Epilog
Der Kampf war zu Ende, der zweiundachtzigjährige Kampf, dessen Schauplatz dieses Leben gewesen war. Ein Leben, gemischt aus Tragik und Ruhm, an dem alle Daseinskräfte, alle Laster und alle Tugenden, Anteil hatten. — Alle Laster, ausgenommen ein einziges, die Lüge; denn sie verfolgte er unaufhaltsam und spürte sie in ihren verborgensten Schlupfwinkeln auf.
Zuerst der Freiheitsrausch, die aufeinanderprallenden Leidenschaften in der stürmischen Nacht, die nur hier und da blendende Blitze erhellen, Liebe und Verzückung, Offenbarungen des Ewigen. Jahre im Kaukasus, vor Sewastopol, Jahre gährender und unruhiger Jugend... Dann die wohltätige Besänftigung der ersten Ehejahre. Das Glücklichsein in der Liebe, der Kunst und der Natur, — „Krieg und Frieden.” Höhepunkt des Genies, das den ganzen menschlichen Gesichtskreis und das Schauspiel dieser Kämpfe, die seelisch schon der Vergangenheit angehörten, meistert. Er ist ihr Herr; und schon genügen sie ihm nicht mehr. Wie Fürst Andrej hebt er seine Augen zu dem grenzenlosen Himmel, der über Austerlitz leuchtet. Dieser Himmel zieht ihn an:
„Es gibt Menschen mit mächtigen Schwingen, die die Begierde zwingt, inmitten der Menge zu landen, wo ihre Schwingen zerbrechen: solch einer bin ich. Dann schlägt man mit seinem gebrochenen Flügel, schwingt sich mit Macht wieder auf und fällt von neuem herab. Aber die Flügel heilen wieder. Ich werde sehr hoch fliegen. Gott stehe mir bei!”[259]
Diese Worte sind im schrecklichsten Aufruhr geschrieben, dessen Niederschlag und Echo die „Beichte” ist. Tolstoi wurde mehr als einmal mit zerbrochenen Schwingen zu Boden geschleudert. Und immer wieder läßt er nicht nach und steigt wieder auf. Nun schwebt er dahin in dem „unermeßlichen, unergründlichen Himmel” mit seinen beiden großen Schwingen, dem Glauben und der Vernunft. Aber die ersehnte Ruhe findet er darin nicht. Der Himmel ist nicht außerhalb unser, der Himmel ist in uns. Tolstoi läßt auch hier seinen stürmischen Leidenschaften freien Lauf. Hierin unterscheidet er sich von den entsagenden Aposteln; er ging mit derselben Inbrunst ans Entsagen, mit der er ans Leben heranging. Und immer ist es das Leben, das er mit dem Ungestüm eines Liebhabers umfängt. Er ist „lebenstoll”. Er ist „lebenstrunken”. Er kann nicht leben ohne diesen Rausch[260]. Berauscht von Glück und Unglück zu gleicher Zeit. Berauscht vom Tod und von der Unsterblichkeit[261]. Sein Verzicht auf das irdische Dasein ist nur ein wild leidenschaftlicher Schrei nach dem ewigen Leben. Nein, der Friede, den er erlangt, der Seelenfriede, den er herbeiwünscht, ist nicht der Friede des Todes. Es ist der Friede jener brennenden Welten, die in den unendlichen Räumen kreisen. Sein Zorn ist ruhig, und seine Ruhe ist Leidenschaft[262]. Der Glaube hat ihm neue Waffen geliefert, um unversöhnlich den Kampf wieder aufzunehmen, den er seit seinen ersten Werken ohne Unterlaß gegen die Lügen der zeitgenössischen Gesellschaft führte. Er begnügt sich nicht mehr mit ein paar typischen Romanfiguren, er zieht zu Felde gegen alle die großen Götzen: die Heucheleien der Religion, des Staates, der Wissenschaft, der Kunst, des Liberalismus, des Sozialismus, der Volksbildung, der Wohltätigkeit, des Pazifismus...[263] Er geißelt sie, er verfolgt sie aufs eifrigste.
Tolstois Grab auf Jasnaja Poljana
Die Welt sieht von Zeit zu Zeit die Erscheinung solch erregter Geister, die, wie Johannes der Täufer, einen Bannfluch gegen die Sittenverderbnis schleudern. Die letzte dieser Erscheinungen ist Rousseau gewesen. Durch seine Liebe zur Natur[264], seinen Haß auf die moderne Gesellschaft, seine äußerste Bedürfnislosigkeit, seine inbrünstige Verehrung des Evangeliums und der christlichen Moral ist Rousseau ein Vorbote Tolstois, der sich auch auf ihn berief: „Manche seiner Worte gehen mir zu Herzen,” sagte er, „ich könnte glauben, sie selbst geschrieben zu haben”[265].
Aber was für ein Unterschied zwischen diesen beiden Seelen, und um wieviel ist die Tolstois von reinerem Christentum! Welcher Mangel an Demut, welche pharisäische Anmaßung verrät der vermessene Ausruf in den „Bekenntnissen” des Genfers:
„Du Ewiger! Einer soll dir zu sagen wagen: Ich war besser als dieser Mann!”
Oder in jenem Fehdebrief an die Welt:
„Ich erkläre es laut und furchtlos: wer immer mich für einen unredlichen Menschen hält, verdient selbst erdrosselt zu werden.”
Tolstoi weinte blutige Tränen über die „Verbrechen” seines vergangenen Lebens:
„Ich leide Höllenqualen. Ich erinnere mich aller meiner begangenen Niederträchtigkeiten, und diese Erinnerungen verlassen mich nicht, sie vergiften mein Leben. Gewöhnlich bedauert man, daß man sich nicht über den Tod hinaus an Vergangenes erinnert. Welch ein Glück, daß es so ist! Wie schrecklich wäre es, wenn ich mich in dem anderen Leben all des Bösen erinnern müßte, das ich hienieden beging!...”[266]
Er hat nicht, wie Rousseau, seine „Bekenntnisse” geschrieben, weil er, wie dieser sagte, „im Bewußtsein, daß das Gute das Schlechte überwiege, guten Grund hatte, alles zu sagen”. Tolstoi verzichtet nach einem vergeblichen Versuch darauf, seine Erinnerungen zu schreiben. Die Feder entsinkt seiner Hand. Er will nicht Gegenstand des Ärgernisses sein für die, die es lesen werden:
„Die Leute würden sagen: ‚Das ist also der Mann, den viele so hoch stellen! Und was für ein Feigling war er! Demnach befiehlt Gott selbst uns einfachen Sterblichen, feige zu sein’.”[267]
Niemals hat Rousseau aus dem christlichen Glauben heraus diese schöne schamhafte Demut gekannt, die dem alten Tolstoi eine solch unsagbare Güte verleiht. Hinter Rousseau, als Umrahmung seines Denkmals auf der Schwaneninsel, sieht man Genf, das Rom Calvins. In Tolstoi findet man die Pilger, die „Einfältigen” wieder, deren naive Bekenntnisse und Tränen seine Kinderjahre bewegt hatten.
Aber weit mehr noch als der Kampf gegen die Welt, der ihm mit Rousseau gemeinsam ist, erfüllte ein anderer Kampf die letzten dreißig Jahre von Tolstois Leben. Ein herrlicher Kampf zwischen den beiden hehrsten Mächten in seiner Seele: der Wahrheit und der Liebe.
Die Wahrheit, — „dieser Blick, der bis ins Herz geht”, — das durchdringende Licht dieser grauen Augen, die einen durchbohren... sie war sein ältester Glaube, die Beherrscherin seiner Kunst.
„Die Heldin meiner Schriften, sie, die ich mit der ganzen Kraft meiner Seele liebe, sie, die immer schön war, ist und sein wird, sie ist die Wahrheit.”[268]
Die Wahrheit war das einzige Strandgut, das er nach dem Tode seines Bruders aus dem Schiffbruch rettete[269], der Angelpunkt seines Lebens, der Fels im Meere.
Aber bald hatte ihm „die schreckliche Wahrheit”[270] nicht mehr genügt. Die Liebe hatte sie verdrängt. Sie war der lebendige Quell seiner Kinderjahre, „der natürliche Zustand seiner Seele”[271]. Als im Jahre 1880 der moralische Umschwung kam, sagte er sich nicht von der Wahrheit los, sondern er suchte sie mit der Liebe zu verschmelzen[272].
Die Liebe ist „die Grundlage der Willenskraft”[273]. Die Liebe ist „der Zweck des Lebens”, der einzige neben der Schönheit[274]. Die Liebe ist das Wesen des vom Leben gereiften Tolstoi, des Verfassers von „Krieg und Frieden” und des Briefes an den Heiligen Synod[275].
Diese Durchdringung der Wahrheit mit der Liebe macht den einzigartigen Wert der Hauptwerke aus, die er in seines Lebens Mitte — nel mezzo del cammin — schrieb, und unterscheidet seinen Realismus von dem Realismus eines Flaubert. Dieser setzt seinen Ehrgeiz darein, seine Gestalten nicht zu lieben. So groß er auf diese Weise auch sein mag, ihm fehlt das „Fiat lux!” Das Licht der Sonne genügt nicht, das Licht des Herzens tut not. Tolstois Realismus verkörpert sich in jeder seiner Gestalten, und indem er sie mit ihren Augen sieht, findet er in der geringsten von ihnen Gründe, sie zu lieben und uns die Bande empfinden zu lassen, die uns mit allen brüderlich vereinen[276]. Durch die Liebe dringt er bis zu den Wurzeln des Lebens.
Aber es ist schwierig, diese Verbindung aufrechtzuerhalten. Es gibt Stunden, in denen das Spiel des Lebens und seine Leiden so bitter sind, daß sie der Liebe gleichsam den Kampf ansagen, und daß man, um sie zu retten, um seinen Glauben zu retten, sie so hoch über alles Menschliche erheben muß, daß sie Gefahr läuft, jede Verbindung mit der Welt zu verlieren. Und was soll der tun, dem vom Schicksal die wunderbare und unselige Gabe zuteil wurde, die Wahrheit zu sehen, sie sehen zu müssen? Wer kann sagen, wie sehr Tolstoi in seinen letzten Lebensjahren gelitten hat unter dem unaufhörlichen Widerstreit zwischen seinen unerbittlichen Augen, die den Schrecken der Wirklichkeit sahen, und seinem empfindsamen Herzen, das unentwegt die Liebe bejahte und ihrer harrte!
Wir alle haben diese tragischen Konflikte kennengelernt. Wie oft waren wir vor die Entscheidung gestellt, nicht zu sehen oder zu hassen! Und wie oft mag einen Künstler, — einen Künstler, würdig dieser Bezeichnung, einen Schriftsteller, der die herrliche und furchtbare Macht des geschriebenen Wortes kennt, — wie oft mag ihn Bangigkeit beschlichen haben im Augenblick, da er diese oder jene Wahrheit niederschrieb[277]! Diese gesunde und männliche Wahrheit, die inmitten der modernen Lügen, der Lügen der Zivilisation, so notwendig ist, diese Wahrheit, die zum Leben so unentbehrlich zu sein scheint, wie die Luft, die man einatmet... Und dann merkt man, daß so viele Lungen diese Luft nicht vertragen können, so viele durch die Zivilisation geschwächte oder einfach durch die Güte ihres Herzens schwach gewordene Menschen. Soll man keine Rücksicht darauf nehmen und ihnen diese tödliche Wahrheit unbedenklich ins Gesicht schleudern? Gibt es nicht eine höhere Wahrheit, die, wie Tolstoi sagt, „zur Liebe bereit ist”? — Aber kann man wohl darein willigen, die Menschen mit tröstlichen Lügen einzulullen, wie Peer Gynt seine sterbende alte Mutter mit seinen Märchen einschläfert?... Die Gesellschaft steht immer vor dem Dilemma: Wahrheit oder Liebe. Gewöhnlich entscheidet sie sich dahin, Wahrheit und Liebe zugleich zu opfern.
Nie hat Tolstoi einen seiner beiden Glauben verraten. In den Werken aus seiner Reifezeit weist die Liebe der Wahrheit den Weg. In den Werken der letzten Jahre senkt sich ein Licht von oben, ein Strahl der Gnade auf das Leben, ohne sich aber damit zu vermischen. Man hat es in der „Auferstehung” gesehen, wo der Glaube die Wirklichkeit beherrscht, sie aber nicht durchdringt. Dieselben Menschen, die Tolstoi jedesmal, wenn er sie einzeln sieht, als sehr schwach und mittelmäßig schildert, erhalten für ihn, wenn er an sie als ein Ganzes denkt, einen Zug von göttlicher Heiligkeit[278]. — In seinem täglichen Leben trat derselbe Widerspruch zutage wie in seiner Kunst, nur noch schroffer. Wenn er auch noch so gut wußte, was die Liebe von ihm forderte, so handelte er doch anders; er lebte nicht, wie es Gott gefiel, er lebte, wie es der Welt gefiel. Wo sollte er die Liebe fassen? Wie sollte er zwischen ihren verschiedenen Gesichtern und ihren widerspruchsvollen Forderungen unterscheiden? Galt es die Liebe zu seiner Familie, oder die Liebe zu allen Menschen?... Bis zum letzten Tag schlug er sich mit diesen Zweifeln herum.
