Berlin, den 20. März.

Du wirst es gleich diesen Schriftzügen ansehen, daß etwas Großes mit mir geschehen ist, nicht wahr, Schwesterherz? Falte Deine Hände und bete für Deinen Bruder, mein Herz ist nicht im Stande, allein dem Herrn die heiligen Opfer darzubringen, die ihm gebühren, Du mußt helfen dabei! Sei auch nicht unwillig, wenn ich ungewöhnlich spreche, es ist ja nur Dir gegenüber, wo das Herz und der Mund klingen dürfen, wie sie wollen, die Welt hört nichts davon und ich kann ja nicht anders.

Ich schrieb Dir traurig zuletzt, – da auf den vorigen Seiten steht es noch – und beklemmten Herzens ging ich zu Bernwachts hinab.

»Cäcilie ist krank,« flüsterte mir Burga zu, als ich mich dem Hause näherte, »Du mußt ja leise gehen, und die Thür nicht so hastig aufmachen, sie ist so schreckhaft.«

»Sie hat das Fieber,« setzte Berga hinzu, »Mama meint, sie fiebere.« – »Nein,« widersprach die Andere, »sie hat ein Herzleiden. Vorhin war ich oben bei ihr, und wir sprachen ganz ruhig, ich sagte, das Wetter wäre so schön zu Deiner Reise, da sah ich, daß sie die Hand auf die Brust legte. Thut's da weh? fragte ich, da sagte sie: nein, aber es klopft viel heftiger, als es soll und, darf. Nach einer ganzen Weile sagte sie erst: so, nun ist es gut.«

Mit Schrecken gedachte ich ihrer stets sehr zarten Farbe und in letzter Zeit war sie wirklich auffallend blaß gewesen. Die Mutter begegnete mir auf dem Flur, ich fragte gleich nach Cäcilien und erhielt tröstliche Nachricht. Es sei durchaus nichts von Bedeutung, sie sei auch unten im Wohnzimmer. So war es auch. Ich fühlte mich nicht behaglich, der Abschied lag mir wie eine Bürde auf dem Herzen, daher brach ich früh auf. Alle sprachen liebe Worte, auch Cäcilie reichte mir ihre liebe Hand und sah mich lange sanft und freundlich an. »Sie wollen ja nicht wieder kommen,« sagte sie, »nun will ich mir schon Ihre Züge recht einprägen. Sie sind stets gütig gegen mich gewesen.«

Ich küßte ihr schweigend die Hand und ging dann zu Julchen und nahm Abschied von den Gräbern.

Als ich zurückkehrte, sah ich in Cäciliens Zimmer helles Licht, ich wußte ganz bestimmt, daß diese Stube im obern Stock die ihrige war. Gern hätte ich noch einen Schimmer ihrer Gestalt gesehn; ich harrte, da kam sie an das Fenster und sah zum Himmel hinan, droben aber funkelten die Sterne in wundervoller Pracht! Ich faßte gar keinen Entschluß, ich überlegte nichts, aber ich ging zu ihr, ich konnte nicht anders.

Niemand begegnete mir, im Dunkeln fand ich mich hin, bald stand ich vor der Thür und klopfte an: ich durfte eintreten. Sie stand noch am Fenster, nun wendete sie sich mir zu, ihre Hand legte sie leise aufs Herz, dann setzte sie sich wie erschöpft, fast wankend auf den Sopha und beugte einen Moment ihre Stirn in die Kissen nieder. »Sie sind sehr krank,« sagte ich heftig ergriffen. »Nein,« erwiederte sie, »nur sehr schwach, und ich verdiene diese Strafe vollkommen.«

»Welche?« fragte ich. »Daß Sie mich so sehen.« Ich verstand sie nicht. »Ich bin sehr heftig,« fuhr sie fort, »die erste große Versuchung, die der Herr mir schickt, zeigt mir meine gänzliche Hülflosigkeit, aber im Bekennen wächst die Kraft, so, nun wird es besser!«

Sie richtete bei diesen Worten ihren Blick mit Begeisterung auf ein Bild ihr gegenüber, ich folgte und war versucht an Wunder zu glauben; das Christusbild aus meiner Mutter Kabinet war Cäciliens Eigenthum!

