Fünfzehntes Kapitel

In seinen besten Jahren hatte der Tod den Florian Siegwein dahingerafft. Ohne Krankheit und ohne Vorbereitung. Ein Schlaganfall war's, und sie hatten ihn tot in seinem Bette gefunden.

Die Regina erfuhr es erst nach Wochen, als er schon in dem fremden Erdreich schlummerte. Und das war ihr das Allerhärteste. Daß er so weit von der Heimat entfernt hatte sterben müssen und daß sie nicht einmal zu seinem Grabe konnte. Auch daß sie nicht hatte bei ihm sein dürfen und ihm vielleicht doch noch einen Liebesdienst hätte erweisen können.

Sie hatten immer gut miteinander gehaust, die Regina und ihr Florian. Und viel zu früh hatte der Tod dem Wirken dieses Mannes ein Ziel gesetzt.

In der Heimat wenigstens war er unersetzlich. Alles, was er hier ins Leben gerufen hatte, war unfertig und benötigte die starke Hand eines fähigen Mannes. In keiner Weise aber war die Regina dieser Sache gewachsen.

Eine kleine Kolonie von Häusern war da oben neben dem großen Alpengasthof erstanden, und alle gehörten sie dem Florian Siegwein. Er hatte, ganz nach dem Vorbild der großen Städte, ein Kaffeehaus errichtet, wo es feines Backwerk gab und ein eigener Zuckerbäcker während der Sommermonate seines Amtes waltete. Eine Kramerei mit großen Schaufenstern hatte er gleichfalls hier oben aufgetan, die alle Bedürfnisse der verwöhnten Großstädter decken sollte.

Und alles war aus Holz gebaut, im ländlichen Stil mit Schindeldächern und Altanen, von denen hochrote Nelken üppig herunterhingen. Nur der Block des neuen Hotels, das der Florian neben dem alten Bau des Kramer Veit hatte erstehen lassen, leuchtete grellweiß und störte in seiner Aufdringlichkeit die ganze Gegend.

Die Regina hatte sich nach dem Tod ihres Mannes ihre beiden jüngeren Brüder, den Seppl und den Hannes zur Stütze eingetan, und die taten redlich, was sie konnten, um der Schwester zu helfen. Wohl hatten sie beide schon zu Lebzeiten des Florian etliche Jahre unter diesem gearbeitet, aber es fehlte ihnen beiden an der nötigen Übersicht, das groß angelegte Unternehmen richtig zu leiten.

In der Hauptsache mußten sie sich auf fremde Leute verlassen, und diese geschickt auszuwählen oblag von nun ab der Regina. Sie, die seit Jahren nicht mehr aus dem Tal herausgekommen war, mußte, so schwer es ihr auch wurde, nun wieder in die Stadt fahren, um neues Personal anzuwerben. Und so geschickt und treffsicher der Florian stets seine Leute zu finden wußte, so ungeschickt machte es die Regina.

Wohl war sie stets von ihrer Schwester, der Zenz, begleitet, die noch immer wie ein guter Geist ihr zur Seite stand. Aber in der Stadt fühlte sich das einfache Bauernmädel so unbehaglich, daß sie bestrebt war, so schleunigst, als sie nur konnte, wieder nach Hause zu gelangen.

Und Menschenkennerin war die Zenz ebensowenig eine, wie es die Regina war. Die beiden Frauen trafen ihre Wahl in der Hauptsache nach den Empfehlungen schlauer, gewinnsüchtiger Dienstvermittlerinnen und zogen auf diese Weise Menschen in ihr Heimatstal, die besser nie dorthin gekommen wären.

Die Moral mancher dieser Leute war auf solchem Tiefstand, daß sie viel Unheil stifteten und der Kramer Veit mit Recht in immer größere Empörung geriet. Und völlig machtlos war dem allen gegenüber die Regina. Sie schwamm wie eine Ertrinkende in dem reißenden Strom des großen Unternehmens und hatte nur immer dagegen anzukämpfen, daß nicht doch noch alles zu guter Letzt in Brüche ging.

