer des staunenden Hofes,
Unterscheidet mit komischen Grüssen die Stände der Menschen.
Ihr Moralisten, die Ihr bey Grossen die Tugend vermisset,
Höret, ich will Euch mit seltenen Wundern erschüttern, betäuben.
Wie viel Selbstverläugnung bedarf ein listiger Höfling!
Wie viel Geduld die Narren zu preisen, die er zwar erkennet,
Und im Herzen verachtet; wie viel gelassene Kälte,
Thörichte Lügen zu hören, und doch aus Absicht zu glauben;
Wie viel Langmuth, die kochende Galle durch Jahre zu zähmen,
Sich nicht an mächtigen Feinden zu rächen, sie liebreich zu küssen,
Bis die goldne Gelegenheit sichere Dolche bereitet.
Wie viel Beredsamkeit, immer zu reden, und doch nichts zu sagen!
Zeigt mir ein Beyspiel, wo lebt wohl der Weise, der Kühnheit besitzet,
Wie ein Schranze sich selbsten zu loben, und andre zu tadeln;
Ueber die Künste despotisch zu herrschen, und alles zu richten,
In zwey Worten den Werth der Dinge mit Kühnheit zu sagen?
Seht dort den Günstling des Königs, er lebt nur vom Hauch des Gebieters,
Wie ein Schooßhund geschmeidig verläugnet er seine Gesinnung,
Aeft den Charakter des Fürsten, und stralt wie ein Spiegel das Antlitz
Lächelnd zurück, er schmäuchelt, er kriechet, und lecket den Speichel.
Kaum hüpft der Frosch vom Throne des Königs, so bläht er sich selbsten,
Sieht als Beschützer auf Kleine herab, und dräut den Verwägnen,
Die sich bey seiner Erscheinung nicht bücken, die dreist ihn verachten,
Die das Ungefähr seiner erhabnen Geburt nicht empfinden,
Und den Günstling des Glückes mit stoischer Kälte beschauen.
Sind sie denn blind, wenn er in goldenen Kutschen daherfliegt,
Und die Buhlerinn mit der Ausbeute des Volkes bereichert?
Wie entschlossen enterbt er den schnellüberraschenden Winter!
Er verschlingt schon in blühender Jugend die Früchte des Alters,
Ueberläßt sich der Wollust, der Pracht, dem schwelgenden Taumel,
Und entschließt sich das Spielwerk der geizigen Aerzte zu werden.
Aber verlassen wir diese Vorsäle des Hofes, und eilen
In das goldne Schlafgemach seines beglückten Monarchen!
Du hast diesen Beherrscher O Himmel, mit Kronen belastet,
Und doch hör ich ihn seufzen; gewähr ihm den Letzten der Wünsche!
Nur ein Hafen des Nachbars macht ihm noch unruhige Nächte.
Schicksal, du hörest mein Flehn. Ich seh ihn am frohen Gestade!
Wie wird er jauchzend Dich segnen! Was hör ich? Er schmiedet Entwürfe,
Jene Republik zu tilgen, die seine Länder zertrennet.
Sättige Fürst auch dieses Verlangen, doch laß dich begnügen!
Wie, du hungerst noch immer? Wer füllt den politischen Magen!
Geh du Nimmersatt! Friß Nationen, verschlinge Provinzen,
Die Politik ist gleichsam erfunden, dich ewig zu quälen,
Wie ein gepeinigter Höllengeist bist du der Henker der Menschen!
Weise Gesetze vertilgen den Mörder, der einen erwürget,
Was verdienest denn Du, der du Millionen ermordest,
Eine Spanne von Erde zu mächtigen Ländern zu fügen,
Die du nicht übersiehst, auch niemals zu sehen verlangest?
O ihr Großen, ein Seufzer entfuhr mir bey euren Begierden!
Ihr seyd die Väter des Vaterlands, Ihr seyd Gebieter der Erde,
Ihr seyd von Völkern erwählet die Güter den Söhnen zu theilen;
Izt nehm ich den Tadel zurück, und preise die Räuber.
Es ist Mäßigkeit, daß Ihr so wenig von allem geniesset;
Ihr bewerbt Euch um goldene Schätze, sie wiederzugeben;
Ihr erobert Kronen auf Kronen, sie Erben zu lassen,
Und Ihr begnügt Euch mit Arbeit, mit Schweiß, mit Thränen und Flüchen!
So viel Größe des Herzens verdient gewiß Pyramiden!
O seyd dankbar ihr Völker, und baut den Eroberern Tempel!
Diesen gefürchteten König bescheinet die Sonne wie Bettler;
Seinen durchlauchtigen Magen ersättigen Aeser und Kräuter;
Eben der Wurm und das Schaaf, das Bürger bekleidet, bedeckt ihn;
Schlaf und Ruhe mißkennt er, und endlich stirbt er wie Sklaven,
Und läßt, was er den Weinenden raubte, den lachenden Erben.
Wie viel Güte! Freygebiger König, ich will dich vergöttern!
Lebet ihr Helden und Sieger von meiner Apotheosis!