Sechzehntes Kapitel

Die reisenden Tiroler Sänger waren nach dem Tode des Florian Siegwein nach allen Windrichtungen hin zerstreut worden. Eine Zeit hindurch leitete zwar die Vef die kleine Truppe, aber sie verstand diese Sache genau so schlecht, wie die Regina die Führung daheim loshatte.

Kein halbes Jahr dauerte die Herrlichkeit, und die ganze Truppe hatte sich aufgelöst. Und neue Gesellschaften schossen auf wie Pilze im Wald. Reisten mit Erfolg und auch ohne Erfolg, aber jene Höhe des Ansehens, die der Florian Siegwein einmal errungen hatte, war niemandem mehr von ihnen beschieden.

Mit der Vef aber ging es von dieser Zeit an immer mehr abwärts. Jenem tollen Sinnestaumel, dem sie sich hingegeben hatte, folgte der Ekel und Abscheu der Übersättigten. Sie war unfroh und unglückselig geworden und verfluchte sich und ihr ganzes Leben.

Und jetzt nach dem Tode des Florian Siegwein trat die Sorge um ihre Zukunft immer drohender an sie heran. Eine Zeit, nachdem die Gesellschaft, die sie zu führen versucht hatte, in Brüche gegangen war, lebte die Vef ganz nach ihrem Geschmack. Und fühlte sich frei und aller Fesseln ledig. Bis der Überdruß begann und die Not dräuend vor ihr stand.

Da sank sie zur Dirne herab, liebte ohne innere Neigung und ließ sich erhalten. Sie wechselte die Männer wie die Kleider, halb aus ungezähmter Sinnenlust und teilweise aus Berechnung. Bis sie erkannte, daß diese Art von Leben sie vollends an den Abgrund bringen würde. Da machte die Vef eine innere Wandlung durch. Raffte den letzten Rest ihres besseren Menschen mit einem Anflug ihrer alten Energie zusammen und versuchte es noch einmal, ein anderer Mensch zu werden.

Aber es war zu spät für sie geworden. An Seele und Leib war das Weib gebrochen, und ihre weiche, volle Stimme, die so edel geklungen hatte wie Metall, war rauh und hart geworden. Mit Mühe und Not konnte die Vef noch eine Stellung als Sängerin erreichen.

Der Simeringer Franz nahm sie halb aus Mitleid in seine Truppe auf. Schließlich hatte die Vef ja einmal einen großen Ruf besessen und konnte mit ihrem Namen noch als Lockvogel gelten. Das Publikum, vor dem sie nun in minderen Lokalen zu singen hatte, gröhlte ihr freudig zu und überschüttete sie mit Beifall. Und lächelnd dankte die Frau und litt doch schwer unter ihrem gedemütigten Stolz.

Eine welke, früh gealterte Frau war die Vef geworden und trug den Keim eines schweren Siechtums in sich. Sie wußte und fühlte es genau, wie es um sie bestellt war, und sehnte in manchen bangen Stunden den Erlöser Tod herbei. Aber der Tod kommt nicht, wenn er als Erlöser dienen soll. Läßt sich Zeit denn sein Opfer ist ihm sicher.

Der Glaube, in dem die Vef aufgewachsen war, verbot den Selbstmord. Und inmitten ihres Unglücks hatte die Frau diesen Glauben nicht vergessen und war wieder gläubig geworden. Sie fürchtete sich vor dem, was nach dem Tode kommen würde, und ertrug ein Leben, das ihr mit jedem Tage nur zur vermehrten Qual wurde.

Von stolzer Höhe war sie herabgesunken, mußte froh sein, daß man sie vor einem anmaßenden, frechen Publikum singen ließ, mußte lachen und scherzen und schamlose Witze erdulden. Und heiß brannte ihr der Kopf, und der Rest eines Stolzes, der ihr immer noch geblieben war, empörte sich in ihr. Ganz war sie denn doch noch nicht zur Dirne geworden. Hatte noch Scham in sich trotz allem.