Wo ist die Lösung? — Er hat sie nicht gefunden. Überlassen wir das Recht, deshalb mit Verachtung über ihn zu urteilen, den hochfahrenden Intellektuellen. Sie haben gewiß die Lösung gefunden, sie haben die Wahrheit, und sie stützen sich mit Sicherheit auf sie. Für sie war Tolstoi ein empfindsamer Schwächling, der ihnen nicht als Vorbild dienen kann. Zweifellos ist er kein Vorbild, dem sie nacheifern können; dazu sind sie nicht lebendig genug. Tolstoi gehört nicht zu jenen eitlen Auserwählten, er gehört keiner Kirche an, — weder der der Schriftgelehrten, wie er sie nannte, noch der der Pharisäer vom einen oder vom anderen Glauben. Er ist der vollkommenste Typus des freien Christen, der sein Leben lang einem Ideal zustrebt, ohne ihm je näher zu kommen[279].
Tolstoi redet nicht zu der geistigen Auslese, er redet zu den gewöhnlichen Menschen — hominibus bonae voluntatis. — Er ist unser Gewissen. Er spricht aus, was wir Durchschnittsmenschen alle denken, und was wir nur nicht in uns zu lesen wagen. Und er ist uns kein hochmütiger Lehrmeister, keiner jener hoheitsvollen Geisteshelden, die in ihrer Kunst und ihrer Weisheit über der Menschheit thronen. Er ist — wie er sich selbst gern in seinen Briefen mit diesem schönsten und innigsten Namen bezeichnete — „unser Bruder”.
Ende
[Anmerkungen]
[1] (S. 6): Abgesehen von einigen Unterbrechungen, — vornehmlich einer ziemlich langen zwischen 1865 und 1878.
[2] (S. 6): Es ist die wichtigste Sammlung von Dokumenten über das Leben und das Werk Tolstois. Ich habe sehr ausgiebig daraus geschöpft.
[3] (S. 7): Er nahm auch an den Napoleonischen Feldzügen teil und war in Frankreich während der Jahre 1814-1815 in Gefangenschaft.
[4] (S. 8): „Kindheit”, Kapitel II.
[5] (S. 8): „Kindheit”, Kapitel XXVII.
[6] (S. 8): Jasnaja Poljana, dessen Name etwa mit „Helle Lichtung” wiedergegeben werden kann, ist ein kleines Dorf im Süden von Moskau, einige Meilen von Tula entfernt, „in einer der urrussischsten Provinzen. Die beiden größten Gebiete Rußlands,” sagt A. Leroy-Beaulieu, „das Waldgebiet und das Getreidegebiet berühren sich hier und gehen ineinander über. In diesen Gegenden trifft man weder Finnen noch Tartaren, weder Polen noch Juden oder Kleinrussen. Das Gebiet von Tula liegt im tiefsten Herzen Rußlands.” (A. Leroy-Beaulieu: Leo Tolstoi; Revue des deux Mondes, 15. Dezember 1910.)
[7] (S. 9): Tolstoi hat ihn in „Anna Karenina” geschildert mit den Zügen von Lewins Bruder.
[8] (S. 9): Er schrieb „Das Tagebuch eines Jägers”.
[9] (S. 9): In Wirklichkeit war sie eine entfernte Verwandte. Sie hatte Tolstois Vater geliebt und war von ihm wiedergeliebt worden; aber wie Sonja in „Krieg und Frieden” hatte sie sich nicht zu behaupten gewußt.
[10] (S. 10): „Kindheit”, Kapitel XII.
[11] (S. 11): Hat Tolstoi doch in autobiographischen Aufzeichnungen aus dem Jahre 1878 behauptet, daß er sich der Empfindungen erinnere, die er als Kind beim Wickeln und Baden gehabt habe. (Siehe „Erste Erinnerungen”.)
[12] (S. 11): „Erste Erinnerungen.”
[13] (S. 13): Von 1842-1847.
[14] (S. 13): Nikolaus, der um 5 Jahre älter als Leo war, hatte sein Studium schon im Jahre 1844 vollendet.
[15] (S. 13): Er liebte die metaphysischen Unterhaltungen „um so mehr”, wie er sagt, „als sie viel abstrakter waren und bis zu einem solchen Grad von Unklarheit führten, daß man, im Glauben, man sage, was man denke, alles andere sagen konnte”. („Knabenjahre”, Kapitel XXVII.)
[16] (S. 13): „Knabenjahre”, Kapitel XIX.
[17] (S. 13): Hauptsächlich in seinen ersten Werken, in den Berichten aus Sewastopol.
[18] (S. 14): Das war zu der Zeit, als er mit Vergnügen Voltaire las. („Beichte”, Kapitel I.)
[19] (S. 14): „Beichte”, Kapitel I.
[20] (S. 14): „Jugend”, Kapitel III.
[21] (S. 14): In den Monaten März und April 1847.
[22] (S. 14): „Alles was der Mensch tut, tut er aus Eigenliebe”, sagt Nekludow in „Knabenjahre”. — Im Jahre 1853 bemerkt Tolstoi in seinem Tagebuch: „Mein großer Fehler: der Hochmut. Eine grenzenlose, durch nichts gerechtfertigte Eigenliebe... Ich bin so ehrgeizig, daß ich, wenn ich zwischen dem Ruhm und der Tugend (die ich liebe) zu wählen hätte, wohl glaube, ich würde ersteren wählen.”
[23] (S. 15): „Ich wollte, alle sollten mich kennen und mich lieben. Ich wollte, daß schon allein beim Hören meines Namens alle von Bewunderung für mich erfüllt und mir zu Dank verpflichtet wären.”
[24] (S. 15): Nach einem Bildnis aus dem Jahre 1844, als er 20 Jahre alt war.
[25] (S. 15): „Ich bildete mir ein, daß es für einen Menschen, der eine so breite Nase, so aufgeworfene Lippen und so kleine Augen wie ich hatte, kein Glück auf Erden gäbe.” („Kindheit”, Kapitel XVII.) An anderer Stelle spricht er mit Verzweiflung von „diesem Gesicht ohne Ausdruck, diesen schlaffen, weichen, unentschiedenen Zügen ohne Adel, die an die einfachen Muschiks erinnern, von diesen zu großen Händen und Füßen”. („Jugend”, Kapitel I.)
[26] (S. 15): „Ich teilte die Menschheit in drei Klassen ein: die erstklassigen Menschen, die allein achtungswürdigen; die zweitklassigen Menschen, würdig der Verachtung und des Hasses; und die Plebs, die für mich überhaupt nicht existierte.” („Jugend”, Kapitel XXXI.)
[27] (S. 15): Hauptsächlich während eines Aufenthaltes in St. Petersburg in den Jahren 1847-1848.
[28] (S. 15): „Knabenjahre”, Kapitel XXVII.
[29] (S. 16): Unterhaltungen mit Paul Boyer (Le Temps), 28. August 1901.
[30] (S. 17): Nekludow kommt auch vor in „Knabenjahre” und „Jugend” (1854), in „Begegnung im Felde” (1856), in „Aufzeichnungen eines Marqueurs” (1856), in „Luzern” (1857) und in „Auferstehung” (1899). Es ist zu bemerken, daß dieser Name für ganz verschiedene Personen Verwendung findet. Tolstoi hat gar nicht versucht, ihm immer dieselbe äußere Erscheinung zu geben, und am Schluß der „Aufzeichnungen eines Marqueurs” tötet sich Nekludow sogar. Es sind lediglich verschiedene Inkarnationen Tolstois in seinen besten und schlimmsten Eigenschaften.
[31] (S. 18): „Der Morgen des Gutsherrn.”
[32] (S. 18): Sie fällt zeitlich mit den Berichten aus der „Kindheit” zusammen.
[33] (S. 19): 11. Juni 1851 im befestigten Lager von Stari-Jurt im Kaukasus.
[34] (S. 20): Tagebuch.
[35] (S. 20): Tagebuch, 2. Juli 1851.
[36] (S. 20): Brief an seine Tante Tatjana, Januar 1852.
[37] (S. 21): Ein Bildnis von 1851 zeigt schon die Veränderung, die sich in seiner Seele vollzieht. Das Haupt ist erhoben, die Gesichtszüge haben sich etwas aufgehellt, die Augenhöhlen sind weniger dunkel, die Augen bewahren noch ihre strenge Starrheit, und der halbgeöffnete Mund, den ein keimender Schnurrbart umschattet, wirkt vergrämt; das Gesicht zeigt noch immer etwas Hochmütiges und Mißtrauisches, aber doch weit mehr Jugendlichkeit.
[38] (S. 22): Die Briefe, die er damals an seine Tante Tatjana schrieb, sind angefüllt mit Herzensergüssen und Tränen. Er ist, wie er sagt, „Liova-riova”, Leo der Greiner (6. Januar 1852).
[39] (S. 22): „Der Morgen des Gutsherrn” ist das Bruchstück eines geplanten Werkes „Roman eines russischen Gutsbesitzers”. „Die Kosaken” sind der 1. Teil eines großen Kaukasusromans. Das gewaltige Werk war nach der Absicht des Verfassers nur eine Art Einleitung zu einem zeitgenössischen Epos, dessen Mittelstück die „Dekabristen” sein sollten.
[40] (S. 23): Der Pilger Krischa oder der Tod der Mutter.
[41] (S. 24): In einem Brief an Birukow.
[42] (S. 24): „Der Morgen des Gutsherrn” wurde erst 1850-1856 beendet.
[43] (S. 25): „Die beiden Alten” (1885).
[44] (S. 26): „Der Überfall.”
[45] (S. 27): Obwohl sie erst viel später, im Jahre 1860 in Hyères beendet wurden (erschienen sind sie erst 1863), so stammt doch der größere Teil des Werks aus dieser Zeit.
[46] (S. 27): „Die Kosaken.”
[47] (S. 29): „Vielleicht”, sagt der in die junge Kosakin verliebte Olenin, „liebe ich in ihr die Natur... Indem ich sie liebe, fühle ich, wie ganz ich an der Natur teilnehme.” — Oft vergleicht er die Frau, die er liebt, mit der Natur. „Sie ist wie die Natur gleichmäßig, still und schweigsam.” An anderer Stelle bringt er den Anblick der fernen Berge und „dieser majestätischen Frau” in Verbindung miteinander.
[48] (S. 30): Ebenso in dem Briefe Olenins an seine russischen Freunde.
[49] (S. 31): Tagebuch.
[50] (S. 32): Man findet diese Schreibweise auch im „Holzschlag”, der zum selben Zeitpunkt beendigt wurde. Zum Beispiel: „Es gibt drei Arten von Liebe: 1. die ästhetische Liebe; 2. die ergebene Liebe; 3. die werktätige Liebe, usw.” („Jugendjahre.”) — Oder auch: „es gibt drei Arten von Soldaten: 1. die gehorsamen; 2. die befehlshaberischen; 3. die bramarbasierenden, — die ihrerseits alle wieder in Unterabteilungen zerfallen”. („Holzschlag”)
[51] (S. 33): „Jugend”, Kapitel XXXII.
[52] (S. 34): Tolstoi hatte die Geschichte an die Zeitschrift „Sovremennik” geschickt, und sie wurde darin sofort veröffentlicht.
[53] (S. 35): Tolstoi ist viel später, in seinen Unterhaltungen mit seinem Freunde Teneromo, darauf zurückgekommen. Er hat ihm namentlich von einem Angstzustand erzählt, der ihn eines Nachts erfaßte, als er vollständig eingegraben in einer abgedunkelten Verschanzung lag. Man findet diese Episode aus dem Krieg von Sewastopol in dem Sammelband „Die Revolutionäre”.
[54] (S. 35): Drujinin warnt ihn später freundschaftlich vor dieser Gefahr: „Sie neigen zu einer ganz außerordentlichen Feinheit des Analysierens; sie kann sich in einen großen Fehler verwandeln. Mitunter könnten Sie sagen: bei dem und dem verriet die Wade den Wunsch, nach Indien zu reisen... Sie müssen diese Neigung zügeln, aber um nichts in der Welt sie ersticken.” (Brief aus dem Jahre 1856.)
[55] (S. 37): die die Zensur verstümmelt hat.
[56] (S. 37): 2. September 1855.
[57] (S. 38): „Seine Eigenliebe beherrschte ihn vollständig; es gab für ihn keine andere Wahl, als der erste zu sein oder sich selbst aus dem Leben zu löschen... Er wollte gern der erste unter den Männern sein, mit denen er sich zu vergleichen pflegte.”
[58] (S. 39): 1889 kam Tolstoi beim Schreiben einer Vorrede zu den „Erinnerungen an Sewastopol von einem Artillerieoffizier”, A. J. Erchow, auf diese Szenen zurück. Alles Heldenhafte war daraus geschwunden. Er erinnerte sich nur noch an die Angst, die sieben Monate gewährt hatte, — die doppelte Angst: die vor dem Tod und die vor der Schande, eine entsetzliche moralische und seelische Qual. Alle „Heldentaten” bedeuteten bei der Belagerung für ihn nur noch das eine: Kanonenfutter gewesen zu sein.
