Die letzten Lebensjahre
Tolstois Antlitz hatte die Züge bekommen, die als endgültige im Gedächtnis der Menschen haften werden: die breite Stirn, von zwei Falten durchfurcht, die buschigen weißen Augenbrauen, den Patriarchenbart, der eine Erinnerung an den Moses von Dijon weckt. Das alte Gesicht ist milder, weicher geworden; in seiner innigen Güte trägt es die Spuren von Krankheit und Kummer. Wie hat es sich verändert gegen die fast tierische Brutalität des Zwanzigjährigen und die steifleinene Miene von Sewastopol! Aber die lichten Augen haben noch immer ihre tiefe und ruhige Klarheit, jene Geradheit des Blicks, der nichts verbirgt und dem nichts verborgen bleibt.
Neun Jahre vor seinem Tod sagte Tolstoi in der Antwort an den Heiligen Synod (17. April 1901):
„Ich bin es meinem Glauben schuldig, in Frieden und Freude zu leben und auch in Frieden und Freude dem Tode entgegenzugehen.”
Wenn ich das höre, denke ich an das alte Wort, „daß man niemand vor seinem Ende glücklich preisen soll”. Sind ihm dieser Friede und diese Freude, deren er sich damals rühmte, treu geblieben?
Die Hoffnungen, die man auf die „große Revolution” von 1905 gesetzt hatte, waren verflogen. Am düsteren Gewitterhimmel hatte sich das ersehnte Licht nicht gezeigt. Den Zuckungen der Revolution folgte die Erschöpfung. An der alten Ungerechtigkeit hatte sich nichts geändert, es sei denn, daß das Elend noch größer geworden war. Schon im Jahre 1906 hat Tolstoi ein wenig sein Vertrauen in die Berufung des slawischen Volkes von Rußland verloren; und sein unumstößlicher Glaube sucht in der Ferne andere Völker, die er mit dieser Mission betrauen könnte. Er denkt an „das große und weise Chinesenvolk”. Er glaubt, „daß die Völker des Ostens berufen sind, jene Freiheit wiederzufinden, die die Völker des Westens fast unwiederbringlich verloren haben”, und daß China an der Spitze der Asiaten die Wandlung der Menschheit im Sinne des Tao, des ewigen Gesetzes, durchführen wird[235].
Die Hoffnung wurde schnell getäuscht: das China des Lao Tse und des Konfuzius verleugnet seine einstige Weisheit — wie es vor ihm schon Japan getan hatte —, und ahmt die Europäer nach[236]. Die schwer verfolgten Duchoborzen sind nach Kanada ausgewandert und setzen dort sogleich, zu Tolstois Entrüstung, das Eigentum wieder in seine Rechte ein[237]. Die Gurier, kaum vom Joch des Staates befreit, begeben sich daran, die zu töten, die anders denken als sie selber, und die herbeigerufenen russischen Truppen müssen wieder Ordnung schaffen. Selbst die Juden, „deren Vaterland bis jetzt das schönste war, das ein Mensch sich wünschen kann, — die Bibel”[238], selbst diese verfallen der Krankheit des Zionismus, dieser sich national gebärdenden Bewegung, „die Fleisch vom Fleische des zeitgenössischen Europäertums ist, sein rachitisches Kind”[239].
Tolstoi mit seinem Freunde Tschertkow
Tolstoi ist betrübt, aber nicht entmutigt. Er vertraut auf Gott, er glaubt an die Zukunft:
„Das wäre herrlich, wenn man im Handumdrehen einen Wald wachsen lassen könnte. Leider ist das unmöglich; man muß warten, bis der Samen keimt, daß er Triebe, dann Blätter, dann den Stengel hervorbringt, der sich schließlich zum Baume entwickelt.”[240]
Aber erst viele Bäume machen einen Wald; und Tolstoi steht allein. Ruhmreich, aber allein. Man schreibt aus der ganzen Welt an ihn: aus den mohammedanischen Ländern, aus China, aus Japan, wo man die „Auferstehung” übersetzt, und wo sich seine Ideen über die „Zurückerstattung des Bodens an das Volk” ausbreiten. Die amerikanische Presse interviewt ihn; Franzosen befragen ihn über Kunstangelegenheiten oder über die Trennung von Staat und Kirche[241]. Aber er hat noch keine dreihundert Schüler, und er leugnet es gar nicht. Im übrigen hat er sich nie darum bemüht, Schüler zu bekommen. Er verurteilt die Versuche seiner Freunde, Tolstoianer zu werden:
„Wir sollen nicht einer zum anderen streben, sondern alle zu Gott... Ihr sagt: ‚Zusammen ist es leichter...’ — Was? — Ackern, mähen, ja. Aber Gott kann man sich nur allein nähern... Ich stelle mir die Welt als einen Riesentempel vor, in dem das Licht von oben und gerade in die Mitte fällt. Um sich zu vereinigen, müssen alle zum Lichte drängen. Dort werden wir alle, die wir von verschiedenen Seiten kommen, uns mit Menschen zusammenfinden, die wir nicht erwarteten: und darin liegt die Freude.”[242]
Wie viele mögen sich unter diesem Lichtstreif zusammengefunden haben? — Gleichviel! Es genügt, daß einer sich dort mit Gott zusammenfindet.