Die Reue kam ... die Reue über ihr verfehltes Leben, das sie allein verschuldet hatte. Wie anders ... ganz anders hätte es doch für sie kommen können! Nur nicht daran denken ... nicht an das Vergangene denken! Nicht an die Heimat und nicht an ihr stilles Glück in der Gungl ... das einmal so jauchzend groß und so rein gewesen war ... nicht an den Wastl, ihren Gatten, und nicht an die Kinder.

Die Kinder ... ihre blonden Buben ... Jetzt nach den langen Jahren einer selbstgewollten Trennung überkam sie oft eine brennende Sehnsucht nach ihren Kindern und auch nach dem Wastl.

Nie mehr wieder war er ihr nach jener Züchtigung in den Weg getreten. Aber die Vef hatte gehört, daß er ein Säufer geworden war und arg verkommen sei.

Eine Verworfene war sie geworden ... ausgestoßen von allem, was ihr einstmals heilig war, und mußte tot sein für die Ihren.

Der Göd ... der Alte in der Gungl ... der kam ihr in einsamen Stunden auch öfters in den Sinn ... Was der wohl sagen würde ... wenn er sie jetzt so sehen könnte? Hatte große Stücke auf sie gehalten, der Göd ... Warum sie wohl in letzter Zeit so häufig an den Alten denken mußte? Und auch an das Tonele, ihr kleines, verlassenes Töchterchen, das so früh hatte sterben müssen! ... Müssen? ... Dürfen! ... Die Vef wäre froh gewesen, wenn sie an Stelle ihres Kindes zu tiefst unter der Erde hätte liegen dürfen ...

Auch die Schminke vermochte den raschen Verfall ihrer körperlichen Schönheit nicht mehr zu verdecken. Hohläugig war sie nun geworden, und ihr strahlendes, sonniges Lachen war für immer geschwunden. Dickes, aufdringliches Rot milderte die fahle Blässe ihrer eingefallenen Wangen, und um den vollen, sinnlichen Mund, der so glühheiß und versengend zu küssen verstanden hatte, gruben sich tiefe Falten des Leides ein.

In diesen Zeiten innerer Wandlung tat die Vef etwas, das sie lange ... endlos lange nicht mehr getan hatte. Sie suchte die Kirchen auf und murmelte Gebete. Sie besann sich auf die Gebete ihrer Jugend ... allein sie waren ihrem Gedächtnis entschwunden. Nur immer ein paar Sätze von jedem wußte sie, und an viele erinnerte sie sich überhaupt nicht mehr. Das war qualvoll und ließ keine Andacht in ihr aufkommen.

Sie besuchte die Gottesdienste ... ohne inneren Trost. Denn sie lauschte nicht den Worten des Predigers, sondern suchte in den Gesichtern des Volkes. Sie suchte nach den Spuren, die das Leben in den Gesichtern eingegraben hatte. Und verstand zu lesen. Sah viel Leid ... endloses Leid ... und sah hinter manchem andächtigen Gesicht das Laster lauern. Sah Heuchelei und Geiz und Lieblosigkeit, aber wenig Frömmigkeit.

Und angewidert verließ die Frau die überfüllten Kirchen der Städte. Sie konnten ihr keinen Trost geben, konnten ihr die Gebete ihrer Jugend nicht wiederbringen. Es war alles hohl ... öde ... und liebeleer in dem fremden, flachen Land.

Je kränker sich die Frau fühlte, desto mehr überkam sie die brennende Sehnsucht nach ihrer Heimat. Nur wieder einmal die Berge sehen ... ihre Berge ... Es kam ihr vor, als könnte die frische Bergluft alles Üble von ihr fortfegen. Als könnte sie wieder rein werden in der geheiligten Luft.

So wollte sie nicht ins Heimatstal zurück. So viel Stolz besaß sie. Man sollte sie dort nicht sehen in ihrer Schande. Ihr Land war groß und beschränkte sich nicht allein auf ihre engere Heimat. Überall ragten die gleichen Berge, überall war dieselbe herzerfrischende Alpenluft. Dorthin wollte sie gehen, wo sie unerkannt leben konnte, und wollte trachten, sich noch einmal Arbeit zu verschaffen.