[59] (S. 40): Suarès, „Tolstoi”, herausgegeben von der „Union pour l'Action morale”, 1899, (aufs neue veröffentlicht in den „Cahiers de la Quinzaine”, unter dem Titel: „Tolstoi vivant”).
[60] (S. 41): Turgenjew klagt in einer Unterhaltung über Tolstois törichten Adelsstolz, über seine junkerhafte Prahlerei.
[61] (S. 41): „Ein Charakterzug, ob er nun gut oder schlecht zu nennen sei, war mir immer eigen: ich wehrte mich stets instinktiv gegen alle epidemisch auftretenden äußeren Einflüsse... Ich hatte eine Abneigung gegen die allgemeine Strömung.” (Brief an P. Birukow.)
[62] (S. 41): Turgenjew.
[63] (S. 42): Grigorowitsch.
[64] (S. 42): Eugen Garchin, Erinnerungen an Turgenjew 1883.
[65] (S. 42): Der heftigste, der zum endgültigen Bruch zwischen ihnen führte, fand im Jahre 1861 statt. Turgenjew gab seinen philanthropischen Empfindungen Ausdruck und sprach von den wohltätigen Veranstaltungen, mit denen seine Tochter sich beschäftigte. Nichts erregte Tolstoi mehr als die Wohltätigkeit der großen Gesellschaft. „Ich finde,” sagte er, „daß ein gutgekleidetes junges Mädchen, das schmutziges und übelriechendes Bettelvolk auf seinen Knien hält, eine Theaterszene spielt, die der Aufrichtigkeit entbehrt.” — Die Auseinandersetzung wurde immer heftiger, Turgenjew geriet außer sich und bedrohte Tolstoi mit Ohrfeigen. Tolstoi bestand auf sofortiger Genugtuung und forderte Turgenjew zum Zweikampf. Turgenjew, der seine Erregung gleich bedauert hatte, schickte einen Entschuldigungsbrief. Aber Tolstoi verzieh ihm nicht. Fast zwanzig Jahre später bat er — wie man in der Folge sehen wird — ihn um Entschuldigung, im Jahre 1878, als er sein ganzes früheres Leben abschwor und seinen Stolz vor Gott gründlich demütigte.
[66] (S. 42): „Beichte.”
[67] (S. 42): „Es gab”, sagte er, „keinen Unterschied zwischen uns und einem Tollhaus. Selbst in jener Zeit hatte ich diese unbestimmte Empfindung; aber wie alle Verrückten behandelte ich alle als Narren, außer mich selbst.” („Beichte”).
[68] (S. 43): „Beichte.”
[69] (S. 43): „Tagebuch des Fürsten D. Nekludow”, „Luzern”.
[70] (S. 44): „Tagebuch des Fürsten D. Nekludow.”
[71] (S. 44): Er lernte auf dieser Reise verschiedene Persönlichkeiten kennen: in Dresden Auerbach, der als erster ihn zur Volksbelehrung angeregt hatte, in Kissingen Fröbel, in London Herzen, in Brüssel Proudhon, der einen großen Eindruck auf ihn gemacht zu haben scheint.
[72] (S. 45): Hauptsächlich in den Jahren 1861/62.
[73] (S. 45): „Erziehung und Kultur.”
[74] (S. 46): Tolstoi hat sich in der Zeitschrift „Jasnaja Poljana” im Jahre 1862 mit diesen Theorien auseinandergesetzt.
[75] (S. 48): Rede über die „Überlegenheit des künstlerischen Elements in der Literatur über alle ihre Zeitströmungen”.
[76] (S. 48): Er stellte ihm seine eigenen Beispiele entgegen, den alten Postillion aus „Drei Tode”.
[77] (S. 48): Im Jahre 1856 war schon ein anderer Bruder Tolstois, Dmitri, an der Schwindsucht gestorben. Tolstoi selbst glaubte sich zu verschiedenen Malen von der Schwindsucht befallen, in den Jahren 1856, 1862 und 1871. Er war, wie er am 28. Oktober 1852 schreibt, „von kräftiger Körperbeschaffenheit, aber von schwacher Gesundheit.” Dauernd litt er an Erkältungen, Halsweh, Augen- und Zahnschmerzen und Rheumatismus. Im Kaukasus, im Jahre 1852, mußte er „wenigstens zwei Tage in der Woche das Zimmer hüten”. Im Jahre 1854 hält ihn die Krankheit mehrere Monate auf dem Weg von Silistrien nach Sewastopol zurück. 1856 liegt er ernsthaft brustkrank in Jasnaja darnieder. Aus Angst vor der Schwindsucht macht er im Jahre 1862 eine Kefirkur in Samara, bei den Baschkiren, und vom Jahre 1870 an geht er fast jedes Jahr zu diesem Zweck wieder dorthin. In seinen Briefen an Fet spricht er dauernd von solchen Dingen. Dieser Gesundheitszustand macht es einigermaßen begreiflich, daß Tolstoi sich andauernd mit dem Gedanken an den Tod beschäftigte. Späterhin sprach er von der Krankheit als von seiner besten Freundin: „Wenn man krank ist, scheint es, als ob man ganz sanft eine leicht abschüssige Fläche hinunterglitte, die an einem bestimmten Punkt von einem Vorhang, einem leichten Vorhang aus leichtem Stoff abgeschlossen ist. Diesseits davon ist das Leben, jenseits davon ist der Tod. Um wieviel ist in bezug auf sittlichen Wert der Zustand der Krankheit dem Zustand der Gesundheit überlegen! Sprecht mir nicht von jenen Leuten, die niemals krank gewesen sind! Sie sind entsetzlich, besonders die Frauen. Eine kerngesunde Frau ist eine wahre Bestie!” (Unterhaltungen mit Paul Boyer, „Le Temps”, 27. August 1901.)
[78] (S. 48): 17. Oktober 1860, in einem Brief an Fet.
[79] (S. 48): 1861 in Brüssel geschrieben.
[80] (S. 49): Eine andere Novelle aus jener Zeit, ein einfacher Reisebericht, der persönliche Erinnerungen weckt, „Der Schneesturm”, ist von großer, eindrucksvollster dichterischer, sozusagen musikalischer Schönheit. Tolstoi hat einen Teil des äußeren Rahmens später noch einmal für „Der Herr und sein Knecht” (1895) verwendet.
[81] (S. 50): Als Kind hatte er in einer Eifersuchtsanwandlung seine damals neunjährige kleine Spielkameradin — die spätere Frau Bers — vom Balkon heruntergeworfen, so daß sie lange Zeit hinkte.
[82] (S. 50): Siehe „Eheglück”, die Erklärung Sergius': „Denken Sie sich einen Herrn A., einen alten Mann, der das Leben kennt, und eine Frau B., jung und glücklich, die weder die Menschen noch das Leben kennt. Infolge verschiedener Familienumstände liebte er sie wie eine Tochter, und dachte nicht daran, daß er sie anders lieben könnte..., usw.”
[83] (S. 51): Vielleicht verwandte er in seinem Werk auch die Erinnerungen an einen Liebesroman, der sich im Jahre 1856 in Moskau mit einem jungen Mädchen angesponnen hatte, das sehr verschieden von ihm war, sehr leichtfertig und oberflächlich, und das er schließlich im Stich ließ, obwohl sie beide aufrichtig ineinander verliebt waren.
[84] (S. 52): Von 1857 bis 1861.
[85] (S. 52): Tagebuch, Oktober 1857.
[86] (S. 53): Brief an Fet, 1863.
[87] (S. 53): „Beichte.”
[88] (S. 53): „Das Familienglück erfüllt mich vollständig.” (5. Januar 1863.) — „Ich bin so glücklich! so glücklich! Ich liebe sie so sehr!” (8. Februar 1863.)
[89] (S. 54): Sie hatte einige Novellen geschrieben.
[90] (S. 54): „Krieg und Frieden” soll sie siebenmal abgeschrieben haben.
[91] (S. 54): Gleich nach seiner Heirat gab Tolstoi alle pädagogischen Arbeiten in den Schulen und an der Zeitschrift auf.
[92] (S. 54): Ebenso wie ihre kluge und künstlerisch veranlagte Schwester Tatjana, deren Geist und musikalische Begabung Tolstoi sehr liebte. — Tolstoi sagte: „Ich habe Tanja (Tatjana) genommen, habe sie mit Sonja (Sofie Bers, spätere Gräfin Tolstoi) vermischt, und es ist Natascha herausgekommen.”
[93] (S. 54): Die Unterbringung Dollys in dem zerfallenen Landhaus; Dolly und die Kinder; — viele Einzelheiten in bezug auf Frauenkleidung; ganz zu schweigen von gewissen Geheimnissen der Frauenseele, in die vielleicht selbst das Verständnis eines genialen Mannes nicht so tief hätte eindringen können, wenn eine Frau sie ihm nicht verraten hätte.
[94] (S. 55): Ein charakteristisches Zeichen dafür, daß das schöpferische Genie Tolstois Geist mit Beschlag belegt hat: sein Tagebuch bricht am 1. November 1865 auf dreizehn Jahre ab, zu dem Zeitpunkt, da er mitten in der Arbeit an „Krieg und Frieden” ist. Der Ehrgeiz des Dichters ließ den Monolog seines Gewissens verstummen. Diese Schaffensperiode ist zugleich eine Zeit des körperlichen Sichauslebens. Tolstoi ist versessen auf die Jagd. „Auf der Jagd vergesse ich alles...” (Brief aus dem Jahre 1864.) — Auf einem zu Pferde unternommenen Jagdausflug brach er sich den Arm (September 1864), und während seiner Genesung diktierte er die ersten Teile von „Krieg und Frieden.” — „Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, sagte ich mir: ‚Ich bin ein Künstler’. Ich bin es auch, aber ein einsamer Künstler.” (Brief an Fet, 23. Januar 1865.) Alle Briefe aus jener Zeit, die er an Fet schrieb, atmen Schöpferfreude. „Alles, was ich bis zu jenem Tage veröffentlicht habe, kommt mir wie ein Versuch vor.”
[95] (S. 55): Unter den Werken, die einen Einfluß auf ihn ausübten, gibt Tolstoi schon zwischen seinem 20. und 30. Lebensjahr folgende an:
„Goethe: Hermann und Dorothea... sehr großer Einfluß.”
„Homer: Ilias und Odyssee (in russisch)... sehr großer Einfluß.”
Im Juni 1863 schreibt er in sein Tagebuch: „Ich lese Goethe, und mancherlei Gedanken formen sich in mir.”
Im Frühjahr 1865 liest er aufs neue Goethe, und er nennt „Faust” die Dichtung des Gedankens, die Dichtung, die ausdrückt, was keine andere Kunst zum Ausdruck bringen kann. Später opferte er Goethe wie auch Shakespeare seinem Gotte auf. Aber seiner Bewunderung für Homer blieb er treu. Im August 1857 las er mit gleicher Ergriffenheit die Ilias und das Evangelium. Und in einem seiner letzten Bücher, der Schrift gegen Shakespeare (1903), stellt er Homer als Beispiel der Aufrichtigkeit, des Ebenmaßes und der wahren Kunst Shakespeare gegenüber.
[96] (S. 56): Tolstoi begann das Werk im Jahre 1863 mit den „Dekabristen”, wovon er drei Bruchstücke schrieb. Aber er kam zu der Überzeugung, daß das Fundament seines Gebäudes nicht fest genug begründet war, und indem er weiter zurückschürfte, gelangte er zur Epoche der Napoleonischen Kriege und schrieb „Krieg und Frieden”. Die Veröffentlichung nahm ihren Anfang im Januar 1865 im „Russki Viestnik”; der sechste Band wurde im Herbst 1869 beendet. Dann ging Tolstoi weiter in der Geschichte und entwarf den Plan zu einem epischen Roman über Peter den Großen und dann zu einem anderen, „Mirowitsch”, über die Herrschaft der Kaiserinnen des 18. Jahrhunderts und ihrer Günstlinge. Er arbeitete von 1870-1873 daran, vergrub sich in Dokumente und entwarf mehrere Szenen; aber bei der ihm eigenen Genauigkeit des Realisten hatte er das Gefühl, daß es ihm niemals gelingen würde, den Geist jener vergangenen Zeiten genügend wahrhaft getreu wiederaufleben zu lassen, und er verzichtete daher auf die Ausführung seines Planes. — Später, im Januar 1876, bewegte ihn der Gedanke an einen neuen Roman aus der Zeit Nikolaus I.; dann machte er sich wieder mit Leidenschaft im Jahre 1877 an die „Dekabristen”, sammelte Zeugnisse von den wenigen Überlebenden aus jener Zeit und suchte die in Betracht kommenden Orte auf. 1878 schrieb er an seine Tante, die Gräfin A. A. Tolstoi: „Dieses Werk ist für mich so wichtig! Sie können sich nicht denken, wie wichtig es für mich ist; so wichtig, wie es für Sie Ihr Glaube ist. Ich möchte sagen: noch wichtiger.” — Aber er entfernte sich davon in dem Maße, als er sich in den Gegenstand vertiefte: sein Denken gehörte ihm nicht mehr. Bereits am 17. April 1879 schrieb er an Fet: „Die Dekabristen? Gott weiß, wo sie sind!... Ich wiege mich in der Hoffnung, daß, wenn ich daran dachte, wenn ich schrieb, der Hauch meines Geistes allein schon denen unerträglich sein würde, die zum Wohl der Menschheit auf die Menschen schießen.” — Zu diesem Zeitpunkt seines Lebens hatte die religiöse Krisis eingesetzt: er ging daran, alle seine alten Götzen zu verbrennen.
