Siebzehntes Kapitel

Er war nun aber doch zu der Vef gekommen, der Erlöser, und ehe sie starb, hatte sie noch eine Freude.

Ein junger Priester war an das Lager der todkranken Frau getreten. Tröstend und milde, und hatte sie wieder beten gelehrt.

»I kann nimmer beten ...« klagte die Vef traurig. »Sein nur Worte ... gar nix als Worte. Haben kein' Trost und kein' Inhalt nit.«

»Aber du glaubst, Vef? Glaubst an Gottes Barmherzigkeit?« Eindringlich klangen diese Fragen und voll verstehenden Mitleids.

»Ja.«

»Und glaubst an seine Gerechtigkeit?«

»Ja.«

»Und ist dir von Herzen leid ... alles, was du Übles begangen ... alles ...«

»Ja.« Schwere Tränen fielen über die abgehärmten Wangen der Frau. »Alles.«

Und der Priester sprach die Worte des Verzeihens. Segnete die Frau und sprach sie im Namen Gottes von aller Schuld ledig.

»Hast nit noch einen Wunsch, Vef?«

Kaum merklich schüttelte die Frau ihren Kopf. »Nix mehr ...« sagte sie leise. »Bin nur mehr müd. Todmüd ...« und schloß die Augen wie zum Schlafe und hatte dabei ein friedlich seliges Lächeln.

»Nix mehr.«

»Und deine Buben ... Vef ...?«

Da schreckte das Weib zusammen. »Will sie nit sehen, Anderl!« sagte sie mit einem Anflug ihrer alten Energie. »Nit sehen. 's ist hart ... aber doch besser so ...« fügte sie leise und stockend hinzu. Und Andreas Siegwein, der Priester, achtete diesen letzten Wunsch der sterbenden Frau. Und blieb bei ihr, bis es zum letzten kam.

Und seine Nähe war ihr ein Trost und machte den Tod leicht. Denn noch einmal durchlebte die Vef in diesen allerletzten Tagen ihres Erdendaseins das, was das Schönste in ihrem Leben gewesen war. Noch einmal war sie der Heimat nahe, hörte von allen, die sie gekannt und lieb gehabt hatte, und fühlte sich wieder als die Vef vom Perlmoserhof, die sie damals gewesen war.

Sie hörte von ihren Buben, daß sie hochgewachsene, stämmige junge Männer geworden seien, die ein Heim gefunden hatten beim Kramer Veit. Und noch ein letztes Mal erstand die Heimat in ihrer ganzen einsamen und stolzen Pracht vor der sterbenden Frau. Der Perlmoserhof in dem kleinen, waldumkränzten Hochtal und hoch droben das Alpl mit seiner herrlichen Fernsicht auf die Bergspitzen und Gletscher im Hintergrund. Und dann die Gungl und das kleine halbverfallene Hüttl vom alten Göd.

»Anderl ...« Die Vef hauchte das Wort kaum hörbar, so daß der Priester sich tief über die Kranke beugen mußte, um sie zu verstehen.

»Kennst die Gungl?«

»Nein, Vef.«

Und lange keine Antwort. Mit geschlossenen Augen lag die Frau da und träumte. Träumte ihren letzten irdischen Traum. Träumte von den Schrofen und Bergmahden, von dem tobenden Wildbach und den haushohen Felsen in seinem Bett, welche die smaragdgrünen Wasser zornig brausend umspülten. Sie hörte sein brodelndes Getöse und hörte dann wieder in weiter Ferne sanftklingenden Glockenton. Es war als wie das Läuten der Schellen von weidendem Almvieh.

Das klang so weich und friedlich und brachte innere Ruhe. Und die Frau lächelte in ihrem Traum. Jetzt war's ja überwunden ... alle Unrast ... alles Böse ... und alle Sehnsucht. Nun war sie wieder in der Heimat ... sah die Heimat und fühlte ihren erquickenden Hauch ... wie wohl das tat ... so kühl und feucht ...

So sanft wie die Vef schlummerte! Andreas Siegwein hatte noch nicht viele Menschen sterben gesehen, aber er fühlte die Nähe des Todes und betete voll Inbrunst am Lager der Frau.

»Gott schenke ihr einen leichten Tod! Herr! Richte sie nicht nach Deiner Gerechtigkeit, sondern nach Deiner Barmherzigkeit!«

Kalter Schweiß stand auf der bleichen Stirn des Weibes, das die Hände wie zum Gebet gefaltet hielt und lächelte. Da entzündete der Priester das Totenlicht.

»Herr, sei ihrer armen Seele gnädig und barmherzig!« sprach er mit lauter, wohltönender Stimme.

Die Vef richtete sich noch einmal mit dem Aufgebot ihrer letzten Kräfte empor. Schaute mit ihren großen, sprechenden Augen verwundert und erschrocken in dem kleinen, einfach ausgestatteten Mietzimmer umher.

»Dort ... siegst ... die Frau ...« sagte sie stockend und wies mit matter Hand in die Richtung des Fensters, durch das der helle Schein der späten Nachmittagssonne fiel. »Siegst ... Anderl ... wie schön ... und ... leuchtet ... voll ... Gold ... und ... Sonn' ...«

Und dann starb die Vef. Ließ den Kopf wie wohlig ermattet auf das Kissen ihres Bettes zurücksinken ... seufzte und lächelte. Hatte noch einmal ihre Königin sehen dürfen, die Perlmoser Vef ... strahlend und gewaltig und voll Gold ...

Andreas Siegwein, der Priester, aber hatte, nachdem die Vef gestorben war, noch eine Pflicht zu erfüllen.

Als der Kramer Veit von dem Unglück hörte, das den Wastl zum Mörder hatte werden lassen, da war er in den Pflegesohn gedrungen. Hatte ihn gehen heißen, um dem Wastl beizustehen.

»Anderl ... geh' und sag's ihnen ... wie's gangen ist mit'n Wastl!« hatte er ihn gebeten. »Ist ja do alleweil a braver Mensch g'wesen. Mußt'n beistehen ... dem Wastl.« Die Stimme des alten Mannes, der nun zum Greise geworden war, bebte vor innerer Erregung.

Daß das hatte kommen müssen ... Dazu hatte kommen müssen ... Wie ein Unglück war es dem Kramer, das ihn selber betroffen hatte.

Und keinen wärmeren Fürsprecher hätte der Wastl finden können wie diesen jungen Priester. Vor den Richtern des Volkes, die zu Gericht saßen über den Sebastian Hagspiel, sprach Andreas Siegwein und schilderte den Mann, wie er ihn kannte. Schilderte seine Treue und große Liebe zu seinem Weibe und schilderte sein Glück und Unglück. Und die Richter verhängten die mildeste Strafe über den Wastl, die nur zulässig war.