Einen letzten Rest von goldenem Geschmeide besaß die Vef noch. Geschenke aus ihren besten Zeiten, da man sie mit Schmuck überhäuft hatte. Gab eine stattliche Summe ab, als sie es verkaufte. Und deckte vollauf die Reisekosten, und blieb noch was übrig, daß sie wohl eine geraume Zeit davon leben konnte. Wenn sie recht sparsam war, wohl auch ein Jahr.

Da konnte sie's schon wagen, dem Simeringer Franz zu kündigen, ehe er sie vor die Türe setzte. Denn daß er dies über kurz oder lang doch tun würde, das wußte die Vef genau.

Er war ein grober Patron, der Franz, und ohne jedes Zartgefühl. Etliche Male hatte er ihr in seinem Rausch die Kündigung schon angedroht; denn er ärgerte sich, daß die Vef alt geworden war und seinem Publikum nicht mehr recht gefallen wollte. So war's ihm denn recht, daß die Vef ihn verließ, und er kümmerte sich nicht weiter um ihr Schicksal. Sollte halt schauen, wie sie sich weiter durchbrachte, die alte Vettel!

Und sie brachte sich durch. Schlecht und recht. In Innsbruck, der Hauptstadt ihres Landes, hatte sie sich niedergelassen mit allen guten Vorsätzen. Wollte ehrliche Arbeit suchen, die Frau ... aber wer gibt einem kranken Weibe Verdienst? Und das Rackern und Schuften, wie sie es in ihrer Jugend gekannt hatte, das hatte sie auch gründlich verlernt. Wäre auch zu schwach gewesen dazu, um als Taglöhnerin zu dienen.

Etwas war ihr ja noch geblieben. Ihre Zither. Und mit dieser zog die Vef von Schenke zu Schenke und spielte auf. Sang Lieder dazu ... mit rauher, hohler Stimme, halbe Nächte lang, und verdiente sich auf diese Weise ihren Unterhalt.

Man warf ihr Geldstücke auf den Teller, wenn sie von Tisch zu Tisch absammeln ging, machte schlechte Witze und wurde oft auch dreist. Denn dieses Publikum bestand zumeist aus derben Männern. Taglöhner und Dienstmänner, die ihren Spaß haben wollten. Waren gutmütige Leute, die ihr auch etwas vergönnten und sie nicht schalten wie jene harten Menschen der Großstädte, weil sie alt und reizlos für sie geworden war.

Diese hier waren wohl derbe Männer, aber ohne Laster, und freigebig zahlten sie der Frau oft Wein und Schnaps oder Käse und Bier. Und die Vef nahm es, dankte, lächelte ihr fahles Lächeln und spielte und sang. Abend für Abend.

Bis ihr einmal der Wastl, ihr Gatte, wieder in den Weg kam.

Hatte ein recht unstetes Leben geführt, der Wastl, in all diesen Jahren. War daheim gewesen und hatte sich irgendwo als Knecht verdingt. Hielt aber nicht lange aus daheim. Mußte wieder trinken ... sein Elend zu vergessen suchen. Aber Trunkenbolde können die Bauern nicht gebrauchen.

Es fiel dem Wastl mit der Zeit schwer, einen neuen Dienst in der Heimat zu finden. So wanderte er von Ort zu Ort, arbeitete und versoff dann wieder das Geld, das er sich verdient hatte. Bis er nach Innsbruck kam. Dort wurde er Taglöhner und schuftete und rackerte sich wie in alten Zeiten und kam dann wieder ganze Tage hindurch nicht mehr aus seinem Rausch heraus.