So gut sie es verstand, kämpfte sie dagegen, aber ihr Kampf war einseitig und unklug und bestand hauptsächlich darin, immer wieder die Preise für die Fremden zu erhöhen. Und dann zu knausern. Das Knausern betrieb die Regina so gründlich und so unvernünftig, daß ihren beiden Brüdern schließlich die Geduld riß und sie die geizige Frau im Stiche ließen.

Auf eigene Faust gründeten die beiden nun Unterkunftshäuser für die Fremden in einem der naheliegenden drei Hochtäler, heirateten und blieben zum Teil Bauern und zum Teil Gastwirte.

Der Kramer Veit und die Notburg hatten sich mit der Zeit gänzlich von der Regina zurückgezogen. Sie verstanden sich nicht mehr mit der Frau, die habgierig und dumm und doch wieder zu faul für rührige Arbeit war.

Auch der Anderl kam nur wenig mehr zu seiner Mutter hinauf und sie hegte auch kein Verlangen nach ihm. War nun schon ein gestandener junger Mann, der Anderl, und sah, auf den ersten Blick, dem Florl zum Sprechen ähnlich, so wie er in seiner Jugend gewesen war am Alpl droben.

Frisch und keck war der Anderl und geschmeidig von Gestalt. Und doch war es etwas ganz Eigenes um den Anderl. War ein sinnender junger Mensch, ein Träumer und Schwärmer, und hatte keine rechte Freude zur Bauerschaft und keine zum Handelsmann.

Das war das Leid des Kramer Veit und seiner Notburg. Sie wußten nicht recht, was sie mit dem Burschen machen sollten. Jetzt wäre er eigentlich in dem Alter gewesen, wo andere Burschen ans Heiraten denken. Aber der Anderl, blitzsauber wie er war, machte sich nichts aus den Mädeln. Er neckte sie wohl und scherzte mit ihnen, aber für keine einzige zeigte er ein tieferes Interesse. Und so schön wie es der Anderl gehabt hätte. Er brauchte nur zu wollen, und gleich hätte ihm der Kramer Veit die schmucke Villa übergeben.

Neben seiner Villa hatte Veit Galler schon seit etlichen Jahren einen großen Stall erbaut. Zehn Kühe standen darin, und viel Grund, Felder und Äcker ringsum hatte er erworben. Das wäre so sein Herzenswunsch gewesen. Ein richtiger Bauer sollte der Anderl werden, einer, wie es der alte Perlmoser war, der nichts Schöneres auf der Welt kannte als die Scholle, auf der er stand und arbeitete.

Der Anderl kannte freilich auch nichts Schöneres wie seine Heimat, aber er diente ihr anders, als es der Veit für ihn erwünschte. Er diente ihr mit seinem jungen, starken und sehnenden Herzen, ehrfurchtsvoll und erschaudernd vor ihrer Pracht und Größe.

Schon als er noch ein kleiner Bub war, gab es für ihn nichts Höheres, als barfüßig in Hemd und Hose draußen zu liegen im Feld, die Hände unterm Kopf und den Himmel anstarrend. Einsame Plätze suchte er aus, dort, wo selten der Fuß eines Fremden sich hinverirrte. Und lag und träumte viele ... viele Stunden. Aber die Liebe zur Bauerschaft, die fehlte ihm. Wohl arbeitete er fleißig und unablässig, aber der Veit merkte es gut, er arbeitete aus Pflichtgefühl und nur, um den Pflegeeltern Freude zu bereiten.

Der Martl, der älteste Sohn des Wastl und der Vef, hatte jetzt auch ein Heim gefunden beim Kramer Veit. Er diente dort als Knecht und war treu und fleißig.

Ein Heim für die Verlassenen und Unglücklichen war das Haus des Kramers und seiner Frau geworden. Als der Wastl sich immer mehr dem Trunke ergab und ein richtiger Lump geworden war und sich nur mehr selten in der Heimat blicken ließ und die Vef sich auch nicht mehr um ihre beiden Buben kümmerte, da brachte man die Kinder von der Stadt zurück und zum Kramer Veit.