„Ebenso wie nur ein Stoff, der selbst brennt, das Feuer anderen Stoffen mitteilen kann, ebenso können nur der wahrhafte Glaube und das wahrhafte Leben eines Menschen sich anderen Menschen mitteilen und die Wahrheit verbreiten.”[243]
Vielleicht; aber bis zu welchem Grad hat dieser einsame Glaube Tolstoi das Glück sichern können? — Wie weit entfernt ist er in seinen letzten Lebenstagen von der heiteren Ruhe eines Goethe! Man möchte fast sagen, er flieht sie, sie ist ihm unsympathisch.
„Man muß Gott dafür danken, wenn man unzufrieden mit sich ist. Könnte man es nur immer sein! Der Mißklang, den das Leben, wie es ist, mit dem Leben, wie es sein sollte, hervorbringt, ist gerade das Wahrzeichen des Lebens, die Bewegung, die vom Kleinsten zum Größten, vom Schlimmsten zum Besten hinaufführt. Und dieser Mißklang ist die Bedingung für das Gute. Es ist vom Übel, wenn der Mensch ruhig und mit sich selbst zufrieden ist.”[244]
Und er ersinnt jenen Romanstoff, der in erstaunlicher Weise zeigt, daß die ewige Unruhe eines Lewin oder eines Peter Besukow in ihm nicht erstorben war.
„Ich stelle mir oft einen in den revolutionären Kreisen erzogenen Menschen vor, der erst Revolutionär, dann Sozialist, Orthodoxer, Mönch auf dem Berge Athos, nachher Atheist, guter Familienvater und schließlich Duchoborze ist. Er fängt alles an und gibt alles immer wieder auf. Die Menschen machen sich über ihn lustig, er hat nichts vollbracht und stirbt vergessen in einem Asyl. Noch im Sterben denkt er, daß er sein Leben verpfuscht hat. Und doch ist er ein Heiliger.”[245]
Hegte er also immer noch Zweifel, er, der so voll seines Glaubens war? — Wer weiß es? Bei einem Mann, der bis ins höchste Alter kräftig an Körper und Geist geblieben war, konnte das Leben nicht plötzlich bei irgendeinem Gedankengang haltmachen. Es mußte weiter voran.
„Bewegung ist Leben.”[246]
Gar viel mußte sich im Laufe der letzten Jahre in ihm geändert haben. War er nicht auch in der Beurteilung der Revolutionäre milder geworden? Wer kann sagen, ob nicht sogar sein Glaube an das Nichtwiderstreben gegen das Böse ein wenig erschüttert worden war? Schon in der „Auferstehung” ändern Nekludows Beziehungen zu den wegen politischer Verbrechen Verurteilten seine Ansichten über die russische Revolutionspartei vollständig.
„Bis dahin hegte er Abscheu gegen ihre Grausamkeit, ihre verbrecherische Verstellungskunst, ihre Mordanschläge, ihre Anmaßung, ihre Selbstzufriedenheit, ihre unerträgliche Eitelkeit. Aber nun, da er sie aus der Nähe sieht, da er sieht, wie sie von den Machthabern behandelt werden, begreift er, daß sie nicht anders sein können.”
Und er bewundert ihre hohe Auffassung von der Pflicht, die das ganze Opfer fordert.