[97] (S. 61): Peter Besukow, der Natascha geheiratet hat, wird ein Dekabrist sein. Er hat eine geheime Gesellschaft gegründet, um über das allgemeine Wohl zu wachen, eine Art Tugendbund. Natascha schließt sich schwärmerisch seinen Plänen an. Denissow will nichts von einer friedlichen Revolution wissen, sondern ist zu einem bewaffneten Aufstand bereit. Nikolaus Rostow hat sich seinen blinden Soldatengehorsam bewahrt. Er, der nach Austerlitz sagte: „Wir haben nur etwas zu tun: unsere Pflicht zu erfüllen, uns zu schlagen und niemals zu denken”, er ereifert sich gegen Peter und sagt: „Mein Eid vor allem! Wenn man mir beföhle, mit meiner Schwadron gegen dich zu marschieren, würde ich marschieren und losschlagen.” Seine Frau, Prinzessin Marie, billigt es. Der Sohn des Fürsten Andrej, der kleine Nikolaus Wolkonski, zart bis zur Krankhaftigkeit, aber reizend, mit großen Augen und goldenen Haaren, hört mit seinen fünfzehn Jahren fieberhaft dem Streit zu; seine ganze Liebe gehört Peter und Natascha; Nikolaus und Marie liebt er kaum; er hegt für seinen Vater, den er nie gesehen hat, eine wahre Verehrung; er träumt davon, ihm zu gleichen, groß zu sein und etwas Großes zu vollbringen, was? — das weiß er nicht... „Was Sie auch sagen, ich werde es tun... Ja ich werde es tun. Er selbst würde es gebilligt haben.” — Und das Werk endet mit dem Traum eines Kindes, das sich als einen plutarchischen Helden fühlt, zusammen mit seinem Onkel Peter, vom Ruhm umwittert und von einem Heer begleitet. — Wenn die „Dekabristen” damals geschrieben worden wären, dann hätte der kleine Wolkonski zweifellos darin die Rolle eines Helden gespielt.
[98] (S. 62): Ich habe gesagt, daß die beiden Familien Rostow und Wolkonski in „Krieg und Frieden” in vielen Zügen an Tolstois Familie väterlicherseits und mütterlicherseits erinnern. Auch in den Berichten aus dem Kaukasus und aus Sewastopol finden sich mehrere Figuren von Soldaten und Offizieren aus „Krieg und Frieden”.
[99] (S. 64): Brief vom 2. Februar 1868, den Birukow anführt.
[100] (S. 64): Vornehmlich, so sagte er, den Fürsten Andrej im ersten Teil.
[101] (S. 64): Es ist bedauerlich, daß die Schönheit der dichterischen Schöpfung manchmal durch philosophisches Gerede, mit dem Tolstoi sein Werk überlädt, beeinträchtigt wird, vor allem in den letzten Teilen. Er sucht seine Theorie vom Fatum der Geschichte zu entwickeln, und das Unglück ist, daß er endlos darauf zurückkommt und sich unentwegt wiederholt. Flaubert, der beim Lesen der beiden ersten Bände, welche er „göttlich” und „voll von Stellen im Shakespeareschen Geiste” nannte, „Bewunderungsrufe ausstieß”, warf den dritten Band gelangweilt in die Ecke: „Er fällt schrecklich ab. Er wiederholt sich, und er philosophiert. Man sieht den Herrn Grafen, den Verfasser und den Russen, während man bisher nur die Natur und die Menschheit gesehen hatte”. (Brief an Turgenjew, Januar 1880.)
[102] (S. 66): Brief an seine Frau (aus den Archiven der Gräfin Tolstoi), von Birukow angeführt.
[103] (S. 66): Während er im Sommer 1869 „Krieg und Frieden” beendet, entdeckt er Schopenhauer und begeistert sich daran: „Ich bin überzeugt, daß Schopenhauer der genialste der Menschen ist. Das ganze Weltall strahlt mit einer außergewöhnlichen Klarheit und Schönheit aus ihm.” (Brief an Fet, 30. August 1869.)
[104] (S. 67): „Homer und seine Übersetzer”, sagt er an anderer Stelle, „unterscheiden sich voneinander wie gekochtes und destilliertes Wasser von Quellwasser, das Felsen sprengt und selbst durch Sand seinen Lauf nimmt, dadurch aber nur immer reiner und frischer wird”. (Brief an Fet, Dezember 1879.)
[105] (S. 67): Unveröffentlichte Korrespondenz.
[106] (S. 67): Aus den Archiven der Gräfin Tolstoi.
[107] (S. 67): Der Roman wurde 1877 beendet. Er erschien — bis auf das Nachwort — im „Russki Viestniki”.
[108] (S. 67): Durch den Tod von dreien seiner Kinder (18. November 1873, Februar 1875, Ende November 1875), der Tante Tatjana, seiner Adoptivmutter, (20. Juni 1874) und der Tante Pelagie (22. Dezember 1875).
[109] (S. 68): Brief an Fet, 1. März 1876.
[110] (S. 68): „Die Frau bildet den Stein des Anstoßes in der Laufbahn eines Mannes. Es ist schwer, eine Frau zu lieben und etwas Gescheites zu tun; und das einzige Mittel, um nicht durch die Liebe zur Untätigkeit verurteilt zu sein, ist sich zu verheiraten.”
[111] (S. 70): Motto des Buches.
[112] (S. 71): Vergleiche auch im Nachwort den dem Krieg und dem Nationalismus, dem Panslawismus, ausgesprochen feindlichen Geist.
[113] (S. 73): Das Böse ist, was für die Welt vernünftig ist. Das Opfer, die Liebe, gilt als Unvernunft.
[114] (S. 75): „Jetzt treibe ich mich aufs neue an die langweilige und platte ‚Anna Karenina’ mit dem einzigen Wunsch, sie so rasch wie möglich loszuwerden...” (Briefe an Fet, 26. August 1875.) — „Ich muß den Roman, der mich langweilt, zu Ende bringen.” (Briefe an Fet, 1. März 1876.)
[115] (S. 75): „Beichte” (1879).
[116] (S. 75): Ich fasse hier mehrere Seiten aus der „Beichte” zusammen und behalte Tolstois Ausdrücke bei.
[117] (S. 76): Vgl. „Anna Karenina”: „Und Lewin, geliebt, glücklich, Familienvater, schaffte alle Waffen außer Greifweite, als fürchtete er, er könnte der Versuchung erliegen, seiner Qual ein Ende zu machen.” — Dieser Geisteszustand war Tolstoi und seinen Helden nicht allein eigentümlich. Es fiel Tolstoi auf, wie sehr die Zahl der Selbstmorde in den besseren Kreisen Europas und besonders in Rußland im Wachsen begriffen war. Er nimmt häufig in seinen Werken aus jener Zeit darauf Bezug. Man könnte behaupten, daß eine große Woge von Neurasthenie über das Europa von 1880 hingegangen sei, die Tausende von Menschen verschlungen habe. Die damals jung waren, bewahren sich die Erinnerung daran, und für sie hat Tolstois Stellungnahme zu jener menschlichen Krisis historischen Wert. Er hat die heimliche Tragödie einer Generation geschrieben.
[118] (S. 77): „Beichte.”
[119] (S. 77): Tolstois Bildnisse aus jener Zeit verraten diesen volkstümlichen Charakter. Ein Bild von Kramskoi (1873) — s. Titelbild dieses Buches — stellt ihn in der Muschikbluse dar, mit vorgeneigtem Kopf und dem Aussehen eines deutschen Christus. Das Haar beginnt sich an den Schläfen zu lichten, ein Bart umrahmt die hohlen Wangen. — Auf einem anderen Bild aus dem Jahre 1881 hat er das Aussehen eines Werkführers im Sonntagsstaat: die Haare kurz geschnitten, mit vollem Backenbart; der untere Teil des Gesichts erscheint viel breiter als der obere; gerunzelte Augenbrauen, ein mürrischer Augenausdruck, eine breite Hundenase und ungeheure Ohren.
[120] (S. 79): „Beichte.”
[121] (S. 79): Es war aber nicht das erstemal. Der junge Freiwillige im Kaukasus, der Offizier von Sewastopol, Olenin in den „Kosaken”, Fürst Andrej und Peter Besukow in „Krieg und Frieden” hatten ähnliche Erscheinungen gehabt. Aber Tolstoi war so von Leidenschaft erfaßt, daß er jedesmal, wenn er Gott entdeckte, glaubte, es sei das erstemal und es habe vorher nur Nacht und Nichts um ihn geherrscht. Er sah in seiner Vergangenheit nur Dunkel und Schande. Wir, die wir aus seinem Tagebuche die Geschichte seines Herzens besser kennen als er selbst, wissen, wie tief religiös dieses Herz immer, selbst in seinen Verirrungen, gewesen ist. Er gibt es übrigens an einer Stelle der Vorrede zur „Kritik der dogmatischen Theologie” zu, wo er sagt: „Gott! Gott! ich habe geirrt, ich habe die Wahrheit gesucht, auch wo es nicht nötig war. Ich wußte, daß ich irrte. Ich schmeichelte meinen bösen Leidenschaften, die ich als böse erkannt hatte, — aber ich vergaß dich nie. Ich habe dich immer gefühlt, selbst wenn ich mich verirrte.” — Die Krisis von 1878/79 war nur heftiger als die früheren, vielleicht unter dem Einfluß der wiederholten Trauerfälle und des herannahenden Alters. Und das einzig Neue an ihr lag darin, daß, während früher die Erscheinung Gottes sich verflüchtigte, ohne Spuren zu hinterlassen, sobald die Flamme der Verzückung erloschen war, sich nun Tolstoi, belehrt durch die frühere Erfahrung, beeilte, den „Weg zu gehen, solange das Licht leuchtete”, und ein ganzes Lebenssystem aus seinem Glauben abzuleiten. Auch das hatte er vielleicht schon einmal versucht (man erinnere sich an seine „Lebensregeln”, die er als Student aufgestellt hatte), aber mit seinen fünfzig Jahren lief er weniger Gefahr, sich durch die Leidenschaften von dem eingeschlagenen Weg abbringen zu lassen.
[122] (S. 79): Der Untertitel der „Beichte” lautet „Einführung in die Kritik der dogmatischen Theologie und die Prüfung der christlichen Doktrin”.
[123] (S. 80): „Ich, der ich Wahrheit und Liebe einander gleichstelle, war betroffen von der Tatsache, daß die Religion selbst zerstörte, was sie aufbauen wollte.” („Beichte”)
[124] (S. 80): „Und ich habe mich davon überzeugt, daß die Lehre der Kirche theoretisch eine arglistige und schädliche Lüge und praktisch eine Mischung aus schlimmstem Aberglauben und Zauberkünsten ist, worunter der Sinn der christlichen Lehre gänzlich verschwunden ist.” (Antwort an den Heiligen Synod vom 4.-17. April 1901.) — Siehe auch „Kirche und Staat” (1883). — Das schwerste Verbrechen, das Tolstoi der Kirche vorwirft, ist ihre „gottlose Allianz” mit der weltlichen Macht. Sie habe dadurch die Heiligkeit des Staates und die Heiligkeit der Gewalt bestätigt. Es sei ein Bündnis von Räubern und Lügnern.
[125] (S. 81): In dem Maße, als er älter wurde, verstärkte sich dieses Gefühl von der Einheit der religiösen Wahrheit im Verlauf der Geschichte der Menschheit und der Verwandtschaft Christi mit den anderen Weisen seit Buddha bis zu Kant und Emerson derart, daß Tolstoi sich in den letzten Lebensjahren dagegen verwahrte, „eine besondere Vorliebe für das Christentum” zu haben. In diesem Sinne ist von ganz besonderer Wichtigkeit ein Brief, den er zwischen dem 27. Juli und dem 9. August 1909 an den Maler Jan Styka schrieb. Seiner Gewohnheit gemäß neigt Tolstoi, wenn er von seiner neuen Überzeugung ganz erfüllt ist, dazu, etwas gar zu sehr seinen früheren Seelenzustand und den rein christlichen Ausgangspunkt seiner religiösen Krisis zu vergessen: „Die Lehre Christi”, schrieb er, „ist für mich nur eine der schönen religiösen Doktrinen, die wir aus dem ägyptischen, jüdischen, indischen, chinesischen, griechischen Altertum übernommen haben. Die beiden großen Prinzipien Jesu: die Liebe Gottes, d. h. die absolute Vollendung, und die Liebe zum Nächsten, d. h. zu allen Menschen ohne irgendeine Ausnahme, sind von allen Weisen der Welt gepredigt worden: von Krischna, Buddha, Lao Tse, Konfuzius, Sokrates, Plato, Epiktet, Mark Aurel, und unter den modernen: von Rousseau, Pascal, Kant, Emerson, Channing und vielen anderen. Die religiöse und moralische Wahrheit ist überall und immer die gleiche... Ich habe keinerlei Vorliebe für das Christentum. Wenn ich besonderes Interesse für die Lehre Christi gezeigt habe, so kommt dies daher: 1. weil ich unter Christen geboren bin und unter Christen gelebt habe; 2. weil ich es als einen großen Seelengenuß empfand, die reine Lehre von den überraschenden Fälschungen, wie sie die Kirche vornimmt, zu trennen.”