Und war doch eine jahrelange Zuchthausstrafe und hat den Mann an Seele und Leib gebrochen. Trotzdem er schon nach wenigen Jahren begnadigt wurde, kam er als ein kranker Mann in das Siechenhaus seines Heimatstales zurück.

Oft hatte Andreas Siegwein, der Priester, den Gefangenen aufgesucht. Hatte ihn getröstet und zur Reue ermahnt. Aber die Reue für seine Tat fehlte dem Wastl.

»Gib dir koa Müh' nit, Anderl ...« hatte der Wastl immer wieder erklärt, ruhig und schwerfällig, wie es seine Art war. »I tat's no amal. Und i hab's tun müassen. 's ist gleich iatz!« fügte er dann traurig hinzu.

Daß die Vef schon bald nach jener Tat gestorben war, das hatte der Priester dem Wastl erzählt. Und ruhig und sehr gefaßt hatte ihm der Mann zugehört. Es war, als empfände er den Tod seiner Frau wie eine Erlösung. Er sprach nie über sie und war überhaupt noch schweigsamer wie zuvor. Stierte nur immer so vor sich hin und redete und deutete nichts.

Andreas Siegwein, der Priester, tat alles, was in seinen Kräften stand, um dem Wastl zu helfen. Seinen Bemühungen war es in erster Linie zu verdanken, daß der Wastl anläßlich einer Amnestie schon nach wenigen Jahren wieder auf freien Fuß gesetzt wurde.

Und dann brachte er ihn in das Siechenhaus, das gleichzeitig auch als Versorgungshaus diente und in dem großen, stattlichen Dorf im Tal gelegen war. Das geschah auf ausdrücklichen Wunsch des Wastls. Denn er wollte wohl in seine Heimat zurück, jedoch nicht im Dörfl selber leben, aus Rücksicht für seine Söhne. Seine Buben, das war noch der letzte Stolz und die letzte Liebe, die dem Wastl geblieben war.

Wenn der Wastl den Priester von seinen Söhnen erzählen hörte, so lauschte er, ohne ihn zu unterbrechen und beinahe andachtsvoll zu. Er sah sie im Geiste vor sich, die drei Buben, obwohl er sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte ... sah, wie sie groß und schlank und biegsam und so blond waren, wie es die Vef gewesen war. Und mußten der Mutter ähnlich schauen, die drei. Es konnte doch auch gar nicht anders sein, als daß sie brave, tüchtige und brauchbare Menschen geworden waren, die Buben. Ein Leuchten verklärte das welkgewordene Gesicht des Mannes, so oft er an seine Söhne dachte.

Andreas Siegwein aber verschwieg es dem Wastl, und er hatte es auch der Vef verschwiegen, daß mit den Buben viel Sorge in das Haus des Kramer Veit eingezogen war. Der Martl, welcher der älteste von den dreien war, der wäre schon recht gewesen. War ganz nach der Art seines Vaters geraten. Fleißig und arbeitsam und auch etwas langsam und schwerfällig von Begriff. Ein Bauer durch und durch, der nichts Schöneres kannte, als in Gottes herrlicher Natur zu schaffen und zu ackern.

Aber die beiden jüngeren Söhne des Wastl und der Vef ... mit diesen hatten die alten Kramersleute sich ihr liebes Kreuz eingetan. Hatten große Rosinen im Kopf, die beiden, und dünkten sich zu gut, um Bauern zu werden. Natürlich, sie hatten ja auch schon einige Jahre hindurch eine gute Schule besucht und wären von Rechts wegen dazu bestimmt gewesen, einmal gebildete Herren zu werden. Daß man sie dann, als sich die Eltern nicht mehr um sie bekümmert hatten, einfach der Heimatsgemeinde zustellte, das erfüllte die beiden halbwüchsigen Burschen mit Empörung.

Ein wilder Haß gegen die Eltern keimte in den jungen Seelen und vergiftete sie. Man hatte sie willkürlich aus ihrem Erdreich verpflanzt, und kaum hatten sie anderswo Wurzel gefaßt und sich ihrer veränderten Lage angepaßt, hatte man sie abermals rauh in eine neue Umwelt versetzt, ohne Rücksicht auf ihre Gefühle und ihren Geschmack.

Nun sollten sie wieder Bauern werden, jenem Stand angehören, den die Kameraden in der Schule verlacht hatten, so daß sie sich gar oftmals darob schämten. Kein Wunder, daß Haß und Groll gegen die Erzeuger ihres Lebens in ihnen wucherte, und kein Wunder, daß sie nur wenig Dank fanden für die Wohltaten der alten Kramersleute.

Sie waren von Haus aus liebe, gutherzige Burschen und wollten dem Veit und seiner Notburg nicht wehe tun. Sie gaben sich auch Mühe, den alten Leuten zu gefallen, und verletzten sie nie durch eine grobe Rede.

Aber sowohl Veit Galler wie die alte Mutter Notburg merkten es gar bald, wie es in den Herzen der beiden jungen Leute aussah. Sie mochten nicht arbeiten, nicht Knechtesdienste leisten. Hockten mürrisch herum und fühlten sich überall überflüssig.

Da brachte Veit Galler, der Krämer, sie vom Dörfl fort, hinunter ins Tal und zu einem Handwerker in die Lehre. Sollten ordentliche Arbeitsleute werden, wenn die Bauerschaft sie nicht freute. Und hatten trotzdem und zu jeder Zeit eine Heimat droben beim Kramer Veit.

Es tat aber auch das auf die Dauer kein gut. Die beiden wechselten den Meister und wechselten das Handwerk, und nichts wollte ihnen so recht gefallen. Bis das Unglück mit dem Vater kam und er zum Mörder wurde. Da zogen sie beide fort, wurden Sänger, wie es die Eltern gewesen waren, und reisten in fremden Landen herum. Und kamen dann wieder in die Heimat zurück und zogen abermals fort. Fahrende Leute ... ohne Rast und ohne Liebe zur Scholle.

Umsonst war die Fürsorge der Mutter Notburg, umsonst die Warnungen des alten Kramers. Der Lois, der ältere der beiden, blieb schließlich ganz fern. Das Predigen der alten Leute hatte er satt. Endlich war er ja alt genug, um sich das Leben nach seinem Geschmack einzurichten.