Aber seit 1900 hatte sich die revolutionäre Woge ausgebreitet; ausgegangen von den Intellektuellen, hatte sie nun auch das Volk ergriffen und brachte Tausende von Unglücklichen in blinden Aufruhr. Die Vorhut ihres dräuenden Heeres zog in Jasnaja Poljana unter Tolstois Fenstern vorbei. Drei Geschichten, die der „Mercure de France”[247] veröffentlichte und die zu den letzten Seiten zählen, die Tolstoi schrieb, lassen den Schmerz und Kummer ahnen, den dieses Schauspiel ihm bereitete. Wo war die Zeit hin, da fromme Pilger einfältigen Geistes die Gegend von Tula durchzogen? Jetzt war es eine Überschwemmung von umhergetriebenen Hungerleidern. Jeden Tag kommen welche. Tolstoi spricht mit ihnen und ist betroffen von dem Haß, der sie bewegt; sie sehen nicht, wie einst, in den Reichen „Leute, die, um ihr Seelenheil zu retten, Almosen austeilen, sondern Räuber, Schurken, die dem arbeitenden Volk das Blut aussaugen.” Viele von ihnen sind heruntergekommene gebildete Leute am Rande der Verzweiflung, die den Menschen zu allem fähig macht.
„Nicht in den Wüsten und den Wäldern, sondern in den Winkeln der Städte und auf den breiten Heerstraßen werden die Barbaren großgezogen, die aus der modernen Zivilisation das machen werden, was die Hunnen und Vandalen aus der alten gemacht haben.”
So sprach Henry George. Und Tolstoi fügt hinzu:
„Die Vandalen sind schon bereit in Rußland, und sie werden besonders schrecklich sein für unser tiefreligiöses Volk, weil wir nicht die Hemmungen kennen, die bei den europäischen Völkern so stark ausgebildet sind: die Konvention und die öffentliche Meinung.”
Tolstoi bekam von diesen Revolutionären häufig Briefe, in denen sie gegen seine Lehren vom Nichtwiderstreben Einspruch erhoben und sagten, daß man auf all das Böse, das die Regierenden und die Reichen dem Volk antäten, nur antworten könne: „Rache! Rache! Rache!” — Verdammt Tolstoi sie noch? Man weiß es nicht. Aber als er einige Tage später sieht, wie in seinem Dorf den jammernden Armen ihr Samowar und ihre Schafe vor den Augen der gleichgültigen Behörden abgenommen werden, kann auch er nicht anders, und er ruft Rache den Henkern, „diesen Ministern und ihren Helfershelfern, die mit Branntwein handeln, die Menschen das Morden lehren, zu Verbannung, Gefängnis, Zuchthaus oder zum Strick verurteilen, — diesen Leuten, die vollständig überzeugt sind, daß der Erlös aus den Samowaren, den Schafen, den Kälbern und der Leinwand, die man den Beklagenswerten wegnimmt, am besten verwandt wird zum Brennen von Branntwein, der das Volk vergiftet, zur Fabrikation von Mordwaffen, zum Bau von Gefängnissen, Zuchthäusern und besonders zu Gehaltszahlungen an ihre Gehilfen und an sie selbst.”
Es ist traurig, wenn man sein ganzes Leben der Erwartung und Verkündigung des Reiches der Liebe gewidmet hat, seine Augen inmitten solch bedrohlicher Erscheinungen schließen zu müssen und davon verdüstert zu werden. — Es ist um so trauriger, wenn man das unbestechliche Gewissen eines Tolstoi hat, sich sagen zu müssen, daß man sein Leben nicht vollständig mit seinen Grundsätzen in Einklang gebracht hat.
Hier berühren wir die empfindlichste Stelle seiner letzten Jahre — soll man sagen, seiner letzten dreißig Jahre? —, und wir dürfen nur mit ehrfürchtiger und scheuer Hand darüber hinstreichen; denn dieser Schmerz, den Tolstoi geheimzuhalten trachtete, betrifft nicht nur ihn, der bereits tot ist, sondern auch andere, die noch leben, die er liebte, und die ihn lieben.
Es war ihm nicht gelungen, seinen Glauben denen mitzuteilen, die ihm die Teuersten waren: seiner Frau und seinen Kindern. Man hat gesehen, wie seine treue Gefährtin, die mutig sein Leben und seine künstlerischen Arbeiten mit ihm teilte, darunter litt, daß er seinen Glauben an die Kunst abgeschworen hatte, um eines anderen moralischen Glaubens willen, den sie nicht begriff. Tolstoi litt nicht weniger darunter, sich von seiner besten Freundin unverstanden zu fühlen.
