2.

Eines schönen Märzabends begab es sich, daß sie, nachdem sie sorgfältig für eine besonders glühende Beleuchtung gesorgt hatten, zauderten, sogleich in die dunklen Tiefen wieder niederzusteigen. Es versprach eine leuchtende Vollmondnacht zu geben und die Neun hatten eine solche seit länger als einem Jahrtausend nicht erlebt. Auch hätten sie gern einmal nachgesehen: was wohl eigentlich aus dem Tempel des Jupiter Latialis geworden sei, wozu sie sich noch niemals Zeit gelassen — so eilig hatten es die Guten stets gehabt, wieder nach Hause und an ihre Webearbeit zu kommen. Denn nachts mußten sie für den nächsten Tag die Morgenröte wirken — wie sie über Tag nur knapp mit dem Abendrot fertig wurden. Deshalb war die himmlische Illumination über Rom nicht immer gleich herrlich an Gluten und Glanz.

Unter Anführung der feierlichen Urania nahten sich Apolls Hofdamen a. D. den gewaltigen Rüstern, hinter denen die Mauern von Latiums ältestem Heiligtum lagen. Noch waren hier oben Wipfel und Zweige winterlich grau; denn der Lenz begann sein blühendes Wesen erst in der Tiefe zu treiben. Er kroch gar langsam und mühselig den hohen Berg hinan, den er dann freilich in eine Pyramide von Blüten: von Veilchen und Tazetten, von wilden Päonien und Orchideen verwandelte und mit Chören von Nachtigallen bevölkerte. Die Schönen hatten den Ort beinahe erreicht, als sie mit leisem Schreckensruf wie gebannt stehen blieben: als große blutrote Scheibe stieg über den Gipfeln der volle Mond auf; und von diesem mystischen Hintergrund hob sich, hoch und schwarz, ein Kreuz ab.

Wo Latiums erhabenster Gott einst seine Stätte gehabt, befand sich ein Kloster der Passionisten, aus den Trümmern des Tempels erbaut.

Die Jungfrauen entwichen ... Dann sprachen sie untereinander: »Vielleicht lebt von unseren Göttern doch noch der eine oder der andere? Es ist nicht möglich, daß alle gestorben sein sollten! Irgendwo erhebt sich gewiß noch ein Altar, darauf wir opfern, eine Bildsäule, zu der wir flehende Hände erheben dürfen. Laßt uns daher in dieser Mondnacht ausziehen und nach einem der Götter Roms und Griechenlands suchen!«

Also wandten sie sich und hielten Umschau nach einem Wege in die Tiefe der Waldungen hinab, die den Berg einhüllten. Ihnen zu Füßen blitzte es geheimnisvoll auf. Es waren die Kraterseen von Albano und Nemi; auf deren dunkler Flut Luna ihre Strahlen warf. Sie wirkte auch um jede der neun fleißigen Weberinnen ein Gewand aus Silberglanz. Denn der antike Faltenwurf, der ihre hohen und schlanken Gestalten gar feierlich umwallte, war während der Jahrtausende denn doch etwas abgetragen, so daß die Herrlichen ziemlich schäbig gekleidet einhergingen. Nun aber umleuchtete sie himmlische Glorie; nicht anders, als gehörten sie zu der Schar höchster christlicher Heiligen, die zur Rechten des Gekreuzigten thronten.

Sie fanden die Straße, die abwärts führte. Es war die uralte Via triumphalis, darauf einstmals bei den latinischen Festen die Völkerschaften in Prozessionen den Mons Albanus emporgezogen kamen: aus dem Hain der Ferentina, dem Tal von Ariccia und von Rom her. Nicht nur Priester und fromme Waller taten die Pilgerschaft, sondern auch siegreiche Feldherren mit Öllaub bekränzt.

Als die unsterblichen Schwestern diesen Weg in dem aufsprießenden Buschwerk entdeckten, überkam sie eine heilige Freude; denn er führte sicher einem Tempel, also einer Gottheit zu! Das schwarze Lavapflaster säumten zu beiden Seiten weiße und blaue Anemonen und purpurblütige Zyklamen. Von diesem römischen Lenz pflückten die Leuchtenden eifrig und flochten Gewinde, mit welchen sie das Standbild eines — vielleicht durch Zufall — übriggebliebenen Gottes schmücken wollten. Auch ihre eigenen Stirnen kränzten sie, was seit ihrer Verbannung nicht mehr geschehen war.

Als sie auf ihrem Haupt die frischen Blüten fühlten, ergriff die Huldinnen heiße Sehnsucht nach der Schönheit der Welt, die sie hatten verlassen müssen, und die in immer neuer Herrlichkeit geblieben war, mochten Zeiten und Götter kommen und weichen. Zu dreien faßten sie sich bei der Hand, stiegen tiefer und tiefer hinab, schritten weiter und weiter in den Mondglanz hinein, davon sie selber Strahlen zu sein schienen.

Sie erkannten die Gegend: den Hain der Diana von Ariccia. Die Wipfel wölbten über ihren bekränzten Häuptern feierliche Kuppeln, welche die moosigen mondbeschienenen Stämme als Säulen aus Smaragd stützten; und durch das Laubwerk der niederhängenden Äste schimmerte aus der Tiefe eine kreisrunde Silberfläche: der Spiegel der keuschen Schwester des leuchtenden Gottes, von den Christen dieser Tage in rohem Verkennen lago di Nemi genannt.

Aber vergeblich schauten die neun nach dem zierlichen Rundtempel aus, der sich einstmals auf einem Felsenvorsprung des hohen Uferrandes erhob; vergeblich lauschten sie auf den Gesang der jungfräulichen Priesterinnen. Auch die wunderbaren Schiffe der Kaiser Tiberius und Caligula konnten sie nirgends erspähen; und als sie über die Narzissenflur schritten, darauf sie manche Frühlingsnacht heimlicherweise die Adonisfeier begangen hatten, umfing sie eine Einsamkeit, als wären von allem Göttlichen des schönheitstrunkenen, heiteren Heidentums nur sie übriggeblieben.

Doch hofften sie noch immer zu finden, was zu suchen sie ausgingen. Also eilten sie weiter und weiter.