7.
Und voraus seiner großen Mutter schritt Amor. Der geflügelte Gott spannte den Bogen, legte an, schoß seine Pfeile ab: mitten hinein in die Menge. Dem kleinen Unhold war es vollkommen gleichgültig, wen er traf. Manchem seiner Opfer — sie waren wie Sand am Meer — wäre eine Todeswunde besser gewesen, als der Wurf, der weniger verletzte als Mückenstich. Dabei hatte der gemeingefährliche Knirps das Ansehen eines Unschuldengels mit Kinderlächeln.
Im Gefolge der Siegerin über Götter und Menschen befanden sich zwei Kentauren: ein Jüngling und ein bärtiger Mann. Auf jedem der Fabelwesen ritt ein Liebesgott. Der geflügelte kleine Kerl, der auf dem Jungen trabte, hatte Mühe, sein Menschenroß zu bändigen. Es war solch junger und unbändiger Geselle, mochte selbst die federleichte Last auf seinem Rücken nicht dulden, spottete aller Reiterkünste des Bengels mit einem Übermut, daß die beiden zur Belustigung des ganzen antiken Publikums ein gar artiges Schauspiel boten. Dagegen der ältere —
Das Amorlein hatte dem durch seine Pfeile Getroffenen beide Arme auf dem Rücken gefesselt, und quälte sein Opfer mit der ganzen grausamen Wollust, die den Wicht zu einem wahren Henker machte. Und dann wollte der Schlingel ein Gott sein! Das stolze Antlitz schmerzverzerrt, entstellt von Scham und Selbstverachtung, wandte der Kentaur nach seinem erbarmungslosen Peiniger das Haupt. Ein Stöhnen wie Sterbelaut entrang sich seinem Munde. Aber die belebten Antiken achteten nur seines jungen überlustigen Gefährten; bei dem allgemeinen Beifallsgetöse erstarb der Aufschrei des Gefesselten und sein Quälgeist brauchte den vergifteten Pfeil als Geißel, womit er dem zu ewiger Liebe und ewigem Leide Verdammten den Rücken peitschte.
Was jedoch bei dem traurigen Anblick als das Traurigste erschien, war, daß der Gepeinigte nicht die leiseste Anstrengung machte, seine Bande zu lösen, den Dämon abzuschütteln, und sich von dem Martyrium seiner Leidenschaft zu befreien. Mit gelähmtem Willen, gebrochenen Geistes ertrug er die Schändung seiner Mannheit. Und das mit dem Antlitz eines Heroen! Also geschah ihm recht ...
Plötzlich brachen Götter und Göttinnen mit allen anderen in ein schallendes Gelächter aus: dem jungen Kentauren gelang es, des boshaften Schalks los und ledig zu werden. Mit einem regelrechten Purzelbaum flog der göttliche Lümmel vom Rücken des Tiermenschen herab, und ward zum Glück von einem behenden Nymphlein aufgefangen. Sehr zum Überfluß drückte die Holde den Knaben wie ein Wickelkind an ihre junge Brust, ahnungslos, was für einen Säugling sie sich beilegte; denn der Bursch konnte des Mägdleins Herzblut trinken.
So ist es nun einmal mit der Liebe.