2. Das Handhaben der Zügel.
Die Dame reitet ihr gut gerittenes Pferd meist nur auf Kandare, wobei die Trensenzügel herunter hängen, doch können dieselben auch mit anstehen. Zu diesen beiden Zügelführungen wird nur die linke Hand verwendet. Wird der Trensenzügel mit angefaßt, wozu Veranlassung vorkommen kann, z. B. um dem Pferde im Maul etwas Luft zu geben und die Kinnenkette etwas außer Wirkung treten zu lassen, so gelangt auch die rechte Hand mit zur Verwendung.
Die Stangen- oder Kandarenzügel werden mit der linken Hand folgendermaßen gehalten (Fig. 35):
Der vierte Finger wird von oben zwischen den rechten und linken Stangenzügel a und b hineingeschoben, darauf der die beiden Zügel zusammenhaltende Schieber bis an den Finger herangebracht und das herabfallende Ende c über den Zeigefinger gelegt. Der Trensenzügel dd wird mit seiner Mitte flach ohne Spannung darüber gelegt und nun dieser sowohl, wie das übrige Ende des Stangenzügels mit dem Daumen auf dem untersten Gliede des Zeigefingers festgedrückt, nachdem die vorschriftsmäßige aufrechte Stellung der Faust angenommen worden ist. Ist ein Schieber nicht vorhanden, so zieht man die Stangenzügel mit der rechten Hand, sie am zusammengenähten Ende c erfassend, so weit durch, bis man glaubt, daß sie richtig und gleichmäßig anstehen. Die Zügel müssen so in der Hand liegen, daß sie auf den untersten Fingergliedern ruhen. Will man den Trensenzügel mit anfassen (Fig. 36), so erfaßt die rechte Hand den rechten Trensenzügel a, von oben mit den ersten drei Fingern hineingreifend, und zieht ihn durch die linke Hand soweit durch, bis der linke Trensenzügel a ansteht, worauf man den rechten ebensoweit verkürzt und nun beide Fäuste gegeneinander in Entfernung von Faustbreite stehen läßt. – Lehnt sich das Pferd in den schnelleren Gangarten so auf den Zügel auf, daß die linke Hand ermüdet, so nimmt man auch wohl die rechte Hand und legt sie leicht auf die linke Hand, wodurch man dieser die Führung erleichtert.
Das Damenpferd soll, unter der Annahme, daß sein Hals und sein Kopf korrekt stehen, tief geführt werden, d. h. so tief, als dies der hochliegende rechte Schenkel der Dame es zuläßt. Keinesfalls aber darf die die Zügel führende Hand aufliegen. Sie wird so gehalten, daß der Daumen, welcher die beiden Zügel festhält, oben liegt, die Knöchel nach vorn, die zur Faust geballten Fingerglieder gegen den Körper. Das kann nur erreicht werden, wenn das Handgelenk etwas konkav nach innen gebogen und der Ellenbogen im rechten Winkel gekrümmt leicht über der Hüfte liegt. Die führende Hand wird dann, wie etwa im vorigen Kapitel erwähnt, richtig etwa 10-15 cm vom Körper entfernt stehen. Diese äußerlich konkave Krümmung des Handgelenks ist von besonderer Wichtigkeit, sie allein erzeugt die federnde, stetige Hand. Nachgeben, annehmen, alles nur aus dem Handgelenk! Steht das Handgelenk grade zum Unterarm, so wird die nötige Federung vom Ellbogen ausgehen müssen, was leicht zu einer harten, unnachgiebigen Hand führt, und ist das Handgelenk nach außen gar konvex durchgebogen, so muß die Federung vom Schultergelenk ausgehen, während die Ellbogen abgespreizt werden. Die moderne Renn- und Jagdreiterei hat allerdings derartige Bilder gezeitigt, – ich möchte aber jede Reiterin bitten, bei der alten Schule zu bleiben und jene »Mode« nicht mitzumachen, die grade für eine Dame höchst unschön aussieht.
Fig. 35.
Die Führung des Kandarenzügels.
Fig. 36.
Die Führung der Zügel mit beiden Händen.
a. linker Trensenzügel, d. rechter Trensenzügel, b. rechter Kandarenzügel, c. linker Kandarenzügel, d. Ende des Kandarenzügels.
Wie die verschiedenen Stellungen der Hand auf das Pferdemaul wirken, ist bereits in dem Kapitel über die Zügelführung und -Wirkung gesagt worden. Alle diese Bewegungen müssen ruhig, weich, aber ausdrucksvoll gemacht werden, damit sie das Pferd versteht, dürfen aber niemals in ruckende oder reißende »Zügelhilfen« ausarten. Danach würde man durch Vorgehen mit der Hand dem Pferde Luft geben, um es entweder aus zu enger Zusammenstellung herauszubringen, oder um es – im Gange – etwas zu animieren. Ein gut gerittenes Pferd soll allerdings bei weicher Anlehnung an das Gebiß auch in der Zusammenstellung zu stärkerer Gangart auf Schenkelhilfen hin animiert werden können. Eine stärkere Krümmung des Handgelenkes nach innen schraubt das Pferd wieder in engere Zusammenstellung oder zwingt es zu mäßigerer Gangart bezw. zum Halten. Die Wirkung der schraubenförmigen Drehungen des Handgelenkes wird verstärkt durch Hereinnehmen oder Herausgeben des kleinen Fingers. Hat das Pferd der Zügelhilfe Folge gegeben, geht die Hand wieder in die ursprüngliche Stellung zurück.
Die Handstellungen der Hilfen für die Wendungen sind ziemlich kompliziert – ich sehe davon ab, sie hier näher zu beschreiben. Jedes gut gerittene Pferd wird in die Wendung treten, wenn die Reiterin die Gewichts-Hilfe (s. d.) dafür gibt, d. h. das Pferd auf derjenigen Seite mehr belastet, nach welcher sie wenden will, und dabei die Hand nach derselben (inneren) Seite verschiebt. Der innere Zügel verlängert sich dabei, während der äußere sich verkürzt. Diese konfuse Zügelhilfe hat aber keine irgend wie erklärbare Einwirkung auf das Pferd, die Hauptsache ist und bleibt die Gewichtsverlegung, welcher es folgt, während es auf die Zügelhilfe einfach dressiert ist. –