[126] (S. 82): Tolstoi verwahrt sich dagegen, die wahre Wissenschaft anzugreifen, die bescheiden sei und ihre Grenzen kenne. („Das Leben”, Kapitel IV.)
[127] (S. 82): „Das Leben”, Kapitel X.
[128] (S. 82): Tolstoi las häufig und immer wieder die „Gedanken” von Pascal in der kritischen Zeit, die der „Beichte” voranging. Er spricht von ihnen in seinen Briefen an Fet (14. April 1877 und 3. August 1879) und empfiehlt sie seinem Freunde zur Lektüre.
[129] (S. 83): In einem Brief über die Vernunft, den er am 6. November 1894 an die Baronin X... schrieb, sagt Tolstoi ähnlich: „Der Mensch hat von Gott selbst nur ein einziges Werkzeug erhalten, um sich selbst zu erkennen und mit der Welt zu verständigen; es gibt kein anderes. Dieses Werkzeug ist die Vernunft. Die Vernunft kommt von Gott. Sie ist nicht nur die höchste Eigenschaft des Menschen, sondern das einzige Werkzeug zur Erkenntnis der Wahrheit.”
[130] (S. 83): „Das Leben”, Kapitel X, XIV-XXI.
[131] (S. 85): „Das Leben”, Kap. XXII-XXV. — Wie bei den meisten dieser Zitate fasse ich mehrere Kapitel in einige charakteristische Sätze zusammen.
[132] (S. 85): Ich behalte mir für später vor, wenn Tolstois Werk erst einmal lückenlos veröffentlicht sein wird, diesen religiösen Gedanken in seinen verschiedenen Schattierungen zu studieren, denn dieser hat in bezug auf verschiedene Fragen sich sicherlich mehrfach gewandelt, hauptsächlich in bezug auf die Vorstellung vom künftigen Leben.
[133] (S. 87): „Ich hatte bis dahin mein ganzes Leben außerhalb der Stadt zugebracht...” („Was sollen wir denn tun?”)
[134] (S. 87): „Was sollen wir denn tun?”
[135] (S. 87): Tolstoi hat manchesmal seiner Abneigung Ausdruck gegeben gegen „die Asketen, die für sich selbst handeln, ohne Rücksicht auf ihresgleichen”. Er wirft sie in den nämlichen Topf wie die unwissenden und hoffärtigen Revolutionäre, „die behaupten, den anderen Gutes zu erweisen, ohne zu wissen, was ihnen selber not tut... Ich liebe”, sagte er, „die Menschen dieser beiden Kategorien mit derselben Liebe, aber ich hasse auch ihre Lehren mit demselben Haß. Die einzig wahre Lehre ist die, die eine dauernde Tätigkeit fordert, ein Leben, das den Regungen des Herzens folgt und sich bemüht, andere glücklich zu machen. Das ist die christliche Lehre. Sie ist gleich weit entfernt vom religiösen Quietismus wie von dem anmaßenden Hochmut der Revolutionäre, die die Welt umzugestalten trachten, ohne zu wissen, worin das wahre Glück beruht.” (Brief an einen Freund.)
[136] (S. 88): Ein Daguerreotyp aus dem Jahre 1885.
[137] (S. 89): „Was sollen wir denn tun?”
[138] (S. 89): Dieser ganze erste Teil (die ersten fünfzehn Kapitel), der von Gestalten nur so wimmelt, wurde von der russischen Zensur unterdrückt. Das Werk ist in seiner ganzen Vollständigkeit erst achtzehn Jahre nachdem es geschrieben war in den von Tschertkow besorgten Ausgaben erschienen.
[139] (S. 89): „Die wahre Ursache des Elends sind die Reichtümer, die sich in den Händen einzelner befinden, die nichts schaffen, und die in den großen Städten angehäuft sind. Die Reichen finden sich in den großen Städten zusammen, um in Sicherheit zu genießen. Und den Armen zieht es nach der Stadt, weil er hofft, sich von den Brosamen nähren zu können, die von des Reichen Tische fallen. Ihn lockt der leichte Gewinn: Handel, Bettelei, Ausschweifungen, Betrügereien.”
[140] (S. 90): „Der Angelpunkt des Übels ist der Besitz. Der Besitz ist nur das Mittel, um aus der Arbeit der anderen Genuß zu ziehen.” — „Das Eigentum”, sagt Tolstoi an anderer Stelle, „ist das, was uns nicht gehört, die andern sind es. Der Mensch nennt seine Frau, seine Kinder, seine Sklaven und mancherlei Gegenstände sein eigen; aber die Wirklichkeit zeigt ihm seinen Irrtum; und er muß darauf verzichten oder leiden und andere leiden machen.” — Tolstoi ahnt schon die russische Revolution voraus: „Seit drei oder vier Jahren”, sagt er, „beschimpft man uns in den Straßen und nennt uns Faulenzer. Der Haß und die Verachtung des geknechteten Volkes nehmen immer mehr zu.” („Was sollen wir denn tun?”)
[141] (S. 90): Der Bauernrevolutionär Bondarew hätte am liebsten gewollt, daß dieses Gesetz als ein allgemeiner Zwang anerkannt würde. Tolstoi duldete damals seinen Einfluß, wie auch den eines anderen Bauern namens Sutajew, nicht ungern. „Während meines ganzen Lebens haben zwei russische Denker eine große moralische Wirkung auf mich geübt, haben mein Denken bereichert und meine eigene Stellung zur Welt geklärt, es waren die beiden Bauern Sutajew und Bondarew” („Was sollen wir denn tun?”). In dem nämlichen Buch entwirft Tolstoi ein Bild von Sutajew und führt eine Unterhaltung mit ihm an.
[142] (S. 91): „Alkohol und Tabak”.
[143] (S. 91): „Grausame Vergnügungen”, 1895 („Die Fleischesser”; „Der Krieg”; „Die Jagd”).
[144] (S. 91): Es ist bemerkenswert, daß es Tolstoi solche Mühe kostete, sie zu opfern. Die Jagd war bei ihm eine atavistische Leidenschaft, die ihm von seinem Vater überkommen war. Er war nicht sentimental und scheint niemals ein besonderes Mitleid mit den Tieren aufgebracht zu haben. Seine durchdringenden Augen haben kaum auf den zuweilen so sprechenden Augen unserer bescheidenen Brüder geruht; — mit Ausnahme von denen des Pferdes, für das er als Edelmann eine besondere Vorliebe hatte. Im übrigen scheint alles, was er sieht, sich vor seinen Augen in drei voneinander verschiedene Stufen zu gruppieren. 1. die vernunftbegabten Wesen; 2. die Tiere und die Pflanzen; 3. die leblose Materie.” („Das Leben”, Kap. XIII.) — Er war nicht frei von angeborener Grausamkeit. Als er vom langsamen Tod eines Wolfes erzählte, den er durch einen Schlag mit einem schweren Knüppel auf die Nasenwurzel getötet hatte, sagte er: „Ich empfand ein wahrhaftes Wonnegefühl bei dem Gedanken an die Leiden des verendenden Tieres”. Sein Gewissen regte sich später ob solchem Empfinden.
[145] (S. 92): Sommer 1878.
[146] (S. 92): 18. November 1878.
[147] (S. 93): November 1879.
[148] (S. 93): 8. Oktober 1881.
[149] (S. 93): 14. Oktober 1881.
[150] (S. 94): 3. März 1882.
[151] (S. 94): 23. Oktober 1884.
[152] (S. 95): „Das sogenannte Frauenrecht ist nichts anderes als der Wunsch, an der angeblichen Arbeit der reichen Klassen teilzunehmen, um aus der Arbeit der anderen Genuß zu ziehen und ein Leben zur Befriedigung der Sinnlichkeit zu führen. Niemals begehrt die Frau eines ernsthaften Arbeiters das Recht, an der Arbeit ihres Mannes in den Minen oder auf den Feldern teilzuhaben”.”
[153] (S. 96): So lauten die letzten Zeilen von „Was sollen wir denn tun?”. Sie sind vom 14. Februar 1886 datiert.
[154] (S. 97): Brief an einen Freund, veröffentlicht unter dem Titel „Glaubensbekenntnis” in dem Band „Grausame Vergnügungen”.
[155] (S. 97): Die Versöhnung fand im Frühjahr 1878 statt. Tolstoi schrieb an Turgenjew, um ihn um Entschuldigung zu bitten. Turgenjew kam im August 1878 nach Jasnaja Poljana. Tolstoi erwiderte seinen Besuch im Juli 1881. Jedermann war erstaunt über seine veränderte Haltung, seine Sanftmut, seine Bescheidenheit. Er war „wie neugeboren”.
[156] (S. 97): Brief an Polonski.
[157] (S. 98): An seine Tante, die Gräfin A. A. Tolstoi, schrieb er im Jahre 1883: „Jeder muß sein Kreuz tragen... Das meine ist die schlechte eitle Gedankenarbeit, voll von Versuchung”.
[158] (S. 102): „Was sollen wir denn tun?”.
[159] (S. 103): „Schließlich sollte er soweit kommen, daß er dem Kummer und Leid das Wort redete, — nicht nur dem eigenen, sondern auch dem der anderen.”
[160] (S. 104): 23. Februar 1868. — In dieser Hinsicht mißfiel ihm die „melancholische und unverdauliche” Kunst Turgenjews.
[161] (S. 104): Dieser Brief vom 4. Oktober 1887 erschien zuerst in den „Cahiers de la Quinzaine”, im Jahre 1902 — „Was ist Kunst?” erschien 1897-98; aber Tolstoi dachte schon seit 15 Jahren, also seit 1882, daran.
[162] (S. 107): Auf diesen Punkt werde ich anläßlich der „Kreutzersonate” zurückkommen.
[163] (S. 107): Seine Unduldsamkeit hatte sich seit 1886 gesteigert. In „Was sollen wir denn tun?” wagte er noch nicht an Beethoven zu rühren (auch noch nicht an Shakespeare). Ja mehr noch, er warf den zeitgenössischen Künstlern sogar vor, daß sie es wagten, sich auf jene zu berufen. „Das Schaffen eines Galilei, eines Shakespeare, eines Beethoven hat nichts gemein mit dem Schaffen eines Tyndall, eines Victor Hugo, eines Wagner. Geradeso wie die Heiligen Väter jede Verwandtschaft mit den Päpsten ablehnen würden.” („Was sollen wir denn tun?”)
[164] (S. 107): Er wollte sogar vor dem Schluß des ersten Aktes aufbrechen. „Für mich war die Frage gelöst. Ich hatte keinen Zweifel mehr. Von einem Autor, der fähig war, Szenen wie diese auszudenken, war nichts mehr zu erwarten. Man konnte von vornherein sicher sein, daß er niemals etwas schreiben würde, das nicht schlecht wäre.”
[165] (S. 107): Es ist bekannt, daß er, um eine Anthologie von französischen Dichtern der neueren Schule zusammenzustellen, den wunderbaren Gedanken hatte, „aus jedem Band ein Gedicht herauszuschreiben, das auf Seite 28 stand”!
[166] (S. 107): „Shakespeare”, 1903. Das Werk wurde anläßlich eines Artikels von Ernst Crosby über „Shakespeare und die Arbeiterklasse” geschrieben.
[167] (S. 109): „Es war eines jener Vorkommnisse, wie sie sich häufig ereignen, die niemandes Aufmerksamkeit auf sich lenken und nicht nur die Welt, sondern sogar die militärische Welt Frankreichs unberührt lassen.” — Und an anderer Stelle: „Es bedurfte einiger Jahre, bevor die Menschen aus ihrer Hypnose erwachten und begriffen, daß sie überhaupt nicht wissen konnten, ob Dreyfus schuldig war oder nicht, und daß jedermann andere wichtigere und unmittelbarere Interessen hatte, als die Dreyfus-Affäre.” („Shakespeare”)
[168] (S. 109): „‚König Lear’ ist ein sehr schlechtes, sehr nachlässig gemachtes Drama, das nur Ekel und Langeweile auslösen kann.” — „Othello”, wofür Tolstoi einige Sympathie zeigt (zweifellos weil dieses Werk mit seinen damaligen Anschauungen über Ehe und Eifersucht übereinstimmte), „ist, obwohl es das wenigst schlechte Drama von Shakespeare ist, nur eine Anhäufung von hochtrabenden Worten”. Die Figur des ‚Hamlet’ hat keinen Charakter; „sie ist das Sprachrohr des Verfassers, das seine Gedanken der Reihe nach wiederholt.” „Sturm”, „Cymbeline”, „Troïlus” und andere erwähnt Tolstoi nur wegen ihrer „Albernheit”. Die einzige Figur Shakespeares, die er natürlich findet, ist der Falstaff, „eben deshalb, weil hier die mit rohen Scherzen und albernen Kalauern angefüllte Sprache Shakespeares zu dem falschen, eitlen und ausschweifenden Charakter dieses widerlichen Trunkenboldes so gut paßt”. — Aber nicht immer hatte Tolstoi so gedacht. In den Jahren 1860 bis 1870, hauptsächlich zu der Zeit, da er sich mit dem Plan trug, ein historisches Drama über Peter I. zu schreiben, hatte er Shakespeare mit Vergnügen gelesen. Aus seinen Aufzeichnungen aus dem Jahre 1869 ist sogar ersichtlich, daß er sich den „Hamlet” zum Vorbild nahm.
