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Ein später Karneval war's dieses Jahr. Die Römer konnten den Anfang der großen Narretei kaum erwarten; feierten sie doch, uraltem Brauch gemäß, nur die letzten zehn Tage der tollen Zeit. Zwar war der Mensch zu allen Zeiten des Jahres närrisch. Und närrisch war das Leben, also närrisch die Welt, die für lächelnde Optimisten der Welten beste bedeutet. Sie sei es! Eine närrische Welt bleibt sie trotzdem.
Deshalb bedarf die Menschheit im Jahre eine Reihe von Tagen, wo sie ihr tiefstes und wahrstes Wesen offen zur Schau tragen, sich wohlgefällig die Narrenkappe aufsetzen und lustig mit den Schellen rasseln kann; einer Reihe von Tagen, wo sie mit »wenig Witz und viel Behagen« je nach Wahl Harlekin, Pulcinell, Bajazzo, eben — Narr sein darf: so recht nach Herzenslust und innerster Natur. Und gerade dieses Jahr fiel die letzte Faschingswoche erst spät in den März hinein!
Es ward bereits Frühling. Auf der Pinienwiese der Villa Doria Pamfili pflückten Römer und Fremdlinge die letzten blühenden Edelsteine: die lieben bunten Anemonen; die ganze Villa Borghese duftete nach Veilchen; den Pincio vergoldeten Beete gelber Tazetten, und von Santa Prisca aus schweifte der Blick über das weiße Gewölk der Mandelblüte. Dazu jubilierten hoch in den Lüften die Campagnalerchen und die Amseln begannen zu flöten: leise, zarte Weisen, die ersten Minnelieder der verliebten Frühlingswelt. Denn Lenz und Liebe gehören nun einmal zusammen.
Endlich konnte die Narrheit losbrechen! Das Volk der Romulusenkel behängte sich mit bunten Lappen und billigem Flitter, begnügte sich mit dem Phantasielosesten und Ärmlichsten, machte sich Kronen aus Schaumgold und Staatsgewänder aus Bettüchern. Es tollte durch den Korso, tanzte Saltarello auf Treppen und Plätzen, schleuderte sich Sträuße weißblühenden Campagnaunkrauts (mazzetti) und Mengen kleiner steinharter Gipskugeln (confetti) ins Gesicht; es heulte und johlte, und nannte das Feste feiern ...
Bis in den christlichen Himmel hinauf drang der Heidenlärm römischer Volkslust und erfüllte die Heerscharen der Seligen und Heiligen mit heftigem Unwillen. Die lieben bausbäckigen Engelknaben drängten sich in hellen Haufen zu den Wolkenvorhängen, wollten sie heimlich aufheben und neugierig hinabspähen: »was da unten wieder einmal los sei?« Sie wurden jedoch von den zürnenden Cherubimen fortgeschickt, und mußten nun Hymnen absingen: teils zur Strafe; teils, um den Ärgernis erregenden Erdenspektakel durch fromme Weisen zu übertönen. Obgleich sich die Kleinen schier heiser sangen, gelang ihnen das doch nicht; und wieder und wieder schallte vom Tiberstrand ein Laut überlustiger Erdenfreude zu den seligen Höhen empor.
»Warte, Gesindel! Auf Faschingsdienstag folgt Aschermittwoch! Der wird euch Mores lehren —« trösteten sich die gekränkten Himmlischen nicht ohne heimliche Schadenfreude über die gute christliche Einrichtung des großen grauen Bußtags nach all der höllischen Weltlichkeit.
In dem Berge Cavo, dem hochheiligen Mons Albanus der Alten, der sich wie ein Monument der Erdenschönheit über die Campagna Roms erhebt, hausten die neun Musen.
Seitdem Rom und Griechenland offiziell das Christentum angenommen hatten, hielten sich die hehren Heidinnen im tiefsten Innern des klassischen Waldgebirges verborgen, welches sie jedoch auf höheren Befehl jeden Abend und Morgen verlassen mußten. Sant' Agnese und Santa Caecilia hatten gemeinschaftlich mit den holdesten Worten auf das Eindringlichste versucht, sie zu bereden, sich taufen zu lassen. Aber die neun Jungfrauen wollten ihrem leuchtenden Gott getreu bleiben und erklärten: lieber Märtyrerinnen zu werden als Christinnen. Sie wären sicher zum ewigen Inferno verdammt worden, hätte die süße Madonna als Mutter aller Gnaden für sie bei ihrem lieben Sohne nicht eine gar bewegliche Fürbitte getan. So ward ihnen denn jenes Asyl gewährt, doch unter der Bedingung, sich dafür dankbar zu erweisen. Jeden Abend und jeden Morgen mußten sie von dem Gipfel des Berges aus über das römische Land die Purpurteppiche breiten, die sie in ihrem Refugium an uralten Webestühlen wirkten. Auf solche Weise überdauerten sie in ewiger Jugend die Jahrtausende, webten römisches Morgen- und Abendrot und nährten sich von den Erinnerungen an eine Zeit, da die Erde noch von frohen Gottheiten bewohnt ward, strahlende Tempel sich erhoben und Apoll zur Freude der Menschen und Götter die Schar seiner Jungfrauen anführte. Die neun Verbannten nannten jene längst verschwundenen Tage mit einem schmerzlichen Seufzer: »das goldene Zeitalter«. Ihrem Urteil war freilich nicht sehr zu trauen.