Dann war er womöglich noch gutmütiger wie im nüchternen Zustand. Lud alle ein, die um ihn saßen, daß sie seine Gäste sein sollten, und kriegte zum Schluß immer das besoffene Elend. Heulte wie ein Kind und ließ sich dann ruhig von den Kameraden aus der Schenke führen. Und wenn das Geld zu Ende war, dann arbeitete er wieder. Das war das Leben, das der Wastl in diesen letzten Jahren geführt hatte.

Sie kannten ihn alle in den Innsbrucker Schankwirtschaften, in denen er verkehrte, und mochten ihn gut leiden.

Jemand hatte es erfahren und herumgesprochen. In einer Weinkneipe in der Altstadt spielte und sang allabendlich eine Frau, die einmal eine gefeierte Sängerin gewesen war. Und hieß Genovefa Hagspiel.

Das Gerücht kam dem Wastl zu Ohren und traf ihn wie ein Schlag.

Die Vef ... und hier ... und wieder in der Heimat.

Wie ein Kreisel wirbelte dieser Gedanke den ganzen Tag im Kopfe des Mannes.

Die Vef ... und wieder in der Heimat ... Er mußte sie sehen ... die Vef ... mußte hingehen, dort, wo sie war und spielen sollte ... Ob sie sich wohl recht verändert hatte ... die Vef ...

Endlos lange dauerte ihm heute der Tag, und er bekam völlig Herzklopfen, als es endlich Abend wurde.

Die Vef ... und wieder in der Heimat ...

Alles Leid hatte er vergessen ... vergessen, daß sie treulos war und zur Dirne herabgesunken ... dachte gar nicht daran ... dachte nur immer wieder das eine ... daß sie wieder hier war ... und in seiner Heimat weilte.

Und dann sah er sie.

Sie saß allein an einem kleinen Tische in einer Fensternische und spielte die Zither. In einem dunkeln Gewande war sie, ohne Schmuck und ohne Zier. Nur in den Ohren trug sie schwere Goldgehänge. Die wirkten auffallend und im seltsamen Kontrast zu der fast ärmlichen Kleidung der Frau und zogen an den kleinen Ohren, daß es aussah, als müßten sie ihr wehe tun.

Die Vef hatte sich von dieser allerletzten Erinnerung an eine glänzende Vergangenheit noch nicht trennen können. Der Wastl kannte diesen Schmuck sehr wohl. Er war selber dabei gewesen, als eine Fürstin, hingerissen von dem innigen Ton ihrer Stimme, eigenhändig der Vef die Ringe in den Ohren befestigte.

Sah recht elend aus, die Vef, und war mager und schmal geworden. Hatte die stolze, sieghafte Haltung völlig eingebüßt und zog ... wie im Schmerze ... die Schultern ein. Die blonde Haarkrone, die noch immer in üppiger Fülle prangte, drückte schwer auf das leidende Gesicht, und müde und mit leerem Blick schauten die hellen großen Augen.

Das war also die Vef ... seine Vef ... die er im hohen Zorn gezüchtigt hatte. Jetzt reute es ihn, da er sie so elend sah, und er schämte sich, daß er jemals die Hand gegen sie erhoben hatte.

Ob sie ihm wohl noch böse war, die Vef?

Ganz scheu verkroch sich der Wastl in eine Ecke des Lokales. Es war ein gemütlicher, nicht sehr großer Raum, und die Gäste wurden von einer einzigen Kellnerin bedient. Dick lag der Tabaksqualm über dem rauchgeschwärzten Getäfel der Stube, und matt leuchteten die Lampen, die von der Überdecke herabhingen. Große und kleinere runde Tische standen umher, und grellrote Vorhänge verdeckten die Fensterscheiben und wehrten den Ausblick auf die schmale Gasse.

Es gab guten Wein hier drinnen, echten Traminer und Kaltererseewein, und das Lokal war besser als jene Wirtschaften, in denen der Wastl für gewöhnlich zu verkehren pflegte.

Mit einem Kameraden war der Wastl hierhergekommen, und die Vef hatte ihn nicht bemerkt. Unverwandt starrte der Wastl zu der Fensternische hinüber, wo die Vef saß und spielte.