[169] (S. 111): Er nimmt in bezug auf die Verurteilung der modernen Kunst seine eigenen Theaterstücke nicht aus, „die nach seiner Ansicht der religiösen Durchdringung entbehren, die die Grundlage des Dramas der Zukunft bilden müsse”.
[170] (S. 115): 1873 schrieb Tolstoi: „Denkt was ihr wollt, aber denkt es auf eine Weise, daß jedes Wort allen verständlich sei. In einer völlig klaren und einfachen Sprache kann man nichts Schlechtes schreiben. Wenn Unmoralisches klar ausgedrückt ist, erscheint es so falsch, daß man es ganz bestimmt wieder ausstreichen wird. Wenn ein Schriftsteller sich ernsthaft ans Volk wenden will, muß er sich nur bemühen, verständlich zu sein. Wenn der Leser vor keinem Worte stutzt, ist das Werk gut. Wenn er nicht erzählen kann, was er gelesen hat, taugt das Werk nichts.”
[171] (S. 115): Dieses Ideal brüderlicher Vereinigung unter den Menschen bedeutet für Tolstoi keineswegs das Ziel der menschlichen Tätigkeiten; seine unersättliche Seele läßt ihn ein unbekanntes Ideal jenseits der Liebe aufstellen: „Vielleicht wird die Wissenschaft eines Tages der Kunst ein noch höheres Ideal weisen, und die Kunst wird es verwirklichen.”
[172] (S. 116): Etwa in dieser Zeit wurde auch ein Werk beendigt und veröffentlicht, das in der Hauptsache in glücklicheren Tagen, während seiner Verlobungszeit und der ersten Ehejahre, geschrieben war: die schöne Geschichte eines Pferdes, „Kolstomir” (1861 bis 1886). Tolstoi spricht darüber in seinem Brief an Fet, 1863. — Die Kunst des Beginns, mit ihren feinen Landschaftsschilderungen, ihrer scharfen Psychologie, ihrem Humor und ihrer Jugendfrische ist den Werken der Reifezeit („Eheglück”, „Krieg und Frieden”) verwandt. Das unheimliche Ende, die letzten Seiten, wo der Kadaver des alten Pferdes und der Leichnam seines Herrn miteinander verglichen werden, sind von einem krassen Realismus, der an die Jahre nach 1880 erinnert.
[173] (S. 117): „Kreutzersonate”, „Macht der Finsternis”.
[174] (S. 118): „In Ihrem Stil”, sagte ihm sein Freund Drujinin im Jahre 1856, „sind Sie äußerst ungleich, manchmal wie ein Bahnbrecher und großer Dichter, manchmal wie ein Offizier, der an seinen Kameraden schreibt. Was Sie mit Liebe schreiben, ist wundervoll; sobald Sie aber gleichgültig sind, verwirrt sich Ihr Stil und wird fürchterlich.”
[175] (S. 119): Im Sommer 1879 kam Tolstoi in sehr nahe Berührung mit den Bauern; Strakow erzählt, daß er außer der Religion „sich sehr für die Sprache interessierte. Er fing an, die Schönheit der Volkssprache tief zu empfinden. Jeden Tag entdeckte er neue Worte, und jeden Tag mißhandelte er die literarische Sprache mehr”.
[176] (S. 119): In den Notizen, die er sich in den Jahren 1860 bis 1870 während des Lesens machte, schrieb Tolstoi: „Die Bylinen... sehr großer Eindruck.”
[177] (S. 119): „Die beiden Alten” (1885).
[178] (S. 120): „Wo Liebe ist, da ist Gott” (1885).
[179] (S. 120): „Wovon die Menschen leben” (1881) — „Die drei Greise” (1884).
[180] (S. 120): „Wieviel Erde braucht der Mensch?” (1886)
[181] (S. 121): Er ist erst ziemlich spät auf den Geschmack des Dramas gekommen. Im Winter 1869 auf 70 machte er diese Entdeckung, und nach seiner Gewohnheit begeisterte er sich sofort dafür: „Diesen ganzen Winter über habe ich mich ausschließlich mit dem Drama beschäftigt; den Menschen, die bis zu ihrem vierzigsten Jahre über ein bestimmtes Thema nicht nachgedacht haben, geht es immer so, daß sie plötzlich diesem vernachlässigten Gegenstand ihre ganze Aufmerksamkeit zuwenden, und es scheint ihnen dann, daß sie sehr viel Neues darin erblicken... Ich habe Shakespeare, Goethe, Puschkin, Gogol und Molière gelesen... Ich möchte Sophokles und Euripides lesen... Ich war krank und habe lange das Bett gehütet, und in solchem Zustand beginnen die dramatischen oder komischen Personen sich in meinem Innern wie unsinnig zu gebärden. Und sie machen ihre Sache sehr gut...” (Briefe an Fet, 17. bis 21. Februar 1870.)
[182] (S. 122): In einer anderen Fassung des 4. Aktes.
[183] (S. 124): Es wäre eine falsche Annahme, zu glauben, für Tolstoi sei es eine Qual gewesen, dieses beängstigende Drama zu schreiben. Er schrieb an Teneromo: „Ich lebe gesund und fröhlich. Ich habe die ganze Zeit an meinem Drama („Die Macht der Finsternis”) gearbeitet. Ich bin fertig damit.” (Januar 1887)
[184] (S. 128): Man beachte wohl, daß Tolstoi niemals die Naivität hatte, zu glauben, das Ideal des Zölibats und der völligen Keuschheit sei für die heutige Menschheit zu verwirklichen. Seine Ansicht geht dahin, daß ein solches Ideal zwar nicht zu verwirklichen sei, aber einen Appell an die heldenhaften Seelenkräfte darstelle.
[185] (S. 129): Am Schluß von „Der Herr und sein Knecht”.
[186] (S. 129): „Krieg und Frieden”. — Ich spreche nicht von der Novelle „Albert” (1857), der Geschichte eines genialen Musikers. Diese Novelle ist sehr schwach.
[187] (S. 129): Vergleiche in „Jugendjahre” den humorvollen Bericht von der Mühe, die er sich gab, um Klavierspielen zu lernen. — „Das Klavierspiel war für mich ein Mittel, die jungen Damen durch meine Sentimentalität zu bezaubern.”
[188] (S. 130): Es handelt sich um die Jahre 1876-77.
[189] (S. 130): S. A. Bers, „Erinnerungen an Tolstoi”.
[190] (S. 131): Aber niemals hörte er auf sie zu lieben. Während seiner letzten Lebenstage gehörte ein Musiker namens Goldenweiser, der den Sommer 1910 in der Nähe von Jasnaja verbrachte, zu seinen Freunden. Während Tolstois letzter Krankheit kam er fast täglich, ihm etwas vorzuspielen. („Journal des Débats” vom 18. November 1910.)
[191] (S. 131): Brief vom 21. April 1861.
[192] (S. 131): Camille Bellaigue, „Tolstoi et la musique” („Gaulois” vom 4. Januar 1911).
[193] (S. 132): Man darf nicht glauben, daß es sich nur um die letzten Werke Beethovens handelt. Selbst denen aus der Frühzeit wirft Tolstoi „ihre gekünstelte Form” vor. — In einem Brief an Tschaikowsky stellt er gleichfalls der gekünstelten Art Beethovens, Schumanns und Berlioz', die die Wirkung berechnen, die wahre Künstlerschaft eines Mozart und Haydn gegenüber.
[194] (S. 132): Vergleiche die Szene, die Paul Boyer im „Temps” vom 2. November 1902 erzählt: „Tolstoi läßt sich Chopin vorspielen. Am Schluß der vierten Ballade füllen sich seine Augen mit Tränen. — ‚Ah! l'animal!’ ruft er aus, erhebt sich unvermittelt und verläßt das Zimmer.”
[195] (S. 135): „Der Herr und sein Knecht” ist eine Art Übergang von den düsteren Romanen, die vorausgehen, zu der „Auferstehung”, worin sich das Licht göttlicher Barmherzigkeit ausbreitet. Aber man spürt darin noch mehr die Nachbarschaft mit dem „Tod des Iwan Iljitsch” und den „Volkserzählungen”, als mit der „Auferstehung”, wo sich nur gegen das Ende zu die wunderbare Verwandlung eines selbstsüchtigen und feigen Menschen ankündigt. Den größten Teil der Geschichte bildet die äußerst realistische Schilderung eines ungütigen Herrn und eines ergebenen Dieners, die nachts in der Steppe von einem Schneesturm überrascht werden und den Weg verlieren. Der Herr, der zuerst unter Zurücklassung seines Genossen zu fliehen versucht, kehrt zurück und findet seinen Diener halb erfroren; er wirft sich über ihn, bedeckt ihn mit seinem Körper, erwärmt ihn wieder, indem er sich instinktiv aufopfert; er weiß nicht warum; aber seine Augen füllen sich mit Tränen: es ist ihm, als ob er der sei, den er retten will, der Diener Nikita, und daß sein Leben nicht mehr in ihm selbst ist, sondern in Nikita. — „Nikita lebt; also bin ich noch am Leben.” — Er hat fast vergessen, daß er selbst Wassili gewesen ist. Er denkt: „Wassili wußte nicht, was zu tun war. Aber ich — ich weiß es!” Und er hört die Stimme dessen, auf den er wartete (hier erinnert sein Traum an eine der „Volkserzählungen”), dessen, der ihm gerade befohlen hatte, sich auf Nikita zu betten. „Herr ich komme”, ruft er voller Freude, und er fühlt, daß er frei ist, daß nichts ihn mehr zurückhält... Er ist tot.
[196] (S. 135): Tolstoi hatte einen vierten Teil vorgesehen, der aber ungeschrieben blieb.
[197] (S. 137): Im Gegensatz hierzu war er mit allen Milieus, die er in „Krieg und Frieden”, „Anna Karenina”, den „Kosaken” und „Sewastopol” beschreibt, aufs Beste vertraut: den Salons der Adelsgesellschaft, dem Heer, dem Landleben. Er brauchte nur auf seine Erinnerungen zurückzugreifen.
[198] (S. 139): Tolstoi hat vielleicht an seinen Bruder Dmitri gedacht, der auch eine Maslowa geheiratet hatte. Aber Dmitris heftiges und unausgeglichenes Temperament unterschied sich wesentlich von dem Nekludows.
[199] (S. 140): „Mehrere Male in seinem Leben hatte Tolstoi eine ‚Gewissensreinigung’ vorgenommen. So nannte er die moralischen Krisen, in denen er sich entschloß, den Schmutz, der seine Seele trübte, auszufegen. Nach Überwindung solcher Krisen unterließ er es nie, sich Vorschriften aufzuerlegen, die immer zu befolgen er sich schwor. Er führte ein Tagebuch und begann ein neues Leben. Aber jedes Mal verfiel er wieder in dieselben Fehler, oder in noch schlimmere, als vor solch einer Krise.”
[200] (S. 140): Als Nekludow erfährt, daß die Maslowa sich mit einem Krankenwärter vergangen hat, ist er noch fester als je entschlossen, „seine Freiheit zu opfern, um die Sünde dieser Frau zu sühnen”.
[201] (S. 141): Tolstoi hat niemals eine Figur mit so festen und sicheren Strichen gezeichnet, wie die des Nekludow im ersten Romanteil. Man lese die wundervolle Beschreibung von Nekludows Aufstehen und dem Vormittag vor der ersten Sitzung im Justizpalast.
[202] (S. 142): Brief der Gräfin Tolstoi aus dem Jahre 1884.
[203] (S. 143): Tolstoi hielt es für eines seiner Hauptwerke: „Eines meiner Bücher — „Für alle Tage” —, dem eine große Wichtigkeit beizumessen, ich selbstbewußt genug bin...” (Brief an Jan Styka, 27. Juli - 9. August 1909.)
[204] (S. 143): Das Hauptwerk der Hinterlassenschaft ist Tolstois Tagebuch, das die Aufzeichnungen eines Zeitraums von mehr als vierzig Jahren umfaßt.
[205] (S. 144): Tolstois Exkommunikation durch den Heiligen Synod erfolgte am 22. Februar 1901. Sie war durch ein Kapitel der „Auferstehung”, das sich mit der Messe und dem Abendmahl befaßt, veranlaßt.
[206] (S. 145): Über die Nationalisierung des Bodens (siehe „Das große Verbrechen”, 1905).
[207] (S. 146): „Reiner Moskowiter des alten Rußlands,” sagt Leroy-Beaulieu, „Großrusse slawischen Blutes, durch finnischen Einschlag beeinträchtigt, ist er äußerlich mehr Volkstypus als Adelstypus”. („Revue des Deux Mondes” vom 15. Dezember 1910.)
