Nachtgedanken.
O kühles Grab, du Trost der Sterblichen!
Wann labst du mich? so rief ich oft mit Thränen.
Die schwarze Nacht lag über meinem Haupte;
Nur selten schlich der Mond aus düstern Nebeln;
Die ganze Schöpfung lag im tiefsten Schlummer.
Nur Eulen heulten wild ihr Abendlied;
Als ein Gestank von Aesern mich erstikte.
Ein Schlachtfeld lag vor mir; die Sohlen traten
Auf Menschenblut, ein Denkmaal deiner Thaten
O Eduard war das! Ich stand betäubt,
Und übersah beym blassen Sternenlichte
Dies Mordgefild. O welche Schreckenscene
Für so ein weiches Herz, wie meines ist!
Da lag ein Rumpf, und dort zerstückte Glieder;
Ein kalter Schauer fuhr durch meine Seele.
Die Leichen schienen mir noch halbbelebt;
Ich hörte noch ein leises Sterberöcheln!
Mein graues Haar stieg hochgesträubt empor;
Mein kaltes Blut vergaß den trägen Lauf.
Nur Geyer freuten sich, und hielten Mahl.
O Menschlichkeit, wein mit mir eine Thräne,
Und fluch dem Ehrgeiz zu, der Menschen würgt,
Um einen Lorbeer mehr für Blut zu kaufen.
Ich hörte gleichsam hier zehntausend Wittwen
Um Rache flehn, um Rache für die Söhne!
Der Waisen Klaggeschrey schien mir zu tönen,
Und die Einbildungskraft riß meinen Geist
Zum Richterstuhl, vor dem die Fürsten zittern.
Die Seelen kamen dort als Kläger an,
Und häuften Fluch auf die Eroberer.
Weh ihnen, wenn einst Gott von ihren Händen
Die Menschen heischt, und Blut aus Lorbeern preßt.
O Eduard, was ist dein Wunsch, dein Glück;
Ein schwarzer Traum, noch schwärzer dein Erwachen!
Einst, wenn der Wurm, der deine Feinde frißt,
Dein hungriges und hartes Herz zernagt,
Was sagst du dem, der dich geschaffen hat?
Geschaffen hat, die Brüder stäts zu lieben,
Gekrönet hat, die Völker zu beglücken!
Ist denn dein Plan für diese Welt allein,
Und trennt ein grosser Geist die Welten?
O wie begnügsam bist Du doch geworden!
Mir eckelt vor der Welt, die dich so reizt.
Wenn dieß die Schöpfung ist, die wir hier sehn;
Wenn dieß ihr Endzweck ist, den du dir wünschest;
So ist die Schöpfung nichts, der Endzweck nichts!
Nichts für ein Herz, das Ewigkeiten suchet!
Die Welt ist Staub; mein Ziel ist groß wie Gott!
Fürst, wärst du Herr der künftigen Minute;
Und wäre das, was Du durch Mord ersiegst,
Unsterblich dein, dann könntest du den Kloß,
Der Dich begnügt, um einen Himmel kaufen;
Doch Du bist auch ein Bettler von der Zeit;
So sey ein Adler, flieg zur Sonne hoch!
Laß kleinen Geisterchen die kleine Welt,
Und such ein Reich, wo man unsterblich lebt!
Flieg auf verherrlichet durch grosse Thaten
Der Menschlichkeit, wobey die Schöpfung jauchzt;
Flieg auf mit Lorbeern, die kein Blut beflecket,
Die fern vom Fluch, durch Segen heilig sind.
Ende der dritten Kaprizze.