Und dann sang sie Lieder ... Lieder, die sie in der Heimat schon gesungen hatte. Dem Wastl war es, als seien die Jahre seit damals verschwunden ... als überbrückte die Gegenwart alles Böse der Vergangenheit.

Wie in einem Traum saß er da, trank nichts und sprach nichts und lauschte nur. Schloß die Augen und ließ die Stimme seiner Frau auf sich wirken.

Er hörte es wohl, daß der Schmelz dieser Stimme geschwunden war, und trotzdem übte sie auf ihn doch die gleiche Zauberkraft aus wie damals, als sie so seltsam berückend, süß und innig erklungen hatte. Und so sehr war der Wastl diesem Zauber verfallen, daß er es gar nicht bemerkte, wie die Vef mit ihrem Lied zu Ende war. Saß da und schloß die Augen und träumte im Wachen.

»Du ...« Sein Kamerad, der ihm zur Seite saß, stieß ihn unsanft mit dem Ellenbogen in die Rippen. »Zum schlafen hab' i di weiter nit mit da einer g'nommen. Geh' halt hoam, wann's dir nit g'fallt!« fügte er geärgert hinzu.

Er war ein älterer Mann, derb und ungeschlacht in seinem Äußeren und von gedrungener Gestalt. Der rötliche Bart stand ihm wirr im Gesicht, und buschige rotblonde Brauen verdeckten zum großen Teil die dunkeln Augen. Seit einiger Zeit arbeiteten sie gemeinsam in einer Zimmermannswerkstätte und wußten nur wenig voneinander. Vertrugen sich gut, waren aber keine Freunde.

Jedenfalls ahnte der Mann nicht, daß die Sängerin die Frau des Wastl war. Sie nannten sich beide nur bei den Vornamen und kannten gegenseitig nicht einmal ihre Familiennamen. Daß der Wastl, den der Mann in seiner Gutmütigkeit aufgefordert hatte, mit hierher zu kommen, jetzt gar zu schlafen anfing, das ärgerte ihn ganz gewaltig, und er schämte sich für ihn.

Der Wastl schrak bei den Worten des Mannes jäh zusammen. Und starrte hinüber zu der Fensternische, aber das Lied war verklungen, und die Vef war aufgestanden und schritt nun langsam, den Teller in ihren Händen haltend, von Tisch zu Tisch.

Sie mußte nun gleich in seiner Nähe sein. Schon war sie am Nebentische, und der Wastl hörte das Klingen der Münzen auf dem Teller und hörte, wie sie mit gedämpfter Stimme sich für die Gaben bedankte. Und sein Herz klopfte laut, und seine Schläfen hämmerten.

Jetzt ... jetzt mußte sie hinter ihm stehen ... er fühlte es förmlich, wie sie hinter ihm stand ... glaubte den Hauch ihres Atems zu spüren ... Ob sie ihn wohl erkannte ... ob sie sich noch vor ihm grauste ... wie damals ...

Und abermals weckte ihn sein Nachbar aus dem aufgeregten Gedankengang, indem er ihn unwillig anstieß.

»Du ... wird's bald? Ha? Freigebig bist ja grad' aa nit!« sagte er ärgerlich.

Da zog der Wastl, ohne auf die Vef zu schauen, schwerfällig und umständlich seine Geldbörse aus der Tasche und entnahm derselben ein großes Geldstück Das größte, das er finden konnte. Und er legte es auf den Teller der Vef, und seine Hand zitterte stark.

Klirrend rollte das Stück auf dem Teller umher, so daß es beinahe zu Boden gefallen wäre. Die Vef beugte sich nach vorn, um es zu fangen, und der Wastl starrte hilflos und erschrocken zu ihr empor. Da begegneten sich ihre Augen zum ersten Male wieder.

Ein Zittern und Beben ging durch den Körper der Frau und ein tiefes Erschrecken, und klirrend brach der Teller, den sie fallen ließ, in viele Scherben ...