[208] (S. 146): 1857.
[209] (S. 146): 1862.
[210] (S. 148): „Das Ende einer Welt” (1905 bis Januar 1906). — Vgl. das Telegramm, das Tolstoi an ein amerikanisches Blatt richtete: „Die Agitation der Semstwos verfolgt den Zweck, die Macht des Despotismus einzuschränken und eine parlamentarische Regierung einzusetzen. Ob ihnen das gelingt oder nicht, das Ergebnis wird sicher eine Verzögerung der wirklichen sozialen Verbesserung sein. Die politische Agitation hält — indem sie die unheilvolle Illusion dieser Verbesserung durch äußere Mittel gibt — den wahren Fortschritt auf, wie man dies in allen konstitutionellen Staaten feststellen kann: in Frankreich, England, Amerika.” — In einem langen und interessanten Brief an eine Dame, die ihn ersucht hatte, einer Vereinigung zur Hebung der Lese- und Schreibkenntnisse des Volkes beizutreten, bringt Tolstoi noch andere Klagen gegen die Liberalen zum Ausdruck: Sie haben immer die Rolle der Hereingefallenen gespielt. Sie machen sich aus Furcht zu Mitschuldigen der Autokratie; ihre Teilnahme an der Regierung gibt dieser ein moralisches Ansehen und gewöhnt die Liberalen an Kompromisse, die sie rasch zu Werkzeugen der Gewalt machen. Alexander II. sagte, alle Liberalen seien, wenn nicht für Geld, so doch für Ehren käuflich. Alexander III. hat das liberale Werk seines Vaters ohne Gefahr vernichten können: „Die Liberalen tuschelten unter sich, daß ihnen das nicht gefalle, aber sie nahmen weiter teil an den Arbeiten im Staats- und Gerichtsdienst und in der Presse; in der Presse machten sie Anspielungen auf Dinge, auf die Anspielungen erlaubt waren, aber sie schwiegen zu solchen, über die zu sprechen verboten war, und sie traten für alles ein, wofür einzutreten ihnen befohlen wurde.” Unter Nikolaus II. machen sie es gerade so. „Protestieren die Liberalen vielleicht, wenn dieser junge Mann, der nichts weiß und von nichts etwas versteht, mit Frechheit und Mangel an Takt den Volksvertretern antwortet? Keineswegs... Überall sucht man sich auf feige Weise durch Glückwunschsendungen bei dem jungen Zaren einzuschmeicheln.”
[211] (S. 149): „Krieg und Revolution.” — In der „Auferstehung” ist bei dem Revisionsverfahren im Prozeß gegen die Maslowa unter den Senatsmitgliedern ein materialistischer Darwinist der größte Gegner der Revision, weil er im tiefsten Innern empört darüber ist, daß Nekludow aus Pflichtgefühl eine Prostituierte heiraten will: jede Kundgebung des Pflichtgefühls und mehr noch des religiösen Empfindens wirkt auf ihn wie eine persönliche Beleidigung.
[212] (S. 149): Vgl. einige Figuren von Revolutionären: in der „Auferstehung” Nowodworow, der revolutionäre Lügner, dessen große Intelligenz durch seine unerhörte Eitelkeit und Selbstsucht ganz aufgewogen wird. Keinerlei Phantasie; „völliges Fehlen moralischer und ethischer Eigenschaften, die Zweifel aufkommen lassen könnten.” — Dann, ihm stets auf den Fersen, wie sein Schatten, Markel, der infolge von Demütigungen und aus dem Wunsch nach Rache zum Revolutionär gewordene Arbeiter, ein leidenschaftlicher Verehrer der Wissenschaft, die er nicht zu verstehen vermag, ein Asket von fanatischer Kirchenfeindlichkeit. — Auch in dem Buche „Noch drei Tode” finden sich einige Vertreter der neuen revolutionären Generation: Roman und seine Freunde, die die Terroristen alten Schlages verachten und auf wissenschaftliche Weise zu ihrem Ziel zu gelangen trachten, indem sie ein Agrikulturvolk in ein Industrievolk verwandeln möchten.
[213] (S. 150): Brief an den Japaner Izo-Abe, Ende 1904.
[214] (S. 150): Unterhaltungen mit Teneromo.
[215] (S. 150): Unterhaltungen mit Teneromo.
[216] (S. 151): Unterhaltung mit Paul Boyer („Le Temps” vom 4. November 1902).
[217] (S. 151): „Das Ende einer Welt.”
[218] (S. 152): „Die grausamste aller Sklavereien ist, der Erde beraubt zu sein; denn der Sklave eines Herrn ist der Sklave eines Einzelnen; aber der Mensch, der seines Rechts auf die Erde beraubt ist, ist der Sklave Aller.” („Das große Verbrechen.”)
[219] (S. 152): Rußland war tatsächlich in einer besonderen Lage; und wenn es auch verkehrt von Tolstoi gewesen ist, daraus Schlüsse auf sämtliche europäischen Staaten zu ziehen, so darf man sich doch nicht wundern, daß ihn die Leiden, die er in seiner Umgebung sah, besonders empfindlich berührten. — Man lese im „großen Verbrechen” die Unterhaltungen, die er auf der Landstraße nach Tula mit den Bauern führt, denen allen das Brot fehlt, weil es ihnen an Erde mangelt, und die alle im tiefsten Innern darauf warten, daß ihnen die Erde zurückgegeben werde. Die Landbevölkerung macht in Rußland 80 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Über hundert Millionen Menschen, sagt Tolstoi, sterben vor Hunger, weil die Grundeigentümer den Boden einziehen. Wenn man ihnen, als Mittel zur Heilung ihres Übels, von der Preßfreiheit, von der Trennung von Staat und Kirche, von der Volksvertretung und selbst vom Achtstundentag spricht, macht man sich in der frechsten Weise über sie lustig: „Das Verhalten derer, die so tun, als ob sie überall nach Mitteln suchen, um die Lage der Volksmassen zu verbessern, ist gerade so, wie wenn im Theater alle Zuschauer den Schauspieler, der sich versteckt hält, deutlich sehen, während seine Mitspieler, die ihn auch sehr wohl sehen, so tun, als ob sie ihn nicht sähen, und sich die größte Mühen geben, ihre Aufmerksamkeit gegenseitig von ihm abzulenken.” — Es gibt kein anderes Mittel, als die Erde dem Volke, das arbeitet, zurückzugeben. Und zur Lösung dieser Grundfrage beruft sich Tolstoi auf die Lehre Henry Georges und seinen Plan, nur eine einzige Steuer, eine Steuer auf den Grundwert, zu erheben. Dies ist sein ökonomisches Evangelium, auf das er unentwegt zurückgreift und das er sich so zu eigen macht, daß er häufig in seinen eigenen Werken ganze Sätze von Henry George gebraucht.
[220] (S. 153): „Das Gesetz vom ‚dem Bösen Nichtwiderstreben’ ist das Fundament für die Kuppel des Gebäudes. Das Gesetz von der gegenseitigen Hilfe zugeben unter Verkennung der Vorschrift des Nichtwiderstrebens, hieße die Kuppel erbauen, ohne sie von Grund auf zu fundamentieren.” („Das Ende einer Welt.”)
[221] (S. 153): In einem Brief, den Tolstoi im Jahre 1900 an einen Freund schrieb, beklagt er sich, daß seiner Grundlehre vom Nichtwiderstreben eine falsche Auslegung gegeben werde. „Man verwechselt”, sagt er, „das Wort ‚Widersetze dich nicht dem Bösen durch Böses’... mit ‚Widersetze dich nicht dem Bösen’, d. h. mit ‚Sei gleichgültig dem Bösen gegenüber’... Während der Kampf gegen das Böse das einzige Ziel des Christentums ist, und das Gebot vom ‚dem Bösen Nichtwiderstreben’ als das wirksamste Kampfmittel gegeben ist.”
[222] (S. 154): „Das Ende einer Welt.”
[223] (S. 154): Tolstoi hat zwei Typen solcher Sektierer gezeichnet: den einen am Schluß der „Auferstehung”, — den andern in „Noch drei Tode”.
[224] (S. 155): Nachdem Tolstoi die Agitation der Semstwos verurteilt hatte, machte sich Gorki zum Dolmetscher seiner Freunde und schrieb: „Dieser Mann ist zum Sklaven seiner Idee geworden. Seit langem hält er sich abseits vom russischen Leben und hört nicht mehr auf die Stimme des Volkes. Er schwebt zu hoch über Rußland.”
[225] (S. 155): Es war ihm ein brennender Schmerz, daß er es nicht fertig brachte, verfolgt zu werden. Es gelüstete ihn geradezu nach dem Märtyrertum, aber die Regierung war klug genug und hütete sich, dieses Gelüst zu befriedigen. — „Rings um mich verfolgt man meine Freunde, aber mich läßt man ungeschoren; und wenn irgend jemand gefährlich ist, dann bin ich es doch sicher. Vermutlich bin ich die Verfolgung nicht wert, und dessen schäme ich mich.” (Brief an Teneromo, 1892.) — „Offenbar bin ich der Verfolgungen nicht wert, und ich werde wohl so sterben müssen, ohne durch körperliche Leiden für die Wahrheit zeugen zu dürfen.” (Brief an Teneromo vom 16. Mai 1892.) — „Es ist mir peinlich, in Freiheit zu leben.” (Brief an Teneromo vom 1. Juni 1894.) — Gott weiß indessen, daß er nichts dazu tat! Er beleidigt die Zaren, er greift das Vaterland an, „diesen fürchterlichen Götzen, dem die Menschen ihr Leben, ihre Freiheit und ihre Vernunft opfern”. („Das Ende einer Welt.”) — Man lese in „Krieg und Frieden” das Resümee, das er aus der Geschichte Rußlands zieht. Es ist eine Galerie von Scheusälern: „der verrückte Iwan der Schreckliche, der weinselige Peter I., die ungebildete Köchin Katharina I., die ausschweifende Elisabeth, der degenerierte Paul, der vatermörderische Alexander I. (der einzige übrigens, für den Tolstoi trotzdem noch eine heimliche Zärtlichkeit empfand), der grausame und unwissende Nikolaus I., der wenig begabte und eher schlechte als gute Alexander II., der dumme, rohe und unwissende Alexander III., der einfältige Husarenoffizier Nikolaus II., ein junger Mann, der von Schurken umgeben ist und selbst nichts weiß und versteht.”
[226] (S. 155): Brief an den widerspenstigen Gontscharenko vom 17. Januar 1905.
[227] (S. 155): An die Duchoborzen vom Kaukasus, 1898.
[228] (S. 155): Brief an einen Freund, 1900.
[229] (S. 155): An Gontscharenko, 2. Februar 1905.
[230] (S. 156): An die Duchoborzen vom Kaukasus, 1898.
[231] (S. 156): An Gontscharenko, 17. Januar 1905.
[232] (S. 156): An einen Freund, November 1901.
[233] (S. 156): „Es ist wie eine undichte Stelle an einer Luftpumpe; der ganze Hauch der Selbstsucht, den man aus der menschlichen Seele heraussaugen wollte, kehrt in diese zurück.” — Und er grübelt darüber nach, um zu beweisen, daß man den Originaltext schlecht gelesen hat und daß der richtige Wortlaut des zweiten Gebots ursprünglich so war: „Liebe Deinen Nächsten wie Ihn selbst (nämlich wie Gott).” (Unterhaltungen mit Teneromo.)
[234] (S. 157): Unterhaltungen mit Teneromo.
[235] (S. 159): Brief an einen Chinesen, Oktober 1906.
[236] (S. 159): Tolstoi gab dieser Befürchtung schon in einem Briefe aus dem Jahre 1906 Ausdruck.
[237] (S. 159): „Es lohnte nicht, den Militär- und Polizeidienst zu verweigern, um das Eigentum wieder einzuführen, das sich nur mit Hilfe des Militär- und Polizeidienstes aufrechterhalten läßt. Die Leute, die diesen Dienst ausüben und aus dem Besitz Nutzen ziehen, handeln richtiger als solche, die jeden Dienst verweigern und trotzdem am Genuß des Besitzes teilhaben.” (Brief an die Duchoborzen vom Kaukasus, 1899.)
[238] (S. 159): Man lese in den Unterhaltungen mit Teneromo die schöne Stelle von dem „jüdischen Weisen”, der so in das Lesen der Bibel vertieft war, daß er nicht gewahrte, wie die Jahrhunderte über ihm hingingen und Völker auf der Erde erschienen und von ihr verschwanden.
[239] (S. 160): „Es ist eine furchtbare Sünde, in dem blutigen Schrecken des modernen Staates den Fortschritt Europas zu sehen, einen neuen Judenstaat gründen zu wollen.” (Unterhaltungen mit Teneromo.)
[240] (S. 160): Aufruf an die Politischen, 1905.
[241] (S. 160): Brief an Paul Sabatier vom 7. November 1906.
[242] (S. 161): Brief an Teneromo, Juni 1882, und Brief an einen Freund, November 1901.
[243] (S. 161): „Krieg und Revolution.”
[244] (S. 161): Brief an einen Freund.
