5.
Weiter schritten sie, und betraten eine breite Straße. Auch hier war es einsam. Aus der Ferne drang der Karnevalslärm zu den Wandelnden herüber wie das Rauschen eines Meeres von Stimmen und Tönen. Zwischen zwei Reihen von Palästen ging es allmählich hinan, einer festlichen Treppe zu, inmitten von weißblühendem Buschwerk, dunklem Lorbeer und feierlichen Palmen. Gleich weißen Rosen lagen die Mondesstrahlen auf den Marmorstufen.
Langsam stiegen die heiligen Neun zur Höhe empor. Auf dieser umfingen Säulenhallen ein ehernes, im Mondglanz wie Silber leuchtendes Reiterstandbild, bei dessen Anblick den schönen Heidinnen etwas leichter um die beschwerten Gemüter ward; und plötzlich rief die eine — es war Jungfrau Clio — mit fast fröhlicher Stimme und Miene: »Das ist ja unser lieber Marc Aurel!«
Da echoten alle im Chorus: »Ei, das ist ja unser lieber Kaiser Marc Aurel!«
Doch dann sprachen sie untereinander: »Eigentlich ist er gar nicht unser lieber Kaiser! Denn eigentlich hat er sich aus uns herzlich wenig gemacht. Das kam von seiner großen Gelehrsamkeit. Bei solchen gelehrten hohen Herren geht es unsereins nicht allzugut. Auch wir wollen mit ihnen nichts zu schaffen haben. Immerhin, wenn man so verlassen und verloren ist, wie wir Armen, freut man sich einem alten Bekannten zu begegnen.«
Und nun hielten sie vor dem Kaiserbildnis ein kleines behagliches Schwätzchen, welches sie derartig erfrischte, als wäre ihnen auf dem kapitolinischen Hügel von dem freundlichen Knaben Ganymedes eigenhändig eine Schale Nektars kredenzt worden ...
Wie sie hineingelangten, wußten sie schließlich selbst nicht. Genug, sie gelangten hinein! Vor ihnen öffnete sich Saal auf Saal; und jeden Saal füllte ein bleiches stummes Marmorvolk, eine wahre Heerschar olympischer Gestalten. Die schneeigen Glieder umflossen die Mondstrahlen, daß sie in unirdischer Verklärung erglänzten; aber sie standen regungslos und blaß wie Gestorbene. Es waren die Bilder ihrer höchsten Götter und Göttinnen, nebst allen heidnischen Sippen: Faune und Satyre, Nymphen und Kentauren; dazu Amazonen, Heroen, Epheben. Auch Antinous neigte sein junges Haupt mit einem Ausdruck unsäglicher Trauer; und sämtliche Weisen Griechenlands waren wie zu einem Kongresse versammelt.
Die Musen eilten von einer Statue zur anderen, schauten und staunten, grüßten die Marmorbilder, nickten ihnen zu, sprachen zu ihnen, erhielten keine Antwort, klagten, weil sie starr und stumm blieben: empfindungsloser leuchtender Stein.
Wie aber ward den guten Jungfrauen zumute, als sie ihren eigenen Gott und Herrn, Apollon Musagetos, erblickten: in wallendem, feierlichem Gewande, bekränzten Hauptes, im Arm die Leier, deren Saiten einstmals Melodien entströmten von Ewigkeitsklang. Fühlloser Stein auch er! Die Seinen umringten die göttliche Gestalt, schauten dem Herrlichen in das emporgehobene strahlende Antlitz, riefen leise, leise seinen Namen, daß es wie ein erstickter Jammerlaut durch die prächtigen Hallen und die Reihen der schimmernden Regungslosen schallte.
Nachdem dieses schmerzliche Wesen eine Weile gedauert hatte, trat eine der Musen vor. Es war die Jüngste, ein zierliches zartes Geschöpf, an Schlankheit einer Blume gleich: einer weißen Lilie. Denn so bleich leuchteten durch die veilchenblauen, vom Mondlicht getränkten Schleiergewebe die Glieder; und das liebliche Antlitz, daraus große dunkle Augen strahlten, hatte die Farbe matten Elfenbeins.
Terpsichore war's ... Was sie jetzt begann, war wie ein Opfer, welches das feine Wesen ihrem Meister vor dessen Standbild darbrachte. Sie hob einen Reigen an. In wundersamem und wundervollem Rhythmus bewegte sie sich, daß die ganze jugendliche Gestalt zu einem klanglosen Wohllaut, einer stummen Melodie ward; ihr Tanz zu einem Liede, einem Hymnus.
Plötzlich ergriff es auch die ernsthafteren Schwestern. Sie faßten sich bei den Händen, ließen sich wieder, suchten sich von neuem, neigten sich, beugten sich, erhoben Haupt und Arme. Selbst die gewaltige Melpomene ließ sich herab, an der anmutigen Huldigung teilzunehmen. Freilich behielt ihr erhabenes Antlitz seinen Ausdruck düsterer Majestät und ihr schmerzlicher Mund blieb fest geschlossen, wo sich doch sogar die großartige Dame Clio himmlisch bewegt zeigte.
Die Huldigung der neun Musen vor der Statue des sangreichen Gottes im Kapitol erhielt ihren Höhepunkt, als Polyhymnia die lieblichen Lippen öffnete und zu der Weise des Reigens einen Gesang anstimmte, wie die Welt nicht mehr gehört hatte, seitdem daraus die alten seligen Götter entweichen mußten, und der Gipfel des Parnasses verödete.
Während des himmlischen Gesanges nun ereignete sich das Wunder dieser römischen Frühlingsnacht.