»Veit ...« sagte der Gemeindevorsteher ... »du und dei' Weib ... ös zwoa vermögts es. Nehmt's enk an drum ... damit sie nit aa no verlottern.«

Und sie nahmen sich an um die beiden blonden Buben der Vef und waren nun in ihrem Alter mit Kindern reich gesegnet. Der Anderl und das Moidele, die das Kind der toten Mena war, und dann der Martl und seine beiden Brüder. Und alle hatten sie ein Heim und Liebe und Sorgfalt gefunden.

Daß es wirklich eine so echte christliche Nächstenliebe geben konnte, wie die alten Kramersleute sie aufbrachten?

Wenn der Anderl so stundenlang in seinen Wiesen lag und in den blauen Himmel hinein träumte, dann sinnierte er sich's aus in seinem Kopf und verglich.

Ringsum, wohin er schaute, Selbstsucht und Gier nach Geld. Gier nach Lust und Vergnügen, wie bei den fremden Leuten droben im Hause seiner Mutter. Und Sucht nach Geld und Gewinn, wie es die Bauern im Dörfl machten, die mit jedem Jahr immer schlauer und gerissener wurden. Und dann wieder hartnäckigster Eigensinn, aus übergroßer Selbstliebe entsprungen, der die Schuldlosen traf, wie drüben beim alten Perlmoser und seinem Sohn, dem Jackl. Denn die Perlmoserischen wollten nichts zu tun haben mit den arm gewordenen Verwandten und sagten sich los von den drei Buben der Vef. Und doch nur deswegen, weil der Bauernstolz des Alten zu tiefst getroffen worden war. Das konnte er nicht verzeihen, und das machte ihn hart und unchristlich.

Droben im Hotel tanzte und sang und spielte und liebte man und war voll Lebenslust und toller Freude. Und der Anderl, der zum Mann geworden war, dachte nach und verglich. Verglich aus seinem eigenen Leben; denn er kannte gar wohl die Geschichte der jungen Liebe seiner Eltern.

Damals, als seine junge Mutter mit ihm schwanger ging, als sie, ein halbes Kind, vor der Heimat und der drohenden Schande floh ... da waren sie alle hart gewesen zu dem Mädchen. Keines hätte sich ihrer angenommen, und hätten sie verderben lassen, wenn der Veit Galler nicht gewesen wäre.

Der hatte das wahre Christentum erkannt und ausgeübt. Er und die Notburg ... die schweigsame Frau mit dem tiefen Gemüte. Von ihr hatte der Knabe das Sinnieren gelernt, von ihr das Träumen und auch das gerechte Abwägen der Handlungen anderer Menschen.

Das ganze Tal hatte aus dem Unternehmen des Florian Siegwein Vorteil gezogen. Eine neue Zeit hatte er damit ins Leben gerufen, und nun, da er tot war, sprachen die Menschen übel von ihm.

Sie sprachen von seinem unverantwortlichen Leichtsinn und von seiner wilden Spekulationsgier und von den vielen Schulden, die er hinterlassen hatte, und auch davon, wie dumm und ungeschickt die Regina jetzt wirtschaftete. Und viele gab es unter ihnen, die da schadenfroh es sich an den Fingern abzählten, wie lange die Frau sich wohl noch würde halten können, ehe die Flut des Unheils über sie mit Macht hereinbrechen würde.

Sie alle waren Christen ... fromme, gläubige Christen. Wenn der Ruf der Glocken erscholl, dann eilten sie zur Kirche und falteten die Hände. Und ihre Lippen sprachen Gebete, von denen die Herzen nichts wußten. Sie beichteten und gingen zum Tische des Herrn. Und begingen doch wieder alle jene Sünden, die sie zu unterlassen gelobt hatten. Sie duldeten die lockeren Sitten der Fremden, schlossen die Augen und taten, als bemerkten sie es nicht. Denn sie erkannten den Vorteil, der ihnen durch die Fremden wurde, und waren nur darauf bedacht, ihn auch richtig auszunutzen.

Und der Anderl brütete und dachte nach. Dachte über die Ursachen, weshalb die Fremden den Charakter seines Volkes verdarben.