Der Michl aber war doch anhänglicher. Der blieb oft viele Monate hindurch daheim und versuchte es, so zu leben, wie es die Pflegeeltern von ihm wünschten. Dauerte aber nicht lange, das Bravsein, trotz aller guten Vorsätze. Und wenn er sich's noch so fest vornahm, seinem Bruder Martl bei der Arbeit zu helfen, so hielt er es nie länger als etliche Stunden draußen am Felde aus. Da brannte die Sonne so heiß und stach ihn und verursachte ihm Durst. Und oben in dem großen Alpenhotel, das einmal den Siegweins gehört hatte, da lockte die Freude, und da lockte der Genuß.

Und der Michl war bald mehr droben wie herunten in der Villa vom Kramer Veit. War ein gern gesehener Gast oben, ein guter Sänger, liebenswert und dazu noch bildhübsch. Hatte die Augen seiner Mutter, so strahlend und froh und voll Jugendmut und auch voll Leichtsinn. Und dieser Leichtsinn brachte ihm Verderben.

Ein paarmal schon hatte ihm der Kramer Veit aus einer bösen Sache herausgeholfen. Hatte Schulden für ihn bezahlt, die er leichtsinnig gemacht hatte, und hatte dann ernst mit dem Michl geredet.

»Bua ... auf die Weis' geht's nit. Das tut a Lump und koa ordentliches Mannsbild. Arbeit' oder geh' auf Reisen ... aber Schulden machen ... das leid' i nit!« hatte der Kramer in sehr bestimmtem Ton erklärt. War ein arges Kreuz für den alten Mann, der Michl.

Man konnte ihm nicht feind sein, dem Burschen; und wenn der Veit kein Geld mehr hergab, dann hatte halt doch die Mutter Notburg immer noch einen Groschen für den Pflegesohn. Und steckte es ihm heimlich zu.

»Aber g'wiß 's allerallerletzte Mal!« sagte dann die alte Frau schwer seufzend.

War ein recht geducktes, schlohweißes Mutterl jetzt, die Notburg, und fiel ihr schwer, etwas hinter dem Rücken ihres Mannes zu tun. Aber der Bursch erbarmte ihr halt gar zu sehr. Hatte nie Mutterliebe gekannt, der Häuter, und wär' doch so liebebedürftig gewesen. Und wie er schmeicheln konnte und so zart und weich und schön mit ihr tat. Immer wieder glaubte ihm die Notburg, wenn er ihr Besserung versprach und alle heiligen Eide schwor.

Und als dann die heimliche Kasse der alten Frau nicht mehr ausreichte, um die Schulden des jungen Mannes zu decken, verfiel er aufs Schwindeln. Wurde immer dreister und immer raffinierter und machte arge Lumpereien.

Und eines Tages holte ihn der Gendarm mitten aus einer lustigen Gesellschaft vom großen Hotel herunter und brachte ihn ins Gefängnis, das in dem Hauptort des Tales war.

Dieser Schlag traf den Wastl bis ins Innerste seines Herzens, als er davon hörte. Seit Jahr und Tag lebte der Wastl nun schon im Siechenhaus und war völlig abgeschlossen von der Außenwelt und ganz zufrieden mit seinem Dasein. Er hätte es nicht gedacht, daß er noch einmal so zufrieden werden könnte. Er lebte in der Heimat und doch verborgen vor allen; er sah täglich die Berge, die er von Jugend auf gekannt hatte, und genoß den heiligen Frieden dieses schönen Tales.

Was er brauchte, das hatte er, und mehr als das. Denn der Kramer Veit ließ ihm viel Gutes zukommen durch den Andreas Siegwein. Die barmherzigen Schwestern, welche die Obhut hatten über das Siechenhaus, waren gut und liebevoll zu ihm, voll Nachsicht und Verständnis, und ließen ihm alle Freiheit. Er nützte sie aber nur wenig aus, seine Freiheit. Hielt sich nur selten außerhalb des Spitalsgartens auf und war zufrieden, wenn man ihn dort allein auf einer Holzbank sitzen ließ.

Eine hohe Bretterwand umzäunte diesen Garten und schloß ihn gegen neugierige Blicke von außen ab. Gemüsebeete, von einfachen Blumen umgeben, waren in dem Garten. Die Schwestern arbeiteten unermüdlich darin, und Erholungsbedürftige ergingen sich langsam und wohlig im prallen Sonnenschein. Ab und zu spendete ein Obstbaum mit weitausragenden Ästen den ersehnten Schatten, und an den Bretterwänden des Zaunes rankten sich früchtetragende Aprikosenbäume empor.

In einer Ecke des Gartens, hart an der Bretterwand, stand die Bank, auf welcher der Wastl für gewöhnlich zu sitzen pflegte und sich von der lieben Sonne bescheinen ließ. Saß oft viele ... viele Stunden da, einsam und ohne sich eine Gesellschaft zu wünschen.

Er war ein gebrochener, alter Mann geworden, der Wastl, und hatte eine kranke Brust. Das Gesicht war grau, der Kopf kahl, und der Bart wucherte üppig und lang und war schneeweiß. Und groß und leer schauten die dunklen Augen aus dem eingefallenen, schwer durchfurchten Gesicht.

Manchmal gesellte sich ein Kamerad zu dem einsamen alten Manne und sprach mit ihm. War ein guter Bekannter vom Wastl aus seiner Jugendzeit und vom Alpl droben. Der Stanis, den sie damals eingesperrt hatten, weil er dem Fremden die Nase abbiß. Als der Stanis frei kam, war nichts mehr Rechtes mit ihm anzufangen. Einen gewesenen Zuchthäusler nehmen die Bauern nur ungern in Dienst, und wenn er auch noch so tüchtig arbeitet. Und der Stanis war auch recht bockbeinig geworden, und Kraft hatte er wohl auch nimmer gar viel.

So mühte sich der Stanis nicht lange um einen Dienst. Fand er zufällig eine Arbeit, so tat er sie im Taglohn, und wenn nicht, dann bettelte er sich eben durch. Hatte er Geld, dann vertrank er es, und hatte er keines, dann focht er die Fremden darum an. Lebte so richtig und ohne Sorgen in den lieben Tag hinein, lieferte ab und zu Räusche und wurde dann stänkerisch und unangenehm, wie er es ehedem gewesen war.

Schließlich hatte er Aufnahme gefunden im Versorgungshaus, und die Schwestern mochten den kleinen, beweglichen Kerl, der so gern Scherze machte, genau so gut leiden, wie ihn seinerzeit die jungen Melker droben am Alpl gut leiden konnten.