»Ich kenne den Grund Ihrer Selbstanklagen nicht,« sprach ich mit tiefer Erregung, »ich kann nicht ahnen, was Sie so tief bewegt, aber Sie sollen wissen, mit welchem Schmerze ich von hier scheide; ich wollte schweigen, aber ich kann es nicht.«

Und nun erzählte ich ihr all die schönen Träume, die mich in Burgwall umschwebt, von dem Erkerstübchen, von all den wonnigen Phantasien, die mit ihm zusammenhingen, daß ich ihnen entsagen müßte, weil ich mich der vollen Huld eines geliebten Wesens, welches für mich der Inbegriff aller menschlichen Liebenswürdigkeit sei, unwürdig fühlte, daß ihr ganzes Benehmen mir auch zeige, wie wenig sie meine Liebe verstanden habe und erwiedere. Jetzt sei sie leidend, eine dunkle Unruhe hätte mich getrieben, sie noch einmal aufzusuchen, sie möge verzeihen, um der Liebe willen, die ihr geweiht sei. Und ich verstummte vor seligem Entzücken, entzündet an ihrem, an Cäciliens, die mich, mich liebt. Du glaubst es nicht, Du fragst, ob dies möglich ist; es ist durch Gottes reiche Huld volle köstliche Wahrheit!

Viel hätte ich zu erzählen von ihrer Demuth, die von Glück sprach, von ihrer himmlischen Offenheit, die mir gestand, wie sie bei meiner herannahenden Abreise Blicke in ihr Herz gethan und gefunden habe, daß es zagte, eine Oede zu werden, wenn sie fern von mir sein würde, wie sie befürchtet, Gott müsse zürnen, daß sie sein Geschöpf so sehr, zu sehr liebe. Und sie hat recht: bin ich dessen würdig? – Aber nun strahlte ihr kleines blasses, süßes Gesicht im Glanze der Verklärung: Gott war ihren Gefühlen gnädig, er segnete sie!

Wir gingen Hand in Hand hinab. Nichts von dem allgemeinen Staunen, Du kannst Dir's denken. Die Alten waren anfangs vor Ueberraschung stumm, Cäcilie hing aber an ihrem Halse und Burga und Berga umarmten mich, Therese und Ida kamen auch, da bekamen sie die Sprache wieder und Thränen dazu, und ich erhielt ihr Engelskind mit dem vollsten wärmsten Segen.

Nur wenige Stunden war ich noch in ihrem Kreise, hatte auch Geistesgegenwart genug an den Kauf unsers Vaterhauses zu denken, mein Schwiegervater, – wie klingt das, Pauline? ich sage Dir wie ein Segen! – also mein Schwiegervater wird diese Angelegenheit besorgen.

Zum letzten Male erstieg ich den Schloßberg. Ich blieb oft stehen und sah gen Himmel. Gott, welcher Reichthum droben und hier, ich staune, ich bete an, ich bitte um Verzeihung! Mein Glück wird endelos sein, Gott hat es mir gegeben; es ist auch ein solches, welches noch wachsen wird, denn Er wird es pflegen und behüten, ich fühle es.

Am nächsten Morgen verkündigte ich dieses Glück der gräflichen Familie und empfing ihre freudigen Glückwünsche, dann nahm ich Abschied von der verehrten Frau, und bald lag Burgwall hinter mir, aber trotz Abschied und Ferne, damals und jetzt, erhebe ich meine Hände und mein Herz hinan zum Himmel, Ihm Dank und Preis darzubringen, der so Großes an mir gethan hat; der meiner Seele half, als sie rang nach dem neuen Leben, der alle Dunkelheit und alles Bangen vernichtete, und in seinem Liebesrath mir den Engel beigesellte, dessen lichte Klarheit mir in Zukunft jeden Schatten von meinem Pfade verscheuchen wird!

Aber Du mußt sehen, Pauline, Du sollst und mußt Deine Schwester bald kennen lernen. Zu Pfingsten erwarten wir Dich bestimmt in Burgwall.

Schreibe bald, grüße auch Deine edlen, alten Freundinnen, und sei so glücklich wie

Dein Bruder Justus.


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