Der wahre Geist des Christentums fehlte ihnen allen. War nicht eingedrungen in ihre Herzen; denn sie beteten wohl, aber sie lebten nicht nach der Lehre des Herrn. Wohl wetterten und eiferten die Priester in den Kirchen gegen die Fremden. Sie eiferten aber gegen sie, weil es Andersgläubige waren ... Ketzer ... die einem fremden Glauben angehörten. In diesem Glauben sahen sie die Gefahr für das Volk, und die Gefahr lag anderswo und nicht in dem von der Geistlichkeit verurteilten ketzerischen Glauben. Die Gefahr erstand aus dem Innern des Volkes in seiner Gier nach Geld und in der Gier nach Genuß.

Christi Lehre! Wie wenige erkannten sie ... wie wenige verstanden sie.

Und der junge Anderl glaubte nun seinen wahren Beruf entdeckt zu haben. Ein Priester wollte er werden ... ein Priester des Herrn und ein wahrer Diener seines Volkes ...

Einmal sprach Veit Galler, der Kramer, davon, daß er mit dem Anderl das Grab des Florian Siegwein aufsuchen wollte, das so weit und verlassen in fernen Landen lag. Wie einen Sohn hatte Veit Galler den Florl geliebt ... trotz allem Groll, den er oftmals gegen ihn hegte. Und trauerte redlich und aufrichtig um ihn.

Es kam ihn hart an, das Reisen; denn der Kramer Veit war alt und gebrechlich geworden. Und die Notburg machte ängstliche, besorgte Augen. Der Veit aber wußte sie zu trösten.

Es war ja, wie man erzählte, nun nicht mehr so beschwerlich, das Reisen. An vielen Orten hatten sie eine neue Erfindung eingeführt. Wagen, die auf Eisenschienen rollten und von einer Maschine gezogen wurden. Da ging's schon leichter und auch rascher, das Reisen ...

Und als die schöne Jahreszeit kam, da wanderte der Kramer Veit mit seinem Pflegesohn hinunter ins Tal. Ging schon recht nach vorne gebeugt, der Veit, und nicht mehr so wuchtig und selbstherrlich wie einst. Und neben ihm der junge Anderl, schlank und biegsam und voll Jugendkraft. Und hatte im Rucksack drinnen eine sonderliche Gabe für den toten Vater. Einen großen Topf voll Heimaterde und ein junges Fichtenbäuml. Das sollte Wache halten auf dem Grabe des Tirolers ...

Auf dieser langen Fahrt, die sie gemeinsam unternommen hatten, gestand der Anderl dem Kramer Veit den heißen Wunsch seines Lebens.

Und Veit Galler neigte sein schneeweißes Haupt und redete lange kein Wort. Und dann: »Ist mir recht, Anderl. Und wird der Muatter Notburg aa recht sein. Ist was Gutes und Braves. Aber Anderl ...« voll schauten die großen erkennenden Augen des Alten auf den jungen Mann ... »die Menschen machst aa du nit anders. Kannst mir's glauben. Die bleiben, wie sie sein. Aber lass' di's deswegen nit verdrießen, Bua. Gutes tun kann man überall ... und aa als Bauer und als Geistlicher. Ist mir recht ... Bua ... Ganz recht.«

Aber lieber wäre es dem alten Kramer doch gewesen, wenn der Anderl geheiratet hätte und ein Bauer geblieben wäre. Aber er sagte kein Wort davon. — — —

Und nun hausten sie daheim schon übers Jahr ohne den Anderl, und die Notburg freute sich, daß ihr die Augen feucht wurden, wenn sie daran dachte, daß ihr Anderl ... ihr Kind ... das sie aufgezogen hatte und das so ganz nach ihrem Sinn geworden war ... die heiligen Weihen empfangen sollte.

Die Regina nahm die Nachricht von der Berufswahl ihres Sohnes ziemlich gleichgültig entgegen. Es interessierte sie nur wenig. Sie war mürbe geworden in dem harten Kampf um ihre und ihrer Tochter Existenz. — — —

Und Jahre vergingen. In jenem Sommer, da man den Anderl zum Priester weihte, trieben die Gläubiger die Regina und ihre Tochter von Haus und Hof.

Ein wahres Glück, daß der Veit Galler noch lebte und die Notburg. Denn die Regina war bettelarm geworden.