War ganz anstellig, der Stanis, und tat den Schwestern auch manchen Dienst. Und aus Dankbarkeit gewährten sie ihm dann wieder seine volle Freiheit. Von dieser machte der Stanis nun allerdings den ausgiebigsten Gebrauch. Besonders zur Sommerszeit, wenn die Fremden wieder im Tal waren. Da trieb's den Stanis aus dem Spitalsgarten hinaus und unter die Fremden, die er dann regelmäßig in der unverschämtesten Weise anbettelte.

Er umlauerte die Fremden und heuchelte ihnen Demut vor und Achtung, bis er seine Gabe erhielt. Dankte dann aber kaum dafür; denn er haßte sie alle, die nicht herein gehörten ins Tal, und sah ihnen mit boshaft schielenden Augen nach.

So war der Stanis immer in steter Fühlung mit der Außenwelt und wußte ganz genau, was sich im Ort und in der Umgebung ereignete. Vom Stanis erfuhr es der Wastl denn auch, daß man heute seinen jüngsten Sohn ins Gefängnis eingeliefert hatte.

Recht anschaulich schilderte der Stanis den Vorgang. Er hatte es selbst gesehen, wie der Gendarm mit aufgepflanztem Gewehr hinter dem Michl einhergegangen war. Und der Michl habe den Kopf eingezogen gehalten und zu Boden geschaut.

»Weil er si halt g'schamt hat, der Mensch. Woaß man wohl!« schloß der Stanis kaltblütig seinen Bericht und ahnte nicht, wie tief ins Herz er damit den Wastl getroffen hatte.

Es war am späten Nachmittag, zur Hochsommerszeit, und die sinkende Sonne leuchtete rot auf die Bergspitzen des Tales. Ein frischer Wind zog erquickend über die heißerwärmte Erde, und weit im Norden hinten ballten sich die ersten Boten eines heranziehenden Gewitters.

Sie saßen noch eine ganze Weile zusammen auf der Holzbank im Gartenwinkel, die beiden alten Männer. Und keiner sprach ein Wort, nachdem der Stanis ausgeredet hatte.

Es wunderte den Stanis nun doch, daß das alles den Wastl anscheinend so kalt und gleichgültig ließ. Schließlich war's ja doch sein Sohn, den man heute eingeführt hatte. War ihm eigentlich leid um den Michl, dem Stanis. Denn gebessert, das wußte er aus Erfahrung, kam keiner aus dem Zuchthaus heraus.

Als es zu dunkeln begann und der Wastl noch immer kein Wort redete, da riß dem Stanis die Geduld. Etliche Male schon hatte er nach seiner Schnupftabaksdose gegriffen und energisch auf den Deckel geklopft, ehe er sich eine Prise nahm. Und hatte dann auch dem Wastl davon angeboten. Der aber achtete nicht darauf, saß und stierte schweigend vor sich hin.

Boshaft schielte der Stanis aus seinen kleinen schwarzen Augen zu dem Manne hinüber, der weit nach vorn gebeugt neben ihm auf der Bank saß.

»Werden eini müassen ins Haus!« brach er dann endlich das Schweigen. »'s wird spat!« mahnte er in unfreundlichem Tone.

Der Wastl erhob sich gehorsam und wollte in der Richtung nach dem großen Gebäude hingehen. Es war jetzt leer geworden im Garten, und von der Hauskapelle hörte man das gedämpfte Murmeln des Rosenkranzgebetes.

Der Stanis, der noch immer trotz seines vorgerückten Alters erstaunlich beweglich war, trat rasch an die Seite des alten gebeugten Mannes und zupfte ihn energisch am Arm.

»Du ...« machte er leise und sah neugierig zu ihm auf ... »wart' a bissl ... ha?«

Müde und gleichgültig blieb der Wastl stehen. »Willst eppas?« frug er ihn und langte in seine Hosentasche nach Geld. Denn da der Stanis wußte, daß der Wastl oft Geld bekam, pflegte er ihn häufig anzupumpen.

Der Stanis machte aber eine ablehnende Bewegung. »G'halt' dir's!« sagte er verächtlich. »I hab' di lei eppas fragen wöllen ... di ...« fügte er eindringlich hinzu.

»Mi ...« Leer und schwer kam das Wort aus dem Mund des Wastl.

»Ja.« Jetzt stellte sich der Stanis in Positur. Wie kampfbereit sah er aus, so daß der Wastl unwillkürlich erstaunt auf das kleine, dürre Manndl herabschaute.

»Hast g'hört, was i dir verzählt hab' ... ha?«

»Ja.«

Der Stanis spie, wie er das stets zu tun pflegte, bevor er zu raufen anfing, ein paarmal verächtlich auf die Erde.

»Hast's begriffen aa ... du ...« frug er scharf und sah lauernd zu dem andern auf.

»Ja!« nickte der Wastl. Es klang kalt und tonlos.

Jetzt brach die Empörung bei dem Stanis aus.

»Aft begreif' i di nit ... du Depp ... du ...« machte er zornig. »Ist do dei' Bua ... dei' Kind ...«

»Ja!« sagte der Wastl. »Und nachher?«

»Nachher?« Zornig schaute der Stanis auf den Kameraden. »Nachher? Dös fragst no ... du? Hast denn koa Bluat mehr ein? Koa G'fühl und koa Herz mehr? Reißen müasset's di ... kimmt mir für ... an alle Knochen und an alle Muskeln! Woaßt nit, daß dei' Bua iatz a Lump ist? Begreifst es nit, daß er erst a richtiger werd', bald's ihn wieder außerlassen? A Zuchthäusler ... so oaner wia du ... und i oaner bin ... den's alleweil antreiben wird, Schlechtes zu tun. Oaner, den sie verachten ... dahoam und in der Stadt ... oaner ...«

Mit einem wilden Schrei warf sich der Wastl über den Stanis und schmiß ihn zu Boden.

»Stad bist ... du ...« keuchte er außer sich und mit vor Zorn und Wut blutunterlaufenen Augen. »Stad ... sischt ...«

Der Stanis aber war noch immer so geschmeidig, daß er sich flink wie ein Aal aus den fest zugreifenden Händen seines Gegners entwand und dann rasch wieder auf die Füße zu stehen kam. Er war aber keineswegs empört über den Überfall, sondern ganz im Gegenteil hoch befriedigt davon. Wie ein naßgewordener Pudel schüttelte er sich die Erde von den Kleidern und sagte dann sehr ruhig und sehr zufrieden: »Ah ... ah so! Aft hast döcht no a Seel' ein ... du!«

Und trug dem Wastl nichts nach. Der Wastl hatte sich gleich wieder beruhigt und war wieder ganz kleinlaut geworden, da er sich über seinen aufbrausenden Zorn schämte. Sie gingen dann, ohne noch viel miteinander zu reden, ganz einträchtig ins Haus hinein und zur Ruhe.

