4.
Eine bunte Menge drängte sich durch Roms Straßen und über Roms Plätze: Narren, Narren! Plötzlich entstand ein Zusammenlauf. Es entstand tobendes Gelächter und Geschrei wie von Besessenen: »Die Masken! Seht, die Masken! ... Wer sind sie? ... Keine echten Närrinnen! ... Seht doch, seht! Die Dämchen wollen uns wohl klassisch kommen? Antik? Als ›Musen‹ haben sie sich verkleidet! ... Seht nur: als Musen! Vornehm wollen sie tun! ... Was werden sie sein? ... Hetären, Dirnen! ... Seht, seht, seht!«
Schwärme von Harlekins und Kolumbinen umrasten die hohen Frauenwesen, die nicht wußten, wie ihnen geschah; die aus dem Gewühl nicht fliehen konnten, sich nicht zu retten vermochten. Das hatten sie nun von ihrer heißen Sehnsucht nach Göttern.
Die Weiber trieben es am ärgsten. Sie verhöhnten die wundersamen Erscheinungen, beschimpften sie, daß sie etwas so ganz anderes vorstellen wollten, als sie selbst waren. Sie lachten ihnen ins Gesicht, zerrten sie an ihren aus Mondglanz gewebten Gewändern. Die Römer dagegen fanden die fremden Frauen wohl schön; sie waren ihnen jedoch zu feierlich und hehr. Auch wagten sie aus Furcht vor den eifersüchtigen Römerinnen nicht laut zu bewundern, stimmten daher ein in den wüsten Lärm. Sie bliesen greulich auf blechernen Trompeten, schwangen mit Luft gefüllte Schweinsblasen, schrien durch die Straßen: »Die Musen sind wieder da! Alle neun! ... Was wollen sie wohl bei uns? Als ob wir sie brauchten? In unserer Zeit die Musen! ... Hinweg mit ihnen! Dirnen wollen wir haben! ... Reißt ihnen die Masken ab, damit wir ihr wahres Gesicht sehen. Denn ihre Göttlichkeit haben sie sich aufgeschminkt! Es gibt auf Erden keine Göttlichkeit mehr!«
Gerade, als die Entsetzten sich in den ärgsten Nöten befanden, kam unerwartet Hilfe. Eine Reihe seltsam aufgeputzter Karren zog die Aufmerksamkeit des Volks von ihnen ab. Als Galeerensträflinge kostümierte Männer: blühende Jünglinge und welke Greise, zogen die bunten Wagen. Sie trugen blutrote Kleider, hatten blutrote Narrenkappen auf, an Händen und Füßen klirrten blecherne Ketten. In den Karren aber befanden sich käufliche Weiber mit nackten Armen und entblößten Brüsten, Bacchantinnen vorstellend. Jede führte eine Geißel, mit der sie auf die Menge einhieb. Diese heulte auf vor Entzücken. Männer und Frauen stießen einander unter die Räder, um von den Schamlosen gegeißelt zu werden.
An die Gefährtinnen Apolls dachte keine Seele mehr. Trunken vor Tollheit bereiteten die Fastnachtsnarren den Königinnen des römischen Karnevals einen Siegeszug durch die ewige Stadt ... Die Neun entwichen der allgemeinen Orgie, gelangten in eine dunkle Gasse, wo es einsam war, standen nahe beieinander und wollten anheben laut zu klagen, wie schlecht es ihnen auf Erden erging. Thalia jedoch sprach begütigend: »Sie reden nicht mehr unsere Sprache, haben sie längst vergessen — wie auch uns selbst. Also können sie uns nicht verstehen. Ihr Lieben — laßt uns daher in Frieden weiter schreiten und voller Hoffnung weiter suchen. Gewiß werden wir doch noch Götter finden!«
So geschah es denn auch ... Es blieb in diesen Teilen der Stadt menschenleer, daß so sie ungehindert ihres Wegs wandeln konnten, von dem sie nicht wußten, wohin er sie führte. Sie kamen an hohen und prächtigen Gebäuden vorüber, deren Pforten weit offen standen. In viele dieser Häuser traten sie ein, in vielen erkannten sie bei dem Mondesleuchten, das sie verbreiteten, die Säulen ihrer Tempel; und in allen wohnte der bleiche, blutige Christenheiland, der dornengekrönte, gekreuzigte Sieger über die glückseligen Götter. Sie aber wandten sich schaudernd ab, und fuhren fort nach einer Gottheit zu suchen, von deren Wesen sie ein Teil waren.
An mancher Hauswand, mancher Straßenecke befand sich das Bildnis einer Frau, darunter ein mattes Lichtlein glühte. Immer war es dasselbe unsäglich traurige Antlitz. Einige Male war die Brust der Schmerzensreichen von Schwertern durchbohrt und ihre Augen weinten blutige Tränen. Von Mitleid ergriffen, blieben die Musen vor Maria stehen. Sie erkannten ihre hohe Fürbitterin; und diese und jene nahm sich den Frühlingskranz vom Haupt und legte den blühenden Schmuck schweigend bei dem blassen Bildnisse nieder. Da war es, als ob die leidensvollen Lippen der Gottesgebärerin ein leises, ganz leises Lächeln umspielte.