Achtzehntes Kapitel

Ein neues Geschlecht war erstanden im Tal. Jene, die damals noch Kinder waren, als das Regele von Schande getrieben aus der Heimat flüchtete, waren gereifte Männer und hatten Familien gegründet, und etliche von ihnen lagen auch schon unter der Erde. Und alle waren sie tot, die guten Bekannten von einst. Der alte Perlmoser und der Söllerbauer und sein Weib, und auch die Julie, die dann Wirtin geworden war. Die Perlmoser Rosina aber blieb verschollen. War nie mehr in die Heimat zurückgekehrt. Und auch vom Lois, dem Sohn des Wastl, hatte man wenig mehr gehört.

Das Moidele, die das Kind der toten Mena war, wartete und pflegte die alten Kramersleute bis zuletzt. War gutmütig und nicht recht gescheut, aber dankbar und treu und anhänglich. Und die Regina war gestorben und die alte Mutter Notburg.

Nur der Kramer Veit lebte noch. Wie alt er war? Er wußte es selber nicht mehr recht. Aber alt, uralt war er. Und hatte sie alle dahinsterben sehen müssen, die ihm lieb gewesen waren. Auch den Wastl, den armen Narren.

Den hatten sie nach jener Tat ins Irrenhaus gesteckt und dann nach einiger Zeit wieder entlassen. War ein gutmütiger Narr, der Wastl, und lachte immer vergnügt vor sich hin. Tat niemandem etwas zuleide und folgte den Schwestern des Siechenhauses in dem großen stattlichen Dorf draußen wie ein kleiner Hund. Und lebte noch etliche Jahre, bis er dann sterben durfte.

Er hatte sein Weib lange behalten dürfen, der Kramer Veit. Die Regina war noch vor der Notburg dahingegangen. Und das war gut so; denn mit der Regina war nicht angenehm zu hausen. Bis zu ihrem Lebensende lebte sie im eingebildeten Hochmut dahin. Arbeitete nichts und tat nichts und fühlte sich immer als die Frau Regina Siegwein, zu der sie der Florl erhoben hatte. Schmückte sich mit ihren feinen Kleidern, die sie aus besseren Zeiten her besaß. Thronte würdevoll wie eine Fürstin in hellen Seidenkleidern und mit Schmuck beladen in der großen Stube des Kramer Veit und ließ sich von dem Moidele bedienen.

War unförmlich dick und fett geworden, die Regina, war voll von Launen und Kaprizen und hatte kein Verständnis dafür, daß sie nun arm geworden war und abhängig von anderer Leute Barmherzigkeit. Sie fühlte sich als die Mutter des zukünftigen Besitzers des Anwesens vom Kramer Veit, und der Martl war ihr ein Dorn im Auge. Sie konnte die Abneigung gegen ihn nur schlecht verbergen.

Der Kramer Veit und die Notburg aber hegten einen stillen Wunsch. Sie redeten nicht darüber. Nur wenn die beiden alten Leute ganz allein nebeneinander saßen, dann sprachen sie davon, geheim und im Flüstertone.

Sie hätten es gar zu gern gesehen, wenn der Martl die Tochter der Regina geheiratet hätte. Aber die jungen Leute fanden sich nicht. Das Mädel war wie ihr Bruder, der Anderl, und taugte nicht zur Bäuerin. War still und verträumt und sinnierte viel und einsam.

Und als sie droben, wo das große Alpenhotel gestanden hatte, eine Kirche erbauten und der Andreas Siegwein dort als Kurat einzog, da nahm er die Schwester zu sich, damit sie für ihn sorge. Denn unten in der Villa vom Kramer Veit hauste nun die junge Frau des Martl, die er sich zum Weibe erkoren hatte, und die Notburg war tot.

Und die junge Bäuerin war frisch und lustig und lachte gern und sang ihre schmetternden Lieder. War rasch und energisch und voll Arbeitslust. So recht eine Bäuerin, wie es die Vef auch einmal gewesen war. Und bekam Kinder. Eines ums andere, blond und pausbäckig und mit den strahlenden Augen der Vef.

Und das war das Glück für den greisen Kramer Veit. Richtige Bauersleute waren der Martl und sein Weib, solche vom alten Schlag, wie der Perlmoser gewesen war und wie es einmal der Wastl und die Vef auch waren. Richtige Bauersleute, ohne Sehnsucht nach der Ferne und treu der Scholle, der sie entstammten.