Aber der Wastl schlief nicht. Konnte kein Auge zutun in dieser Nacht und mußte nur immer an den Michl denken und an die Schande, und daß der Michl nun ein Zuchthäusler wurde.

Die ganze Nacht dachte der Wastl darüber nach und auch den darauffolgenden Tag, bis es wieder gegen Abend ging und der Stanis abermals zu ihm in die Gartenecke kam.

Klar und hell hoben sich die Berge im Hintergrund des Tales von dem tiefblauen Himmel ab. In dieser einsamen Gartenecke hatte man einen herrlichen Fernblick. Der hohe Zaun verbot den Blick aufs ebene Tal ... aber weit, dem Süden zu, bauten sich die alten Bekannten des Wastls auf.

Da reckte der Berg, an dessen Lehne der Wastl das Alpl wußte, seine kecke Waldnase empor, und das winzige Hochtal, in dem der Perlmoserhof gelegen war, sah von hier aus gesehen einer frischgrünen Wiese ähnlich. Waldumsäumt und von der ragenden, schroffen Felsenwand des Berges bewacht. Und ganz putzig nahmen sich die paar Bauernhäuser aus. Dunkel und braun und die Dächer so eingeschrumpft wie Hüte, die das Gesicht verstecken sollen.

Ganz zu oberst, am Waldessaum ... das war der Perlmoserhof, und der Wastl sah mit seinen scharfen Augen ganz deutlich die Zickzacklinie des Weges, der herab zum Söllerbauer führte und noch weiter herunter gegen das Haupttal zu.

Wie oft und oft war der Wastl diesen Weg gewandert, jung und frisch und jauchzend und singend. Damals ... als er noch das ganze Leben vor sich hatte. Damals ...

Und jetzt sprach der Wastl zu dem Stanis, der schweigend und abwartend neben ihm saß ... »Hab' denkt, daß alles aus ist ...« fing er schwerfällig zu reden an ... »daß mi nia nix mehr treffen kunnt. Hab' denkt ... die Buben sein versorgt und rechtschaffene Menschen. Hab' nia nit denkt, daß oaner auf so eppas kömmen kunnt ... da bei uns herinnen!« sagte er, und dumpf und klanglos und todtraurig war seine Stimme.

»Bei uns herinnen?« Scharf frug es der Stanis. »Z'wegen was denn nachher nit bei uns herinnen, ha? Ist denn da koa Versuchung nit, ha? Ausg'rechnet bei uns herin, wo's oaner alleweil vor Augen hat, wia fein 's Leben sein könnt', wenn man Geld g'nug hat. Kann mir's leicht fürstellen, wia's den Michl anpackt hat. Ist halt no jung und dumm. Und im Hotel droben ist a fein's Leben. Sein noble Leut' dort und lassen sich nix abgehen, woaß man wohl. Woaß wohl selber, wia's mir gangen ist. Hat mi hinzochen als wia an Falter zum Liacht. Und war' nimmer a so jung g'wesen wie dei' Bua. Und mehra hab' i kennt ... dö aa alleweil aufi sein, derweil der Florl no g'lebt hat. Und koan' hat's guat tan. Koan' oanzigen. G'soffen haben's und g'spielt und g'sungen und g'tanzt. Haben die Hanswürst' abgeben für dö Fremden ... dö Tuifl ... dö verfluachten!«

Kräftig spie der Stanis auf den Erdboden des Gartens; denn nun war er in seinem Element und konnte seinem Haß, den er von jeher schon immer gegen die fremden Gäste hegte, ungehemmten Lauf lassen. Und ganz besonders war dieser Haß genährt worden, seitdem er hatte eines Fremden wegen ins Zuchthaus wandern müssen. Hartnäckig und ohne Selbsterkenntnis machte er dafür nur die Fremden verantwortlich, und jetzt, da er mit dem Wastl sprach, teilte er diese einseitige Ansicht auch diesem mit und brachte den schwerfälligen Mann zu seiner Überzeugung.

»Wann i derfet, wia i möcht' ... Wastl ...« sagte der Stanis voll ingrimmigen Hasses ... »woaßt, was i tat'?«

Wortlos und ohne Verständnis schaute ihm der Wastl in die unruhig flackernden Augen.

»Anzünden tat' i die Bud'n da droben ... dö verdammte ...« flüsterte der Stanis mit heiserer Stimme. »Alles müsset verbrennen ... nix mehr derfet man sechen davon. Damit koa Schaden mehr kömmen könnt' ... von denen da oben.« Er ballte ingrimmig die dürren, knochigen Fäuste in der Richtung des kleines Hochtales, auf dessen anderer Seite er das große Fremdenhotel wußte. »Grad' wegen dö ist alles kömmen. Wegen dö alloan. War'n wir blieb'n, wia wir amerst g'wesen sein ... hatten wir nix Bess'res kennen g'lernt ... aft warst du mit dein' Weib no alleweil a Bauer in der Gungl drein. Moanst nit aa, Wastl?«

Der Wastl sagte kein Wort zur Erwiderung, und der Stanis wußte nicht recht, ob er seinen Haß begriffen und seine Rede auch aufgefaßt hatte.

Er saß noch lange ... lange Stunden in seinem Winkel im Garten, der Wastl, auch noch, nachdem ihn der Stanis verlassen hatte. Er saß und starrte in weite Ferne, hinüber zum Hochtal und zum Perlmoserhof. Aber sein Blick war nicht leer, und die dunklen Augen leuchteten wie seit langem nicht mehr.

Tagelang wurde der Wastl den bösen Gedanken nicht los. Er verfolgte ihn bei Tag und Nacht und weckte ihn aus unruhigem Schlummer. Immer nur der eine Gedanke ... die Rede des Stanis ... sein wilder, unbändiger Haß und dessen Ursache.

Sollte der Stanis recht haben? Hatten diese fremdländischen Neuerungen das Unglück in seine Heimat gebracht? Und wieder besprach er's mit dem Stanis ... lange und eingehend, bis es ihm zur fixen Idee wurde.

Dann wieder kam der Zweifel in seine Seele und eine Unruhe, und er kämpfte gegen das Böse, das Macht zu werden begann in seinem Herzen. Er zwang ihn nieder ... den bösen, gewaltsamen Gedanken. Bezwang ihn, bis er triumphierend wieder aufs neue erstand.