„Ich fühle mit meinem ganzen Sein,” schrieb er an Teneromo, „die Wahrheit der Worte, daß Mann und Frau nicht zwei getrennte Wesen, sondern nur eines sind. Mein glühendster Wunsch ist, auf meine Frau nur etwas von jenem religiösen Bewußtsein übertragen zu können, das mich befähigt, mich zu Zeiten über das Weh des Lebens hinauszuheben. Ich hoffe, daß es auf sie übertragen wird, wenn auch zweifellos nicht durch mich, so durch Gott, obgleich jenes Bewußtsein für Frauen kaum zu erlangen sein dürfte.”[248]
Es scheint nicht, als ob dieser Wunsch Erhörung gefunden hätte. Die Gräfin Tolstoi bewunderte und liebte die Herzensreinheit, das stille Heldentum, die Güte dieser großen Seele, die mit ihr nur ein Wesen bildete; sie sah, daß er „vor der Menge einherzog und den Weg wies, den die Menschen gehen sollten”[249]. Als der Heilige Synod ihn exkommunizierte, übernahm sie tapfer seine Verteidigung und beanspruchte ihr Teil an der Gefahr, die ihn bedrohte. Aber sie konnte nicht so tun, als ob sie etwas glaube, was sie tatsächlich nicht glaubte; und Tolstoi war zu ehrlich, als daß er sie zum Heucheln gezwungen hätte, er, dem das Heucheln von Glaube und Liebe noch verhaßter war, als die Ablehnung von Glaube und Liebe[250]. Wie hätte er also sie, die nicht glaubte, zwingen können, ihre Lebensweise zu ändern und ihr und ihrer Kinder Vermögen zum Opfer zu bringen?
Die Unstimmigkeit mit seinen Kindern war noch größer. Leroy-Beaulieu, der Tolstoi in Jasnaja Poljana im Familienkreis sah, sagt, daß „bei Tische, wenn Tolstoi sprach, seine Söhne nur schlecht verbargen, wie sehr des Vaters Worte sie langweilten, und daß sie Zweifel in ihre Wahrheit setzten”[251]. Sein Glaube hatte nur auf zwei oder drei seiner Töchter, von denen die eine, Marie, gestorben war, einen flüchtigen Eindruck gemacht. Er stand allein unter den Seinen. „Außer seiner jüngsten Tochter und seinem Arzt” verstand ihn kaum jemand[252].
Er litt unter dieser inneren Entfremdung, er litt unter den gesellschaftlichen Beziehungen, die man ihm aufzwang, unter diesen langweiligen Gästen, die aus der ganzen Welt zu ihm kamen, unter den Besuchen von Amerikanern und Snobs, die ihm lästig waren; er litt unter dem „Luxus”, in dem zu leben ihn seine Familie zwang. Es war ein recht bescheidener Luxus, wenn man denen glauben darf, die ihn in seinem einfachen Haus mit der fast puritanischen Einrichtung gesehen haben, in seinem kleinen Zimmer mit einem eisernen Bett, armseligen Stühlen und nackten Wänden! Aber dieser „Komfort” bedrückte ihn: es war ihm ein immerwährender Vorwurf. In dem zweiten der Berichte, die er im „Mercure de France” veröffentlichte, stellt er voll Bitterkeit den Anblick des Elends in seiner Umgebung dem des Luxus in seinem eigenen Hause gegenüber.
„So nutzbringend meine Tätigkeit manchen Menschen auch erscheinen mag,” schrieb er schon 1903, „so verliert sie doch den größten Teil ihrer Bedeutung, weil mein Leben nicht vollständig mit meinen Lehren in Übereinstimmung gebracht ist”[253].
Warum hat er dann diese Übereinstimmung nicht herbeigeführt? Wenn er die Seinen nicht zwingen konnte, sich von der großen Welt loszusagen, warum hat er sich nicht von ihnen und ihrer Lebensweise losgesagt, — um so dem Spott und dem Vorwurf der Heuchelei zu entgehen, die ihm seine Feinde entgegenschleuderten, die sich nur allzu gern auf sein eigenes Beispiel beriefen, wenn sie seine Lehre verwarfen?