[245] (S. 162): Brief an einen Freund. Vielleicht handelt es sich hier um die von Tolstoi geplante aber von ihm nicht veröffentlichte „Geschichte eines Duchoborzen”.
[246] (S. 162): „Stellen Sie sich vor, daß alle Menschen, die in der Wahrheit sind, sich vereinigen und sich zusammen auf einer Insel niederlassen. Wäre dies das Leben?” (An einen Freund, März 1901.)
[247] (S. 163): 1. Dezember 1910.
[248] (S. 166): 16. Mai 1892. Tolstoi sah damals, wie seine Frau unter dem Tod eines kleinen Knaben litt, und er wußte nicht, wie er sie trösten sollte.
[249] (S. 166): Brief aus dem Januar 1883.
[250] (S. 167): „Ich werde niemals jemand vorwerfen, daß er keine Religion hat. Wenn die Menschen lügen und vorgeben, eine Religion zu haben, — das ist das Schlimme.” — Und an anderer Stelle: „Gott möge uns davor bewahren, daß wir Liebe heucheln; dies ist schlimmer als der Haß.”
[251] (S. 167): „Revue des Deux Mondes” vom 15. Dezember 1910.
[252] (S. 167): Ebenda.
[253] (S. 168): An einen Freund, 10. Dezember 1903.
[254] (S. 168): Veröffentlicht im „Figaro” vom 27. Dezember 1910.
[255] (S. 169): Dieser Zustand reicht also bis in das Jahr 1881 zurück, d. h. bis zu dem in Moskau verbrachten Winter, als Tolstoi das soziale Elend entdeckte.
[256] (S. 172): Brief an einen Freund.
[257] (S. 173): Es scheint, daß Tolstoi während der letzten Jahre und besonders während der letzten Monate seines Lebens stark unter dem Einfluß seines ihm treu ergebenen Freundes Wladimir Grigoritsch Tschertkow stand, der während seines langen Aufenthalts in England sein Vermögen daran gesetzt hatte, Tolstois gesamtes Werk zu veröffentlichen und zu verbreiten. Tschertkow ist von einem der Söhne Tolstois, von Leo Tolstoi, heftig angegriffen worden. Aber wenn man ihm auch Starrköpfigkeit vorwerfen konnte, so vermochte niemand, seine völlige Ergebenheit anzuzweifeln; und ohne die manchmal vielleicht unmenschliche Härte zu billigen, die in gewissen Handlungen, welche man auf seinen Einfluß zurückführen kann, zutage tritt (wie in dem Testament, worin Tolstoi seiner Frau jede Verfügung über all seine Schriften einschließlich seiner Privatbriefe entzog), darf man glauben, daß er stolzer auf den Ruhm seines Freundes Tolstoi war, als dieser selbst.
[258] (S. 173): Die „Correspondance de l'Union pour la vérité” hat in ihrer Nummer vom 1. Januar 1911 einen interessanten Bericht über diese Flucht veröffentlicht: Tolstoi verließ plötzlich am 28. Oktober (10. November) 1910, gegen 5 Uhr morgens, Jasnaja Poljana; seine Tochter Alexandra, die Tschertkow „seine vertrauteste Mitarbeiterin” nennt, war in das Geheimnis von seiner Flucht eingeweiht. Am nämlichen Tage, um 6 Uhr abends, langte er an dem Kloster Optina an, einem der berühmtesten Wallfahrtsorte Rußlands, wohin er früher schon manches Mal gepilgert war. Hier verbrachte er die Nacht und den Morgen des folgenden Tages und schrieb einen langen Aufsatz über die Todesstrafe. Am Abend des 29. Oktober (11. November) ging er nach dem Kloster Chamordino, wo seine Schwester Marie Nonne war. Er aß mit ihr und sagte ihr, daß er den Wunsch gehabt habe, das Ende seines Lebens im Kloster Optina zu verbringen, „wo er sich den niedrigsten Arbeiten gern unterzogen hätte, jedoch unter der Bedingung, daß er nicht gezwungen gewesen sei, zur Kirche zu gehen.” Er verbrachte die Nacht in Chamordino, machte am folgenden Morgen einen Gang in das benachbarte Dorf, wo er Unterkunft zu nehmen dachte, und kam am Nachmittag wieder mit seiner Schwester zusammen. Um 5 Uhr traf unversehens seine Tochter Alexandra ein. Zweifellos benachrichtigte sie ihn davon, daß sein Zufluchtsort bekannt geworden und man auf seiner Verfolgung sei; und in der nämlichen Nacht brachen sie noch auf. „Tolstoi, Alexandra und Doktor Makowitski gingen nach der Bahnstation Koselsk, wahrscheinlich mit der Absicht, die südlichen Provinzen, vielleicht die von den Duchoborzen im Kaukasus gegründeten Kolonien, zu erreichen.” Unterwegs erkrankte Tolstoi auf dem Bahnhof von Astapowo und mußte sich zu Bett legen. Dort starb er dann.
[259] (S. 176): Tagebuch unter dem Datum des 28. Oktober 1879. — Der ganze Abschnitt, der zu den schönsten gehört, lautet: „Es gibt in dieser Welt schwerfällige Leute ohne Flügel. Diese bewegen sich auf der Erde. Unter ihnen gibt es starke Naturen: Napoleon. Er hinterläßt schreckliche Spuren unter den Menschen. Er sät Unfrieden. — Es gibt Menschen, die sich Flügel wachsen lassen, sich langsam emporschwingen und schweben: die Mönche. — Es gibt leichtbeschwingte Menschen, die sich mühelos erheben und wieder herabstürzen: die guten Idealisten. — Es gibt Menschen mit mächtigen Schwingen... — Es gibt himmlische Menschen, die aus Liebe zu den Menschen auf die Erde herabsteigen, ihre Flügel zusammenfalten und die anderen das Fliegen lehren. Dann, wenn sie nicht mehr nötig sind, steigen sie wieder empor: Christus.”
[260] (S. 176): „Man kann nur leben, solange man trunken vom Leben ist.” („Beichte”, 1879.) — „Ich bin lebenstoll... Dies ist der Sommer, der köstliche Sommer. Dieses Jahr habe ich lange gekämpft; aber die Schönheit der Natur hat mich besiegt. Ich freue mich des Lebens.” (Brief an Fet, Juli 1880.) — Diese Zeilen sind mitten in der religiösen Krisis geschrieben.
[261] (S. 176): In seinem Tagebuch unter dem Datum des 1. Mai 1863: „Der Gedanke an den Tod...” „Ich will und ich liebe die Unsterblichkeit.”
[262] (S. 176): „Ich berauschte mich an diesem vor Entrüstung schäumenden Zorn, den ich an mir liebe, den ich selber befeuere, wenn ich ihn spüre; denn er übt eine besänftigende Wirkung auf mich aus und gibt mir wenigstens für einige Augenblicke zu allen körperlichen und moralischen Fähigkeiten eine ungewöhnliche Elastizität, Tatkraft und Glut.” („Tagebuch des Fürsten Nekludow”, — „Luzern”, 1857.)
[263] (S. 177): Sein Aufsatz über den Krieg anläßlich des allgemeinen Londoner Friedenskongresses im Jahre 1891 ist eine tüchtige Verhöhnung der Pazifisten, die an ein internationales Schiedsgericht glauben: „Es ist die Geschichte von dem Vogel, den man fängt, nachdem man ihm etwas Salz auf den Schwanz gestreut hat. Er ist vorher ebenso leicht zu fangen. Den Leuten von Schiedsgericht und Abrüstung mit Zustimmung der Staaten sprechen, heißt sich über sie lustig machen. Das alles ist Gerede! Natürlich stimmen die Regierungen zu: die sind die rechten! Sie wissen es wohl, daß sie das nie hindern kann, doch zu tun was sie wollen.” („Grausame Vergnügungen.”)
[264] (S. 177): Die Natur war immer Tolstois „beste Freundin”, wie er zu sagen liebte. Er nahm am Leben der Natur teil, er fühlte sich im Frühling wie neugeboren („März und April sind für mich die besten Arbeitsmonate” — Brief an Fet vom 23. März 1877), im Spätherbst verfiel er in eine Art von Erstarrung („Es ist für mich die toteste Jahreszeit, ich denke nicht, ich schreibe nicht, ich fühle mich angenehm verblödet.” — Brief an Fet vom 21. Oktober 1869.) — Aber die Natur, die innig zu seinem Herzen sprach, war die Natur seiner Heimat, die Natur von Jasnaja Poljana. Wenn er auch während seiner Schweizerreise außerordentlich viel Schönes über den Genfer See zu schreiben wußte und ganz besonders über Clarens und seine Umgebung, wo ihn die Erinnerung an Rousseau anzog, so fühlte er sich doch eigentlich in dieser Schweizer Natur als ein Fremder; und die Bande, die ihn an die Heimaterde fesselten, erschienen ihm viel enger und herzlicher. — „Ich liebe die Natur, wenn sie mich von allen Seiten umgibt, wenn mich von allen Seiten die warme Luft einhüllt, die sich in der unendlichen Weite ausbreitet, wenn dieses nämliche fette Gras, das ich beim Lagern niedergedrückt habe, die endlosen Felder begrünt, wenn diese nämlichen Blätter, vom Windhauch bewegt, mein Gesicht beschatten, die das dunkle Blau des fernen Waldes bilden, wenn diese nämliche Luft, die ich atme, den hellblauen Grund des unendlichen Himmels erfüllt, wenn ich nicht allein die Natur genieße, wenn rings um mich Millionen von Insekten surren und schwirren und die Vögel singen. Es ist für mich der höchste Naturgenuß, wenn ich mich an allem teilhaben fühle. — Wie schön ist hier (in der Schweiz) die grenzenlose Weite, aber ich fühle mich ihr nicht verbunden.” (Mai 1857.)
[265] (S. 177): Unterhaltungen mit Paul Boyer („Le Temps” vom 28. August 1901).
[266] (S. 178): Tagebuch vom 6. Januar 1903.
[267] (S. 178): Brief an Birukow.
[268] (S. 179): „Sewastopol im Mai 1855.”
[269] (S. 179): „Die Wahrheit,... das einzige was mir aus meiner moralischen Vorstellung geblieben ist.” (17. Oktober 1860.)
[270] (S. 179): 17. Oktober 1860.
[271] (S. 179): „Die Liebe zu den Menschen ist der natürliche Zustand der Seele, aber wir bemerken es nicht.” (Tagebuch aus seiner Studentenzeit in Kasan.)
[272] (S. 180): „Die Liebe wird sich der Liebe öffnen...” („Beichte” 1879-1881.) — „Ich, der die Wahrheit mit der Liebe zu einer Einheit machte...” („Beichte,” 1879-1881.)
[273] (S. 180): „Ihr sprecht immer von der Willenskraft? Aber die Grundlage der Willenskraft ist die Liebe, und die Liebe läßt sich nicht so ohne weiteres gebieten”, sagt Anna in „Anna Karenina”.
[274] (S. 180): „Die Schönheit und die Liebe, die beide allein dem menschlichen Dasein eine Berechtigung geben...” („Krieg und Frieden.”)
[275] (S. 180): „Ich glaube an Gott, der für mich die Liebe ist.” (An den Heiligen Synod, 1901.) „Ja die Liebe!... Nicht die selbstsüchtige Liebe, sondern die Liebe, wie ich sie das erstemal in meinem Leben erfahren habe, als ich meinen Feind sterbend neben mir gewahrte und ihn liebte... Das ist das eigentliche Wesen des Herzens. Seinen Nächsten lieben, seinen Feind lieben, alle und jeden lieben, heißt Gott in allen seinen Offenbarungen lieben!... Ein Wesen lieben, das uns teuer ist, bedeutet menschliche Liebe, aber seinen Feind lieben, das bedeutet fast göttliche Liebe...” (Der sterbende Fürst Andrej in „Krieg und Frieden”.)
[276] (S. 180): „Die leidenschaftliche Liebe des Künstlers für seine Schöpfung ist der Kern der Kunst. Ohne Liebe ist kein Kunstwerk möglich.” (Brief aus dem September 1889.)
[277] (S. 181): „Ich schreibe Bücher, daher weiß ich, wieviel Übel sie anrichten können...” (Brief an das Oberhaupt der Duchoborzen, 1898.)
[278] (S. 182): Vergleiche „Der Morgen des Gutsherrn” oder „Beichte”, wo jene einfachen, guten, ruhigen und mit ihrem Schicksal zufriedenen Menschen als Idealgestalten gesehen sind, — oder am Schluß des zweiten Teils der „Auferstehung” die Vision von einer neuen Menschheit und einer neuen Erde, die Nekludow hat, als er Arbeitern begegnet, die von der Arbeit kommen.
[279] (S. 183): „Ein Christ kann dem andern moralisch weder überlegen, noch unterlegen sein; aber er ist um so christlicher, je schneller er sich auf dem Weg der Vollendung bewegt, auf welcher Stufe er sich auch zur gegebenen Zeit befinden mag. So ist die ständige Tugend des Pharisäers weniger christlich als die Tugend des Schächers, dessen Herz sich mit Macht zum Höchsten wendet und der an seinem Kreuz bereut.” („Grausame Vergnügungen.”) —