Wenn der Wastl jetzt in seinem Gartenwinkel saß, so brachte ihm der Blick in die nahen Heimatsberge keine Ruhe mehr und keine Zufriedenheit. Er sah mit Angst hinüber in die Gegend des kleinen Hochtals ... mit Angst und nagender Unruhe.

Da drüben ... auf der andern Seite des kleinen Jochberges ... da war das Dörfl, und in diesem wohnte sein Ältester. Sollte ein tüchtiger Bauer sein, der Martl, hatte ihn der Anderl immer wieder gelobt. Ob das aber auch Tatsache war? Der Anderl hatte es ihm ja auch verschwiegen, daß der Michl ein Lump geworden war und der Lois fern und verschollen lebte in fremden Landen. Jetzt hatte er es ja alles erfahren, haarklein und genau erfahren, der Wastl. Und jetzt traute er dem Anderl auch nicht mehr, wenn er den Martl lobte. Ob der wirklich ein ehrlicher Bauer war oder auch schon hinaufging in das große Gasthaus und dort zum Lump wurde?

Er konnte oft gar nicht mehr stille sitzen, der alte Mann, wenn ihn die Angst um den Martl anpackte. Mußte immer umhergehen, immer auf und ab und seine Gedanken niederkämpfen ... seine bösen Gedanken ...

Waren sie böse? Wirklich böse? Der Stanis sagte, es wäre eine Wohltat für das ganze Tal, wenn die Lahn käme oder ein Blitz einschlüge und alles da droben zugrunde richten würde ... Dann wäre die Luft erst wieder rein ... so köstlich und unschuldsvoll wie damals, als da droben nur grüne Wiesen waren und ganz vereinzelt kleine Felsblöcke darin umherlagerten.

Und wenn das wirklich eine Wohltat war fürs ganze Tal, weshalb führte der Stanis den Plan nicht aus? Hatte es doch ganz genau und haarklein ausgeheckt ... wie's gemacht werden müßte ... damit alles da droben ... das alte und das neue Haus und was noch dazu entstanden war ... von Grund aus vernichtet würde.

War ein gescheiter Mensch, der Stanis! Schade, daß er so feig war und sich immer betrank! Er, der Wastl, trank jetzt nie mehr. Hatte keinen Rausch mehr gehabt, seit damals ... seitdem er die Vef wiedergesehen hatte.

Die Vef! Und immer wieder die Vef! Er konnte sie halt doch nicht vergessen, die Vef! Wie schön sie gewesen war ... wie lustig und jugendfrisch und arbeitsam ... und hatte ihm Kinder geschenkt ... drei Buben und ein Mädel ... und war dann verkommen ... war eine geworden ... eine ... wie hatte der gesagt ... der Schuft ... den er dann erwürgt hatte? ... eine Dirne ... die Vef ...

Und immer wieder die gleichen Gedanken ... immer wieder ... wie ein Mühlrad in seinem Kopf ... drehte sich im rastlosen Kampfe des Guten mit dem Bösen.

Was war gut und was böse? War er, der Wastl, auch feig wie der Stanis? Sollte er zugeben, daß auch sein letzter Bub verkam und der Versuchung unterlag? Wenn er doch nur wüßte, ob ihn der Anderl nicht anlog, ob der Martl wirklich noch ordentlich war?

Und immer größer die Unrast in der Seele des Mannes, immer größer der Zwiespalt in seinem Innern, bis er's nicht mehr aushielt und hinging und sich doch wieder betrank. Toll, wütend und sinnlos. Hatte ja Geld genug, mehr wie genug vom Kramer Veit. Konnte sich schon etliche Räusche leisten, der Wastl, und brauchte dann nicht immer nachzudenken ... Das Denken machte ihn ja noch ganz verrückt. War nichts für einen so alten, einfältigen Menschen ...

Sinnlos wie ein Tier war der Wastl besoffen. Und kehrte dann auch nicht zurück ins Siechenhaus, sondern verkroch sich in einem Heustadel außerhalb des stattlichen Dorfes. Wollte sich nicht so zeigen den Schwestern. Und wollte überhaupt nicht mehr da hinein. Zu was auch? War doch viel freier und schöner außerhalb des Spitalgartens. Konnte viel besser draußen herumwandern, der Wastl.

Es war Spätherbst, und der Stadel, in dem der Wastl für diese Nacht Unterschlupf gefunden hatte war vollgepfropft mit köstlich duftendem Heu.

Wie das gut tat, wieder einmal im Heu schlafen zu dürfen! Völlig gesund konnte einen der Duft machen. Und ganz ernüchtert war der Wastl mit einem Male und gar nicht mehr betrunken. Wühlte sich in das weiche Heubett ein, tief und wohlig, und schlief.

Und andern Tags schlich er sich heimlich aus dem Stadel, schaute umher, ob ihn wohl niemand sähe. Wollte nicht mehr zurück ins Siechenhaus, sondern fort ... tiefer ins Tal hinein ... und noch einmal den Weg gehen, den er so oft gegangen war, hinauf zum Perlmoserhof und beim Söllerbauer vorbei und dann hinüber zum Dörfl, um seinen Buben aufzusuchen, den Martl, und auch den Kramer Veit.

Fühlte sich ganz kräftig und gesund genug zum gehen, der Wastl. So eine Nacht im Heu kann Wunder tun. Macht einen völlig wieder jung. Und schnell brauchte er ja nicht zu gehen. Hatte Zeit genug, der Wastl, und auch Geld genug, wenn ihn hungern sollte.

Und als es Abend wurde, kehrte er in einem Gasthaus ein und aß und trank. Trank ein Viertele Rotwein um das andere, bis er abermals betrunken ward. Dann schlich er sich fort und nächtigte wieder in einem Heustadel. Am zweiten Tage aber erreichte er das Dörfl, wo der Martl war, sein Bub.

War völlig fremd geworden im Dörfl. Niemand erkannte den alten Mann. Barhäuptig, auf einen Stock gestützt, schlich der Wastl umher und merkte es nicht, daß sein Atem keuchte und die kranke Brust schmerzte. Und der Kopf war ihm dumpf und wirbelig.

Machte am kleinen Gottesacker halt, der Wastl, und betete am Grabe seines Kindes ein Vaterunser und ging dann in die Kirche. Er getraute sich nicht zum Kramer Veit und wagte es auch nicht, seinen Buben aufzusuchen. Wollte warten, bis es dunkel geworden war und dann heimlich durch die Fenster schauen, um den Martl zu sehen.