Er hatte daran gedacht. Seit langem war sein Entschluß gefaßt. Unter seinen hinterlassenen Papieren hat sich ein wundervoller Brief gefunden[254], den er am 8. Juni 1897 an seine Frau geschrieben hat. Man muß ihn fast vollständig wiedergeben; denn nichts offenbart besser das Geheimnis dieser liebevollen, schmerzerfüllten Seele:
„Seit langem, liebe Sofie, leide ich unter dem Mißverhältnis zwischen meinem Leben und meinem Glauben. Ich kann Euch nicht zwingen, Eure Lebensweise und Eure Gewohnheiten zu ändern. Genau so wenig gelang es mir bis heute, Euch zu verlassen; denn ich wagte nicht, die Kinder bei ihrer großen Jugend des kleinen Einflusses zu berauben, den ich auf sie haben könnte, und Euch allen großen Kummer zu bereiten. Aber ich kann nicht so weiterleben, wie ich während der letzten sechzehn Jahre gelebt habe[255], bald im Widerstreit mit Euch und Euch dauernd aufreizend, bald den Einflüssen, an die ich gewöhnt bin, und den Versuchungen, die mich umlauern, erliegend. Ich habe beschlossen, jetzt das zu tun, was ich seit langem tun wollte: wegzugehen... Wie die Inder sich allein in den Wald zurückziehen, wenn sie die Sechzig erreicht haben, wie jeder betagte fromme Mann die letzten Jahre seines Lebens Gott zu widmen und sie nicht an Scherz, Geschwätz und Spiel zu vergeuden wünscht, so ersehne ich, der ich das siebzigste Lebensjahr erreicht habe, mit aller Kraft meiner Seele Ruhe und Einsamkeit und wenn auch keine vollständige Übereinstimmung, so doch zum wenigsten nicht diesen schreienden Mißklang zwischen meinem Leben und meinem Gewissen. Wenn ich ganz offen weggegangen wäre, hätte es Bitten und Auseinandersetzungen gegeben, ich wäre weich geworden und hätte vielleicht meinen Entschluß nicht zur Ausführung gebracht, während er doch ausgeführt werden muß. Ich bitte Euch deshalb, mir zu verzeihen, wenn mein Tun Euch Kummer bereitet. Und besonders Du, Sofie, laß mich gehen, suche mich nicht, sei mir nicht gram und tadle mich nicht. Die Tatsache, daß ich Dich verlassen habe, bedeutet nicht, daß ich einen Vorwurf gegen Dich erhebe ... Ich weiß, daß Du nicht anders konntest. Du konntest nicht sehen und nicht denken wie ich; deshalb vermochtest Du auch nicht, Dein Leben zu ändern und es einer Sache aufzuopfern, die Du nicht anerkennst. Darum tadle ich Dich auch nicht; ich gedenke vielmehr in Liebe und Dankbarkeit der fünfunddreißig langen Jahre unseres gemeinsamen Lebens und besonders der ersten Hälfte dieser Zeit, da Du mit dem Mut und der Hingebung Deiner mütterlichen Natur tapfer ertrugst, was Du als Deine Mission ansahst. Du hast mir und der Welt gegeben, was Du geben konntest. Du hast viel mütterliche Liebe gegeben und große Opfer gebracht... Aber in den letzten fünfzehn Jahren unseres Lebens haben sich unsere Wege getrennt. Ich kann mir nicht denken, daß ich schuld daran bin; ich weiß, wenn ich mich geändert habe, so war es nicht um Deinetwillen und nicht um der Welt willen, sondern weil ich nicht anders konnte. Ich kann Dich nicht anklagen, daß Du mir nicht gefolgt bist, und ich danke Dir und werde mich stets mit Liebe dessen erinnern, was Du mir gegeben hast. — Lebe wohl, meine liebe Sofie. Ich habe Dich lieb.”
„Die Tatsache, daß ich Dich verlassen habe...” Er verließ sie nicht. — Armer Brief! Es scheint, daß es Tolstoi genügte, ihn zu schreiben, um seinen Entschluß schon als ausgeführt zu betrachten... Nachdem er ihn geschrieben hatte, war schon seine ganze Entschlußkraft erschöpft. — „Wenn ich ganz offen weggegangen wäre, hätte es Bitten und Auseinandersetzungen gegeben, ich wäre weich geworden...” Es brauchte keine „Bitten”, keine „Auseinandersetzungen”, es genügte ihm, einen Augenblick später diejenigen zu sehen, die er verlassen wollte, und er fühlte, daß er sie mit dem besten Willen nicht verlassen konnte; den Brief, den er in seiner Tasche hatte, vergrub er unter seine Papiere mit der Aufschrift:
„Meiner Frau, Sofie Andrejewna, nach meinem Tode zu übergeben.”