Sie hatten kein Wort miteinander gewechselt, der Wastl und die Vef. Nicht an jenem Abend und nicht an den Abenden, die diesem einen folgten.

Der Wastl fehlte nun nie mehr in dieser Weinschenke. Kam und lauschte voll stiller Andacht der Stimme seiner Frau und blieb immer nüchtern. Und wenn sie Geld einsammelte, dann hatte er das größte Stück, das er besaß, für sie bereit. Und mit abgewendetem Gesichte stand die Vef da und dankte ihm mit keinem Wort und keinem Blick. Und war doch innerlich froh, daß der Wastl in ihrer Nähe weilte, fühlte sich geborgen und von seiner Treue behütet; denn sie wußte, der würde, wenn es zum letzten kam mit ihr, sie nicht verlassen.

Der Wastl aber konnte den Mut nicht finden, sich seiner Frau zu nähern. Er litt nur immer unter der einen Vorstellung, daß er die Frau einmal gezüchtigt hatte, roh und brutal, und schämte sich dessen.

Das dauerte Wochen hindurch, und die Vef spielte und sang unermüdlich und an jedem Abend.

Und einmal kam ein Fremder in die Schenke. Ein reisender Handwerker, der vom Ausland in die Stadt gekommen war. Der Wein mundete ihm vorzüglich, und er trank mehr, als ihm gut tat. Er hörte die Lieder der Vef und hörte das Spiel der Zither, und alles war ihm ungewohnt und gefiel ihm ausnehmend wohl. Und da er viel Geld bei sich hatte und sich einen recht vergnügten Abend machen wollte, warf er es der Vef achtlos und in reichlicher Menge zu und hieß sie im herrischen Ton weitersingen, als sie zur gewohnten Stunde Schluß machen wollte.

»Sing' ... Alte!« rief er aufgeregt und polternd. »Sing'! Ich will's!« Und abermals warf er ihr Geld zu ... brutal ... wie man einem Tier einen Brocken Fleisch zuwirft.

Das ärgerte die Frau, und sie schob das Geld, ohne es zu berühren, beiseite und packte ruhig und schweigend ihre Zither ein.

»Willst nicht ... was?« rief der Fremde dröhnend und schaukelte sich auf seinem Sessel herausfordernd hin und her. Er war ein Mann in mittleren Jahren, klein und schwammig, und sein kahler Kopf glühte brennrot vom ungewohnten Weingenuß. »Da ... noch mehr?« Und abermals flog ein Geldstück zur Vef hinüber, die es nicht beachtete.

»Hast wohl den Liebsten daheim? Wie?« gröhlte er zynisch.

Zornig schaute die Frau auf. Dann nahm sie schweigend ihren Hut und Mantel und wollte an dem Fremden vorüber der Türe zu gehen. Der Fremde stellte sich ihr mit seinem Stuhl in den Weg.

»Na ... wart' nur!« rief er polternd. »Erst will ich dich mal richtig besehen ...« Er streckte ihr unversehens die Beine entgegen, so daß die Vef zu stolpern kam und ihm, das Gleichgewicht verlierend, im Arme lag. Der Fremde wieherte laut und trunken.

»Ha! Ha! Ha! Ha! So eine biste! So leicht machst du's einem?« gröhlte er. »Na ... was kostet die Nacht, Schätzchen?«

Sie waren schon alle aufmerksam geworden auf die beiden, und eine lautlose Stille war entstanden, so daß man jedes Wort deutlich vernehmen konnte.

Und viele kicherten dann und stießen sich an, und wieder andere munterten den Fremden zu weiteren Dreistigkeiten auf.

Eine fahle Blässe, die man trotz der Schminke sehen konnte, überzog das Gesicht der Vef. Ihr alter Stolz erwachte. Beschimpfen, sich öffentlich zur Dirne stempeln lassen, das ließ sie sich denn doch nicht bieten. Und mit einem Anflug ihrer alten ehemaligen Energie hieb sie dem Fremden eine so kräftige Ohrfeige herunter, daß es laut schallte.

