9.
»Auch ich bin aus dem Lande mit der Stadt deines göttlichen Namens; auch ich wurde in Stein verwandelt. Er ist getränkt von dem Herzblut meiner großen Liebe, das ich fließen ließ. Denn ich wollte lieben und leiden! Große Liebe ist großes Leid. Das haben die Götter so geschaffen. Sie seien gepriesen dafür ...
Ich wuchs auf in den nämlichen Wäldern, auf den nämlichen Fluren, wie hier mein junger Gefährte, dem ich seine leichte und lustige Verliebtheit von Herzen gönne — trotzdem er mir dadurch mein Schicksal schuf. Für mich paßt sie nicht; für mich paßt, was ich besitze. Einzig nur das.
Bereits in meiner frühesten Jugend war ich stolz bis zum Hochmut. Und ich war unglücklich von Kind an: war ich doch ein Kentaur, ein Tiermensch! Unglück macht stolz, wie es einsam macht. Dabei sehnte ich mich nach Schönheit, nach Göttlichkeit. Damals wußte ich jedoch nicht, daß es Sehnsucht war; denn ich war damals noch ohne Seele — wenigstens wähnte ich mich seelenlos.
Mein Sehnen verzehrte mich schier.
Einer der Hehrsten und Herrlichsten hätte ich sein mögen und war — ein Halbmensch, ein Pferd, eben ein Tier.
Ich schämte mich dessen, empfand meine behaarte Vierfüßigkeit als Schmach. Aus Scham verkroch ich mich in den finstersten Schatten der Haine, wagte mich nur in dunklen Nächten hinaus auf die Fluren. Und auch das nur selten. Denn auf den Auen tanzten bei Mondschein und Sternenschimmer die Nymphen, die meine Mißbildung nicht sehen sollten.
Am liebsten hätte ich mich verkrochen wie ein zu Tode verwundetes Wild, um im Dickicht einsam zu sterben.
Damals wußte ich jedoch noch nicht, daß ein mythologisches Geschöpf sterben könnte.
Meine Einsamkeit, Göttin! Sie war so groß wie dann meine Liebe ward ...
In der tiefen Einsamkeit meines Tiermenschen-Lebens lernte ich, um dieses ertragen zu können, das Spiel auf der Leier, die ich mir aus Röhricht und Haaren meines Roßschweifes verfertigte. Ich lauschte die holde Kunst Faunen und Satyren ab. Sie füllten mit ihrem Wohllaut die Haine und lockten damit die Schönen an. Mein Saitenspiel sollte indes keine vernehmen.
Also übte ich mich in Melodien. Sie klangen traurig, traurig; denn ich ließ durch sie meine Sehnsucht sprechen und klagen. Wie hätten meine Weisen fröhlich klingen können? Zu den Tönen ersann ich Worte. Ich sang sie zu meinem Spiel. Meine Worte waren wie dieses.
Mit zunehmenden Jahren wuchs mein Unglück über mein Tiermenschentum. Ich wähnte, es sei mein Geheimnis, welches ich keinem Wesen unter dem Himmel verraten wollte. Um es zu hüten, zog ich mich tiefer und tiefer in die entlegensten Einöden zurück; wurde ich einsamer und einsamer. Zugleich mit meinem Unglück, nahm ich zu an Stolz und an Hochmut.
So schwand meine Jugend, so begann das Alter ...
