8.
Jupiter und Juno; Dionysos mit seinen bacchischen Begleitern; Apoll mit dem Gefolge der verzückten Musen — alle die Hehren und Herrlichen waren plaudernd und lachend durch die glanzvollen Säle gewallt. Jetzt aber hielt Frau Venus Hof. Sie thronte auf einem antiken Marmorsessel, dessen Lehnen Sphinxe stützten, und ihr zu Füßen lagerten ausgestreckt die beiden Kentauren.
Ihnen gebot die Göttin: »Erzählt eure Geschichte! Da ihr zwei Verliebte seid, so gehört ihr mir ... Dich heiße ich jedoch einen Liebenden —« wandte sie sich huldvoll zu dem älteren. »Weiß ich erst, wen du so gewaltig liebst, daß du durch einen meiner Kleinen deiner Liebe willen ein Martyrium erduldest, kann ich dir vielleicht beistehen in deiner Not ... Nicht jetzt sprich! Zuerst soll der Junge reden, der ein rechter Verächter aller Liebesnöte zu sein scheint. Dafür soll der Leichtfuß mir büßen.«
Der von der großen Göttin Gescholtene lachte hell auf: »Herrin,« begann er mit der heitersten Miene, »o Gebieterin! Verliebt nennst du mich? Als ich von der Hand eines Meisters noch nicht in Stein gebannt war, bin ich das seit meinen Knabenjahren jeden Tag meines jungen glückseligen Lebens gewesen. Und wie verliebt war ich! Ich lebte in den Wäldern und auf den Fluren Kariens in Kleinasien bei der wunderschönen Stadt Aphrodisias, die ihren heiligen Namen nach dir hatte, und wo dir die prächtigsten Tempel erbaut, die herrlichsten Bildsäulen errichtet waren. Da mußte ich, armer junger Kentaur, mich denn wohl oder übel bis über die Ohren verlieben: in jede Najade und Dryade, in jedes Nymphlein, das meine vor Jugendwonne und Lebenslust leuchtenden Augen erblickten. Ich küßte alle — alle! Und wen ich küßte, der verfiel mir. Denn es war, als hätte ich zu Aphrodisias das Küssen von dir selber gelernt — verzeihe die Gotteslästerung.
Niemals hättest du dich zu einem von meinesgleichen herabgelassen: zu einem Tiermenschen mit Schweif und vier Füßen! Ich mußte mich daher mit geringeren Huldinnen begnügen; und — ich begnügte mich.
Bei deiner ewigen Gottheit — was für ein seliges Leben ich führte auf den Blumenwiesen, am Rande der Bäche, unter den Wipfeln der Haine, die deine in Schönheit strahlende Stadt umschatteten. Jeden Tag, jede Nacht, herzte ich eine andere; jede eben nur ein einziges Mal. Sie wollten mich alle behalten. Ich aber lachte die verliebten Schönen aus und warf sie von meinem Halse, wie vorhin den Schlingel, der mir den Herrn und Meister zeigen wollte — mir!
Ich bin die Jugend selbst! Bin das Tier, das in jedem jungen Menschen steckt. Ein Stück Natur bin ich. Sogar ein Stück göttlicher Natur, meinem Pferdeleibe zum Trotz. Solche Jugend ist eitel Verliebtheit — Verliebtheit in beständigem Wechsel. Verstehst du?
Was jedoch mein wonnigstes Glück war, sollte zu meinem Unglück werden. Das ereignete sich folgendermaßen: Die Scharen der Schönen, in die ich verliebt war, und die ich für eine einzige Brautnacht an meinem Herzen hielt, vereinigten sich gegen mich und schwuren mir Rache. In deiner Stadt lebte ein berühmter Bildhauer, Aristias mit Namen. Zu diesem Manne schickten sie eine Gesandtschaft der Schönsten und zugleich Rachegierigsten. Sie sagten und baten: Vor den Toren der Stadt haust ein junger Kentaur. Das ist ein ganz Schlimmer! Er stellt uns armen unschuldigen Jungfrauen auf allen Wegen nach, bei Tag und bei Nacht. Wir können nicht mehr unsere Krüge zur Quelle tragen, um Wasser zu schöpfen; können nicht mehr in Frieden unter den Büschen und Bäumen ein Nachmittagsschläfchen halten; nicht mehr auf den Fluren Kränze winden und den Reigen tanzen.
In unserer Not kommen wir zu dir, großer Meister, und flehen dich an, uns von dem bösen Gesellen zu befreien. Er ist so garstig, so roh! Und er hat Pferdefüße. Denke doch: Pferdefüße! Von solchem Tier müssen wir Ärmsten uns küssen lassen.
Hilf uns, befreie uns!
Welche Tücke, große Göttin! Statt ein ewig Verliebter, sollte ich am Ende ein Weiberhasser sein. Und — stelle dir das Ungeheuerliche vor! — jener Mensch ließ sich wahr und wahrhaftig von den hübschen Lügnerinnen betören, lauerte mir auf, fing mich, schleppte mich in sein Haus, verwandelte mich in Stein: meiner vielen Schandtaten willen.
Erbarme dich meiner! Lasse mich das Leben diese Nacht behalten! Lasse mich wieder ein junger, verliebter, glückseliger Kentaur sein! Ich trabe hinaus: hinaus in Wälder und Auen, und küsse — küsse — küsse ...
Und ich verspreche dir feierlichst: zum Dank den kleinen Kerl mit den Pfeilen von neuem geduldig auf meinem Rücken zu tragen; ich schwöre dir: jedes Nymphlein anstatt ein einziges Mal, zum mindesten durch drei Nächte zu kosen. Was meinst du zu diesem Handel? Ich bitte dich, große Göttin, schlage ein.«
Unter dem jubelnden Beifall der gesamten Zuhörerschaft, urteilte Frau Venus ernsthaft: »Du hast deine Strafe verdient!«
Es wurde still, als der ältere der beiden Kentauren anhob zu sprechen, mit einer Stimme, darin seine Qual nach Worten rang. Zur Göttin erhob er sein entstelltes Menschenantlitz. Aber nicht um Mitleid flehte sein Blick; nicht einmal um Verständnis.