Dauerte recht lange bis zum Abend, und der Wastl hatte Hunger und Durst. Argen Durst, und die Kehle brannte ihm. Konnte nicht so lange warten bis zum Abend, sondern mußte den Durst löschen gehen, denn er hatte viel Geld. Geld genug, wenigstens für diese eine Nacht, und morgen würde dann schon der Kramer Veit für ihn sorgen. Morgen ...

Langsam, müde und geduckt kroch der Wastl, mehr als er ging, den Berg zu dem großen Hotel hinan.

Es war noch viel feiner jetzt hier oben, so erschien es wenigstens dem Wastl, als wie es seinerzeit unter dem Florl gewesen war.

Beinahe hätte ihm der Mut gefehlt zum hineingehen. So fein und nobel sah es von draußen aus. Heller Lichtschein überall ... gerade so wie in den großen Städten, wo sie gesungen hatten ... zuerst er und die Vef und dann die Vef allein. Das war damals ... ehe sie eine ...

Er wollte das Wort nicht zu Ende denken. Durst hatte er, nur Durst und keinen Hunger mehr.

Trinken ... nur trinken ...

Mißtrauisch und argwöhnisch und sehr von oben herab besah sich die Kellnerin den alten, geduckten Mann in den ärmlichen Kleidern, ehe sie seinen Auftrag entgegennahm. Ob der wohl zahlen konnte? Und als sie ihm dann doch mit herablassender Miene die Halbe Rotwein hinstellte, da forderte sie ihm gleich das Geld dafür ab.

Der Wastl zahlte gelassen und gab ein nobles Trinkgeld. Und trank. Saß allein in der großen Glasveranda an einem blühweiß gedeckten Tische und trank. Trank ... wie ein Verdurstender und stierte hinaus in die einfallende Dämmerung des Herbstabends. Sah mit matten, verschwommenen Blicken die dunklen Wälder jenseits der drei Hochtäler, sah, wie sie sich schwarz und düster und gewaltig aufbauten, und hörte das majestätische Rauschen des nun einsetzenden Abendwindes. Er kam von drüben her ... dort, wo schon ganz im grauen Dämmer die Gungl lag.

Und der Wastl trank ... trank und bezahlte gewissenhaft und sehr ruhig alles, was man von ihm forderte. Bis er kein Geld mehr hatte und man ihn gehen hieß.

Er wollte aber nicht gehen, der Wastl, wollte hier sitzen und noch mehr trinken. Und noch einmal hieß man ihn gehen, und der Hausknecht kam und stand in nächster Nähe des Wirtes, bereit, den lästigen Gast an die Luft zu befördern.

Es war ziemlich leer in dem großen Gasthof; denn Zeit und Stunde waren spät. Die wenigen, die noch vereinzelt herumsaßen, machten empörte und angewiderte Gesichter. Den Wirt packte der Zorn, als ihm der Wastl so hartnäckigen Widerstand entgegenstellte. Gereizt wendete er sich an die Kellnerin.

»Und überhaupt ... solches Gesindel gehört doch nicht hier herein!« sagte er scharf. »Das hätten Sie wissen müssen!«

»Gesindel!« Heiß stieg dem Wastl der Schimpf ins Gesicht und ernüchterte ihn etwas. »Gesindel!« Er ... der Wastl ... ein Bauer ... einer, der ins Tal herein gehörte ... hier aufgewachsen war und kein Fremder!

»Gesindel!« Schwerfällig und trunken griff der alte Mann nach seinem Stock, um ihn dem fremden Wirt ins Gesicht zu schlagen. Die Bewegung wirkte komisch, so daß die Kellnerin und auch der Wirt unwillkürlich lachen mußten, und ohne jede Mühe entledigte sich der Hausknecht seines Amtes. Schob den Wastl, wie der Metzger ein widerspenstiges Kalb vor sich her schiebt, einfach zur Tür hinaus und verriegelte sie von innen. Und drinnen im Haus lachten sie über ihn ... roh und unbarmherzig. Lachten ihn aus, den Wastl ... er hörte ihr Lachen, wie es laut und höhnisch ihm nachklang.

»Gesindel!«

Wer war hier Gesindel? Er oder die da drinnen? Den Michl, seinen Jüngsten, hatte doch der Gendarm von hier herausgeholt, erzählte der Stanis. »Gesindel!«

In dunkler Nacht stand der Wastl vor dem großen Haus und hob drohend den Stock. »Gesindel!« wiederholte er leise und ingrimmig mit den Zähnen knirschend. »Gesindel!« Der da drinnen ... der Fremde ... der hatte kein Recht, ihn das zu heißen. Wußte nichts von ihm ... wußte nicht, daß er im Zuchthaus gesessen hatte ... wußte nicht, daß die Vef ...

Und wieder dachte der Wastl den Gedanken nicht zu Ende.

»Gesindel!« hatte der fremde Mann gesagt. »Gesindel!« Er kam nicht los von dem Wort und wiederholte es immer und immer wieder.

Langsam und scheu umschlich der Wastl in dunkler Nacht den großen Bau. Halb betrunken und halb wirbelig im Kopf. Denn nun mußte er wieder zu denken anfangen, der Wastl. Wie ein Mühlrad drehten sich die Gedanken in seinem Kopf.

Die Vef und der Stanis ... und der Michl ... den sie eingesperrt hatten ... und drunten im Dörfl der Martl ... der vielleicht auch schon ein Lump geworden war ... weil er der Versuchung nicht widerstehen konnte und immer in das feine Gasthaus ging ... Und Gesindel hatte der Mann, der nicht einmal ins Tal gehörte, zu ihm gesagt. Gesindel!

Er murmelte das Wort immer wieder vor sich hin. »Gesindel! Gesindel!« Und der Stanis ... der hatte gesagt, daß es eine Wohltat wäre für die ganze Gegend ... eine Wohltat ... wenn ...

War ein gescheuter Mensch, der Stanis. Aber feig! Feig ... weil er sich betrank und Räusche lieferte. Er, der Wastl, lieferte keine mehr. Nie mehr wollte er einen liefern. Nie mehr! War jetzt schon wieder ganz nüchtern, der Wastl ... nur der Kopf ... der war schwer und wirbelte ihm vom vielen Denken.

Der Wastl umkreiste das Haus und besah es sich von allen Seiten und schlich dann zum Nebenbau hinüber, zu dem Haus, das der Kramer Veit damals für den Florl erbaut hatte. Und umkreiste auch das, langsam und vorsichtig. War ihm gut bekannt ... das Haus. War oft drinnen gewesen ... damals noch, als die Vef lebte.