Der Alte mit dem schlohweißen, spärlichen Haar, dem gebeugten Rücken und den noch immer scharfen dunkeln Augen schaute beobachtend umher. Und vieles, was er bei dem neu aufwachsenden Geschlechte sah, mißfiel ihm. Sie waren andere Menschen geworden als ihre Eltern und Großeltern, mit einem Zug ins Weite und in die Ferne. Denn viele von ihnen wanderten jetzt von der Heimat ab. Zogen ins Land hinaus als Händler, zogen in die Städte als Dienstleute und Handwerker, und manche reisten auch als Sänger umher.

Und jene, die daheim blieben im engen Tal, paßten sich den veränderten Verhältnissen an. Denn immer größer wurde der Zuzug der fremden Gäste im Land, und immer neue Fremdenhäuser wurden erbaut. In den tiefsten Tälern schon hatten sie Unterkunftshäuser errichtet, und die Söhne und Enkel jenes alten Geschlechtes, dem der Kramer Veit und der alte Perlmoser entstammten, hausten drinnen als Wirte und als Bauern. Und vielfach auch als Händler. Aber sie waren mehr Händler und Wirte wie Bauern.

Die Sitten wurden lockerer im Tal und der Glaube laxer. Und die Priester wetterten von den Kanzeln gegen den Fremdenstrom, dem sie die Schuld beimaßen. Der alte Kramer Veit aber schüttelte seinen Kopf, so oft er davon erzählen hörte. Denn er erkannte den wahren Grund. Und sprach auch mit dem Anderl darüber ... oft und oft.

»'s sein nit die Fremden ... Anderl. Ganz g'wiß nit. 's sein die Bauern schuld und ihr Eigennutz. Siegst, Bua! Bin selber a Handler g'wesen in meine jungen Tag' und hab' viel derlebt. Mit boade Ellbogen hab' i ausstoßen müassen, damit i mi durchbracht hab'. Und hab' nit alleweil an die andern denken derfen ... was die fühlen dabei, wenn i ihnen an Stoß geben hab'. Auf die Weis' hab' i's zu eppas bracht. Bin wohl alleweil a rechtschaffener Mensch blieben ... aber z'erst hab' i an mi denkt. An mi alloan. Aft sein erst die andern kömmen. Und so ist's halt mit die Menschen aa. Jatz ... weil die Fremden im Land sein ... ist die Krankheit bei die Leut' ausbrochen. Ist wia a Pest. Der Eigennutz und die Habgier. Geld ... Geld und no mehr Geld. Früher haben sie's nit derkennt dös Geld ... haben's nit recht begriffen, was es wert ist. Haben g'schlafen und sein iatz munter g'worden. Und dös ist das neue G'schlecht ... das viele von uns nimmer begreifen. Die neuen Bauern.«

Und Andreas Siegwein, der Priester, dessen Schläfen nun auch schon leicht im Silberschmucke prangten, mußte ihm beistimmen.

»Und gottlos sind sie und ohne Glauben ... trotz ihrer Gebete!« sagte der Priester dann, und sein Mund schloß sich herb und weh. Sie taten ihm leid ... die Menschen.

»Nit a so gach, Anderl! Nit a so gach!« warnte der Kramer Veit. »'s braucht alles a Verstehen auf der Welt ... aa das. Ist wia a Rausch über die Leut' kommen ... dö Erkenntnis vom Geld und seinem Wert. Und hat sie antroffen ohne Vorbereitung. Siegst, Anderl ... dös ist's, und dös habt's ös versäumt ... ös Geistlichen. Ös habt's die Bauern dahindämmern lassen ... weil's enk so gepaßt hat. Aufklären hättet's müassen ... erziehen ... derweil's Zeit war. Das Unkraut von die Herzen außerreißen ... den Eigennutz und die Habgier. Zum Stolz hättet's ihr die Bauern erziehen sollen. Der hätt' müassen so groß werden und so gewaltig, daß er dös andere Unkraut überwuchert hätt'. Zu stolz sollten die Leut' sein ... zur Habgier, und zu stolz zum Eigennutz. Dös Drohen mit'n Tuifl und mit der Höll' alloan tuat's nit. Glaub' mir's, Anderl! An stolzen Menschen ist's zu schlecht, die Jagd nach dem Geld alloan. Denn der Stolz aufs wahre Menschentum macht gerecht und gut.«

Und abermals sprach der Priester und lächelte voll Nachsicht und Güte ... »Bist aber doch gegen das Fremde bei uns im Land, Vater? Gesteh's nur?«

Da seufzte der Alte ... lange und schwer, und sagte nichts. Er hatte es getroffen, der Anderl. Im Grunde seines Herzens war der Kramer Veit doch kein Freund der Fremden. Sie brachten ihm die Unruh' ins Land und die Neuerungen, und allmählich würde ein junges Geschlecht im Tal mit allen alten Gebräuchen aufräumen. Das schmerzte den alten Kramer und tat ihm weh.