»Auslassen!« fauchte sie zornig gleich einer Wildkatze. »Auslassen!«

»Nee ... nee ... Schätzchen ...« Der Fremde hielt sie fest mit der Hand gepackt und wollte sie gewaltsam an sich pressen.

Unvermutet und mit einem jähen Satz war der Wastl der Vef beigesprungen und hielt den Fremden von rückwärts fest umklammert, so daß sich dieser nicht mehr rühren konnte.

»Heda! Sie!« Der Fremde wandte sich erstaunt dem Wastl zu und glotzte ihm zornig ins Gesicht. »Was fällt Ihnen ein, Mann? Wollen wohl gar mit mir kämpfen? Was? Wegen so einer ... Brrr!« Und er schüttelte sich wie im Ekel.

Dem Wastl stieg das Blut schwer und heiß zu Kopf vor Wut und unbändigem Zorn. »Was hast g'sagt?« keuchte er und beugte sich drohend zu dem Fremden vor, so daß diesem sein Atem glühheiß ins Gesicht schlug.

»Sie sind ja betrunken, Mensch!« wollte der Fremde jetzt den Wastl begütigen. »Machen Sie, daß Sie fortkommen! So 'ne Dirne ist das doch nicht wert, daß wir Streit miteinander anfangen.«

»Dös nimmst z'ruck ... du!« keuchte der Wastl und ballte beide Fäuste. »Dös nimmst z'ruck!«

»Nischt nehm' ich zurück!« schrie der Fremde jetzt gleichfalls zornig gemacht. »Könnt' mir einfallen Wegen so 'ner alten Vettel!« höhnte er verächtlich.

»Du!«

Wie ein Rasender hatte sich der Wastl über den Fremden geworfen und würgte ihn.

»Du ... z'rucknehmen ... du ...« keuchte er sinnlos vor Wut. »Die Vef ...«

»'ne Dirne ist's!« schrie der andere zornig. »Sieht ja 'n jeder!«

Da packte ihn der Wastl am Halse und preßte ihm die Kehle zusammen. Hatte Kräfte, der Mann, und ließ nicht los von seinem Opfer. Sie schrien und riefen um Hilfe und wollten ihn gewaltsam von dem Fremden trennen. Aber der Wastl war stärker in seiner rasenden Wut wie sie alle. Hatte sich auf die Brust des unter ihm Liegenden gekniet und würgte ihn.

Als sie endlich über den Wastl Herr geworden waren, lag der Fremde blaurot im Gesicht am Boden ... mit stieren Augen und war tot.

Und aufgebracht und schreiend lieferten sie den Wastl, der zum Mörder geworden war, der strafenden Gerechtigkeit aus.

Die Vef schlich unbeachtet, müde und gebrochen in das Dunkel der Nacht hinaus. Schlich wie eine Verbrecherin durch die nur spärlich erleuchteten Bogengänge der Altstadt, durchwanderte die kleinen Gassen und Gäßchen, bis sie auf Umwegen zu dem breiten Fluß kam.

Dort stand sie lange und starrte auf die schwarzen Wasser des Inns. Und dräuend baute sich am andern Ufer in dem Dunkel der Nacht die Bergwand der Nordkette auf.

Weshalb noch weiter leben? Wozu?

Wenn sie doch den Mut zum Ende fände? Schwer und dumpf schlugen die Glocken vom nahen Pfarrturm die frühe Morgenstunde.

Und langsam und ganz allmählich lichtete sich das schwere Wolkengebälk, das den Himmel verdeckte, und wurde grau. Grau und freudlos.

Und ein kalter Wind wehte die welken Blätter eines frühen Herbstes von den Bäumen herab, daß sie leise raschelnd zur Erde fielen.

Da wandte sich die Frau vom Flusse ab und ging langsam und müde in der Richtung gegen die Stadt zurück.

Den Mut zum Sterben hatte sie nicht gefunden.