Und jetzt durfte er nicht mehr hinein. Hatten ihn vor die Türe gesetzt in stockdunkler Nacht, die da drinnen, und ihm nichts mehr zu trinken gegeben. Er wollte aber trinken ... er mußte trinken ... um nicht immer denken zu müssen ... nur nicht immer denken ... an nichts mehr denken ...

Ein Hund schlug warnend an und zerrte an der Kette. Drohend und zornig. Und wollte sich nicht beruhigen. Der Wastl setzte sich auf eine der Bänke, die herumstanden, und horchte. Machte ein pfiffiges Gesicht, der Wastl ... ganz pfiffig ...

Ging ein Brausen durchs Tal ... von jenseits der Berge kommend, wo die Wetter sich ansagen. Und war schwarz und schwer und kein Stern am Himmel und kein Licht mehr drunten im Dörfl.

Dunkel und vornehm und still lag der weiße Block des großen Hotels. Konnte ihn gut sehen, der Wastl, sehr gut. Trotz der großen Dunkelheit ... Und der Wastl lauschte mit eingezogenem Atem und hörte, wie sich die Tür auftat und jemand aus dem großen Haus kam und zu dem Hunde ging, um ihn zu beruhigen.

War zornig, der Hund, und heulte gellend in die Nacht hinein. Und der Wastl kicherte leise und schadenfroh. Hat schon recht der Hund! Soll nur heulen. Ganz recht hat er. Sollen alle heulen ... die da droben ... alle ...

Und wieder schwang der Wastl voll ingrimmigen Hasses seinen Stock gegen das große Haus.

»Gesindel!« sagte er leise und mit verhaltener Wut. »Gesindel! Alle seid's Gesindel! Ös da droben! Alle miteinander!«

Sie mußten den Hund ins Haus bringen und einsperren, weil er so zornig tat. Und der Wastl hörte mit scharfem Ohr, wie er dann trotzdem wieder zornig knurrte, leise und grollend.

Er hatte ein feines Ohr, der Wastl, und auch noch gute Augen. Waren scharf und ungetrübt geblieben und konnten gut sehen im Dunkel. Und hatten erspäht ... wo der große Schupfen war, in dem sie das Futter für die Maulesel und den Holzvorrat fürs Hotel untergebracht hatten.

»Bei dem müsset man zuerst anfangen!« hatte der Stanis gesagt. War gescheut, der Stanis! Aber feig!

Ein Sturm hatte sich erhoben in der schwer dunkeln Nacht. Brauste eisig von den Fernern herüber und kündete wohl frühen Schneefall an.

Es fror den Wastl. Aber er wartete noch. Trotz der Kälte. Wollte ganz sicher gehen ... bis sie alle schliefen ... und ihn nicht stören konnten.

Dann erst schlich er sich hinüber. Tat ... wie's der Stanis ausgekopft hatte. Zuerst der Stadel ... Nein ... das war falsch ... Zuerst das große Haus ... dann der Nebenbau vom Kramer Veit und dann der Stadel ... So war's recht.

Hatte Mühe, der Wastl, bis er vom Schupfen her das Holz zusammentrug ... Dauerte lange die Arbeit ... und der Sturm brauste und der Hund knurrte ab und zu und heulte auf in langgezogenen Tönen.

Und dunkel war's ringsum! Stockdunkel. Nichts mehr konnte man unterscheiden. Gar nichts mehr. Keinen Berg und keine Felder und auch kein Haus vom Dörfl unten. Würde bald hell werden hier oben und leuchten. Und der Wastl lächelte vor sich hin, still und vergnügt.

Leise knisterte das Feuer und züngelte sich zur Flamme. Sorgfältig hatte es der Wastl angelegt ... unter der großen Holzveranda ... wo es so guten Durchzug hatte und bald hell aufschlug. Wie das brannte! Schön war's und würde bald ganz hell werden und lichterloh brennen.

Und der Wastl ging zum Nebenbau hinüber ... langsam und sehr vorsichtig ... und zündete dort das Feuer an. Wartete, bis die Flamme loderte, und lächelte schadenfroh.

»Gesindel!« hatte der fremde Mann ihn beschimpft. »Gesindel! Selber Gesindel ... spottschlechtes! Zugrund sollt's gehen ... alle miteinander!«

Und dann zündete der Wastl den Stadel an. Der fing das Feuer, daß es eine Freude war. Hellauf schlugen die Flammen, vom Winde umtobt.

Schön war das! Herrlich schön. Dieser helle Schein in der dunkeln Sturmnacht. Und leuchtete so hell, daß der Wastl jetzt alles sehen konnte. Das Dörfl unten mit der kleinen Kirche und drüben die düster drohende Bergwand.

Sorgsam ... wie eine heilige Pflicht ... hegte der Wastl die Feuer an den großen Häusern, trug Holz herüber vom Schupfen und legte zu. Aber sie brauchten die künstliche Nahrung nicht mehr, sondern fanden von selbst ihr Futter, die Flammen. Züngelten gierig zum Dachstuhl empor und nach allem, was morsch und holzig war, und brannten lichterloh und brausend im Sturmwind.

Er hatte sein Werk gründlich besorgt, der Wastl so wie es immer seine Art gewesen war. Und durfte nun gehen und sich ausruhen.

Als sie im Hause das Feuer bemerkten, war es zu spät. Nur das Leben konnten die Bewohner retten und nur wenig von den Habseligkeiten. Ein Flammenmeer war es im rasenden Sturm, der sich dem Riesenbrand verbündet hatte. Weithin leuchtete der Feuerschein, die dunkle Nacht erhellend. Und es krachte und zischte und brauste, und eine ganze feurige Hölle der Vernichtung war entfesselt. Menschliche Hilfe? ... Umsonst! Retten, löschen? ... Wer vermochte es, den sturmgepeitschten Flammen Einhalt zu tun? ... Wehklagend klangen die Glocken im Dörfl drunten und riefen um Hilfe. Sie riefen vergebens ... Die entfesselten Elemente waren Herr ... Sturm und Feuer ... und Feuer und Sturm ... beide verbrüdert und verschworen zur furchtbaren Vernichtung ...

Zu Schutt und Asche war alles niedergebrannt, was da droben stolz gethront hatte. Alles ausgebrannt, was nicht Stein und Mauer war. Stand dampfend und rauchend und qualmend ... Ruinen ...

Sie fanden am frühen Tag einen alten Mann. Der irrte umher in den Wiesen und Feldern, barhäuptig und mit schweren Füßen. Sein Gesicht war gelb und fahl und die dunkeln Augen leer und ohne Seele.

Und er wußte von nichts mehr, und wußte auch nicht mehr, wer er sei.

Der Wastl hatte den Verstand verloren.