Und damit war sein Fluchtplan erledigt. War das seine Stärke? War er nicht imstande, seine Liebe seinem Gott zum Opfer zu bringen? Sicherlich fehlt es in den christlichen Chroniken nicht an Heiligen mit stärkerem Herzen, die niemals zögerten, ihre und der anderen Liebe unerschrocken mit Füßen zu treten... Nun, er war jedenfalls nicht von dieser Art. Er war schwach. Er war Mensch. Und eben darum lieben wir ihn.
Schon mehr als fünfzehn Jahre vorher legte er sich die schmerzvoll verzweifelte Frage vor:
„Sag an, Leo Tolstoi, lebst du nach den Grundsätzen, die du predigst?”
Und demütig antwortete er:
„Ich sterbe vor Scham, ich bin schuldig, ich verdiene Verachtung... Und trotzdem, vergleicht mein ehemaliges Leben mit meinem jetzigen! Dann werdet ihr sehen, daß ich nach dem göttlichen Gesetz zu leben trachte. Ich habe nicht den tausendsten Teil von dem getan, was not tut, und ich schäme mich dessen, aber ich habe es nicht unterlassen, weil ich es nicht gewollt, sondern weil ich es nicht gekonnt habe... Klagt mich an, aber klagt den Weg nicht an, dem ich folge. Wenn ich die Straße kenne, die mich nach Hause führt, und wenn ich ihr taumelnd wie ein Trunkener folge, ist damit gesagt, daß die Straße schlecht ist? Oder zeigt mir eine andere, oder stützt mich auf der richtigen Straße, so wie ich willens bin, euch zu stützen. Aber stoßt mich nicht von euch, ergötzt euch nicht an meiner Verzweiflung, ruft nicht voller Begeisterung aus: ‚Seht! Er sagt, daß er nach Hause geht, und er fällt in den Morast!’ Nein, ergötzt euch nicht, sondern helft mir, stützt mich! ... Helft mir! Mein Herz blutet aus Verzweiflung darüber, daß wir uns alle verirrt haben; und wenn ich mich aus allen Kräften bemühe, um mich herauszufinden, deutet ihr, statt Mitleid mit mir zu haben, mit dem Finger auf mich und ruft: ‚Seht, er fällt mit uns in den Morast!’.”[256]
Dann, als er dem Tode näher war, wiederholte er:
„Ich bin kein Heiliger, ich habe mich nie für einen ausgegeben. Ich bin ein Mensch, der sich mitreißen läßt und der manchmal nicht alles sagt, was er denkt und fühlt; nicht, weil er es nicht will, sondern weil er es nicht kann, weil ihm oft Übertreibungen und Irrtümer unterlaufen. Mit meinem Tun ist es noch schlimmer. Ich bin ein durchaus schwacher Mensch mit lasterhaften Gewohnheiten, der Gott in Wahrheit dienen will, der aber immer wieder strauchelt. Wenn man mich für einen Menschen hält, der sich nicht irren kann, dann muß jedes meiner Vergehen als Lüge oder Heuchelei erscheinen. Aber wenn man mich für einen schwachen Menschen hält, dann erscheine ich als das, was ich in Wirklichkeit bin: ein bemitleidenswertes aber ehrliches Wesen, das immer und von ganzem Herzen gewünscht hat und weiter wünscht, ein guter Mensch, ein guter Diener Gottes zu werden.”
So blieb er, von Gewissensbissen verfolgt, gequält durch die stummen Vorwürfe von Anhängern, die energischer und weniger menschlich waren als er[257], gepeinigt durch seine Schwäche und seine Unschlüssigkeit, hin- und hergezerrt zwischen der Liebe zu den Seinen und der Liebe zu Gott, — bis zu dem Tage, wo ihn die Verzweiflung und vielleicht auch der heiße Fieberhauch, der beim Nahen des Todes spürbar wird, aus dem Hause auf die Landstraße trieben. Er floh und irrte umher, klopfte an Klostertüren, zog seines Weges weiter und blieb schließlich in einem unbekannten kleinen Ort liegen, um nicht mehr aufzustehen[258]. Und auf seinem Totenbette weinte er nicht über sich, sondern über die Unglücklichen. Und unter Schluchzen sagte er:
„Es gibt auf Erden Millionen Menschen, die leiden; warum befaßt ihr alle euch gerade mit mir allein?”
Und dann kam er — es war Sonntag, den 20. November 1910, kurz nach 6 Uhr morgens —, „der Erlöser”, wie er ihn nannte, „der Tod, der gesegnete Tod...”