Noch immer hatte ich nicht geliebt, noch immer nicht gelebt. Vom Tode wußte ich nichts, fühlte mich indessen wie tot. Trotzdem diese Sehnsucht! Große Göttin, diese Sehnsucht —
Doch dann sollte sich mein Schicksal erfüllen. Höre, du Herrliche, wie es kam: Eines Sommertags begegnete mir in der Wildnis hier dieser muntere Geselle. Er war der erste von meinesgleichen, den ich sah. Du kannst dir daher denken, wie mir bei seinem Anblick zumute ward: wie einem großen Toren, der die Welt nicht kannte. Ich trabte eilends auf ihn zu und sprach ihn an: »Sei gegrüßt, mein Leidensgefährte!«
Er aber, höchst verwundert, als sagte ich ihm etwas Ungeheuerliches, fragte: »Wie nennst du mich?«
»Leidensgefährte.«
»Weshalb sollte ich leiden?«
»Weil du doch gleich mir ein Tiermensch bist.«
»Darum leidest du?«
»Du nicht?«
Er lachte unbändig: »Ich nicht. Bei allen Göttern — ich ganz und gar nicht!«
»Wie ist das möglich?«
»Wie ist's möglich, darum zu leiden? Darum!«
»Wie ist's möglich, darum nicht zu leiden?«
Aber er: »Ich bin mit Wonne das, was ich bin; möchte nicht um die Schönheit des Adonis etwas anderes sein. Als Tiermensch kann ich genießen — genießen — genießen! Mehr als ein ganzer Mensch; mehr als selbst ein Gott. Wie ein Tier kann ich genießen ... Weißt du, was Weiber sind?«
»Holde himmlische Wesen.«
Wiederum das gellende Hohnlachen: »Weiber sind's, Dirnen sind's!«
»Göttinnen!«
»Narr! O du Narr!«
»Ich kenne sie also nicht.«
»Dir hing niemals ein Weib am Halse, niemals der Mund einer Frau an deinem Munde?«
»Niemals.«
»Du Tor, du Narr, du — Mensch! Du verdientest wahrlich ein Mensch zu sein, der allernärrischsten einer.«
Und er wälzte sich am Boden vor Vergnügen über meine Narrheit. — Als er nicht mehr lachen konnte, erhob er sich, stand vor mir, meinte plötzlich: »Komm mit mir.«
»Wohin?«
»Ich führe dich.«
»Ich muß wissen, wohin. Siehe, ich bin gewiß ein großer Tor; aber ich bin zugleich ein großer Einsamer. Aus meiner Einsamkeit lasse ich mich nicht fortlocken.«
Da redete er mir schmeichelnd zu: »Nur dieses eine Mal, du großer Tugendhafter. An deiner Leier erkenne ich, daß du Musikant bist. Gewiß sogar Dichter. Du siehst mir ganz danach aus. Als Lautenschläger und Poet sollst du mir helfen, ein armes Weiblein zu trösten, ein blutjunges, bildhübsches, verlassenes.«
Ich rief mit tiefem Erschrecken: »Geh allein!«
»Folge mir, ich bitte dich. Ich selbst habe es nämlich verlassen, wie ich dir nur gestehen will. Ich kann eben nicht anders. Es ist meine Natur. Und dann — ich bin jung, jung, jung! Und ich will genießen, genießen, genießen! Will leben! Ohne Ende! Du scheinst mir zwar ein sonderbarer Kauz zu sein, so etwas von einem Schwärmer, einem sogenannten Idealisten, eben einem Narren. Zugleich aber ein netter Kerl, ein gutmütiger alter Herr. Dabei höchst ehrbar. Dir wird das niedliche Dingelchen nichts anhaben; und du tust an ihm und auch an mir ein gutes Werk. Denn ich bin zwar ein Tier; aber schließlich doch immerhin ein leidlich anständiges. Das erkenne ich daran, daß die Verlassene mir leid tut.«
So sprach dieser Jüngling, der mich jetzt mit Augen und Lippen anlachte — wieder mich auslachte ... Ich ließ mich von seiner fröhlichen Jugend auch wirklich beschwatzen. So meinte ich nämlich damals. Denn damals wußte ich nicht, daß es etwas anderes, ganz anderes war, was mich gewaltsam trieb, seiner Lockung zu folgen.
Große Göttin, meine Sehnsucht war's!
Meine Sehnsucht nach Leben, nach Liebe.«