Er liebte seine Heimat ... so wie sie gewesen war in seiner Jugendzeit. So rein und unberührt von außen wie damals, da er noch ein Hüaterbübl gewesen war und mit der kleinen Notburg gespielt hatte.

Und daß damals nach dem großen Brande das neue Hotel nicht mehr an der alten Stelle errichtet wurde, das geschah auf Betreiben des Kramer Veit. Veit Galler war angesehen, und sein Wort hatte Geltung in der Gemeinde. Und Veit Galler, der Krämer, sagte, daß jener Platz da droben nur Unglück gebracht habe, und daß man ihn von nun ab geheiligt halten müsse ...

Eine breite Fahrstraße führte vom Tal herauf zu dem neuen Alpenhotel, das jetzt am Eingang des Dorfes erbaut worden war. Groß und schön lag es da, und sein Bau paßte sich der Gegend dieses Tales an.

Droben aber, an jener Stelle, wo der Wastl das Feuer angelegt hatte, stand eine stattliche Kirche. Weiß und freundlich und weit sichtbar leuchtete der spitze Turm ins Tal. Und viele kamen, um dort zu wallfahrten ...

Auch der Kramer Veit pilgerte dorthin. Fast jeden Tag, wenn die Sonne freundlich war und warm. Und wenn es ihm unten im Haus etwas zu lebhaft wurde vom reichlichen Kindersegen. War halt schon recht ... recht alt, der Veit, und sehnte sich nach Ruhe.

Hatte sein Geschäft in Richtigkeit gebracht, der alte Mann. Ob er's auch recht getroffen hatte? Die Bauerschaft mit Vieh und Stall und Äckern, das sollte dem Martl gehören, wenn der Veit einmal nimmer war. Die Villa aber und alles Geld, das er besaß, dem Andreas Siegwein und seiner Schwester.

Ob es so recht war? Gott allein wußte das. Er, der Veit Galler, der irrende Mensch, glaubte, daß es so gut sei. Und hatte es oftmals im Leben so geglaubt und trotzdem schlecht getroffen. Wie damals, als er sich barmherzig um das verlassene Regele angenommen hatte. Und war doch alles, was jener Tat entsprang, zum Unheil geworden.

Alles? Nein. Das fremde Büabl, das der Kramer Veit damals auf der Kraxen seinem Weibe in brennender Sonnenglut heimgetragen hatte ... das war zum Glück gewesen. Für ihn und die Notburg und für alle im Tal. Denn alle liebten sie den Priester Andreas Siegwein ... der den Stolz des wahren Menschentums erkannte ... barmherzig war und gut.

Veit Galler, der Krämer, aber wartete auf den Tod. Wartete ruhig und ohne Bangen ... wie auf einen lieben Freund. Saß droben auf der Bank vor der neuen Kirche und ließ die Sonne auf seine alten Glieder scheinen. Und sah hinüber zu den fernen Bergen. Hörte ganz matt nur mehr und gedämpft das Brausen der drei wilden Gebirgsbäche, die sich tief drunten im Tal zusammenschlossen, und fühlte den heiligen Frieden dieser Einsamkeit.

Dort, wo seine Villa stand ... da balgten sich die Kinder des Martl in den grünen Wiesen. Sie jagten die Kühe und trieben sie im Spiel. Herbst war's, und der Martl ackerte im Feld. Ging hinterm Pflug einher, mit schwerfälligem Schritt. Und sein junges Weib schritt vor ihm und führte den Ochsen. Trug ein helles Tuch überm Kopf als Schutz gegen die Sonne, die noch heftig brannte.

Wie wohl sie dem Greise tat, diese wärmende Oktobersonne! Und wie wohl der Frieden des Tales. Jetzt waren sie nun abermals fortgezogen ... die fremden Gäste ... und geheiligt war das Land.

Mächtig, majestätisch und groß standen die Berge. Und hatten einen Wolkenschleier ums Haupt gelegt. Wie eine Krone, aus der weiße Eiszacken frei und ungehemmt zum Himmel ragten. Wie eine Krone war's ... eine silbernschwere leuchtende Königskrone.

Königin Heimat!

Und Veit Galler, der Krämer ... schlief ein, auf der Bank sitzend, die vor der neuen Kirche stand, und hatte das Gesicht der Sonne zugewendet.

Und wachte nie mehr auf.