6.
Geisterspuk war's!
Die Steingebilde belebten sich gespenstisch. Die hohlstarrenden Augen bekamen Blick, die stummen Lippen öffneten sich. Atem schwellte die Marmorbrust.
Ein langgezogener Seufzer zitterte wie Harfenton durch die Säle ...
Langsam, langsam begannen die Unbewegten sich zu regen. Ein Schauer überlief die unirdisch schönen Körper. Ein Arm hob sich, ein Fuß. Von den Postamenten glitten sie herab. Sie standen auf dem Marmorboden, schritten —
Nun gab's ein Gewimmel nackter Leiber sowohl wie umhüllter Gestalten. Die ganze Antike ward lebendig in all ihrer Herrlichkeit, wie sie in solcher Vollkommenheit nur einmal auf Erden war. Götter grüßten Götter. Apoll konnte es nicht unterlassen, zum Entzücken seines vor Wonne trunkenen getreuen Gefolges unverzüglich in die Saiten zu greifen — denn selbst ein Gott hat seine Menschlichkeiten. Jupiter hatte sogleich mit Juno eine kleine Eheszene, die er dadurch zum Ende brachte, daß er sein Bündel Blitze schwang; Minerva ließ sich mit den Weisen Griechenlands in einen wissenschaftlichen Disput ein; der Kriegsgott begann mit der holden Psyche, die ihren Amor einfach stehen ließ, einen nicht ganz harmlosen Flirt, wodurch sich die keusche Diana in ihren Gefühlen ernstlich verletzt fühlte.
Auch die verwundete Amazone des Lysippos und der berühmte sterbende Gallier aus Pergamon befanden sich unter der Menge. Die kriegerische Dame zeigte sich entschieden tanzlustig und der arme Held sah sich nach einem Becher Falerner um, der ihn nach all den erlittenen Todesqualen stärken sollte. Dionysos erschien in voller Majestät seiner Jugendschöne und erhielt einen solchen Zulauf seiner sämtlichen männlichen sowohl wie weiblichen Trabanten, daß in den Sälen arges Gedränge entstand. Bacchantinnen und Satyre brachten schwellende Trauben herbei; der mädchenhaft liebliche Jüngling des großen Praxiteles blies für den Gott auf seiner Schalmei eine Hirtenweise; und von der berühmten Mosaik flatterten die Tauben auf, die Vögel der Venus.
»Sie kommt!«
Einer flüsterte es dem anderen zu. Ein Raunen gab's, ein Rauschen wie von Waldeswipfeln und Meereswogen. Eine geheimnisvolle Bewegung entstand; eine fiebernde Erregtheit höchster Erwartung: »Sie kommt!«
Die Götter selbst schufen freie Bahn. Es bildeten sich gleichsam eine Via triumphalis, welche sie durchschreiten sollte. Ihre Tauben flogen ihr voraus.
Und sie kam!
Die hohe Frau vom Kapitol, der Göttinnen größeste, die Spenderin aller Seligkeiten, die Bezwingerin der Welt. Zugleich der Welt Beglückerin, die einige Törichte der Welt Verderberin schelten.
Auch die Venus des Praxiteles empfing für diese eine Frühlingsnacht Leben, und trat ihre Herrschaft an.